Textlabor #23

Der*die Reporter*in
Jede*r Reporter*in

Uns erreichen immer mal wieder Fragen zur richtigen Verwendung des Gendersternchens – dann wenn es im Text irgendwie komisch aussieht oder wenn es sich beim Sprechen nicht richtig anfühlt. Die Textlabor-Frage von Nicole bringt das Problem auf den Punkt:

Ich verzweifle immer bei den Artikeln: Der*die Reporter*in? Ein*e Reporter*in? Jede*r Reporter*in?
Liest und spricht sich nicht flüssig. Soll ich gendern oder nicht?

Liebe Nicole,

das Gendersternchen macht Probleme. Ja! Und zwar im Singular. Im Textlabor, Kategorie Grammatik, haben wir Lösungen dazu schon mehrfach diskutiert und empfehlen immer: setzen Sie das Sternchen nur im Plural ein. Ihre Fragestellung macht uns aber klar, wir sollten den Grund dafür mal im Detail erklären. Was jetzt kommt, klingt sehr nach Deutschunterricht 4. Klasse. Aber es hilft nichts, wir müssen da durch:

In der deutschen Sprache werden alle Substantive dekliniert und zusätzlich der vorangestellte bestimmte oder unbestimmte Artikel, also: der, die, das, oder eine, einer. Die gleiche Beugerei findet bei den Pronomen statt, wie: jede und jeder etc. Und das alles sowohl in der Einzahl wie in der Mehrzahl des Hauptwortes, also sowohl im Singular wie im Plural. Als Muttersprachler*innen haben wir damit keine Probleme. Wir machen das alle automatisch richtig, nur beim Verwenden des Gendersternchen müssen wir nachdenken. Beim Gender-Gap, Binnen-I oder Gender-Doppelpunkt ist es übrigens genau das Gleiche.

Die Tücke liegt darin, dass sich beim Deklinieren von weiblichen und männlichen Wörtern die jeweiligen Artikel stark voneinander unterscheiden. Beim Genitiv verändert sich oft auch noch das männliche Hauptwort, weil ein „s“ oder ein „n“ (wie in „die Meinung des Experten“) angehängt wird:

der Reporter – die Reporterin
des Reporters – der Reporterin
dem Reporter – der Reporterin
den Reporter – die Reporterin

Spielen Sie das selber mal mit „eine und einer“ und „jede und jeder“ durch.

Wollen Sie hier das Gendersternchen setzen, gibt es ein unleserliches Kuddelmuddel, wie Sie selbst festgestellt haben. Schnell verlieren Sie den Überblick und Sie fragen sich – ist das noch richtig?
„… das war die Meinung des*der Reporters*in“

Beim Plural ist dagegen der Artikel zum männlichen und weiblichen Substantiv von Nominativ (1. Fall) bis Akkusativ (4. Fall) jeweils derselbe:

die Reporter – die Reporterinnen
der Reporter – der Reporterinnen
den Reportern – den Reporterinnen
die Reporter – die Reporterinnen

Im Plural benötigen Sie deshalb nur das Sternchen zwischen dem Wortstamm und der weiblichen Endung und keines beim Artikel:
„… das war die Meinung der Reporter*innen“

Achtung beim Dativ im Plural:
„… sie gab den Reportern*innen Auskunft.“
So liest es sich komisch. Machen Sie mal die Weglassprobe und lassen das Sternchen weg: es ergibt sich nur Murks. Tipp: auf das Dativ-„n“ verzichten. Die Sprachgemeinschaft akzeptiert bereits dies:
„… sie gab den Reporter*innen Auskunft.“

Sie verstehen nun warum wir empfehlen, das Gendersternchen nur im Plural zu verwenden.

Ihr Textproblem ist mit dieser Antwort noch nicht ganz gelöst. Wir helfen gern mit folgenden Tricks. Fragen Sie sich:
1. Passt eine Beidnennung: eine Reporterin und ein Reporter
2. Wie wäre ein geschlechtsneutrales Synonym im Plural: journalistische Profis
3. Alternativ bietet sich eine Umschreibung an: wer eine Reportage schreibt

Auch gut: je nach Zielgruppe verkraftet ein Text durchaus mal eine scheinbar umständliche und unorthodoxe Schreibweise. Darüber zu stolpern kann ein gewünschter Effekt sein, in einer Überschrift zum Beispiel ist es ein echter Hingucker. Sie sollten Ihren Text aber keinesfalls mit Gendersternchen-Konstruktionen überfrachten. Sonst kommen Lesefluss und Lese-Spaß zu kurz.

Wir möchten Ihnen abschließend diese praktischen Anleitungen empfehlen:

Gendergerecht schreiben in sieben Schritten
und natürlich unsere Schreibtipps zum Download.

Genug Deutschstunde für heute.
Viel Erfolg beim Formulieren!
Ihr Team Genderleicht

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

Textlabor-Tipps teilen

Schreiben Sie uns!

Was liegt Ihnen auf dem Herzen? Wo wirds knifflig?

Wir veröffentlichen Ihre Frage und unsere Antwort. Selbstverständlich anonymisiert. Sie wünschen keine Veröffentlichung? Lassen Sie es uns wissen.

Veröffentlichung

Datenschutz

14 + 14 =