Textlabor#11

Anrede an Unbekannte

Immer wieder erreichen uns Zuschriften, die nach einer angemessenen Anrede fragen. Für den geschäftlichen Brief haben wir die Frage in #8 mit der Formulierung „Guten Tag, Kim Müller“ beantwortet. Was aber schreiben,

… wenn die Anrede alle Geschlechter ansprechen soll, dabei weder formell noch flapsig, in jedem Fall aber kurz und knapp sein soll?

Bei der Frage ans Textlabor ging es um eine als Brief verschickte Einladung, wobei der Name eher nicht bekannt war. Gefragt wurde zusätzlich nach einer Idee für eine allgemeine Anrede bei Veranstaltungshinweisen in Zeitschriften, Anzeigen und dergleichen.

Puh, so viele Anforderungen auf einmal. Wir schlagen vor: Verzichten Sie auf die Anrede. „Hoppla“, denken Sie vielleicht. Aber in Ihrer Anfrage geht es um die Einladung zu einer Veranstaltung. Da können Sie auch mitten ins Thema hineinspringen, vergleichbar einem Werbetext, bei dem Sie schon mit den ersten Worten das Wichtigste sagen.

Ein Beispiel, den wir für den von Ihnen angedeuteten Zusammenhang zusammenfantasieren:

„Der große Technik-Tag steht an. Ein Symposium für Studium und Lehre, mit Vorträgen und Workshops für alle, die sich im Ingenieurwesen weiterbilden wollen. Seien Sie dabei! Alle Geschlechter willkommen. Auch wer schon im Beruf ist, kann Anregungen und Ideen für den weiteren Karriereweg erhalten. Der Technik-Tag ist ideal zum Netzwerken für Studierende und Profis.“

Sie merken, das ist komplett geschlechtsneutral getextet, indem es beschreibt, was es zu erleben gibt. Auf die Nennung von Personen verzichtet der Text weitgehend bzw. nutzt geschlechtsneutrale Wörter wie „Studierende und Profis“. Außerdem enthält er eine direkte Aufforderung: „Seien Sie dabei“. Damit erzeugen Sie den Effekt – ja, dich meine ich! Das würden Sie mit der Anrede … „Sehr geehrte“ oder „Liebe …“ auch erreichen. Aber genau diese Worte wollen Sie nicht benutzen, wie Sie dem Textlabor schreiben.

Kurzer Hinweis zu „Profis“: Der Duden sagt, das Wort sei maskulin, nun ja, warum eigentlich? „Profi“ ist die umgangssprachliche Abkürzung für Professionelle. Upps, das wiederum ist umgangssprachlich ein Synonym für Prostituierte, weiblich wie männlich. Wir empfehlen hier trotzdem Profi als geschlechtsneutrales Wort für Menschen, die ihren gewählten Beruf ausüben. Und zwar im Plural, denn dann verspielt sich die geschlechtliche Zuschreibung: „Profis, die …“ Sie finden „Profis“ zu informell? Nehmen Sie: „Leute, die bereits im Beruf stehen“.

Nun ist es aber auch wichtig, dass insbesondere bei Veranstaltungen zu technischen Berufen Frauen angesprochen werden. Im MINT-Bereich sind sie häufig in der Minderzahl. Weil der Textvorschlag komplett geschlechtsneutral ist, erwähnt er Frauen nicht. Sorgen Sie deshalb dafür, dass an den Podien Fachfrauen teilnehmen oder Workshops leiten. Jede einzelne ist ein Vorbild für Jüngere, die sich dadurch ermutigt fühlen, ebenfalls ihrer Neigung zu Naturwissenschaft und Technik zu folgen. Wenn ihre Namen schon im Programmüberblick ihrer Einladung stehen, ist deutlich, dass Sie diesen Gleichstellungsaspekt beachtet haben.

Dann haben wir noch „Alle Geschlechter willkommen“ in den Beispieltext eingebaut. Das bereits vielfach übliche (m/w/d) wäre für eine charmante Einladung zu nüchtern, „divers“ oder „nicht-binär“ ist vielen Leuten bisher nicht vertraut. Wir empfehlen deshalb den eleganten und höflichen Hinweis mit seiner unmissverständlichen Botschaft.

Einen Tipp für die persönliche Anrede hätten wir noch für Sie. Probieren Sie doch mal, ein bisschen augenzwinkernd, folgende Formulierung:
„Liebe Mitmenschen, mit und ohne Sternchen!“

In diesem Sinne, viel Erfolg mit derartigen Rundschreiben.
Es grüßt Sie das Team Genderleicht!

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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