Bilderkritik: Frauen in Führung
An der Spitze von Wirtschaftsunternehmen sind Frauen immer noch in der Minderheit. Gesetzliche Vorgaben wie die Führungspositionen-Gesetze (FüPoG I und FüPoG II) fordern Veränderung. Sie verpflichten Wirtschaft und Verwaltung dazu, den Anteil von Frauen in ihren Spitzenfunktionen deutlich zu erhöhen. Die Medien beobachten die Entwicklung dieser Quoten. Doch bei der Bebilderung ihrer Berichte tun sich Redaktionen oft schwer.
Die Erhöhung von Quoten ist etwas Abstraktes. In der Regel gibt es keine Situationen, in denen fotografiert wird. Um die Artikel dennoch zu bebildern, werden Stockfotos verwendet. Wir haben Screenshots gesammelt: Negative Beispiele für eine misslungene Bebilderung. Wir zeigen sie hier nachfolgend. Wer diese Bilder schon kennt, kann zu den positiven Bildfunden springen. Denn die gibt es auch.
So bitte nicht
Als sich am 15. Mai 2014 die Führungsriege der Telekom bei ihrer Hauptversammlung vor die Presse stellte, hatten alle Beteiligten noch Köpfe. Der Fotograf kam jedoch auf die Idee, nur Unterleib und Beine zu fotografieren. Denn beim Durchzählen von Frauenquoten geht es nicht konkret um die abgebildeten Personen. Die geschlechterstereotyp unterschiedlich bekleideten Beine verdeutlichen das Geschlechterverhältnis: eine Frau unter fünf Männern. Im Vorstand deutscher DAX-Unternehmen ist das Zahlenverhältnis oft ähnlich.
Dieses Foto wurde zum Symbolbild für die Frauenquote schlechthin. Es hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Mehr als 140 Mal kam es zur Verwendung. Eine Auswahl:
Spiegel, 1.4.2017; Süddeutsche Zeitung, 30.9.2018; Tagesspiegel, 7.4.2019; Allgemeine Zeitung, 27.11.2020; Stuttgarter Zeitung, 15.8.2021; Manager Magazin, 28.11.2020; Tagesschau, 7.2.2022; Spiegel, 17.10.2022; RND, 18.10.2023.
Die Bildidee der Frauenbeine wird immer wieder kopiert
Eine Frau läuft an sechs Männern in Anzughosen und gewienerten Herrenschuhen entlang. Laut Bildunterschrift „sieht sich derzeit eine Frau sieben Männern im Vorstand gegenüber“. Nun ja.
Das Foto wurde von der dpa zusammen mit dem Artikel an viele Zeitungen geliefert und dann von den meisten genau so veröffentlicht. Ein üblicher Vorgang.
Wir haben recherchiert, wie das Foto entstanden ist:
Die Ingenieurin Martina Merz, zu diesem Zeitpunkt, am 17.11.2022, noch Vorstandsvorsitzende von Thyssenkupp, ist gerade auf dem Weg zum Redepult.
Der Bildausschnitt ist so gewählt, dass der Blick auf ihr Hinterteil geführt wird. Egal, wie sich eine Frau kleidet, welche Karrierestufe sie erreicht hat, sie wird sexualisiert: Male Gaze.
Es gibt eine Variante dieses Bildes, da sitzt der Bildschnitt eine Handbreit tiefer. Die natürliche Po-Rundung ist weggeschnitten, nun wirkt es wie das klassische Pumps-Foto, mit Blick auf die hellen Beine und die Absatzschuhe.
Es ist schon bizarr, wenn ein Foto von sechs paar Frauenbeinen in Rock und Pumps als Symbolbild für die fehlende Gleichstellung in deutschen Medienhäusern dient. Mit der Spiegelung ist es ein attraktives Foto, das schon. Aber was erzählt das Bild: Sechs Frauen besprechen in einem Flur ihre Verärgerung über die systematische Blockierung ihrer Karrieren?
Wer schon mal in einem deutschen Medienhaus war, hat eine wesentlich größere Vielfalt beim Kleidungsstil festgestellt. Die wenigsten Frauen tragen Bleistiftrock und Higheels bei der Arbeit. Dieser Kleidungskodex ist wohl eher im Businesskontext zu finden.
Und dann steht in der Überschrift zum Artikel im medienkritischen Blog 360G: „Die Mächtigen in den Redaktionen“. Wo sind sie? Nicht im Bild. Vorschlag: Tauschen wir die Frauenbeine gegen Männerbeine aus. Das passt besser zum Thema. Optimal wäre es auch nicht.
Anstelle der Pumps-Fotos wird gelegentlich die Bildidee „Aus-dem-Fenster-schauen“ gewählt. Eine Frau im Businesslook in einem Büro fotografiert, mit Handy in der Hand, ein nachdenklicher Moment. Klar doch, dass auch Chefinnen mal beim Nachdenken in die Ferne schauen.
Solch eine Aufnahme hat einen entscheidenden Vorteil: Anonymität. Das Gesicht ist nicht zu erkennen.
Bildredaktionen trauen sich nicht, echte Führungsfrauen mit allgemeinen Artikeln in Bezug zu setzen. Oder es fehlt die Zeit, ein Foto von den im Bericht genannten Personen zu organisieren. In diesem Artikel geht es um die Initiative Frauen in die Aufsichtsräte. Ein Porträtfoto der Vorständinnen von FidAR hätte hier gut gepasst.
Ehrliche Alternative: Zeigt die Männerrunden beim Vorstandsmeeting. Dann ist klar, hier fehlen Frauen!
Oft genutztes Motiv: Unbekannte Frau am Fenster
Wie es besser geht
Dieses Bild in einer Tageszeitung hat Seltenheitswert: Beim Thema Frauenquote ist eine Frau bei einer Konferenz mit Männern zu sehen. Wow!
Die Abbildung könnte als Vorstandssitzung durchgehen. Es ist ein Stockfoto, leicht erkennbar am Grinsen der Beteiligten. Das passt nicht ganz zum Wort „kämpfen“.
Fotos von geschäftlichen Besprechungen mit Frauen und Männern auf Augenhöhe finden sich oft auf den Websites von Vermögensverwaltungs- und Steuerberatungsfirmen. Diese Bilder von seriös und souverän wirkenden Frauen werden eingesetzt, um das Vertrauen der weiblichen Kundschaft zu gewinnen.
Tipp: Wer mit dem Schlagwort „woman speaking at meeting“ in Bilddatenbanken sucht, findet hunderte brauchbarer Fotos. Sie bieten mehr als eine Alternative zu den leidigen Pumps-Fotos.
Auch das ist ein gelungenes Stockfoto. Eine Frau im mittleren Alter, mit grauen Haaren, steht an der Kopfseite eines Tisches. Die Besprechung mit ihren Mitarbeitenden wirkt realistisch. Mit ihrer souveränen Körperhaltung kann die Frau als Chefin gelten. Freundlich hört sie ihrem Mitarbeiter zu.
Allerdings: Das Ganze sieht nach einer entspannten Teamsitzung aus, nicht nach einer Vorstandssitzung.
In den Führungsetagen der Wirtschaft wird doch eher ein strikter Dresscode eingehalten: Kostüm, Anzug, Krawatte. Der Artikel schlüsselt die Ergebnisse der FiDAR-Erhebung zu Aufsichtsräten in Konzernen auf.
In den Chefetagen von Startups geht es vom Kleidungsstil lockerer zu. Damit passt das Foto zur Zielgruppe von t3n, ein Medium für digitales Business und Webdesign.
Die Frau auf dem Foto ist bei einer typischen Leitungsfunktion zu sehen: Sie führt den Vorsitz bei einer Besprechung. So scheint es zumindest.
Diese Frau, in Rückenansicht fotografiert, bleibt anonym. Ebenso die nur schemenhaft erkennbaren Männer. Das ist gut so. Der Artikel widmet sich dem Buch „Machtgebiete“. 50 Führungsfrauen berichten in Interviews von Diskriminierung, die sie als Frau im Topmanagement gemacht haben. Von solchen Situationen gibt es verständlicherweise keine Fotos.
Gestellte Bilder von Konflikten zwischen Frauen und Männern wären keine Alternative. Viele Stockfotos wirken überzogen.
Außerdem gilt: Sind die Abgebildeten von Angesicht erkennbar, kann es passieren, dass sie für die Personen gehalten werden, um die es im Artikel geht. Der Pressekodex verlangt in Ziffer 2.2, dass bei einer solchen Verwechslungsgefahr das Wort „Symbolbild“ unter dem Foto stehen muss. Dieser Hinweis in der Bildunterschrift fehlt häufig. Andererseits wird er oft überlesen.
Wer „Null Frauen“ schreibt, sollte genau das zeigen. Nur Männer. Alles richtig gemacht.
In Vorständen gibt es mehr Männer, die Thomas oder Michael heißen, als Frauen. Das hat 2017 eine Studie der Allbright-Stiftung ergeben. Dieser „ewige Thomas Kreislauf“ ist bis heute nicht wirklich durchbrochen.
Berichte über die Nichterfüllung der Frauenquote sollten belegen, was Sache ist: Männer bleiben im Vorstand gern unter sich. Entsprechende Fotos wären ehrlich.
Dieses Foto im LTO-Bericht hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die drei Männer sind für Vorstände nicht alt genug. Von ihrer Körperhaltung und Kleidung ähneln sie jungen Anwälten. Das wiederum passt zur Zielgruppe der juristischen Zeitschrift Legal Tribune Online.
Dieses Stockfoto erzählt eine Geschichte: Zwei Frauen, eine jüngere und eine ältere, gehen eine Treppe hinunter. Sie unterhalten sich. Das Ambiente, der Bürokomplex und die gediegene Kleidung lassen darauf schließen, dass sie möglicherweise in einer gehobenen Position arbeiten.
Sie könnten also Topverdienerinnen sein. Das generische Maskulinum stört, im Bild sind schließlich zwei Frauen zu sehen.
Lobenswert ist die Tatsache, das die zwei Frauen mit Gesicht gezeigt werden. Obwohl es nur ein Stockfoto ist, das zur Illustrierung eingesetzt wurde.
Interessant ist die geschickt formulierte Bildunterschrift: „Deutschland debattiert über Topverdiener“. Damit wird erst gar nicht suggeriert, dass sich diese zwei Frauen selbst in der gehobenen Gehaltsklasse befinden. Noch ein Wort zu ihrem Kleidungsstil: Es passt zum Thema und zur Zielgruppe des Mediums. Die Zeitschrift Capital ist ein Wirtschaftsmagazin, dass sich an Führungskräfte wendet.
Beim Thema Frauenquote geht es um Dax-Konzerne. Warum also nicht mal das Foto einer Hauptversammlung zur Illustration verwenden? Auf der Bühne sitzt die gesamte Führungsriege. Auf einen Blick erkennbar ist: Die Frauen sind in der Minderheit.
Solche Fotos lassen sich recht einfach bei den Pressestellen der Unternehmen besorgen. Die Frage, wie viele Frauen derzeit im Vorstand sind, wird mitbeantwortet.
Vielleicht ist es nicht das prickelndste Foto. Aber es ist authentisch und aussagekräftig.
So wie sich Redaktionen die Freiheit genommen haben, die Beine der Telekom-Führungsriege (s.o.) für das Thema zu verwenden, könnten sie genauso gut das Foto einer Aktionärsversammlung zweckentfremden, wie dieses von der BASF im Handelsblatt.
Auf Stockfotos werden in der Regel Menschen abgebildet, die nur so tun, als würden sie diese Beschäftigung ausüben, sogenannte Models.
Je nach Thema ist es aber auch möglich, Porträtfotos von Spitzenfrauen einzusetzen, die tatsächlich eine Vorstandsposition innenhaben. Am besten ist es, wenn sie selbst im Text zu Wort kommen.
Ist dies nicht der Fall, müssen Überschrift und Bildunterschrift sorgfältig formuliert sein. Es muss einen Grund geben, warum genau diese Frau bei diesem Bericht mit ihrem Foto abgebildet wird.
Dieser Text der Stuttgarter Zeitung porträtiert Karin Radström, die als erste Frau den Chefsessel der Lastwagenmarke bei Daimler-Benz übernahm. Da es um sie geht, wurde das vielsagende Porträtfoto dazugestellt.
Augen auf bei der Bildauswahl
Im Bereich der gesetzlichen Quoten zeigen Sie Fotos der genannten Unternehmen. Dadurch wird die Verantwortung klar. Dieses Unternehmen mit diesem Logo hat keine Frau im Vorstand.
Oder so:
In der ausführlichen Pressemitteilung finden sich in der Regel die Namen von Frauen in den Gremien. Damit ist es möglich: Geben Sie diesen Frauen ein Gesicht.
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