Textlabor #18

Mitgliederin – geht das?

Bei Schriftstücken, die ausschließlich Frauen betreffen, können durchgehend weibliche Personenbeschreibungen verwendet werden. Uns erreichte allerdings eine Frage von Astrid. Sie schreibt:

„Kürzlich las ich in einem Protokoll meines Frauenverbandes die Begriffe “Gästin“ und “Mitgliederin“. Das ist doch wohl des Guten zu viel, oder?“

Guten Tag Astrid,

„Gästin“ klingt auch in unseren Ohren unüblich, steht aber als feminines Pendant zu „Gast“ im Duden. Im Allgemeinen wird das Wort „Gast“ bzw. „Gäste“ als geschlechtsneutraler Oberbegriff empfunden, vergleichbar dem Wort „Person“. Die deutsche Sprache bietet jedoch durch das Anhängen von „-in“ die Möglichkeit, das weibliche Geschlecht sprachlich sichtbar zu machen. Gegen das Wort „Gästin“ spricht also nichts. Es kann gut sein, dass sich die weibliche Form mehr und mehr durchsetzt.

„Mitgliederin“ dagegen geht gar nicht. Schauen wir den Wortteil „Glied“ näher an. Es bezeichnet „Teil eines Ganzen“, so das Herkunftswörterbuch des Duden oder auch das „Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache“, das den deutschen Wortschatz seit 1600 verzeichnet. Gemeint sind Körperteile im Sinne von Gliedmaßen, aber auch Teile einer Organisation oder Vereinigung. Bei letzteren wird die Bezeichnung „Mitglied“ verwendet.

Das Wort „Mitglied“ ist sächlich und damit ein geschlechtsneutraler Oberbegriff. Warum also ein „-in“ anhängen? Die in Ihrem Verband aufgekommene Variante „Mitgliederin“ macht das „Mitglied“ durch Anhängen von –er zunächst männlich, und dann durch Ergänzen von –in weiblich. Wenn, dann bitte: „Mitgliedin. Aber ganz ehrlich? Das ist alles Humbug!

Im Plural, bei „Mitgliedern“, sagt uns das Sprachgefühl, könnte auch „Mitgliederinnen“ richtig sein. Wir haben uns ja schon an Vieles gewöhnt. Der Duden aber sagt: Machen Sie das bitte nicht!

Wir haben noch einen Aspekt für Sie: „Glied“ ist auch die deutsche Bezeichnung für das männliche Geschlechtsteil. Deshalb entzündet sich gelegentlich feministisches Unbehagen am Wort „Mitglied“. Es kann verstanden werden als Wort für: „Personen mit Glied“. In Frauenbewegungskreisen der 70er und 80er Jahre machte alternativ zum „Mitglied“ das Wort „Mitklit“ die Runde, eine Abkürzung von „mit Klitoris“. Eine Witzelei, die sich nicht weiter durchgesetzt hat.

Für reine Frauenvereinigungen bleibt deshalb beim Verwenden des Wortes „Mitglied“ ein gewisses Unbehagen. Wir kennen das aus unserem Verband, dem Journalistinnenbund. Einige von uns schreiben alternativ über unsere Mitglieder als „Kolleginnen“ oder „jb-Frauen“. In der Satzung steht selbstverständlich „Mitglied“. Es ist das rechtlich verbindliche Wort.

Wie so oft beim gendergerechten Schreiben ist die Suche nach Synonymen besser als Wörter zu verbiegen. Vielleicht diskutieren Sie mal in Ihrem Verband über sprachliche Standards – und Alternativen. Das wird sicher spannend.

Grüße von Frauenverband zu Frauenverband
Team Genderleicht

Gut zu wissen: Im Deutschen Frauenrat (DF) als Dachverband sind rund 500.000 Frauen aus 59 Frauenverbänden und -vereinen organisiert. Auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Sprache hat der DF für alle Texte den Genderstern eingeführt. 

 

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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