Textlabor #22

Hallo Duden: alles weiblich?

Macht das die deutsche Grammatik mit: weibliche Endungen bei sämtlichen Personen- und Berufsbezeichnungen? Eine durchaus berechtigte Frage, die eine Leserin dem Genderleicht-Textlabor gestellt hat:

Gibt es das Wort Vorständin – also eine Frau im Vorstand? Habe ich kürzlich gehört und komisch gefunden. Ich hätte eher „weibliches Vorstandsmitglied“ gesagt. Oder ist das wie mit der Gästin? Die hat sich ja auch eingeschlichen und in manchen Bereichen etabliert.

Schon mehrmals hatten wir es im Textlabor mit diesem Phänomen zu tun: Die weiblichen Endungen bei Vorständin, Mitgliederin, ja auch Userin klingen ungewohnt, und wir fragen uns: geht das überhaupt? Der Blick in den Duden ist immer hilfreich. Alle, die grammatikalisch richtig schreiben wollen und müssen, können sich auf das Nachschlagwerk verlassen. Denn der Rechtschreibratgeber wird auf der Grundlage der aktuellen amtlichen Rechtschreibregeln erstellt.

Wir haben Erstaunliches festgestellt: In der Buchausgabe des Duden von 2006 steht nur Vorstand, ohne ausdrücklich feminine Form. Die aktuelle Online-Abfrage dagegen kennt neben dem Vorstand auch die Vorständin. Das aus dem Englischen stammende User ist eingedeutscht und in seiner weiblichen Variante Userin ebenfalls im Online-Duden erlaubt, die Mitgliederin jedoch nicht.

Als Journalistinnen gehen wir regelmäßig den Dingen auf den Grund, also haben wir in der Redaktion des Duden nachgefragt und von Dr. Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Wörterbuchredaktion, folgende Antwort erhalten:

„Die „Gästin“ ist eine sehr alte Form, die bereits im Grimmschen Wörterbuch verzeichnet ist, auch bei Katja Mann erscheint sie. Anders ist das natürlich bei der „Vorständin“, die vor einigen Jahren neu in den Duden aufgenommen wurde.

 

Zunächst einmal überprüfen wir bei jedem Wort, das ein Aufnahmekandidat für den Duden ist, die empirische Beleglage. Dies ist aber natürlich nicht das einzige Kriterium für die Aufnahme eines Wortes. Bei Personenbezeichnungen gibt es seit rund 20 Jahren die Hausregel, dass zu den männlichen Formen auch die weiblichen aufgenommen werden, selbst wenn sie noch nicht in großer Häufigkeit in den Korpora vertreten sind. So haben wir vor vielen Jahren sehr intensiv die Aufnahme von „Päpstin“ diskutiert und uns dann für die Aufnahme entschieden, u.a. wegen des damaligen Bestsellertitels und der in der Geschichtswissenschaft diskutierten Frage, ob es schon einmal eine Päpstin gegeben habe. Die „Gangsterin“ steht übrigens auch schon im Duden.

 

Bei den von Ihnen genannten Beispielen wie „Userin“ sehen wir keinerlei Probleme bei Bildung und Gebrauch weiblicher Formen. Wenn diese Wörter im Deutschen frequent werden, werden sie im Allgemeinen auch in verschiedenen Aspekten in das deutsche Sprachsystem eingepasst, sie bekommen eine Genuszuweisung samt Artikel, sie werden flektiert, manchmal wird die Aussprache angepasst etc. Sie funktionieren dann also (teilweise) wie deutsche Wörter, und damit wird auch die Bildung der weiblichen Form nach deutschen Wortbildungsregeln möglich, wie Sie das für „Manager(in)“ beschreiben (wegen der englischen Aussprache glaube ich aber, dass das Wort nach wie vor als Fremdwort gesehen wird). Besonders schnell erfolgt die Bildung weiblicher Formen sicher bei Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen, weil diese Berufe/Tätigkeiten eben auch von (vielen) Frauen ausgeübt werden.

 

Aber natürlich gibt es immer auch Zweifelsfälle. Aktuell gehört für uns das Beispiel „Data Scientist“ dazu. Dadurch, dass „Scientist“ (noch?) nicht in das Deutsche integriert ist, ist es die weibliche Form auch nicht. Hier werden wir die weitere Entwicklung beobachten.“

Halten wir also im Ergebnis fest: Die Dudenredaktion beobachtet sehr genau, welche Wörter im täglichen Sprachgebrauch üblich sind und gleicht das mit den Wortbildungsregeln der deutschen Sprache ab. Diese Regeln sehen vor, dass durch Anhängen der Silbe „-in“ eine weibliche Form entsteht. Wir müssen uns nur daran gewöhnen, dass Wörter, die bisher allein in ihrer männlichen Variante üblich waren, nun auch weiblich sind. So waren in Vorstandssitzungen lange Zeit – und oft auch heute noch – Männer unter sich. Wenn aber Frauen mit Vorstandsposten betraut werden, dann sind sie Vorständinnen. Sagt der Duden. Und das seit 2013. Der mediale Protest ist inzwischen verrauscht.

Die gleiche Wortbildungsregel wird auf Wörter angewandt, die aus dem Englischen stammen: Managerin, Gangsterin oder Userin – alles wird im Deutschen mit einer weiblichen Endung gekennzeichnet. Nerdin wäre also auch richtig, nur die Mitgliederin geht gar nicht. Warum das so ist, haben wir in Textlabor #18 diskutiert.

Liebe Fragerin, damit ist doch alles klar!?
Ihr Team Genderleicht

Weiterlesen im Textlabor:

#18: Mitgliederin geht das?
#13: Hackerinnen und Ganovinnen: Cybercrime gegendert
#5: Schirmherrin: Symmetrie beim Gendern

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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