Der Duden hat die Ärztin emanzipiert. Diese Berufsbezeichnung hat in der Online-Ausgabe 2021 einen eigenen Eintrag erhalten, so hat es der Verlag gerade verkündet. Die Ärztin ist nun eine „weibliche Person“, die nach einem Medizinstudium … Kranke behandelt. Der Arzt ist eine „männliche Person“, die dasselbe beruflich tut.

Emanzipation ist die Befreiung aus einer Abhängigkeit, sie bedeutet rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung: Die Ärztin ist nicht länger die Abweichung vom Arzt. Der Mann als Norm, das Prinzip MAN, wie es die Linguistin Luise F. Pusch definiert, hat ausgedient. Im beliebtesten Nachschlagewerk für deutsche Sprachregelungen ist nun auch sprachlich Wirklichkeit, was die Politikerin und Juristin Elisabeth Selbert vor über 70 Jahren im Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 2, erstritten hat: „Frauen und Männer sind gleichberechtigt.“

 

Die Emanzipation der weiblichen Berufstätigkeit

12.000 Personenbeschreibungen und Berufsbezeichnungen bearbeitet die Dudenredaktion so online seit September 2020. Eine Fleißaufgabe, die bis Ende des Jahres 2021 abgeschlossen sein soll. Und eine Kampfansage an das generische Maskulinum? Eher nein, denn schauen wir genauer hin. Der Duden ist zur Präzision verpflichtet, es ist seine ureigenste Aufgabe, der Sprachgemeinschaft zum richtigen Gebrauch des Deutschen zu verhelfen. Die generische Verwendung des Maskulinums streitet der Duden nicht mal ab, sagte Pressesprecherin Nicole Weiffen gegenüber dem Evangelischen Pressedienst epd, sie sei aber „nicht Bestandteil der lexikografischen Kategorie Bedeutung“.

Im Klartext: Der Duden gibt weiblichen Berufsbezeichnungen den Raum, der ihnen zusteht. Damit folgt er der gesellschaftlichen Entwicklung, wie Sprache es im Übrigen stets und ständig tut. In diesem konkreten Fall liegt der Startpunkt bereits in der Mitte des vorherigen Jahrhunderts.

 

Die Sprache folgt dem Recht und das Recht folgt der Sprache

Viele Frauen hatten ab den 1960er Jahren den Weg in die Berufstätigkeit eingeschlagen. In der DDR mit männlichen Berufsbezeichnungen, in der Bundesrepublik dagegen begann die Anerkennung weiblicher Berufsbezeichnungen auf der rechtlichen Ebene aufgrund eines europäischen Impulses: Der Europäische Rat hatte 1976 in der Richtlinie 76/207 EWG die Gleichbehandlung von Frauen und Männern auf der beruflichen Ebene bestimmt, kurz darauf fiel auch die rechtliche Absicherung des westdeutschen Ideals der Hausfrauenehe, wonach der Ehemann über die Berufstätigkeit der Frau allein entscheiden konnte. Eine ebenfalls 1976 erschienene Regelung des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft legte zunächst jedoch noch fest, dass in Ausbildungsordnungen die maskuline Form der Berufsbenennung als neutral verwendet werden soll. 1980 war damit Schluss.

Das Bürgerliche Gesetzbuch wurde um § 611 b ergänzt, wonach Arbeitsplätze nicht mehr ausschließlich für Männer oder allein für Frauen ausgeschrieben werden dürfen. Dementsprechend erfolgte die Anpassung der ministeriell bestimmten Ausbildungsverordnungen: In die Liste der anerkannten Ausbildungsberufe wurden weibliche Formen aufgenommen. Die meisten Berufsbezeichnungen wurden weiblich durch ein Anhängen von /-in. Wo dieses Suffix nicht passte, etwa bei Berufen, die auf -mann enden, gab es Neuschöpfungen, wie “Reiseverkehrskauffrau” (vgl. Bundesgesetzblatt I, Nr. 57, vom 26.9.1979). Dieses neue Wort irritierte anfangs sehr, die Älteren werden sich erinnern.

In der DDR dagegen blieb die männliche Berufsbezeichnung die Regel. Frauen nannten sich Ingenieur, Kranführer oder Arzt und sahen dies auch stolz als Anerkennung ihrer gleichwertigen Arbeit. Die DDR-Sprachregelung war jedoch nicht von Dauer: Bis zum Mauerfall hatte sich in Westdeutschland die Differenzierung zu weiblichen Berufsbezeichnungen so weit durchgesetzt, dass mit der Wiedervereinigung die ostdeutsche Anerkennung des Maskulinums als geschlechtsneutrale Berufsbezeichnung keine Überlebenschance hatte.

 

Die Müllerin war keine Müllerin

Wenn wir eine Frau im Arztkittel sehen, sagen wir spontan: „Das ist eine Ärztin“. Die Frau an der Kasse ist „eine Kassiererin“. Das sprachliche Markieren des Weiblichen durch die sogenannte Movierung ist ganz typisch im Deutschen und das seit langer Zeit. Das Anhängen des Suffix -in war schon im Althochdeutschen bekannt, damals noch als -inne oder -inna. Mit dem Suffix war ursprünglich nicht die eigene Berufstätigkeit gemeint, sondern die Angehörigkeit zum Ehegatten, der den Beruf ausübt, so Marketa Dadkova in ihrer linguistischen Diplomarbeit. Gemeint ist die Zeit, als Frauen überwiegend den Haushalt lenkten und Männer außerhäusig ihren Berufen nachgingen – sei es als Handwerker: Müller, Schreiner, Schuster oder in gehobenen Berufen: Amtmann, Pastor, Kaufmann. Die „Müllerin“ war die Frau des Müllers. In diesem Sinne ist auch die „Amtmännin“ zu verstehen, die Friedrich Schiller in seinen Gedichten und Theaterstücken oft auftreten lässt: Die Ehefrau des Amtsmanns. Reine Frauenberufe erhielten dagegen eine eigene Bezeichnung wie Hebamme oder Krankenschwester.

Dieses unselbständige Anhängsel wie noch bei der Müllerin ist längst Geschichte. Eine Ärztin ist heute eine „weibliche Person, die nach Medizinstudium und klinischer Ausbildung die staatliche Zulassung (Approbation) erhalten hat, Kranke zu behandeln“. So definiert der Duden online die Ärztin. Die Journalistin wird da noch als „weibliche Form zu Journalist“ definiert. Es dauert aber sicher nicht mehr lange, dann ist auch das von der Dudenredaktion geändert.

 

Fazit

Die Bundesagentur für Arbeit führt lange Listen der Ausbildungsberufe mit der Schrägstrichlösung: Bäcker/-in und Bankkaufmann/-kauffrau. Es gibt auch neutrale Berufsbezeichnungen wie die Bestattungsfachkraft. Die Dudenredaktion dagegen hat sich zur selbstständigen Definition von weiblichen Berufsbezeichnungen entschieden. Das ist ihr Beitrag zu mehr Chancengleichheit im Beruf, wie Linguistin Gabriele Diewald im Spiegel auch im Hinblick auf zahlreiche Studien zur Berufswahl erläutert.

Ob das Maskulinum generisch, also im Sinne eines allgemeingültigen Oberbegriffs, gebraucht werden kann, ist damit nicht entschieden. Die Duden-Redaktion hat Vorschläge zum geschlechtergerechten Formulieren in seiner jüngsten Auflage publiziert, gedruckt wie online, denn an vielen Textstellen ist ein generisches Maskulinum nicht präzise genug. Und auch hier bei Genderleicht dreht sich alles um die Frage – wie können wir sprachlich für mehr Sichtbarkeit von Frauen und überhaupt allen Geschlechtern sorgen. Wir haben dazu jede Menge guter Ideen.

 

Recherche: Katalin Valeš

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Diskussion zur Duden-Initiative in unserer Rubrik Gesprächsstoff

Mehr zur Movierung in der Wikipedia

Textlabor #22: Hallo Duden: Alles weiblich?

Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin mit dem Glottisschlag sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine einfache und elegante Lösung findet sich immer.

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