Textlabor #5

Symmetrie beim Gendern

Uns erreichte die Bitte nach einer Einschätzung bei dem folgenden Anliegen:

„Wir fragen uns gerade, ob es „Schirmfrau“ oder „Schirmherrin“ heißen sollte.“

Was wir hieran sehr schön sehen: Die deutsche Sprache spiegelt bis heute Gesellschaftsordnungen längst vergangener Zeiten wider – Zeiten, in denen Männer das Sagen hatten und Frauen in der Hierarchie den Männern nachgeordnet waren. Das könnte ein Grund dafür sein, dass sehr oft die grammatikalisch weibliche Form von der männlichen abgeleitet wird, maskuline Basislexeme also feminisiert werden wie bei „Herrin“. Andersherum scheint das nicht möglich: Wenn Männer rein weibliche Berufe ergreifen, werden neue Worte für sie geschaffen. So wird der männliche Kollege der Krankenschwester nicht etwa „Krankenbruder“ genannt, sondern Krankenpfleger, eine männliche Hebamme ist kein „Hebammer“, sondern „Geburtshelfer“.

Aber was bedeutet das nun für Ihr konkretes Beispiel? Rumjammern hilft uns ja nicht weiter. Eines vorweg: Beide Wörter – sowohl „Schirmherrin“ als auch „Schirmfrau“ stehen im Duden. Allerdings scheint die „Schirmherrin“ häufiger verwendet zu werden. Das geht zumindest aus der Betrachtung der Kategorie „Häufigkeit“ der Onlineausgabe des Dudens hervor. Diese Häufigkeitsangaben sind computergeneriert und basieren auf einer digitalen Volltextsammlung mit mehr als drei Milliarden Wortformen aus Texten der letzten fünfzehn Jahre, die unterschiedliche Textsorten (Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge, Romane und Sachbücher etc.) zu Grunde legen. Laut dieser Erhebung wird „Schirmherrin“ interessanterweise in derselben Häufigkeitskategorie geführt, wie „Schirmherr“.

Das Problem, das dieser Frage zugrunde liegt, hat etwas mit der Symmetrie der Bedeutung zwischen den Geschlechtern zu tun: Das Wort „Frau“ ist zwar bei Eigennamen die weibliche Entsprechung zum männlichen „Herr“ – z.B. Frau Meier und Herr Meier – aber liegt hier tatsächlich eine Symmetrie vor? Das „Gegenstück“ zu „Frau“ ist „Mann“ und das höfliche Gegenstück zum „Herr“ ist die „Dame“. Deutlich wird das bei der Anrede: „Sehr geehrte Damen und Herren“. In der direkten Anrede – „Das ist Dame Meier“ klingt „Dame“ jedoch irgendwie fehl am Platze. Und „Herrin“? Das klingt eher nach einer weiblichen Person, die über etwas „herrscht“. Eine Frau mit „Herrin“ anzusprechen, klingt devot und definiert eine Hierarchie.

Und noch ein Blick in die Etymologie! Zwar scheint „Frau“ auf den ersten Blick der „Herrin“ und der „Dame“ nicht gleichwertig zu sein, doch keineswegs ist die Anrede „Frau“ eine Diskriminierung. Im Mittelalter galt die Anrede „Frau“ als Ausdruck gesellschaftlicher Höherstellung gegenüber dem gewöhnlichen „Weib“. Während dem „Weib“ heute etwas Negatives anhaftet, war das einmal eine gebräuchliche Bezeichnung für „gewöhnliche“ Frauen. Doch Sprache verändert sich, aus Weibern wurden Frauen und ab 1600 gab es in Deutschland auch „Damen“. Das französische Wort „Dame“ leitete sich vom lateinischen „domina“ ab – was wiederum mit „Herrin“ übersetzt werden kann.

Also „Schirmdame“ als Pendant zum Schirmherrn? Es klingt vornehm und wäre machtsymmetrisch. Es steht aber nicht im Duden und außerdem haftet „Damen“ ein bestimmtes Image an, das nichts mit „Herrschaft“ gemein hat – oder haben Sie schon mal was von der Damenschaft von Katharina der Großen gehört?  Nein? Das könnte daran liegen, dass „Herrschaft“ nicht von „Herr“, sondern von „herrschen“ abgeleitet wird. Eine Herrschaft kann demnach sowohl von Männern und Frauen ausgeübt werden, dasselbe müsste auch für die „Schirmherrschaft“ gelten. Im Gegensatz dazu definiert der Duden „Frauschaft“ als ein aus weiblichen Mitgliedern bestehendes Team. Verwendet wird das Wort bislang noch selten als Pendant zur „Mannschaft“. Das Wort „Damenschaft“ oder „Damschaft“ kennt der Duden nicht.

Ganz pragmatisch empfehlen wir daher die Formulierung „Schirmherrin“. Für den Fall, dass Sie sich damit nicht wohl fühlen, haben wir weitere Ideen: Eine gänzlich neutrale Möglichkeit wäre das Synonym „Protektorat“ bzw. davon abgeleitet „Protektorin“ – allerdings ist dies in unserem Sprachraum zurzeit nicht sehr verbreitet. Die deutsche Entsprechung dazu lautet: „Patronat“.

Möglich sind aber auch die Varianten: „unter der Obhut von …“ oder „mit freundlicher Unterstützung von …“ – letzteres ist unser persönlicher Favorit. Wir haben es schon oft gesehen und es lenkt nicht von der eigentlichen Sache ab. Außerdem umgehen Sie damit ganz elegant die Diskussionen um „Herrin“, „Dame“ oder „Frau“.

Hilft Ihnen das weiter? Wir hoffen es!
Lieben Gruß vom Team Genderleicht

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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