Bilderkritik: Text-Bild-Schere
Wenn der Text nicht zum Bild passt, ist das eine sogenannte Text-Bild-Schere. Ein im Journalismus gefürchteter handwerklicher Fehler, denn die beabsichtigte Vermittlung der Information funktioniert nicht. Die Bildaussage strebt inhaltlich in eine andere Richtung als die Überschrift, die Bildunterschrift und der Bericht.
Die Text-Bild-Schere entsteht meist, wenn arbeitsteilig gearbeitet wird. Während der Entstehung eines Beitrags sucht eine Person schon mal nach einem Bild mit einem allgemeinen Schlagwort zum Thema, während die andere noch den Text schreibt. Wenn dann aus Zeitmangel die Kontrolle entfällt, ob das eine zum anderen passt, ist der Fehler da. Manchmal ist allerdings bei den Beteiligten eine stereotype Bildvorstellung so stark, dass die gefundene Bildauswahl erst gar nicht in Frage gestellt wird.
Nachträgliche Korrekturen sind bei Onlineveröffentlichungen möglich. Dann wird das kritisierte Bild ausgetauscht oder eine Überschrift geändert.
So bitte nicht
Wo sind die „Jüngeren“ auf diesem Bild? Sie sind nicht zu sehen. Nur ein altes Pärchen beim Herbstspaziergang. Die zwei Alten müssen für den Bericht der ZEIT als Symbol für das „Rentenpaket“ herhalten.
Das eingesetzte Foto greift die herkömmliche Bildsymbolik für Rente auf: Alte Leute im Park. Nur sitzen die beiden nicht auf der Parkbank, wie sonst bei diesem Thema.
Das passende Bild für die Überschrift wäre: jüngere und ältere Leute zusammen zu zeigen, bei einer generationenübergreifenden Tätigkeit, zum Beispiel bei einer Familienfeier. Da die Überschrift eine positive Aussage enthält, wäre es gut, wenn die Abgebildeten gute Laune ausstrahlen würden.
Das kleine Mädchen lehnt sich tröstend an die Schulter seiner Mutter. Warum ist die Frau so traurig? Und die Tochter laut Bildunterschrift auch. Die Nachricht ist doch eine gute: Es gibt mehr Geld für die Frauenhäuser in Brandenburg!
Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde mit dem Schlagwort Frauenhaus im Bestand einer Bilddatenbank nach einem Foto gesucht. Vor der Veröffentlichung des Artikels fehlte jedoch die finale Kontrolle: Passt das Bild überhaupt zur Aussage von Überschrift und Inhalt des Textes?
Die Presseabteilung des Sozialministeriums hat nach wenigen Tagen das Foto gegen ein besseres aus dem Creative Commons Fotopool gegen Gewalt an Frauen ausgetauscht. Auf dem Foto von Carina Löschau hält eine junge Frau im Ambiente eines Frauenhauses ein kleines Kind im Arm. Sie sieht erleichtert aus.
Die Frau sitzt ganz entspannt auf ihrem Bürostuhl, genau wie die Männer rechts und links von ihr. Das gewählte Bild unterstützt nur mühsam die Aussage der Überschrift.
Die Bildunterschrift hilft auch nicht weiter. Da ist sogar von fünf Frauen die Rede, die einen DAX-Vorstand verlassen. Auf dem Foto sind nur die Beine einer einzigen Frau zu sehen. Und die läuft nicht weg.
Für den Bericht der Süddeutschen Zeitung wurde mal wieder zum Bildmotiv der Pumps-Beine gegriffen. In der Hoffnung, dass es als Symbol für das Thema Frauen im Vorstand funktioniert.
Die Botschaft des Bildes ist klar: Diese Schwangere liebt und beschützt das werdende Leben in ihrem Bauch. Doch der Überschrift nach geht es um das Thema Abtreibung.
Die Text-Bild-Schere besteht hier in der Tatsache, dass die Schwangerschaft weit fortgeschritten ist. Für eine Abtreibung ist es zu spät: Die 12-Wochen-Frist nach § 218 Strafgesetzbuch ist deutlich überschritten.
Die Text-Bild-Schere wird von der Redaktion des katholischen Magazins Kirche + Leben mit Absicht gesetzt. Der dicke Schwangerschaftsbauch mit dem Hand-Herz emotionalisiert viel mehr, als wenn der Bauch flach wäre. Solange eine Abtreibung noch möglich ist, ist von außen nichts zu sehen.
Einen Artikel zum Thema Steuern-sparen zu bebildern ist schwierig. Vielleicht ist die Idee, einen Automechaniker zu zeigen, sogar ganz gut. Also eine Person, mit der sich alle Steuerzahler*innen identifizieren können.
Warum wurde dieses Stockfoto dafür genommen? Die jungen Leute rechts und links tun nur so, als würden sie am Auto schrauben. Es sind Models, die in Arbeitskleidung gesteckt wurden. Leicht zu erkennen am falschen Werkzeug, den sauberen Handschuhen und Latzhosen.
Der Blick wird außerdem auf die junge blonde Frau gelenkt. Sie hat ein Hemdchen mit Spaghettiträgern an, nackte Oberarme und offene Haare. Echt jetzt? Keine Automechanikerin würde jemals so in die Werkstatt gehen.
Was hat das alles mit der Überschrift zu tun? Nichts. Das sexy Bild soll einfach nur Aufmerksamkeit für ein ödes Thema erzeugen.
Fotoprojekt Alte Frauen
So aktiv sind sie wirklich: Mitten im Leben
Abtreibung
Wieso selbst die Bebilderung politisch ist
Augen auf bei der Bildauswahl:
Warum wird etwas abgebildet? Schließlich ist zu hinterfragen, ob das gewählte Motiv im Kontext angemessen ist und es eine inhaltliche Verbindung zum Thema gibt.
Mehr praktische Bildertipps → Checklisten
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Stereotypen und Klischees beim Bebildern vermeiden? Wir haben zahlreiche Leitfäden und Checklisten für Sie zusammengetragen.
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