Textlabor #30

Kund*innen und Kolleg*innen

Gezeichnete Glaskolben wie aus einem Chemielabor weisen auf das Serviceangebot des Textlabors hin: Hier bespricht das Team Genderleicht knifflige Textfragen.

Beim Gendern der Wörter Kunde und Kollege entfällt der Vokal vorm Genderstern. Wiederholt erhalten wir im Textlabor irritierte Anfragen dazu:

„Bei Wörtern wie Kund*innen oder Kolleg*innen komme ich als Kunde oder Kollege nicht vor. Ich fühle mich als Mann diskriminiert.“

Schade, dass Sie sich benachteiligt, oder sagen wir besser: als falsch bezeichnet fühlen. Dass das -e am Ende von Kunde oder Kollege entfällt, ist keine böse Absicht, sondern liegt an den Wortbildungsregeln des Deutschen. Da verschwindet beim Einfügen des Gendersterns schon mal ein Vokal. Denn bliebe das -e erhalten, würden Wörter entstehen, die schwer lesbar und unaussprechlich wären: Kunde*innen bzw. Kollege*innen.

Endet dagegen eine männliche Personenbezeichnung auf einem Konsonanten, bleibt das maskuline Wort als solches erkennbar, z.B. bei Lehrer*innen oder Bürger*innen.

Wir haben beim Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS) nachgefragt. Dort haben wir erfahren:

Untersuchungen im Projekt „Grammatische Variation im standardsprachlichen und standardnahen Deutschen“ haben ergeben, dass „das neue „Gendersuffix“ -*in den gleichen Distributionsregeln wie das „alte“ Movierungssuffix -in zu unterliegen scheint, oder, anders gesagt, -in gibt hier (zumindest bisher) die Orientierung vor. Ableitungen, die direkt auf der Form Kunde aufbauen, etwa Kundein(nen), würden demnach gegen eine Regel der deutschen Wortbildung verstoßen, denn das auslautende -e bei Maskulina, gesprochen [ə], wird vor dem Movierungssuffix -in immer getilgt.

Verstanden? Nun, hier noch einmal erklärt: Üblicherweise wird eine Personenbezeichnung feminin, indem das Suffix“ -in an das maskuline Wort angehängt wird, das ist die Movierung. Das Wort Kunde hat eine Besonderheit: kund ist eigentlich ein Adjektiv; es ist ein wenig altmodisch und bedeutet: bekannt, offenbar. Daran wird das Suffix -e angehängt, damit daraus eine maskuline Personenbeschreibung entsteht: Kunde. Für die feminine Variante wird das -e durch das Suffix -in ersetzt: Kundin. Das -e entfällt, weil zwei Suffixe nebeneinander sinnlos wären. Nach dem gleichen Prinzip wird das Gendersuffix“ angehängt: Genderstern und -in; sie sind als Einheit zu sehen: Kund*in. Zack, das -e ist weg. Die Männer sind im neuen Gendersuffix trotzdem mit drin. Denn das Gendersuffix steht für uns alle. Dazu unten mehr.

Wir, das Team Genderleicht, genauso wie die Forschenden der Linguistik, beobachten, dass dies bei der Verwendung des Gendersterns meistens so gemacht wird. Vielleicht ändert sich das auch wieder, wer weiß? Eine offizielle Regel zur Verwendung von Genderzeichen gibt es bisher nicht. Wir alle, die deutsch sprechen und schreiben, sind als Sprachgemeinschaft in der Experimentalphase, wie wir sprachlich und grammatikalisch mit Genderzeichen umgehen können.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung sagt: Genderstern und Co., mitten im Wort platziert, sind der deutschen Rechtschreibung fremd. Seit seiner Sitzung im Juli 2023 stuft er Genderzeichen immerhin als „Sonderzeichen“ ein. Weil der Rat dennoch dem Genderstern die Anerkennung verweigert, kann er schlechterdings keine Regeln für den richtigen Umgang mit Genderzeichen bekanntgeben. Allerdings hat er eine Auswahl von seiner Meinung nach orthografisch nicht normgerechten Wortbildungen“ veröffentlicht. Darin kritisiert er auch auch die Wortbildung Kolleg*in bzw. Kolleg:in. Diese Liste ist nur wenigen bekannt, meist sind es Menschen, die sich beruflich mit den Feinheiten des Genderns und seinen Grenzen befassen. Viele andere, die Genderzeichen benutzen, schreiben Kolleg*innen und sprechen es auch aus.

Diese Verwendung von Genderzeichen kann als Weiterentwicklung der Sprache gesehen werden. Die deutsche Sprache gehört uns allen und sie ändert sich mit den Bedürfnissen der Gesellschaft. Interessant daran ist, dass alle, die gendern, bei der Entstehung des Wortes Kund*in bzw. Kolleg*in die allgemeinen Wortbildungsregeln mit ihrem üblichen Gebrauch beachten, wie oben beschrieben. Diese so gegenderten Wörter passen also doch zur deutschen Sprache.

Forschende des Projekts „Grammatische Variation“ des IDS weisen im Weiteren darauf hin, dass das Wegfallen des -e vor dem Movierungssuffix -in recht wenige Wörter betrifft. Dazu gehören: Gefährte, Kunde, Kollege, Pate und vor allem Personenbezeichnungen auf -loge wie Psychologe, Soziologe, Biologe sowie Bezeichnungen für Bewohner bestimmter Länder und Landschaften wie Serbe, Hesse, Sachse. Dann gibt es noch Matrose und Lotse.

Wer die Rechtsschreibregeln auch beim geschlechtergerechten Schreiben einhalten will, verzichtet bei Wörtern wie Kunde, Kollege und dergleichen auf Sternchen oder Doppelpunkt. Das Argument: Mit einer Weglassprobe wird geprüft, was vom Wort übrig bleibt: Kund oder Kolleg. Der Duden empfiehlt deshalb in seinen Ausführungen zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch die Schrägstrichlösung: Kunde/Kundin bzw. Kollege/Kollegin. Nur dies geht mit der anerkannten Rechtschreibung konform. Doch wie schon so oft gesagt: Dann fehlt der Genderstern als Zeichen der geschlechtlichen Vielfalt.

Wer die Sternchenlösung bevorzugt, kann sich auf Folgendes berufen: Beim Wegfall der Endungen geht der Informationsgehalt nicht flöten, der Wortstamm bleibt schließlich erhalten. Vergleichen Sie mal die Wörter kollegial oder Kundschaft – da wissen wir auch, worum es geht.

Weil Sie sich nicht richtig bezeichnet fühlen, bedenken Sie doch mal dies: Alle Personengruppen in einem einzigen Pluralwort gemeinsam nennen zu wollen, ist ein Kompromiss:

  • Frauen werden in der Regel durch ein Anhängsel sprachlich markiert: -in oder -innen. Das wirkt wie eine Ableitung vom Normalfall Mann. Es gibt nur sehr wenige rein weibliche Personenbezeichnungen, zum Beispiel: Krankenschwester, Hebamme, Mutter, Tante.
  • Menschen, die sich als nichtbinär verstehen, erhalten ein Sternchen. Trans- und  intergeschlechtliche Personen können auf Wunsch damit sprachlich sichtbar gemacht werden.
  • Männer müssen nur bei einigen wenigen Bezeichnungen die Endung -e abtreten, die extra für sie hinzugefügt wurde, damit das Wort maskulin funktioniert.

Mit Genderzeichen neue Wörter zu bilden, ist ein Aufeinanderzugehen aller Geschlechter und der Versuch, alle zugleich zu meinen. Kund*innen und Kolleg*innen könnten solche sprachlichen Übereinkünfte werden.

Das Projekt „Grammatische Variation“ weist noch auf Folgendes hin: Wenn ein Ausdruck nach einiger Zeit des Gebrauchs als Ganzes verstanden wird und nicht mehr aufgrund seiner einzelnen Bestandteile, ist eine „Idiomatisierung“ erfolgt. Das bedeutet: Eine Personenbezeichnung mit Gendersuffix ist als „genderübergreifend (also auch das männliche Geschlecht einschließend) gekennzeichnet“. Das verstehen dann alle spontan und sofort, ohne die Zusammensetzung weiter in Frage zu stellen. Vielleicht passiert genau das mehr und mehr bei Kund*innen und Kolleg*innen – wie übrigens bei allen anderen, mit Genderstern gekennzeichneten Wörtern.

Jetzt ist hoffentlich alles klar.
Ihr Team Genderleicht

PS: Wir als Projekt Genderleicht machen keine Genderregeln, die gibt es nur im Ansatz. Wir versuchen lediglich zu erklären, warum es fürs Gendern die eine oder andere Lösung gibt. Wie Sie es halten wollen, ist Ihre Sache.

Linktipps
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Rat und Expertise

Mitten im Sprachwandel gab es viele Fragen zum geschlechtergerechten Schreiben und Sprechen. Das Team Genderleicht hat während der ersten Projektphase 2020/21 viele Zuschriften beantwortet. Wir haben fachlichen Rat recherchiert und uns am allgemeinen Sprachgefühl bei unseren Anregungen und Empfehlungen orientiert. Wir finden: Zum Gendern ist alles gesagt. Eine Antwort auf Ihre kniffelige Frage finden Sie bestimmt im Textlabor.