Bilderkritik: Frauen im Beruf

Ein gezeichneter Monitor in Rot ist ein Symbolbild für das Internet. Hier wird oft mit Gendersternchen und Gender-Gap geschrieben.

„Zeigen Sie Frauen auch in typischen Männerberufen und umgekehrt“: Schon 2008 empfahl die IG-Metall gewohnte Rollenklischees bei der Bildauswahl aufzubrechen, als Ermutigung und zum Abbau von Vorurteilen. Mittlerweile gibt es Tischlerinnen, Busfahrerinnen und Mechatronikerinnen, aber auch Erzieher und männliche Hebammen. Beim Betrachten der Statistik ist jedoch festzustellen, sie sind die Ausnahme. Dienstleistung, Krankenpflege und Erziehung sind noch immer überwiegend Frauensache. In Handwerk und Industrie ist der Männeranteil nach wie vor sehr hoch.

Initiativen wie der Girls’Day und der Boys’Day bemühen sich seit Jahren, bei Jugendlichen Interesse für eine klischeefreie Berufswahl zu wecken. Egal ob Mädchen oder Jungen, alle sollen einen Beruf ergreifen, der ihren Neigungen entspricht. Geschlechtsunypische Rolemodels bieten Möglichkeiten zur Identifikation. Ihre Bilder erweitern den Blick, wie wir als Gesellschaft auf Frauen und Männer schauen und sind somit wichtige Impulse auf dem Weg zur Gleichstellung.

 

So bitte nicht

Alles Fake: Stockfoto

Screenshot Autowerkstatt. Ein Automechaniker mit zwei Fotomodels, männlich und weiblich

Screenshot Bild, 4.7.2023, ©Getty Images

Ein klassisches Stockfoto, auf Vorrat fotografiert und in der Bilddatenbank bereit gestellt. Mit Frauen im Handwerk hat dieses Bild rein gar nichts zu tun. Die blonde junge Frau im weißen Spaghettiträger-Top ist bewußt sexy inszeniert. Die blonden Haare trägt sie offen, ihr Mund steht auch offen. Sie zieht die Blicke auf sich, zumal der Mann in der Bildmitte in ihre Richtung zeigt.

Das ist keine realistische Arbeitssituation. Die beiden jungen Leute sind Models, zu erkennen an der sauberen Arbeitskleidung und den falschen Werkzeugen.

Keine KFZ-Mechanikerin würde so gekleidet in einer Autowerkstatt arbeiten. Darum geht es auch gar nicht. Zweck dieses Fotos ist etwas anderes. Seine Sexyness dient dazu, einem eher langweiligen Steuerthema Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das funktioniert. Wenigstens das Bild wird angeschaut.

Wie es besser geht

Frau im Männerberuf

In einer Werkhalle montiert eine Arbeiterin mit einem großen Werkzeug etwas an einem Getriebe
Screenshot ntv, 5.1.2024 ©picture alliance, dpa

Die Monteurin arbeitet mit einem ziemlich großen Gerät. Das sieht top-souverän aus. Wie auch sonst, sie macht es schließlich täglich. Oder etwa nicht?

Gestellte Bilder mit Models haben einen anderen Charakter. Die Frauen sind oft sehr jung, sehr schlank und sie lächeln sehr viel. Männliche Models meistens auch. Das Lächeln fällt bei der Suche in Bilddatenbanken immer unangenehm auf. Dadurch sehen viele Stockfotos im Themenfeld von Erwerbsarbeit unrealistisch aus.

Diese Frau hat auch ein leichtes Lächeln im Gesicht. Ihre Kleidung ist supersauber, die Haare sind sorgfältig hinters Ohr geklemmt. Die Bildunterschrift nennt als Quelle die Firma. Es ist also ein Foto aus der Unternehmenswerbung. Das erklärt, warum  die Montage-Situation so attraktiv wie möglich fotografiert ist. Trotzalledem gehört dieses Bild in unsere Best-Practice-Liste. Denn es zeigt eine Frau in einem Männerberuf. Solche ungestellten Fotos sind selten zu finden. Aber es gibt sie.

 

Mann im Frauenberuf

Zwei Fotos: junge Männer in der Ausbildung zum Zahnarzthelfer

Screenshot Frankenpost, 6.9.2026, ©Sandra Hüttner

Zahnarzthelfer, ein guter Beruf auch für Männer. „Was tut das Geschlecht schon zur Sache?“, fragt der Artikel. Eine Menge.

Der Beruf der Zahnmedizinischen Fachangestellten – das ist die offizielle Bezeichnung – ist vor allem bei Frauen beliebt. Schauen wir in die Statistik: Im Jahr 2000 gab es bundesweit gerade mal 50 junge Männer, die sich in die Ausbildung für diesen angeblichen Frauenberuf wagten. Bis zum Jahr 2024 ist die Zahl gut angestiegen: auf 1500 männliche Auszubildende bundesweit.

So gesehen bleibt es bei der Bezeichnung Frauenberuf: nicht wegen der erforderlichen Fähigkeiten, sondern wegen der Überzahl an Frauen. Jeder Zahnarzthelfer kennt sicherlich die neugierige Frage, warum er als Mann einen Frauenjob macht.

Um Vorurteile abzubauen, ist solch ein mutmachender Artikel in der Lokalzeitung wichtig. Gut, dass sich die beiden jungen Männer auch dafür haben fotografieren lassen. 

Technikliebe leben

Studentin arbeitet an einem technische Versuch, eine ältere Frau gibt Anweisung, ein Kommilitone schaut zu

Screenshot Stuttgarter Zeitung, 3.5.2021, ©Daimler Truck AG

Eine Studentin testet ein technisches Gerät. Die Lehrkraft erteilt ihr eine Anweisung. Der Kommilitone schaut interessiert zu. Ein perfektes Symbolbild, das klarmacht: Frauen interessieren sich selbstverständlich auch für technische Berufe.

Solche Vor-Bilder braucht es wirklich. Denn üblicherweise gibt es eine Flut von Fotos, die Männer im Technikbereich zeigen. Sie dominieren in diesen Berufen, Frauen sind die Ausnahme. Aber es werden mehr, seit Jahren schon, berichtet der Artikel.

In den sogenannten MINT-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – ist der Frauenanteil bei den Erstsemestern von 31 Prozent im Jahr 2014 auf 36 Prozent im Jahr 2024 gestiegen, so das Statistische Bundesamt. Das Studium trauen sich mehr junge Frauen zu. In den MINT-Ausbildungsberufen sind dagegen nur 12 Prozent der Auszubildenden weiblich.

Chefin im Handwerk

In einem Büro stehen junge Frauen und Männer mit Sicherheitswesten, im Vordergrund eine Chefin mit Bauhelm unterm Arm

Screenshot Handwerk.com, 16.9.2026, ©Alistair f, peopleimages.com, stock adobe.com

Auf diesem Foto sind überraschend viele Frauen zu sehen, auch im Hintergrund. Dabei geht es nicht mal um das Thema Frauen im Handwerk, sondern um „Gute Führung im Handwerksbetrieb“. Diese Bebilderung ist sehr gut gewählt. Eine Frau als Chefin, noch dazu eine so sympathische Person, das wirkt glaubwürdig und macht zugleich neugierig auf den Text.

Als Stockfoto ist es perfekt inszeniert. Es wirkt ziemlich realistisch. Das ist nicht immer in der Stockfotografie gegeben.

In den Handwerksberufen sind Frauen immer noch in der Minderzahl, insbesondere bei allem rund ums Bauen. Sie kämpfen mit Vorurteilen und schlechten Arbeitsbedingungen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks setzt sich für die Chancengleichheit von Frauen im Handwerk ein. Dazu gehören positive Bildbotschaften. Dass sie gute Chefinnen sein können, kommt als Pluspunkt oben drauf.

Rettungskräfte: Frauen sichtbar machen

Rettungskräfte, eine Frau und zwei Männer, kümmern sich um eine am Boden liegene verletzte Person.

Screenshot Welt, 7.4.2025, ©Benjamin Nolte, Picture Alliance, Themendienst

30.000 Frauen arbeiten im Rettungsdienst – als Notfallsanitäterin, Rettungssanitäterin oder Rettungsassistentin. Laut Gewerkschaft Verd.i. liegt der Frauenanteil damit bei rund 34 Prozent.

In Berichten zu Rettungseinsätzen ist nicht immer zu erkennen, dass in der unförmigen Schutzkleidung auch mal Frauen stecken. Umso besser, dass zur Bebilderung dieses Artikels ein Foto eingesetzt wurde, bei dem die Frau unübersehbar in der Bildmitte agiert.

Es ist ein Stockfoto, entstanden bei einer Notfallübung. Klarer Vorteil: Fotograf*innen können sich bei solch einer Gelegenheit so positionieren, dass alle Bestandteile eines Einsatzes mit im Bild sind. Bei einem echten Rettungseinsatz entstehen ganz andere Bilder. Will jemand genau die Rettungssanitäterin fotografieren, kann das in der akuten Situation, wo es um Rettung von Menschenleben geht, als Fotoauftrag stören.

Ja, es gibt sie: Soldatinnen

Soldatin liegt bei Kampfübung mit Gewehr im Gras

Screenshot Web.de, 3.3.2026, ©Axel Heimken, dpa

Inmitten von Uniformierten sind sie nur schwer zu erkennen – Soldatinnen bei der Bundeswehr. Wenn alle nebeneinanderstehen, etwa beim Appell, sind die Frauen oft die kleineren. Hier und da lugt ein geflochtener Zopf unter Helm, Schirmmütze oder Barett hervor.

„Der Frauenanteil der Truppe liegt weiterhin bei niedrigen 13,7 Prozent“, heißt es in der Bildunterschrift für den Artikel, in dem es eigentlich um die Personalknappheit der Bundeswehr geht. Das Thema Frauen ist nur einer von vielen Aspekten. Umso besser, dass das Aufmacherbild eine Soldatin zeigt, in voller Montur bei einer Wehrübung, mit Gewehr und Camouflage im Gesicht.

Mit einer Fotoserie stellt die Bundeswehr übrigens alle Uniformvarianten vor. Ab dem achten von 26 Fotos sind auch immer wieder Soldatinnen zu sehen.

Tagesvater ohne Kinder

Mann sitzt in einem Raum voller Spielzeug

Screenshot Rheinische Post, 20.10.2025, ©Markus van Offern, mvo

Auch Männer können Kinderbetreuung, keine Frage. Trotzdem sind sie als Erzieher in Kitas oder im Job als Tagesvater noch die Ausnahme.

Das Besondere an diesem Bild ist, dass die Kinder fehlen. Der Fotograf hat den Tagesvater ganz alleine inmitten der Spielsachen fotografiert. Richtig so!

Kinder lassen sich gern fotografieren. Sie machen Faxen und sehen viel natürlicher aus als Erwachsene, die vor einer Kamera erstarren. Bei Kindern ist jedoch die Zustimmung der Eltern oder Erziehungsberechtigten zur Veröffentlichung des Bildes erforderlich. Dieser Tagesvater hat vielleicht von vornherein gesagt: Mein Porträt machen wir ohne Kinder.

Es ist gut, wenn Bilder von Kindern nicht ins Internet gestellt werden. Viel zu oft werden Kinderfotos digital mißbraucht, erst recht mit den vielen Möglichkeiten der Bildgenerierung der Künstlichen Intelligenz (KI).

Augen auf bei der Bildauswahl

Bilder sind ein starkes Gestaltungsmittel: umso wichtiger ist es, sie klug für unsere Zwecke einzusetzen. Sie ermöglichen es, typische Rollenklischees aufzubrechen. Wir wollen Frauen und Männer zeigen, und dies nicht nur in traditionellen Berufen und Tätigkeiten, sondern in den verschiedensten Bereichen und auf unterschiedlichen Hierarchieebenen. Zugegeben: die Bildauswahl macht mehr Arbeit, aber die lohnt sich.

Tipps für die Öffentlichkeitsarbeit

IG Metall, 2008

Tauchen Sie tiefer in das Thema ein

Vorbild Spitzenfrauen

Fotoprojekt von Silvia Steinbach 

Stereotype tauschen

Was bringt’s?

Ideen und Impulse

Stereotypen und Klischees beim Bebildern vermeiden? Wir haben zahlreiche Leitfäden und Checklisten für Sie zusammengetragen.

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