Wie eine Redaktion gegen Genderstereotype ankämpft

von | 11. September 2023 | Bildermächtig, Erfahrungsberichte

Silberfarbenes Fahrrad steht parallel vor einer grauen Mauer

Wenn in Bilddatenbanken Bilder fehlen, müssen Symbolbilder die Leerstelle füllen.
© Westend61, Blend Images

Ob nackte Beine unter einem Rock zwischen Anzughosen bei einem Beitrag zur Frauenquote, eine in der Ecke kauernde Frau zum Thema Partnerschaftsgewalt oder eine Bikini-Schönheit bei Urlaubsthemen – wenn ich manche Symbolbilder sehe, entdecke ich meinen Glauben an die Hölle wieder. Dabei führt im Online-Journalismus kein Weg an Symbolbildern vorbei. Denn nicht für jedes berichtenswerte Thema findet sich ein so eindeutiges Foto wie bei einem Porträt über die Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman. Und nicht immer gibt es die Möglichkeit, eigene exklusive Bilder zu erstellen. Auch in der Nachrichtenredaktion des MDR, für die ich arbeite, greifen wir daher oft auf das Material von Bild-Agenturen zurück.

Bilder von Fahrradfahrerinnen mit Hijab gesucht

Wie mittlerweile einige Medienhäuser und auch andere Unternehmen und Institutionen hat der Mitteldeutsche Rundfunk 2019 die sogenannte Charta der Vielfalt unterzeichnet. Damit hat der MDR das Ziel einer diskriminierungsfreien Berichterstattung explizit auf die Agenda gesetzt, ebenso wie einen diskriminierungsfreien Umgang mit den eigenen Beschäftigten. Diversität ist auch ein zentraler Bestandteil der Qualitätskriterien, die Kolleg*innen und ich in einer Arbeitsgruppe für insgesamt vier Online-Redaktionen des MDR erarbeitet haben. In täglichen Feedback-Runden dürfen abwechselnd alle Mitarbeitenden unsere journalistischen Produkte wie Online-Artikel, App-Stories und Social-Media-Posts darauf abklopfen, was gut läuft und was noch verbesserungswürdig ist. Auch die Auswahl an Bildern allgemein und konkret nach Diversitätsaspekten gehört dazu.

Frauen sichtbar machen – Gleichstellungsdefizite nicht verstecken

Das heißt natürlich nicht, dass wir bereits den Zustand einer idealen Welt erreicht hätten. Aber ich bin zumindest überzeugt, dass Veränderung damit beginnt, sich Problemen und Missständen bewusst zu werden. So stellte etwa einmal eine Kollegin in ihrem Feedback fest, dass unser App-Feed an dem Tag aus sprichwörtlich „lauter alten weißen Männern“ bestand. Ein Phänomen, das jede Redaktion kennen dürfte, schon allein weil die Mehrheitsverhältnisse in machtvollen Positionen immer noch stark männlich geprägt sind. Doch das allein kann nicht immer das Argument sein. Schließlich bleibt in vielen Fällen immerhin die Wahl zwischen einem personellen oder inhaltlichen Fokus bei der Bebilderung. Ein Artikel zur Krankenhausreform kann beispielsweise ebenso gut mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wie mit einer Ärztin dargestellt werden.

Doch immer wieder ist die Bild-Auswahl eine Gratwanderung: Hätten wir das starre Ziel, genauso viele machtvolle Frauen wie Männer zu zeigen, würden wir die Wirklichkeit verzerren und nebenbei den Handlungsbedarf hin zu einer tatsächlichen Gleichstellung unsichtbar machen. Gleichzeitig muss dieses Missverhältnis selbst regelmäßig Teil der Berichterstattung sein. Erfolgreiche Frauen ebenso wie neu in die Öffentlichkeit tretende Personen dürfen nicht aus dem Blick geraten. Dabei ist Parität nur ein Aspekt, geht es um Diversität allgemein und speziell um die Gleichstellung von Frauen. Und es ist der sicherlich am leichtesten systematisch erfassbare Wert. Die von der BBC ins Leben gerufene Initiative 50:50-Challenge hat auch den MDR erreicht und im ersten Jahr konnten die beteiligten Formate von Radio, TV und Online ihren Frauenanteil von 38,1 auf 42,5 Prozent erhöhen.

Ein hoher Frauenanteil ist nicht das Ende der Klischees

Deutlich komplexer ist es dagegen, bei der Bild-Berichterstattung diskriminierungsfreie Darstellungen zu messen. Selbst wenn der Frauenanteil bei 50 Prozent läge, stellt sich die Frage: Sind tatsächlich Frauen in aller Vielfalt dargestellt oder hauptsächlich privilegiertere weiße cis Frauen der Mittelschicht? Und wie sind sie neben der rein quantitativen Erfassung abgebildet? Zeigen sich doch gerade in Bildern häufig auch subtilere gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlechterrollen. Wenn bei Gesundheitsthemen häufig Frauen abgebildet werden, ist das noch lange kein Schritt Richtung Gleichstellung.

Im Gegenteil scheint hier häufig das Klischee des vermeintlich „schwachen Geschlechts“ zu Höchstformen aufzulaufen. Der Mann als Arzt, die Frau als Patientin oder symbolisch krank im Bett liegend teilen klar in aktiv und passiv ein. Die Bildkomposition kann das Machtgefälle zusätzlich verstärken. Und immer noch prägen dabei junge, normschöne Frauen, die dem Betrachter (Frauen an der Stelle wohl wirklich eher mitgemeint) offenbar gefallen wollen, das Angebot in Bildagenturen. Auch wenn sich nach meiner Wahrnehmung zumindest schon eine Tendenz zu einer breiteren Vielfalt abzeichnet. Zum Thema Krankschreibung mal einen Mann abzubilden, ist leichter geworden als vor ein paar Jahren. Das gleiche gilt umgekehrt für Soldatinnen bei der Bundeswehr.

Auch bei Berufen spiegeln die am leichtesten verfügbaren Symbolbilder die verbreitetsten Stereotype: Kellnerinnen sind meist jung und normschön, Kellner können auch mal etwas älter sein. Als Elektrikerin, Informatikerin und in anderen „typischen Männerberufen“ sind Frauen über Bildagenturen schwer bis gar nicht zu finden. Eine Hackerin gar? Fehlanzeige. So eindeutig die Mehrheitsverhältnisse in zahlreichen Berufen sind: die Ausnahme sollte nicht völlig in die Unsichtbarkeit gedrängt werden – insbesondere mit Blick auf Role Models, die jüngeren Generationen Perspektiven aufzeigen können, um beispielsweise einen Beruf jenseits von Rollenerwartungen zu wählen.

Von Wissenslücken zu Aha-Momenten

Will ich gängige Geschlechterstereotype gezielt umschiffen, muss ich bei der Bildersuche oft etwas mehr Zeit einplanen, manchmal um die Ecke denken – und brauche durchaus auch mal etwas Frustrationstoleranz, wenn die Suche nicht das erhoffte Ergebnis bringt. Neben formelleren Feedback-Runden gehört der kollegiale Austausch fest dazu. Hier entwickeln wir neue Ideen oder werden uns eigener Wissenslücken bewusst. Einen Aha-Moment hatte ich beispielsweise einmal, als Kolleginnen von mir einen Facebook-Post über unstillbaren Hunger als Ursache für Adipositas erstellten: Als Bild wählten sie eine Person, von der lediglich das Gesicht, eine Schulter und die Hände von der Seite zu sehen sind, während die Person selbst auf das Foto eines knusprigen Hähnchens auf einem Computerbildschirm blickt. Dass der abgebildete Computer dabei mehr an die 90er Jahre als an die Gegenwart erinnerte, dürfte veranschaulichen, wie schwierig es dann doch ist, den Themenkomplex Mehrgewichtigkeit zu bebildern, ohne Menschen auf Fleischmassen reduzieren.

Auch ertappte ich mich einmal nach dem Vortrag einer Fotografin zum Thema Behinderungen bei der Frage: Könnte ich selbst anhand eines Bildes erkennen, ob eine Person nur für das Foto in einen Rollstuhl gesetzt wurde oder mit diesem durch den alltäglichen Gebrauch tatsächlich vertraut ist? Umgekehrt musste ich einmal einer Kollegin erklären, warum ich für einen Online-Artikel zum Sexualstrafrecht nach der „Ja-heißt-Ja“-Regelung gerade kein Bild von einer Frau nehmen wollte, die ihre Handfläche mit dem Schriftzug „Stopp“ in Richtung der Betrachtenden hält. Stattdessen hatte ich das Bild eines schwulen Paares und das eines heterosexuellen Paares gewählt – meine Kollegin fürchtete, gerade das Bild eines schwulen Paares könnte an der Stelle irreführende Assoziationen von Homosexualität und Übergriffigkeit wecken oder als „Provokation“ für sonstige schwulenfeindliche Reaktionen aufgefasst werden. Dass es im Artikel aber gerade um das „Ja“ und nicht um das „Nein“ ging, überzeugte meine Kollegin zumindest, beim Bild eines heterosexuellen Paares zu bleiben.

Probleme zeigen, nicht reproduzieren

Dabei zeigt das angesprochene Symbolbild mit einem „Stopp“ auf einer ausgestreckten Handfläche, wie realitätsfern die Bebilderung im Themenkomplex sexualisierte Gewalt häufig ist. Natürlich möchte ich als Journalistin die Gewalt nicht reproduzieren, indem ich einen Bericht über Erpressung mit Nacktbildern mit einer Frau in Unterwäsche bebildere. Gleichzeitig möchte ich Betroffene nicht durch die Bildsprache in eine aussichtslose Opferrolle drängen. Wie aber lässt sich darstellen, dass ein Übergriff zwar mit brachialer Gewalt, aber beispielsweise auch in einem Moment von Wehrlosigkeit erfolgen kann? Dass Betroffene sich mitunter erst nachträglich wehren können? Dass Betroffene immer noch selbstbewusst auftreten können, oder dass Täter eben meist keine Unbekannten in der Unterführung sind?

Und je mehr die #Metoo-Bewegung an Aufwind gewinnt, desto mehr stellt sich die Frage nach dem Umgang mit Tätern und Tatverdächtigen bei der Bildauswahl. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann ist dessen Gesicht derart omnipräsent geworden, dass ich schon ohne eigene Betroffenheit oder Fan-Hintergrund kurz davor war, Albträume zu kriegen. Dabei bieten Bildagenturen beispielsweise auch Fotos von Demonstrationen, die sich klar gegen sexualisierte Gewalt positionieren – sicherlich ein Anfang, um der komplexen Thematik in der Bildsprache besser gerecht zu werden.

Je mehr es aber neben der Geschlechterfrage um weitere Diversitätsaspekte geht, umso schwieriger wird es, geeignete Bilder zu finden. Will ich etwa einen Artikel zur Verkehrspolitik mit einer kopftuchtragenden Fahrradfahrerin bebildern, suche ich vergeblich. Bilder von queeren Menschen heben hingegen oft entsprechende Symbole derart in den Vordergrund, dass sich der CSD damit gut darstellen lässt, die Alltäglichkeit von queerem Leben dagegen kaum. Eine ältere schwarze Frau auf Wandertour – Fehlanzeige. Die Möglichkeiten für neue, vielfältigere und vor allem klischeefreiere Bilder sind grenzenlos.

Portrait Rebecca Nordin Mencke

© privat

Rebecca Nordin Mencke

Gastautorin

Diversität und Geschlechtergerechtigkeit sind Kernthemen der Online-Redakteurin, Autorin und Reporterin. Sie schätzt den kollegialen Austausch, um neue Ausdrucksmöglichkeiten jenseits von Klischees zu finden und ist überzeugt: Stereotypen überwinden beginnt mit dem eigenen Lernprozess.

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