Das Gendern ist in den Fernsehnachrichten angekommen. ZDF-Anchorwoman Petra Gerster hat es in die heute-Sendung um 19 Uhr eingeführt. Wenn sie gendert, macht sie es eher elegant als provokant. Mal ein Sternchen hier, ein Partizip da. Dann wieder eine Beidnennung oder ein Relativsatz: Die heute-Nachrichtenmoderatorin nutzt das ganze Repertoire gendergerechten Schreibens, und damit genau das, was wir in den Schreibtipps von Genderleicht empfehlen. Die Sprache der Fernsehnachrichten ist anspruchsvoll, sie muss kurz und präzise sein. Dabei die Vielfalt der Geschlechter deutlich machen zu wollen, ist eine sprachliche Herausforderung.

Frauen in den Nachrichten sichtbar machen

Das hat sich die Journalistin und Moderatorin schon vor 22 Jahren vorgenommen, als sie vom Frauenmagazin Mona Lisa zur Hauptnachrichtensendung heute wechselte. Für ihr Lebenswerk hat der Journalistinnenbund sie im September mit der Hedwig-Dohm-Urkunde ausgezeichnet. Friederike Sittler, die Vorsitzende des jb, würdigte ihre journalistische Arbeit so: „Früher als andere hat sie Frauen sprachlich sichtbar gemacht, gendert in ihren Moderationen klug und elegant. Petra Gerster ist mutig und beharrlich und damit für uns Frauen in den Medien ein Vorbild“.

„Ginge es nach Annegret Kramp-Karrenbauer lässt sich die CDU mit der Suche nach einem Kanzlerkandidaten oder einer -kandidatin Zeit. Er oder sie würde erst auf einem Parteitag im Dezember gekürt …“
Anmoderation eines Nachrichten-Beitrags durch Petra Gerster, ZDF-heute am 11.2.2020

 

Frau Gerster, uns ist Ihr perfektes Gendern aufgefallen,

… als es am 11. Februar diesen Jahres in der heute-Sendung um die Nachfolge im CDU-Parteivorsitz ging. Ihr Text hat klar gemacht – auf Annegret Kramp-Karrenbauer kann ein Mann oder eine Frau folgen. An dieser Moderation zu feilen muss Ihnen Spaß gemacht haben.

Ja, natürlich, seit Mona-Lisa-Zeiten bin ich ja sensibilisiert, was die Gleichberechtigung der Frauen in Politik und Gesellschaft angeht. Gerade weil in diesem Fall drei Herren ihren Hut in den Ring geworfen hatten, brachte ich trotzdem eine potentielle Kandidatin ins Spiel. Theoretisch bestand ja die Möglichkeit, dass sich noch eine Frau meldet; ist aber leider nicht passiert.

Das hatte ja schon den Charakter einer Aufforderung: Los, CDU-Frauen, macht mal.

Es ist ja leider so, dass wir Frauen uns nicht kontinuierlich die Räume erschließen, es gibt immer wieder Rückfälle. So sitzen heute z.B. weniger Frauen im Bundestag als vor 20 Jahren. Die beiden Frauen an der Spitze in Berlin und Brüssel gleichen das ja nicht aus. Da denken zwar alle, 16 Jahre Angela Merkel als Bundeskanzlerin, das ist doch prima, was wollen die Frauen denn noch. Aber in der Breite ist der Kampf noch lange nicht gewonnen.

Ich möchte mit Ihnen übers sprachliche Gendern in Nachrichtensendungen fachsimpeln.

Claus Kleber, Ihr Kollege im heute-Journal, scheint manchmal Spaß daran zu haben, das Gendersternchen mit dieser Lücke zu sprechen. Bei ihnen habe ich das noch nie erlebt, was hält Sie davon ab?

Dann haben Sie meine zwei letzten Moderationswochen nicht erlebt. Da habe ich das Gendersternchen in die 19-Uhr-Nachrichten eingeführt. Und siehe da, es tat gar nicht weh. Claus Kleber hat ja mal für ein Interview mit Maria Furtwängler die Saure Gurke bekommen. Insofern freut und amüsiert es mich, dass ausgerechnet er nun der erste war, der das Gendersternchen ins heute journal brachte. Damit hat er einen starken Akzent gesetzt.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Wäre ich vorher darum gebeten worden, von nun an jeden personenbezogenen Plural zu gendern, hätte ich mich gesperrt. Weil das in den Nachrichten nicht funktionieren könne, wie ich dachte. Mitten im Wort eine Pause zu machen – und sei sie auch noch so klein -, wäre künstlich und störte den normalen Redefluss. Bei Claus und ein paar anderen verlor das Sternchen dann plötzlich auch für mich seinen Schrecken. Doch als ich selbst in einer heute-Sendung gleich dreimal auf diese Weise genderte, wurde das nicht nur intern als „übertrieben“ gewertet. Von den Zuschauern (ob von Frauen oder Männern weiß ich nicht) kamen jedenfalls beim ersten Mal 60, am nächsten Tag noch ca. 50 Beschwerden, schriftlich und telefonisch. Tenor: eine Zumutung. Lob war keines dabei. Aber so ist das ja immer: Alles was neu und ungewohnt ist, wird erst mal abgelehnt. Und ein bisschen ging es mir ja anfangs auch so.

Das generische Maskulinum ist in der kurzen Nachrichtensprache doch eigentlich unverzichtbar?

Wenn sich Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen mit der Kanzlerin treffen, fragen sich Viele, warum noch die weibliche Form nennen, wenn sie doch im Wort Ministerpräsidenten enthalten ist. Das generische Maskulinum steht schließlich für die Gattung und nicht nur den männlichen Teil davon. Außerdem ist Sprache ja natürlich gewachsen. Wenn man sie durch einen Eingriff „von oben“ ändert, fühlen sich die Meisten erst mal bevormundet. Wir Fernseh-Nachrichtenleute müssen besonders sensibel mit Sprache umgehen, weil wir genau und gleichzeitig verständlich sein müssen. Wer sich aber über ein gesprochenes Gendersternchen aufregt, kann schon nicht mehr richtig zuhören. Deshalb müssen wir sachte und kreativ vorgehen, wenn wir Frauen mehr Raum geben wollen. Und uns einfach mehr Gedanken machen, wie wir etwas besser ausdrücken können.

Das generische Maskulinum hat mich – und vermutlich viele Frauen meiner Generation – lange nicht gestört. Ich fühlte mich tatsächlich mitgemeint, immer. Aber bei jüngeren Frauen ist das anders, sie fordern ganz selbstverständlich, auch sprachlich sichtbar zu werden. Sicher eine Reaktion darauf, dass sich lange Zeit zu wenig für Frauen getan hat. Gendern ist dafür vielleicht ein notwendiger Schub, als Ausdruck für ein Lebensgefühl.

Ich habe kürzlich interessante Formulierungen bei Ihnen herausgehört: „Regierende“ (am 12.10.), „… ein Gewinner, besser gesagt: Gewinnerin“ (am 12.10.), „Länderchefinnen und –Chefs“ (am 13.10.). Damit zeigen Sie: geschlechtergerecht für Nachrichten zu texten – das geht doch.

Mit diesen anderen Formen wird es vielleicht auch für die Zuhörenden deutlich, dass es mehr Möglichkeiten gibt, Frauen in der Sprache zur Geltung zu bringen. Damit zu arbeiten ist aus Denkfaulheit bis jetzt weitgehend unterblieben. Man geht halt mit der Sprache um, wie man es gewöhnt ist und wie man sie von anderen hört. Seit dem Preis vom Journalistinnenbund habe ich mich, ehrlicherweise gesagt, nun auch viel intensiver mit geschlechtergerechter Sprache auseinandergesetzt.

Immer beide Geschlechter zu nennen ist bei den Nachrichten schwierig, weil es auf die Sekunden ankommt. Und das kann auf Dauer auch ermüdend sein. Zur Abwechslung kann ich ja auch in der Aufzählung variieren. Wenn es zum Beispiel bei Verdi gerade um den Kampf für eine Gehaltserhöhung geht, kann ich von Erziehern und Ärztinnen sprechen.

Was ist beim Gendern wichtiger: Mut, Präzision oder Kreativität?

Neulich berichteten wir über eine Protestdemonstration von Klimaleugnern, Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern. Da habe ich für mich versuchsweise mal mit Sternchen gegendert. Aber dann klingt es – wenn man diese Lücke nicht sehr betont –, als hätten wir es ausschließlich mit Frauen zu tun. Oder denken Sie an das Thema Missbrauch und Kinderpornografie. Wollen wir allen Ernstes da von Täter*innen hören? Mir hat das gezeigt, beim geschlechtergerechten Texten müssen wir immer wieder neu überlegen und nach den genauestmöglichen Varianten suchen.

Ihr Genderleicht-Faltblatt mit den Sprachtipps finde ich übrigens sehr hilfreich und überzeugend. Auch den Hinweis, „nutzen Sie Relativsätze“ finde ich gut. In der Nachrichtensprache haben wir immer diese tausend Substantive. Ich arbeite lieber mit Verben, das entspricht der gesprochenen Sprache. Überhaupt mit der Sprache zu spielen, das empfehlen Sie ja auch, das kann ich nur unterstützen. Also ja: Auf alle drei kommt es an: Mut, Präzision und Kreativität.

Können Sie uns einen Blick hinter die Kulissen der heute-Sendung geben? Gibt es Diskussionen und Absprachen zu geschlechtergerechter Sprache?

Wir diskutieren viel darüber im ZDF. Es gab sogar eine große Runde mit dem Chefredakteur. Fazit: Uns wird keine Linie vorgegeben. Ich habe mich gerade mit einem Kollegen bei der Süddeutschen Zeitung ausgetauscht, da ist es genauso: Gendern wird jedem Journalisten, jeder Journalistin freigestellt, und das finde ich sehr gut.

Auch in der heute-Redaktion diskutieren wir oft, seit Moderator*innen öfter mal neue Formen ausprobieren. Ich denke, wir befinden uns gerade in einer gesellschaftlichen Umbruchsituation. Der versuche ich gerecht zu werden, in dem ich Vorschläge von Feministinnen aufgreife und auch inzwischen schon mal das Sternchen ausprobiere. Aber oft wird es mir dann auch wieder herausredigiert und durch die männliche und die weibliche Form ersetzt. Das ist mir dann auch recht, so viel Zeit muss dann eben sein.

Bei der Verleihung des Hedwig-Dohm-Preises haben Sie in Ihrer Rede selbst die Frage gestellt: Kann ich in den Nachrichten für die Sache der Frauen eintreten?

Mona Lisa habe ich zehn Jahre lang mit Leidenschaft moderiert, auch weil ich mich immer als Feministin gesehen habe, von frühester Jugend an. Als ich vor 22 Jahren dann zur heute wechselte, gab es dort nur etwa zehn Prozent Frauen und eine komplett männliche Hierarchie in der Aktualität. Kann ich auch unter diesen Umständen etwas für Frauen tun oder geht das unter in der allgemeinen „großen“ Politik, habe ich mich damals gefragt. Und bald gesehen: ja, das geht unbedingt, sprachlich wie auch thematisch, in dem man frauenrelevante Themen immer wieder in die Diskussion einbringt. Und je mehr Frauen im Laufe der beiden Jahrzehnte hinzukamen – inzwischen sind wir bei 50 Prozent Redakteurinnen – , desto leichter wurde es, sich mit Nachrichtenthemen durchzusetzen, die gerade für Frauen oder auch Familien wichtig sind.

Früher zählten nur die harte Politik und die Wirtschaft, Themen wie Kindesmissbrauch oder Gewalt in der Familie wurden in den Nachrichten lange ignoriert. Zu Mona Lisa-Zeiten waren das noch reine „Frauenthemen“, das ist zum Glück jetzt anders. Jetzt sind dies gesamtgesellschaftliche Themen geworden und damit ins politische Bewusstsein gerückt. Der Blick der Frauen auf die Welt wird ernstgenommen. Nur auf der Führungsebene fehlen sie noch in angemessener Zahl, aber das wird auch anders werden.

Frau Gerster, ich danke für das Gespräch!

 

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Aufzeichnung der jb-Preisverleihung: Hedwig-Dohm-Urkunde für das Lebenswerk von Petra Gerster ab 02:13:37
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Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin ganz selbstverständlich mit dem Gender-Gap sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine gute und elegante Lösung findet sich immer.

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