Textlabor #9

Divers als Hauptwort

Manche Anfragen sind kurz und knapp:

Heißt es „die Diverse“, „der Diverse“ oder „das Diverse“?

  

Der Duden überrascht uns. Er sagt: „die Diverse“ ist richtig. Es sei ein Pluralwort, und inhaltlich sei damit gemeint: Vermischtes und Allerlei. An anderer Stelle zitiert der Duden den Satz „Er hatte Diverses zu beanstanden“. Im Singular ist also auch „das Diverse“ richtig.

Wollen Sie das Substantiv bzw. Hauptwort „Diverse“ auf eine Person anwenden, für die das Adjektiv divers zutrifft, und sie wollen deshalb „die Diverse“ oder „der Diverse“ sagen, so ist das inhaltlich eine Verdrehung. Bitte formulieren Sie nicht so.

Es ist vor allem sachlich falsch. Das Adjektiv „divers“ bezeichnet Menschen, die aufgrund ihrer Intergeschlechtlichkeit weder männlich noch weiblich sind. Und es gibt Leute, die sich aus persönlichen oder politischen Gründen nicht als weiblich oder männlich bezeichnen, z.B. weil sie nicht-binär sind. Logisch zu Ende gedacht lässt sich das Substantiv Divers also nicht mit einem männlichen oder weiblichen Artikel kombinieren. Nicht-binäre Menschen wünschen häufig keine Verwendung eines Pronomens.

Zum besseren Verständnis: Das Bundesverfassungsgericht hatte mit seiner Entscheidung vom Oktober 2017 dem Gesetzgeber die Aufgabe erteilt, im Personenstandsgesetz einen Geschlechtseintrag neben männlich und weiblich zu ermöglichen. Der fand dafür das Wort „divers“. Es ist jedoch nur eine Notlösung für den rechtlichen Zusammenhang, denn es gibt eine große Vielzahl von Selbstbezeichnungen wie zum Beispiel „genderqueer“. Da ist „divers“ nur der kleinste gemeinsame Nenner.

Sie könnten durchaus mit dem Adjektiv schreiben, aber wenn, dann passend zur rechtlichen Verwendung des Wortes, z.B. so: „Personen, die den Geschlechtseintrag divers wünschen.“

Literarisch gesehen wäre das Spiel mit dem Hauptwort möglich, allerdings eher im bisherigen Zusammenhang, wie in dem poetisch gemeinten Satz: „Sie war immer die Diverse, die, die alles so anders sah.“

Vielen Dank für diese Frage, die uns diverse sprachliche Erkenntnisse gebracht hat.
Ihr Team Genderleicht

Linktipp
Entscheidung des Bundesverfassungsgericht vom 10. Oktober 2017

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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