Text

Bei Gendersternchen, Gender_Gap und Binnen-I sind Medien für ein jüngeres Publikum oft experimentierfreudig. Tages- und Wochenzeitungen dagegen lehnen die Wortzusätze mit Blick auf die deutsche Grammatik meistens ab.

Es ist erst der Anfang.

Mainstreammedien fürchten, dass sich Leserinnen und Leser an alternativen Schreibweisen stören, auch aus ästhetischen Gründen. Im Dialog mit dem Publikum zeigt sich der Protest manchmal laut und heftig. Etwas leiser ist der wohlwollende Zuspruch, aber es gibt ihn und er tut gut.

Weckruf Gendergerechtigkeit

Eines lässt sich nicht mehr wegdiskutieren: Das Engagement von Journalistinnenbund, ProQuote Medien, Pinkstinks, MaLisa Stiftung und vielen, vielen anderen zeigt Wirkung: in der Medienarbeit ist Gendergerechtigkeit unverzichtbar geworden.

Ich habe zum Beispiel das neue Buch von Sophie Passmann gelesen, die benutzt dieses Gendersternchen. Und ganz ehrlich? Nach drei Seiten fällt dir das nicht mehr auf.

Moritz Neumeier

Stand-Up-Comedian

Zeitung

Im Fliesstext mit neutralen Formulierungen, Umschreibungen und Relativsätzen zu arbeiten, ist für alle einfach, die sowieso tagtäglich schreiben. Auf diese Weise schreiben Sie geschlechterneutral. Sie hätten gern konkrete Wortideen? Schauen Sie in unseren Blogartikel „Neutral texten geht auch“.
Bei den Printmedien wird es vor allem bei den Überschriften schwierig. Für Beidnennungen, die beim Sprechen so flott daher gehen, ist einfach kein Platz. Hier sind Ihre Sprachkünste gefragt.

Tipp

Beschreiben Sie Tätigkeiten und nicht Personen. Zugegeben, das erfordert ein Umdenken. Im Journalismus sollen wir möglichst aktiv und nah an den Handelnden formulieren. Aber bevor Sie bei jeder Person überlegen – müsste ich hier ein Gendersternchen setzen? – fragen Sie lieber, brauche ich die Personenbezeichnung überhaupt?

Tipp

An das Wort „Studierende“ als Alternative zu „Studenten“ oder „Student*innen“ haben sich die meisten inzwischen gewöhnt. Einige der neuen Wortschöpfungen, wie Fotografierende,  Geburtshelfende und ähnliche, liegen aber vielen quer im Kopf. Vielleicht gewöhnen wir uns daran, vielleicht findet sich eine bessere Lösung? Ein gewisser Respekt vor der Schönheit der deutschen Sprache ist in jedem Fall zu empfehlen.

Internet

Online ist viel Platz. Hier können Sie es halten, wie Sie wollen. Sogar ellenlange Überschriften, wie es gelegentlich Bento macht, sind möglich. In Online-Portalen und Blogs sind auch oft Gendersternchen oder der Gender-Gap zu finden. Passend zur Zielgruppe wird dann konsequent gegendert. Das Internet ist aber auch ein Spielplatz, um sprachlich zu experimentieren. Sprache lebt und entwickelt sich weiter mit den Menschen, die sie benutzen.

Broschüren

Auch Flyer, Faltblätter und Infomaterialien aller Art enthalten Text, der mit den Ideen für eine geschlechtergerechte Sprache nur besser werden kann. Haben Sie beim Schreiben die Zielgruppe klar vor Augen, finden Sie auch die passenden Formulierungen.

Zur Erinnerung: Die große Gendersprachdebatte 2018 wurde durch das Formular einer Sparkasse ausgelöst. Marlies Krämer fühlte sich als „Kunde“ nicht angesprochen und hat den Klageweg vor die höchsten deutschen Gerichte beschritten.

Tipp

Versuchen Sie es mit direkter Ansprache. Siezen oder duzen Sie die Menschen, die Sie erreichen wollen und beschreiben Sie die Tätigkeit.
„Guten Tag, Marlies Krämer, bitte machen Sie Ihre Angaben in den Zeilen für Name, Adresse und Telefonnummer.“

… und bei den Büchern?

In der Belletristik spielt Gendern selten eine Rolle, weil hier nah an den handelnden Personen erzählt wird. Beim Sachbuch kommt schon eher die Frage der geschlechtergerechten Sprache auf. Viele Verlage überlassen die Textgestaltung der Autorin oder dem Autor, so eine Umfrage im Berliner Tagespiegel. Einige setzten bereits das Gendersternchen.

 

Andere Sprachen, andere Regeln.

Fürs Französische gibt es Streit ums Gendern, im Türkischen kein grammatikalisches Geschlecht. Die Frankurter Allgemeine hat zu den Genderdebatten in anderen Ländern einen Überblick erstellt. Übersetzerinnen und Übersetzer, die den deutschen Text geschlechtergerecht schreiben wollen, stehen vor einer ganz schönen Herausforderung.

Gendern oder nicht? In der Literatur entscheide ich das nach der vermuteten oder offenkundigen Intention meiner Autoren und Autorinnen. Und da sehe ich bei meinen englischen Ausgangstexten im Sachbuch durchaus, dass zum Beispiel bei „doctor“ von „he or she“ die Rede ist. Vielleicht kommt in einigen Jahren auch eine dritte, neutrale Form hinzu. Mitunter hangele ich mich beim Übersetzen mühsam von einer schwierigen Stelle zur nächsten, zwischen meinem persönlichen Anspruch auf das Zeigen beider Geschlechter (inzwischen auch noch des dritten) und dem Lesefluss.

Imke Brodersen

übersetzt aus dem Englischen und Spanischen ins Deutsche

Gendern im Journalismus? Klar geht das!

„Die Überschriften werden länger.“
Gunda M., Textchefin einer Tageszeitung

Das stimmt, wenn Sie mit Doppelnennungen arbeiten. Lassen Sie die Person weg und denken Sie sich eine knackigere Überschrift aus.

„Gendersternchen mögen unsere Leser nicht.“
Kevin P., Abteilungsleiter Nachrichten

Geschlechtergerecht schreiben geht auch ohne Wortzusätze. Schreiben Sie über Männer und Frauen und über alle Geschlechter, wo es notwendig und richtig ist. Das Gendersternchen sollte zum Medium und zur Zielgruppe passen.

„In unserer Redaktion ist das generische Maskulinum Pflicht. Ich muss so schreiben.“
Petra K., Redakteurin im Wirtschaftsresort

Wie wäre es, wenn Sie die angeblich geschlechtsneutrale Personenbetitelung vermeiden? Schreiben Sie ihre Texte so, dass Sie Tätigkeiten beschreiben. Arbeiten Sie mit Relativsätzen. Nutzen Sie Ihre Lust am Formulieren.

Tipps für gendergerechtes Schreiben:

Sehen Sie das auch so? 

„Das ist grammatikalisch falsch.“

Wir sagen: Wer geschlechtergerechte Sprache kritisieren will, denkt sich meist absurde Beispiele aus. Das ist nicht Sinn der Sache. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die mit den aktuellen Sprachregelungen konform sind. Verwenden Sie doch erstmal diese.