Textlabor #8

Anrede im Anschreiben

Ein Leser von Genderleicht.de weist auf die Norm DIN5008 zur formgerechten Gestaltung von Geschäftsbriefen hin. So etwas gibt es also, wieder etwas gelernt. Wie geht das formgerechte Schreiben mit einer geschlechtsneutralen Anrede, fragt er das Textlabor:

Was ersetzt das übliche „Sehr geehrte Damen und Herren“?
Im Geschäftsbetrieb kann ich ja nicht, wie hier in dieser Zuschrift, neutral „Hallo“ schreiben.

In der Regel kann ich die adressierte Person nicht vorher befragen, als welches Geschlecht diese gerne im Briefverkehr angesprochen werden möchte.

 


Guten Tag, Kim Müller!

So würden wir Sie im Anschreiben begrüßen. Wenn Sie Kim Müller wären. Der Name Kim verrät uns nichts über das Geschlecht. Auch Robin oder Toni können männlich oder weiblich oder divers sein.

Es kann vorkommen, dass Sie am Namen nicht erkennen können, ob eine weibliche oder eine männliche Anrede passend wäre. Wie bei Kim, Robin und Toni gibt es in vielen Sprachen Vornamen, bei denen nach dem deutschen Sprachverständnis das Geschlecht nicht erkennbar ist.

Trans*, genderqueere und intersexuelle Menschen wollen manchmal keine geschlechtliche Festlegung über den Namen. Oder die Eltern eines Neugeborenen wünschen Neutralität. Einige lieben auch das Spiel mit besonderen Namen – denken Sie an Kim Kardeshian, deren Kinder North, Saint und Psalm heißen, oder an Gwyneth Paltrow, die den Namen Apple vergab. Die deutschen Standesämter bestehen in der Regel auf eine Erkennbarkeit des Geschlechts beim Vornamen. Wir erinnern uns an ein verzweifeltes Elternpaar, das in den neunziger Jahren vor einem Berliner Gericht den Namen Luca für seinen Sohn erstreiten musste. Heute empfehlen Standesämter meistens, zum Wunschnamen einen zweiten, geschlechtlich eindeutigen Namen hinzu zu setzen. Dann hat das Kind später die Wahl.

Menschen zu fragen, wie sie angesprochen werden wollen, ist im direkten Kontakt gelegentlich richtig. Im geschäftlichen Briefverkehr ist solch eine höchst private Frage unpassend, wie Sie selber schreiben. Kommen wir also zur Lösung Ihres Problems:

Nennen Sie den kompletten Namen: Kim Müller statt Herr oder Frau Müller. Das klingt auch für die angeschriebene Person gut – Sie kennen ihren Vor- und Nachnamen. Die Frage des Geschlechts bleibt damit ungeklärt, aber sie ist im geschäftlichen Briefverkehr sowieso nicht von Belang.

Und die Anrede, Ihre eigentliche Frage? Sie eröffnet die schriftliche Kommunikation, hier geht es darum, höflich und respektvoll zu sein. Machen Sie es sich einfach und nehmen Sie das freundliche „Guten Tag“. Das sagen wir zur Begrüßung, also können wir es auch schreiben. Und sie müssen diese Worte nicht an das Geschlecht anpassen.

Auf die von DIN5008 vorgesehene Anrede „Sehr geehrte …“ können Sie unserer Meinung nach getrost verzichten. Dieses „geehrte“ klingt doch eh wie aus dem vorigen Jahrhundert. Sie wollen sich davon (noch) nicht verabschieden? Na, dann haben wir Ihnen wenigstens für Zweifelsfälle eine Alternative aufgezeigt.

In diesem Sinn wünschen wir Ihnen einen Guten Tag!
Ihr Team Genderleicht

Linktipps:

Schwäbisches Tagblatt: „Chris und Toni für alle Geschlechter“

Gesellschaft für deutsche Sprache erstellt Namensgutachten fürs Standesamt

PrOUDatwork: Die Dritte Option im Unternehmen (Mit Tipps zur Anrede u.v.m.)

Sekretaria: Zur Anrede im Geschäftsbrief

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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