Textlabor #24

Der*die Reporter*in
Jede*r Reporter*in

Uns erreichen immer mal wieder Fragen zur richtigen Verwendung des Gendersternchens – wenn es im Text irgendwie komisch aussieht oder wenn es sich beim Sprechen nicht richtig anfühlt. Die Textlabor-Frage von Nicole bringt das Problem auf den Punkt:

Ich verzweifle immer bei den Artikeln: Der*die Reporter*in? Ein*e Reporter*in? Jede*r Reporter*in?
Liest und spricht sich nicht flüssig. Soll ich gendern oder nicht?

Liebe Nicole,

das Gendersternchen macht Probleme. Ja! Und zwar im Singular. Im Textlabor, Kategorie Grammatik, haben wir Lösungen dazu schon mehrfach diskutiert und empfehlen immer: Setzen Sie das Sternchen nur im Plural ein. Ihre Fragestellung macht uns aber klar, wir sollten den Grund dafür mal im Detail erklären. Was jetzt kommt, klingt sehr nach Deutschunterricht 4. Klasse. Aber es hilft nichts, wir müssen da durch:

In der deutschen Sprache werden alle Substantive dekliniert und zusätzlich der vorangestellte bestimmte oder unbestimmte Artikel, also: der, die, das, oder eine, einer. Die gleiche Beugerei findet bei den Pronomen statt, wie: jede und jeder etc. Und das alles passend zur Einzahl oder Mehrzahl des Hauptwortes, also sowohl im Singular als auch im Plural.

Als Muttersprachler*innen haben wir damit keine Probleme. Wir machen alles automatisch richtig, nur beim Verwenden des Gendersternchen müssen wir nachdenken, genauso beim Gender-Gap, Binnen-I oder Gender-Doppelpunkt. Sie werden ja an gleicher Stelle verwendet. Wer Deutsch allerdings als Zweitsprache lernt, empfindet unsere Grammatik als irre kompliziert.

Die Tücke liegt darin, dass sich beim Deklinieren von weiblichen und männlichen Wörtern die jeweiligen Artikel stark voneinander unterscheiden. Beim Genitiv verändert sich oft auch noch das männliche Hauptwort, weil ein „s“ oder ein „n“ (wie in „die Meinung des Experten“) angehängt wird:

der Reporter – die Reporterin
des Reporters – der Reporterin
dem Reporter – der Reporterin
den Reporter – die Reporterin

Spielen Sie das selber mal mit „eine und einer“ und „jede und jeder“ durch.

Wollen Sie hier das Gendersternchen setzen, gibt es ein unleserliches Kuddelmuddel, wie Sie selbst festgestellt haben. Schnell verlieren Sie den Überblick und Sie fragen sich – ist das noch richtig?
„… das war die Meinung des*der Reporters*in“

Beim Plural ist dagegen der Artikel zum männlichen und weiblichen Substantiv von Nominativ (1. Fall) bis Akkusativ (4. Fall) jeweils derselbe:

die Reporter – die Reporterinnen
der Reporter – der Reporterinnen
den Reportern – den Reporterinnen
die Reporter – die Reporterinnen

Im Plural benötigen Sie deshalb nur das Sternchen zwischen dem Wortstamm und der weiblichen Endung und keines beim Artikel:
„… das war die Meinung der Reporter*innen“

Achtung beim Dativ im Plural:
„… sie gab den Reportern*innen Auskunft.“
So liest es sich komisch. Unser Tipp: verzichten Sie auf das Dativ-„n“. Die Sprachgemeinschaft akzeptiert bereits dies:
„… sie gab den Reporter*innen Auskunft.“

Mal abgesehen vom Dativ sehen Sie nun, dass der Genderstern im Plural wenig Probleme macht.

Wir vermuten mal, Sie wollen trotzdem das Sternchen im Singular verwenden. Machen Sie es vorsichtig und nicht zu oft in Ihrem Text. Verbinden Sie dann auch den männlichen und weiblichen Artikel mit einem Genderstern. Im Genitiv wird es schwierig,  das haben wir ja schon gesagt. Versuchen Sie deshalb, solche Textpassagen zu vermeiden.

Ihr Textproblem ist mit dieser Antwort noch immer nicht ganz gelöst. Wir helfen gern mit folgenden Tricks.

Fragen Sie sich:
1. Passt eine Beidnennung: eine Reporterin und ein Reporter
2. Wie wäre ein geschlechtsneutrales Synonym im Plural: journalistische Profis
3. Alternativ bietet sich eine Umschreibung an: wer eine Reportage schreibt

Auch gut: Je nach Zielgruppe verkraftet ein Text durchaus mal eine scheinbar umständliche und unorthodoxe Schreibweise. Darüber zu stolpern, kann ein gewünschter Effekt sein, in einer Überschrift zum Beispiel ist es ein echter Hingucker. Sie sollten Ihren Text aber keinesfalls mit Genderzeichen-Konstruktionen überfrachten. Sonst kommen Lesefluss und Lese-Spaß zu kurz.

Wir möchten Ihnen abschließend diese praktischen Anleitungen empfehlen:

Gendergerecht schreiben in sieben Schritten
und natürlich unsere Schreibtipps zum Download.

Genug Deutschstunde für heute.
Viel Erfolg beim Formulieren!
Team Genderleicht

 

Mitten im Sprachwandel ist beim geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen vieles noch offen. Das Team Genderleicht recherchiert fachlichen Rat und orientiert sich bei seinen Anregungen und Empfehlungen am allgemeinen Sprachgefühl.

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