Bilderkritik: Migration und Vielfalt
Deutschland ist ein Zuwanderungsland. Ein Viertel der Bevölkerung hat eine „familiäre Zuwanderungsgeschichte“. Dies ist übrigens ein besserer Begriff als „Migrationshintergrund“, sagt der Mediendienst Integration: präziser und weniger stigmatisierend.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes stellt in ihrem aktuellen Bericht für 2025 ein Rekordhoch an Diskriminierung fest. Immer mehr Menschen melden sich bei ihr wegen wegen diskriminierender Vorfälle, zu 43 Prozent ging es um Rassismus: Die Betroffenen wurden wegen ihres Aussehens oder ihres Namens diskriminiert, durch rassistische Beleidigungen, Herabwertung am Arbeitsplatz, Absagen bei der Wohnungssuche oder Benachteiligung im Gesundheitswesen. Die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung Ferda Ataman warnt: „Rassistische Einstellungen verfestigen sich.“
Bilder in den Medien prägen zugleich das Bild der Gesellschaft. Aber stimmen diese oft sehr stereotypen Bilder überhaupt, wenn es um den deutschen Alltag geht? Viele der dafür verwendeten Stockfotos und Symbolbilder spiegeln die ethnische Vielfalt zu wenig – die längst gelebte Diversität am Arbeitsplatz und auf der Straße, in Schulen und Krankenhäusern und wo auch immer. Wir brauchen mehr Bilder, die das selbstverständliche Miteinander zeigen. Und den Respekt für unsere unterschiedlichen Kulturen und vielfältigen Lebensweisen.
So bitte nicht
Wenn es um das Thema Islam in Deutschland geht, fällt den meisten Redaktionen ein, dies mit Fotos von Musliminnen mit Kopftuch zu bebildern. Oder mit betenden Männern in der Moschee.
Allerdings sind dies nur Zeichen der Religionsausübung. Nicht alle muslimischen Frauen tragen den Hijab, selbst wenn sie gläubig sind. Immer wieder das Kopftuch zu zeigen, bestärkt die Stereotype. Es stellt die Frauen bloß und macht sie angreifbar. Was tatsächlich oft passiert.
Zugegeben, dieser Artikel beschreibt die Diskriminierung kopftuchtragender Frauen. Er braucht ein dazu passendes Bild. Weil die Gesichter nicht zu sehen sind, bleiben die Frauen anonym. Wären sie von vorne fotografiert, wäre immer die Frage: Haben diese Frauen diesen Rassismus erlebt? Vermutlich schon.
Wo ist der „Extremist“ auf dem Foto? Weit und breit ist keine Unterrichtssituation zu sehen, stattdessen kopftuchtragende Frauen von hinten fotografiert. Ihre Kopftücher dienen als Symbol für „arabisch“. Schlimmer noch: Zufällig auf der Straße geknipste Musliminnen werden in den Zusammenhang mit Extremismus gebracht.
Machen Sie gedanklich die Gegenprobe: Stellen Sie sich unter der fiktiven Überschrift „Organisiert ein Neonazi den Geschichtsunterricht in Berlin?“ ein Foto mit drei Frauen ohne Kopftuch vor, die durch eine Einkaufsstraße schlendern. So würde keine Redaktion dieses Thema bebildern.
Im Artikel selbst wird der Mann mit „dubiosen Verbindungen“ zur Hisbollah namentlich genannt, Fotos mit ihm sind eingefügt. Kopftuchtragende Frauen scheinen den Zusammenhang zum Islamismus jedoch einfacher herstellen zu können als verschwommene Schnappschüsse von Versammlungen, bei denen er aufgetreten ist.
Hier sind vier Kopftuchträgerinnen zu sehen. Passt irgendwie, meinte wohl die Redaktion, denn es geht um das Kopftuch, wenngleich um die Frage, ob es am Arbeitsplatz verboten werden kann. Der Europäische Gerichtshof hatte über zwei Fälle in Frankreich und Belgien zu entscheiden. Das Problem an der Bebilderung: Die vier Frauen laufen auf der Straße, in ihrer Freizeit, nicht bei der Arbeit. Und wie so oft sind die Kopftuchträgerinnen mit Ansicht von hinten fotografiert.
Der Artikel ist von 2017. Knapp zehn Jahre später gibt es in den Bilddatenbanken eine größere Auswahl an Fotos von Frauen mit Hijab. Nicht nur auf der Straße sondern auch in verschiedenen Arbeitssituationen oder beim Sport fotografiert. Als Porträtaufnahme mit ihrem Einverständnis, kein anonymer Schnappschuss. Fotografiert mit Respekt für die persönliche Entscheidung, sich aus religiösen Gründen so zu kleiden. Mittlerweile wäre es also möglich, das Kopftuchthema besser zu bebildern.
Wie es besser geht
Ab und an finden sich solche Porträts in den Medien, als Bericht über Frauen mit Zuwanderungsgeschichte, die erfolgreich ihren Weg gehen, die sich über Diskriminierung hinweg setzen und dabei Hijab tragen oder auch nicht.
Mina Habsaoui hat Karriere in der IT gemacht. Ihr Arbeitgeber hat eine ganze Fotoserie mit ihr produzieren lassen. So wie die IT-Führungsfrau fotografiert ist, gibt es inzwischen in Bilddatenbanken ähnliche Stockfotos, die kopftuchtragende Frauen im Büro zeigen. Allein oder mit ihrem Team, in allen denkbaren Variationen. Oder auch als Muslimin ohne Kopftuch.
In den Medien werden solche Fotos zur Bebilderung von allgemeinen Bürosituationen äußerst selten eingesetzt. Ethnische Vielfalt ist eher auf Jobportalen oder Firmenwebsites zu entdecken. Überall da, wo Fachkräfte gesucht werden, Hauptsache qualifiziert.
Mehr als 40 Prozent aller Schüler*innen haben eine familiäre Migrationserfahrung. Im Westen Deutschlands ist ihr prozentualer Anteil höher als in den östlichen Bundesländern. Besonders hoch ist er in Berlin und Bremen.
Bei einigen sind schon die Großeltern nach Deutschland gekommen, andere sind erst vor Kurzem als Flüchtlinge hier eingetroffen. Die Zuwanderungsgeschichten ihrer Familien sind so vielfältig wie ihre Ethnien. Manche Schulen berichten, sie unterrichten Kinder aus über 100 Ländern.
Dieses Foto zeigt das selbstverständliche Miteinander einer 12. Klasse in einer Duisburger Gesamtschule. Wer so aufwächst, lernt Vielfalt von klein auf. Es ist die Realität des deutschen Alltags.
Wir brauchen mehr solcher Bilder voller Freude und Zuneigung. Viele Jugendliche leben ihre Freundschaften so selbstverständlich, womit sich manche Erwachsene noch schwer tun, gerade Ältere mit weniger Kontakt zu Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.
In den Redaktionen arbeiten immer mehr junge Leute mit der hier schon so oft zitierten Zuwanderungsgeschichte. Mit ihrer eigenen Lebenserfahrung setzen sie neue Schwerpunkte in der Berichterstattung. Und sie suchen in den Bilddatenbanken nach Fotos, die besser zur deutschen Realität passen. Noch ist die Bildauswahl nicht umfangreich genug. Aber das wird jeden Tag besser.
Wünschenswert ist, dass solche, nennen wir sie mal „interkulturelle Bilder“, auch bei Themen eingesetzt werden, die nichts mit Migration oder Diskriminierung zu tun haben. Sondern mit jeder Art von Thema, so wie in diesem Artikel, in dem es um Freundschaft geht.
Deutsches Straßenbild
Screenshot ARD Tagesschau, 2.6.2026, ©Arnulf Hettrich, Imagebroker, picture alliance
Diese Aufnahme aus einer Stuttgarter Fußgängerzone gibt recht gut wieder, wie sich die Bevölkerung in Deutschland zusammensetzt. Zu sehen sind viele weiße Menschen; ob sie selbst oder ihre Familie zugewandert sind, ist den meisten nicht anzusehen. Auffälliger ist die Schwarze Familie in der Bildmitte, dahinter zwei arabisch aussehende Männer oder eher türkisch? Vorne eine Frau mit Kopftuch und eine Frau, die asiatisch aussieht, vielleicht eine Touristin, mit Rollkoffer und Smartphone. Viele der Abgebildeten haben sicher Erfahrung mit Rassismus gemacht. Und einige sind vielleicht auch welche, die sich diskriminierend verhalten.
Das Bild ist gut gewählt, um auf das Thema des zunehmenden Rassismus aufmerksam zu machen. Es zeigt alle möglichen Beteiligten, ohne auf eine Gruppe besonders hinzuweisen.
Klassisches Stockfoto, um Diversität im Job zu bebildern: Eine (fast) perfekte Komposition: Schwarz, asiatisch, muslimisch, weiß; drei Frauen und zwei Männer, einer im Rollstuhl. Möglicherweise ist auch die eine oder andere Person queer. Alle jung und hip, lächeln sie fröhlich in die Kamera.
Warum auch nicht. An dieser Stelle passt das Bild zum Thema des Artikels. Es ist ohne Frage ein gestelltes Foto, einfach als symbolische Darstellung.
Kritik: Wenn Diversität komplett abgebildet sein sollte, dann fehlt auf dem Foto ein älterer Mensch und eine mehrgewichtige Person. Die Behinderung wird sterotyp mit einer Person im Rollstuhl dargestellt. Rollstühle dienen sehr oft dazu, Behinderung mit ins Bild zu setzen. Sie sind auffällig, während viele andere Behinderungen fotografisch unsichtbar bleiben. Hier kommt hinzu, dass der Mann im Rollstuhl sich eventuell nur fürs Foto hineingesetzt hat. Der Rollstuhl sieht jedenfalls wie ein Krankenhausmodell aus, nicht wie einer, den Menschen mit Behinderung benutzen.
Augen auf bei der Bildauswahl
Bilder, die Klischees reproduzieren, stark stereotypisierend sind und im schlimmsten Fall Vorurteile bekräftigen, sollten vermieden werden.
Allgemeine Themen wie Arbeitsplatz, Bildung, Familie oder Rente können auch mit Regenbogenfamilien, Menschen mit Migrationsgeschichte oder mit Behinderung bebildert werden.
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