Textlabor #8

Anrede im Anschreiben

Ein Leser von Genderleicht.de weist auf die Norm DIN 5008 zur formgerechten Gestaltung von Geschäftsbriefen hin. So etwas gibt es also, wieder etwas gelernt. Seine Frage:

Wie geht das formgerechte Schreiben mit einer geschlechtsneutralen Anrede? 

Was ersetzt das übliche “Sehr geehrte Damen und Herren”? Im Geschäftsbetrieb kann ich ja nicht neutral “Hallo” schreiben. In der Regel kann ich auch die adressierte Person nicht vorher befragen, als welches Geschlecht diese gerne im Briefverkehr angesprochen werden möchte.

Guten Tag, Toni Müller!

So würden wir Sie im Anschreiben begrüßen. Wenn Sie Toni Müller wären. Wir würden das sogar im Geschäftsbrief machen. Warum? Weil das respektvoll ist. Sie lesen richtig. Wir können ja auf keinen Fall schreiben: „Sehr geehrter Herr Müller, oder sollen wir sagen: Frau Müller? Wir wissen nicht, wie wir Sie ansprechen sollen.“ Die Anrede „Guten Tag + Vorname Nachname“ befreit uns aus der Bredouille, wenn wir nicht wissen, ob Toni eine Frau oder ein Mann ist, oder vielleicht weder als Dame noch als Herr angesprochen werden möchte.

Aber der Reihe nach: Der Name Toni verrät uns nichts über das Geschlecht. Auch wer Robin, Kim oder Sascha heißt, kann männlich oder weiblich sein. Toni oder Sascha sind oft Abkürzungen von Anton oder Antonia oder Alexandra und Alexander. Manchmal sind sie so in der Geburtsurkunde vermerkt. Wie Robin und Kim funktionieren sie als Vornamen bei Männern und Frauen.

Manche Menschen geben sich anstelle ihres Geburtsnamens solch einen geschlechtsneutralen Vornamen, weil sie weder männlich noch weiblich sind, sondern nicht-binär. Ihr Personenstand kann den Geschlechtseintrag „divers“ haben, aber das geht nur auf Antrag im Personenstandsregister. Doch auch ohne den Eintrag können wir alle frei über unsere geschlechtliche Identität entscheiden.

Aber Sie müssen noch nicht mal an die Dritte Option denken. Es gibt viele Vornamen, die uns rätseln lassen, ob eine weibliche oder eine männliche Anrede passend wäre. Wir meinen Namen aus anderen Sprachen, bei denen nach dem deutschen Sprachverständnis das Geschlecht nicht erkennbar ist.
Und dann gibt es Eltern, vor allem Prominente, die das Spiel mit besonderen Namen lieben. Denken Sie an Kim Kardeshian, deren Kinder North, Saint und Psalm heißen, oder an Gwyneth Paltrow, die den Namen Apple vergab. Das Geschlecht dieser Kinder ist am Namen nicht ablesbar.

Es kommt auch vor, dass sich Eltern eines Neugeborenen bewusst für Neutralität des Namens entscheiden, berichtet die Namensforscherin Gabriele Rodriguez gegenüber dem Berliner Tagesspiegel. Sie verwaltet mehr als eine halbe Million Vornamen in der Datenbank der Universität Leipzig. Diese wächst jedes Jahr um 1000 neue Namen an, weil der Wunsch nach Individualität groß ist, und die Regeln zur Namensvergabe immer liberaler gehandhabt werden.

In der Regel bestehen die deutschen Standesämter beim Vornamen auf eine Erkennbarkeit des Geschlechts. Wir erinnern uns an ein verzweifeltes Elternpaar, das in den 1990er Jahren vor einem Berliner Gericht den Namen Luca für seinen Sohn erstreiten musste. Heute empfehlen Standesämter, zum Wunschnamen einen zweiten, geschlechtlich eindeutigen Namen hinzu zu setzen. Dann hat das Kind später die Wahl.

Wenn Sie nicht wissen, wie jemand angesprochen werden will, empfiehlt es, sich höflich danach zu fragen. Im persönlichen Kontakt ist das meistens eine willkommene Geste. Im geschäftlichen Briefverkehr ist solch eine private Frage unpassend.

Kommen wir also zur Lösung des Problems.

Nennen Sie den kompletten Namen: Toni Müller statt Herr oder Frau Müller. Das klingt auch für die angeschriebene Person gut – Sie kennen ihren Vor- und Nachnamen, Sie zeigen Respekt! Die Frage des Geschlechts bleibt damit ungeklärt, aber im geschäftlichen Briefverkehr ist das doch sowieso nicht von Belang.

Und die Anrede, die eigentliche Frage, um die es hier geht? Sie eröffnet die schriftliche Kommunikation, hier geht es vor allem um Höflichkeit. Ein lockeres „Hallo Toni Müller“ ist möglich, aber eigentlich zu flapsig. Für geschäftliche Briefe ist das „Hallo“ unpassend.

Machen Sie es sich einfach mit dem freundlichen „Guten Tag“. Das sagen wir zur Begrüßung, also können wir es auch schreiben. Und wir müssen diese Worte nicht an das Geschlecht anpassen. Schreiben Sie also: „Guten Tag, Toni Müller!“ Auch kluge Menschen aus der Queer-Community, wie beispielsweise die Bundesvereinigung Trans* e.V., empfehlen diese Anrede. Wir schließen uns deren Tipps für eine diskriminierungsfreie Sprache an und raten: Verzichten Sie auf „Sehr geehrte …“ Diese förmliche Anrede klingt doch eh wie aus dem vorigen Jahrhundert.

Sie wollen sich von der förmlichen Anrede (noch) nicht verabschieden? Na, dann haben wir Ihnen wenigstens für den Fall, dass Sie beim Geschlecht ins Grübeln kommen, eine Alternative aufgezeigt.

Und eines wollen wir auch erwähnen: Wenn Sie an eine Susanne, Ayse oder Regine schreiben oder auch an Thomas, Kurt oder Mohammed können Sie beim “Sehr geehrte … ” bleiben. Hier sagt der Name eindeutig, welches Geschlecht die angeschriebene Person hat. Jedenfalls solange, bis sie es sich anders überlegt.

Mit freundlichen Grüßen
Team Genderleicht

 

Linktipps:

Bundesvereinigung Trans* e.V.:
Broschüre „Geschlechtliche Vielfalt im öffentlichen Dienst“

Sekretaria: Das Dritte Geschlecht in der Korrespondenz

 

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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