Textlabor #27

Drache gendern?
Uaahh!

Gelegentlich gibt es Fragen ans Textlabor, die uns zum Schmunzeln bringen:

„Wie sieht das Gendern bei einem Drachen aus? Gibt es eine weibliche und eine diverse und eine „für alle“-Form? Drachenfrau scheint mir so wenig zu passen wie „Katerfrau“ statt Katze, und bei „Drachein“ ist für mein Sprachgefühl „Drächin“ logischer.“

Ein weiblicher Drache heißt Drachin, ganz einfach. Wir finden das Wort bereits im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, erschienen 1854. Die Brüder sammelten als Volkskundler nicht nur die „Grimm‘schen Märchen“. Als Philologen wollten sie auch die Herkunft und den Gebrauch eines jeden deutschen Wortes in einem Wörterbuch belegen und erforschten dazu den Wortbestand seit Mitte des 15. Jahrhunderts, also etwa ab Beginn des Buchdrucks. Jacob (1785 – 1863) und Wilhelm (1786- 1859) kamen zu Lebzeiten nur bis Buchstabe F. Das ehrgeizige Wörterbuchprojekt wurde nach ihrem Tod fortgesetzt, 1961 war es komplett und ist inzwischen als DWB digitalisiert. Genau dort finden sich dann Nachweise, dass Vorformen der Drachin im Mittelhochdeutschen die Trechin war und im Althochdeutschen die Drechin.

Wir halten fest: Beim Wort Drache sind die Regeln der Movierung – die Markierung des weiblichen Geschlechts durch das Anhängen des Suffix -in an den Wortstamm – anwendbar. Drachin ist richtig, Drächin geht in eine veraltete Richtung und Drachein ist falsch.

Allerdings ist der Drache ein Tier. Ähnlich wie bei Hund, Katze oder Pferd spielt das Geschlecht des Drachen häufig keine Rolle. Erst wenn der Drache weibliche Züge zeigt, wird er zur Drachin. Viele schreiben jedoch lieber mit Zusätzen, spielen mit Worten wie Drachenmädchen oder Drachen-Lady. Im Kinderfilm „Drachenzähmen leichtgemacht“ gibt es ein Drachenweibchen, in Folge 3 der Zeichentrickserie „Die Gummibären-Bande“ spielt eine einsame Drachendame eine Rolle, und wir fanden auch Lissy, die Drachendame.

Sogar das Wort Drachenfrau ist richtig. Es klingt nur ein bisschen wie die „Frau vom Drachen“, also die Lebenspartnerin eines Drachen. Andererseits verstehen wir das Wort als weibliche Variante des Drachen. Die „Drachenfrau Tiamat“ ist ja auch die „Mutter vieler Ungeheuer“.

Als mythologisches Wesen entspringt der Drache dem Reich der Fantasie. Von Kinderbuch bis Gaming – mal sind sie knuffig, mal furchteinflößend, wir kennen sie in vielerlei Ausprägungen. So wie es weibliche und männliche Drachen gibt, sind auch Drachen denkbar, die intersexuell, trans* und genderqueer sind. Wenn wir also schon bei Fantasy sind, könnten Sie Ihrem Drachen ein Gendersternchen verpassen: Drach*in, warum nicht? Vorsicht jedoch beim Genderstern im Singular: Der Artikel und das Adjektiv werden gebeugt, um das Geschlecht anzuzeigen. „Ein/eine genderfluide/r Drach*in“ ist dadurch kaum lesbar. Im Plural ist das Sternchen dagegen mühelos zu verwenden: Drach*innen.

Beim Roleplay schlüpfen Menschen in die Rolle eines Drachen oder einer Drachin. Wie im richtigen Leben kann auch dieses Wesen eine genderfluide Identität haben. Sie weisen darauf hin, dass es korrekt ist, dann nach der Selbstbezeichnung zu fragen. Ja, bitte fragen! Vielleicht ist der Genderstern erwünscht und dann konsequent der Verzicht auf das Pronomen „er“ oder „sie“.

Sie wollen Ihre Frage zwar auf das „feuerspeiende, fliegende, eierlegende, mythische Wesen“ beschränken, erwähnen aber auch die abwertende Verwendung des Wortes für Menschenfrauen: „Sie ist ein wahrer Drache“. Dass die Frau dabei männlich tituliert wird, ist Bestandteil der Beleidigung, ihre weibliche Identität wird so in Frage gestellt. Ein interessantes Phänomen, wozu wir Antworten im Bereich der Psycholinguistik finden.

Abschließend haben wir eine weitere Idee für Sie: Im „Drachen Wiki“ gibt es bisher das Wort Drachin nicht, obwohl es ein sehr alter Begriff ist. Vielleicht ergänzen Sie dann mal das Wort in diesem Wiki, an dem alle mitschreiben dürfen.

Unterhaltsamen Spaß in der Welt der
Drachen, Drachendamen, Drachinnen und Drach*innen
wünscht Team Genderleicht

PS: Drachinnen sind auch im Rechtschreibratgeber des Duden erwähnt.

 

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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