Bilderkritik: Gewalt an Frauen
Das Thema Gewalt an Frauen wird häufig von den Medien aufgegriffen, rund um den Tag gegen Gewalt an Frauen, alljährlich am 25. November, und bei vielen weiteren Anlässen. Im Februar 2026 wurde die Dunkelfeldstudie LeSuBiA veröffentlicht. Das Bundeskriminalamt hat nun Daten über das Ausmaß von Gewalterfahrungen vorliegen. Frauen, junge Menschen, Personen mit Migrationshintergrund und Angehörige der queeren Community sind besonders oft betroffen. Für Aufsehen hat eine Zahl gesorgt: Frauen zeigen weniger als fünf Prozent der körperlichen und psychischen Gewalt durch (Ex-)Partner an. 95 Prozent der Gewalterfahrungen bleiben so verborgen. Neue rechtliche Regelungen (Stichwort Fußfessel, K.o.-Tropfen) sollen bald kommen. Doch es fehlt an einer ausreichenden Zahl an Frauenhäusern – und an präventiven Maßnahmen.
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hat Ende März 2026 angekündigt, dass sie mit einer Gesetzesänderung Strafbarkeitslücken bei der Verfolgung von digitaler Gewalt schließen will. Deepfakes von Mädchen und Frauen finden sich auf zahlreichen Pornoseiten im Internet. Den Betroffenen gelingt es kaum, diese Bilder und Videos löschen zu lassen und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Collien Fernandes, Schauspielerin und Moderatorin, wie auch die Jurastudentin Theresia Crone haben ihre vergeblichen Bemühungen öffentlich gemacht.
Unsere Arbeit mit Bildern
Jun.-Prof. Dr. Christine Meltzer, Hochschule Hannover, beobachtet seit Jahren, wie die Medien über das Gewaltthema berichten. Wir haben mit ihr mehrmals zusammengearbeitet. Sie hat bei Genderleicht & Bildermächtig einen Leitfaden für bessere Bilder beim Thema Gewalt an Frauen veröffentlicht.
Das Bündnis gemeinsam gegen Sexismus hat zum Weltfrauentag am 8. März 2026 den „Praxisleitfaden: Kompetent über geschlechtsspezifische Gewalt kommunizieren“ veröffentlicht. Darin eingeflossen sind viele unserer Erkenntnisse zur besseren Bebilderung beim Thema Gewalt an Frauen. Unsere Kritik an stereotypen Bildern finden Sie, wenn Sie weiterscrollen. Oder Sie springen gleich zu den positiven Beispielen.
So bitte nicht
Die Männerfaust ist das Symboldbild für Gewalt in der Partnerschaft. Das Bildmotiv wird immer wieder neu fotografiert. DAvon gibt es unzählige Variationen.
Betroffene und Expertinnen kritisieren: Solche Bilder reinszenieren die Gewalt. Dies immer wieder in den Medien zu sehen, retraumatisiert gewaltbetroffene Frauen.
Hinzu kommt: Bilder mit der geballten Faust zeigen nur die körperliche Gewalt, nicht aber die psychische Gewalt. Frauen denken dann oft: So schlimm ist es für mich nicht, er schlägt mich ja nicht.
Die Gewaltspirale beginnt mit Beschimpfungen und Drohungen. Finanzielle Abhängigkeit und die Angst um das Sorgerecht für die Kinder verhindern, dass Frauen sich frühzeitig vom gewalttätigen Partner trennen.
Gewaltbetroffene Frauen wünschen empowernde Bilder, Fotosituationen, die einen Ausweg aufzeigen.
Reinzenierung der körperlichen Gewalt
Eine Frau, die sich vor Schlägen zu schützen versucht. Sie streckt ihre schon kraftlose Hand dem gewalttätigen Mann entgegen. Sie scheint zu sagen: Bitte nicht schlagen! Diese Inszenierung ist problematisch: Sie kann auf Gewaltbetroffene retraumatisierend wirken.
Dieses Foto ist zu einem weiteren Symbol für das Thema der Gewalt durch den (Ex-)Partner geworden. Es wandert durch sämtliche Medien. Das kollektive Bildergedächtnis schickt den Betrachtenden sekundenschnell die Einordnung: Hier geht es um Gewalt an Frauen.
Das Hand-Motiv gibt es auch in Abwandlungen. Mal ist hinter der Hand schemenhaft eine bedrohte oder gar verletzte Frau zu erkennnen.
Seltener ist eine ausgestreckte Hand fotografiert, mit einer aufrecht stehenden Frau. Dieses Bild hat dann eher die empowernde Botschaft: Halt, stop. So nicht!
Hände als Schutzschild
Der Klassiker für das Thema Frauenhaus: Eine Frau im Gegenlicht fotografiert, in einem Zimmer, das einer gewaltbetroffenen Frau mit ihren Kindern Zuflucht bietet. Meistens ist es keine Bewohnerin, sondern eine Mitarbeiterin, die stattdessen fotografiert wurde.
Für einen aktuellen Zeitungsbericht in einem Frauenhaus zu fotografieren, ist nahezu unmöglich. Jede Bewohnerin muss in ihrer Anonymität geschützt werden. Der Partner oder Ex-Partner soll nicht wissen, dass sie in diesem Frauenhaus Schutz gefunden hat. Auch Außenaufnahmen sind tabu, wie in diesem Artikel um das überlastete Frauenhaus in Oberhausen.
Diese gestellten Fotos wirken immer sehr traurig. Das Ankommen in der fremden Umgebung ist bestimmt schwierig. Bilder von Unterstützung und Frauenfreundschaft könnten jedoch ermutigend wirken, mit der Hoffnung auf ein neues, glücklicheres Leben. Die Flucht ins Frauenhaus war schon für viele gewaltbetroffene Frauen ein positiver Wendepunkt.
Medienberichte über Pornographie im Internet benutzen oft diese Art von Foto: Blick auf den Bildschirm eines Smartphones, Tablets oder Desktops. Die Pornoseite erscheint mehr oder weniger verschwommen, aber immer so, dass die Nacktheit der Personen noch zu erkennen ist. Manchmal sind diese Symbolbilder wie ein Schulterblick gestaltet: Der Betrachter ist im Anschnitt zu sehen.
Das Verschwommene soll einerseits einen Eindruck vermitteln, was auf solchen Websites zu sehen ist. Gleichzeitig soll es die Abgebildeten schützen. Denn es geht in der Berichterstattung über diese Art von Fotos und Videos darum, dass sie ohne deren Zustimmung erstellt, hochgeladen und weiterverbreitet werden. Mit den Möglichkeiten der KI werden nun sogar Porträtfotos, die aus einer anderen Quelle stammen, auf die nackten Körper montiert. Diese Deepfakes oder Deepnudes wirken täuschend echt.
Das Problematische an diesem (verschwommenen) Blick auf die Pornoseiten ist, dass sie die Fantasie anregen. Die Bilder können für Betroffene retraumatisierend wirken.
Entsetzt und ohnmächtig
Screenshot Saarbrücker Zeitung, 24.6.2020, ©Sam Thomas, Getty Images, Stockfoto
Der entsetzte Blick aufs Smartphone ist der Klassiker zur Bebilderung, wenn es um das Auffinden von Nacktfotos im Internet geht. Der digitale Missbrauch ist kein neues Thema, wie dieser Artikel aus dem Jahr 2020 zeigt.
Mittlerweile lassen sich mit wenigen Klicks Personen digital entblößen oder die Gesichter von Kindern, Mädchen und Frauen in pornographische Szenen montieren. Mit den Mitteln der künstlichen Intelligenz ist alles möglich, jederzeit.
Viele Berichte über die negativen Auswüchse der KI nutzen Fotos, die das Entsetzen der Frauen zeigen, aber kaum Bilder, die die Hersteller von Deepfake-Pornos symbolisch darstellen. Noch seltener finden sich Symbolbilder von Männern beim Betrachten dieses digitalen Missbrauchs.
Eher noch gibt es Bilder von Jugendlichen, die mit Pornographie im Internet konfrontiert werden. Jedenfalls wird mit Überschriften und Bildunterschriften der Kontext hergestellt. Warum nicht auch bei Männern?
Wer guckt?
Wie es besser geht
Viele rote Schuhe: Pumps, Stiefeletten, Sneaker stehen verteilt auf einem öffentlichen Platz. Jedes Paar erinnert an eine Frau, die ermordet worden ist. Die symbolische Aktion gegen Femizide ist ein Bildmotiv, das häufig zum Einsatz kommt, wie hier von der Stuttgarter Zeitung.
„Zapatos Rojas“ war 2009 zunächst eine Kunstinstallation. Die mexikanische Künstlerin Elina Chauvet protestierte damit gegen Gewalt an Frauen in der Stadt Ciudad Juarez, wo hunderte Frauen über Jahre entführt, vergewaltigt und ermordet wurden. In Deutschland wird statistisch gesehen jeden dritten Tag eine Frau getötet, nur weil sie eine Frau ist. Das Aufstellen roter Schuhe wurde weltweit zum Symbol für den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt.
Ein Schild, das sagt: „Gewalt ist keine Liebe“ hat eine stärkere Aussage als die oben erwähnten Bilder der geballten Faust. Politischer Protest, in Gemeinschaft und auf der Straße, solche Demobilder haben eine große Kraft und eine positive Ausstrahlung.
Fotos von Demonstrationen können mühelos auch dann zur Bebilderung verwendet werden, wenn nicht gerade über eine Protestaktion berichtet wird, wie in diesem Artikel. In jeder Bilddatenbank befinden sich Demobilder mit aussagekräftigen Schildern.
Empowernde Bildsituationen ermutigen, sich aus der Spirale der Gewalt zu befreien: Bilder mit der Botschaft des Widerstands gegen Gewalt an Frauen und der Solidarität unter Frauen.
Aufforderungen
Eine Frau in einer abwehrenden Haltung, ihr Gesichtsausdruck ist entschieden. Sie ist weder verzweifelt, noch sichtbar verletzt. Diese Szene könnte Frauen Mut machen, sich einem Streit mit dem Partner entgegenzustellen: frühzeitig NEIN sagen, die Situation beenden, bevor es zu einer Gewaltspirale kommt.
Dieses Bild ist eine Alternative zu den vielen Fotos, bei denen eine Frau ihre Hand in Richtung der Kamera streckt. Es ist wesentlich positiver. Es trifft den Wunsch von Betroffenen, empowernde Bilder in den Medien zu sehen.
In dem Artikel des Tagesspiegel geht es um Trainings zur gewaltfreien Lösung von Konflikten in der Partnerschaft.
Ein ungewöhnliches Bild, das auf die ARD-Fernsehdokumentation „Woher kommt die Wut auf Frauen?“ aufmerksam macht.
Ungewöhnlich, weil die Emotion eines Mannes gezeigt wird: sein Schreien, seine Wut. Dies ist eine Alternative zur sonst üblichen Inszenierung aus der Perspektive des Gewalttäters: Das Gesicht des Mannes ist nie zu sehen, nur seine bedrohliche Faust.
Kritik: Auch diese Collage ist eine Reinszenierung von Gewalt. Braucht es das wirklich?
Schutz im Frauenhaus
Screenshot DIE ZEIT, 15.11.2023, ©Marzena Skubatz
Zwei Frauen in der Rückenansicht. Eine der beiden trägt ein Kopftuch, sie hat den Arm um die Schulter der anderen gelegt. Die Bildunterschrift klärt auf: Es sind die Leiterinnen eines Frauenhauses. Sie möchten ihre Anonymität wahren und sind deshalb von hinten fotografiert. Ebenfalls erwähnenswert: Dieses Foto dokumentiert eine vorgefundene Situation. Es ist kein Symbolbild aus einer Bilddatenbank. Das Foto ist der Aufmacher zu einer Reportage über ein Frauenhaus.
Das Bild erzählt noch mehr: Die Körperhaltung hat etwas Beschützendes. Dies enthält eine wichtige Botschaft: Im Frauenhaus finden Betroffene den Schutz, den sie brauchen. Und: Muslimische Frauen haben hier auch eine Ansprechpartnerin, denn die Kopftuchtragende ist selbst Muslima.
Ein neutrales Bild, das dennoch Aufmerksamkeit für das Thema der geschlechtsspezifischen Gewalt erzeugt. Das ist ein neuerer Trend: Stimmungsvolle Fotos oder Grafiken zu zeigen, ohne individuelle Personen sichtbar zu machen. Symbolische Darstellungen ermöglichen es, indirekt auf die Realität von Gewalt hinzuweisen.
Bei näherer Betrachtung lässt sich dieses Bild jedoch mit der Angst vor einem nächtlichen Überfall in einer dunklen Straße in Verbindung bringen. Dabei passieren die meisten Gewalttaten im sozialen Nahraum, so wie der Artikel die häusliche Gewalt thematisiert und das Gewalthilfegesetz.
Dreimal hinschauen bei der Auswahl der Bilder ist unverzichtbar – und immer überprüfen: Passen Text und Bild zueinander, oder transportiert das Bild eine gegensätzliche Information?
Assoziative Lösungen
Graphische Lösungen
Wie Websites mit Deepfake-Pornos aussehen, ist bereits bekannt. Nach dem Bekanntwerden der Strafanzeige von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen gab es viele Berichte über digitale Gewalt. Bildredaktionen gaben sich große Mühe, mit einer neuen Bildsprache die Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken.
Für diesen Artikel wurde das Profilbild einer jüngeren Frau gewählt. Es zeigt sie konzentriert. Zugleich lösen die schlierenhaften Verzerrungen ihres Gesichts Assoziationen aus: Wie fühlt sich das an, wenn du gefälschte, sexualisierte Bilder und Videos von dir im Internet entdeckst: Bist du verletzt und wütend, fühlst du Ohnmacht? Oder hast du die Kraft, dich zu wehren? Welche Möglichkeiten gibt es? Sammele dich, konzentrier dich. Tu was.
Solche, eher graphische Bilder, haben eine andere visuelle Kraft, als nachgestellte Szenen. Etwa die, wenn eine Frau, mit dem Smartphone in der Hand, ihr Entsetzen zeigt.
Graphische Lösungen beim Thema digitale Gewalt
Gewalt gegen Frauen
Leitfaden für bessere Bilder
Bildermächtig-Fotoprojekt Femizid
Elli ist tot
Augen auf bei der Bildauswahl
Zeigen Sie nicht nur bedrohliche Situationen, sondern betonen Sie auch den Prozess der Aufarbeitung und Heilung. Bilder können eine positive Stimmung und den Mut der Betroffenen vermitteln, Strategien zur Überwindung von Gewalt zu entwickeln.
Ideen und Impulse
Stereotypen und Klischees beim Bebildern vermeiden? Wir haben zahlreiche Leitfäden und Checklisten für Sie zusammengetragen.
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