Bilderkritik: Arbeiten im Homeoffice
Die Coronakrise hat die Büroarbeit revolutioniert. Aus der Not geboren, hat sich das Arbeiten von zuhause aus etabliert. Digitale Verbindungen aller Art machen es möglich. In der Folge stehen heute tageweise ganze Büroetagen leer. Die Mitarbeitenden sind am heimischen Schreibtisch eingeloggt und fleißig.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Zeitersparnis weil An- und Abreise entfallen, mehr Flexibilität, was gerade für Eltern sehr praktisch ist. Konzentriertes Arbeiten ist aber nur möglich, wenn die Kinder nicht zuhause sind. Gerade mit Babys und Kleinkindern kann Homeoffice nervenaufreibend sein. Für Mütter wie Väter.
So bitte nicht
Beim ersten Lockdown während der Corona-Pandemie mussten von einem auf den anderen Tag viele Erwerbstätige ihre Arbeit im Homeoffice fortsetzen. Auch die Kinder mussten zuhause bleiben, Kitas und Schulen blieben geschlossen.
Symbolfotos wie dieses wurden produziert, um über die ungewohnte Arbeit im Homeoffice berichten zu können. Das Foto ist allerdings wenig realistisch: Konzentriertes Arbeiten mit einem so kleinen Kind daneben ist nicht möglich. Nach wenigen Minuten wird es die Mutter stören. Fotos aus dieser Serie werden weiter benutzt, so 2025 zum Thema Vereinbarkeit von Kind und Karriere.
Kritik: Während der Coronakrise fehlten realistische Bilder zur Situation von Familien mit mehreren Kindern, quasi eingesperrt in zu kleinen Wohnungen, mit nur einem Laptop für Homeoffice und virtuellen Schulunterricht.
Cooler Papa, cooles Ding. Vater führt dem Sohnemann irgendwas am Laptop vor. Was stimmt an dem Bild nicht? Es ist kein Homeoffice, der Vater arbeitet gerade nicht. Vielleicht will das Kind wissen, was Papa mit dem Laptop macht und bekommt es gezeigt.
Nun gut, das wäre ein Nebeneffekt des Homeoffice. Kinder erfahren, was ihre Eltern beruflich machen, wie sie ihr Geld verdienen. Väter übernehmen im Homeoffice mehr Verantwortung für die Kinder, über eine enstsprechende Studie berichtet der Artikel.
Diese Wir-spielen-am Laptop-Situationen bebildern oft fälschlicherweise das Thema Papa im Homeoffice. Hartnäckig haben haben wir weiter gesucht und dann doch Symbolbilder mit Arbeitssituationen gefunden. Nur: Wie lange geht das gut?
Entspanntes Arbeiten? Das täuscht.
Wie es besser geht
„Machen wir uns ehrlich“, haben sich wohl zahlreiche Redaktionen im Nachgang zur Coronakrise gesagt: Beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf zeigen sie mittlerweile Fotos mit genervten Müttern und nervigen Kleinkindern. Seit den Lockdowns wissen es alle: Homeoffice ist kaum machbar, wenn die Kinder zuhause sind, etwa weil die Kita mal wieder geschlossen hat. Es sind ganz normale Kinder, die Aufmerksamkeit wollen. Das Prinzip der ruhigen Konzentration beim Arbeiten am Laptop verstehen sie noch nicht.
Allerdings gelingt es Vätern eher, sich aus dem Familienchaos zurückzuziehen. Der Mentalload bleibt bei den Müttern. Sie vollführen den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice. Oder sie verschieben ihre Erwerbsarbeit auf abends, wenn die Kinder im Bett sind. Besser noch: Es gibt Papatage und es gibt Mamatage. Da geht die Mutter ins Büro und hat keine Familienpflichten, Mom Guilt inklusive – bin ich noch eine gute Mutter? Darum geht es in dem Artikel.
Stresstest Homeoffice
Ein Bild mit Seltenheitswert, obwohl es eine realistische Situation ist. Babys lieben es, Erwachsenen die Brille von der Nase zu zerren. Richtig schwierig wird es, wenn Papa mit Kind auf dem Arm am Laptop arbeiten will. Das Kind quengelt, die Videokonferenz wird zum peinlichen Stresstest. Müttern geht es genauso. Homeoffice mit krankem Baby ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Das Foto bebildert die Ausnahmesitution, dass Papa beim kranken Kind zuhause geblieben ist. Das passt zum Artikel, der deutlich fomuliert: Auch Väter haben das Recht auf Kinderkrankentage. Sie sollten sie nutzen und nicht einfach auf die Mütter übertragen – was rechtlich erlaubt ist.
Es ist mühsam, solche Krisen-Bilder in den Bilddatenbanken zu finden. Es gibt zwar etliche Fotos von Vater und Kind vor dem Computer. Die Situation ist jedoch eher lässig und freundlich verspielt. Das problematische Homeoffice lässt sich so nicht bebildern.
Mama mit Baby am Laptop, während Papa die Küche aufräumt. Die etwa fünfjährige Tochter hilft, die Spülmaschine einzuräumen. Ein Foto, das den üblichen Stereotypen zuwiderläuft. Gut so.
Ob allerdings die Mutter bei der Lärmkulisse ernsthaft Homeoffice machen kann, ist fraglich. Egal, sie schaut gerade ziemlich konzentriert auf ihren Laptop. Außerdem vermittelt das Foto die Idee, wie modernes Familienleben aussehen sollte: Alle teilen sich den Haushalt.
Das ist im Homeoffice, den vielen Berichten gestresster Mütter nach, nicht immer gegeben. Viel zu oft bleibt die Carearbeit an den Frauen hängen, auch wenn die Väter, genau wie sie, den ganzen Tag zuhause sind.
Der Artikel berichtet allerdings über eine interessante Studie: Wenn beide Eltern im Homeoffice arbeiten, sinkt der „zeitliche und organisatorische“ Aufwand. Das steigert die Bereitschaft, mehr Kinder zu bekommen.
Die Mutter arbeitet, der Vater spielt mit dem Baby. Auch so geht Arbeitsteilung im Homeoffice, das vermittelt das Bild. Interessanterweise lobt der Artikel bereits nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 eine Besonderheit: dass Frauen bei ihrer beruflichen Arbeit produktiver waren, weil ihre Männer „mehr im Haushalt geholfen haben“.
Nun ja, „helfen“ sollen Männer nicht, sondern ihren Anteil erledigen. Unaufgefordert, partnerschaftlich. Diese Dimension sieht der Text aus dem Jahr 2020 nicht.
Interessant aber ist bei dem Foto: Es zeigt eine Schwarze Familie. Bilder wie diese gibt es beim Thema Homeoffice äußerst selten. Üblicherweise – und das belegt auch unsere Bildersammlung – werden weiße Frauen und Männer zusammen mit ihren weißen Kindern abgebildet. Ethnische Vielfalt, wie sie längst auch in Deutschland Alltag ist, fehlt im Bild.
Augen auf bei der Bildauswahl
Bilder und Fotos sind wirkungsvolle Kommunikationsmittel. Deshalb ist es wichtig, auch mit Bildern keine Geschlechterstereotype und Vorurteile zu verbreiten. Pflegen Sie eine faire Bildsprache, indem Sie geschlechtergerechte Bilder oder Illustrationen verwenden.
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