Warum es nicht „Gendersprache“ heißt

von | 13. September 2022 | Gendern im Journalismus, Sprachpolitik

Zwei streitende Graureiher (Ardea cinerea) im Winter

Immer dieses Hickhack ums Gendern. Der Duden definiert das Wortgeklingel als „zermürbendes Hin-und-her-Gerede“.
© picture alliance, imageBROKER, Michael Weber

Jeanne Wellnitz greift in ihrer Kolumne „Fair formuliert“ für den Bundesverband der Kommunikatoren (BdKom) jeweils eine Frage auf, die unter Kommunikationsprofis diskutiert wird. Diesmal geht es um gendersensible Sprache im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir freuen uns, ihren Text als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen.

Begriffs-Battle

Wenn die Fetzen fliegen, ist es immer gut, zu wissen, worüber eigentlich gestritten wird. Nur dadurch ist ein Kompromiss möglich. Aktuell fliegen die Fetzen im deutschen Feuilleton: Es geht um gendersensibles Sprechen und Schreiben im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR). Der Musiker Fabian Payr hat am 30. Juli einen Aufruf veröffentlicht mit der Forderung, den Sprachgebrauch im ÖRR auf sprachwissenschaftlicher Grundlage kritisch neu zu bewerten. Im Anschluss daran titelte die FAZ: ARD und ZDF sollen von der Gendersprache lassen. Wobei „Gendersprache“ so fremd und klinisch klingt, als hätte sie mit unserer Sprache der Dichter und Denkerinnen nichts zu tun.

Unter den rund 300 Sprachwissenschaftlerinnen und Philologen, die den Aufruf unterzeichnet haben, ist auch Helmut Glück. Der emeritierte Professor für Deutsche Sprachwissenschaft kennt sich aus mit offenen Briefen. Als er im Winter 2020 einen Artikel mit dem Titel „Wissenschaftsfremder Übergriff auf die deutsche Sprache“ in der Zeitschrift Forschung & Lehre veröffentlichte, unterschrieben kurz darauf rund 200 Personen aus der Sprachwissenschaft eine Replik, die zeigte, dass es in der Linguistik eine lebendige Debatte über gendergerechtere Sprache gibt, keine einhellige Meinung. Mitnichten stehen sich also klar abgegrenzte Parteien gegenüber wie die Linguistik versus die Gendersprache.

Missverständnisse

Das Begriffswirrwarr begann womöglich schon damit, dass es im Deutschen kein Äquivalent zum englischen „Gender“ gibt. Das Substantiv gender bezeichnet das soziale (das gefühlte und gelebte) Geschlecht im Gegensatz zum sex, dem biologischen Geschlecht. Daraus entstanden im Lauf der Zeit verschiedene Adjektive, die anzeigen, wohin unsere Sprache streben könnte: gendergerecht, geschlechtergerecht, genderneutral, gendersensibel, geschlechterinklusiv, geschlechterbewusst …

All diese Wörter haben nun eines gemeinsam: Sie stehen für Strategien, durch die sich das sogenannte generische Maskulinum ergänzen oder ersetzen lässt, indem Gender vermieden wird (Beschäftigte, Team, alle, die bei uns arbeiten) oder, genau andersherum, indem verschiedene Gender benannt werden (Kommunikatorinnen, Mitarbeiter*innen). Obwohl dies gegensätzliche Vorgehen sind, werden sie unter „Gendern“ zusammengefasst und in einem nächsten Schritt häufig durch den Begriff „Gendersprache“ (meist negativ) gelabelt. Die deutsche Sprache ist jedoch ohnehin genusbasiert – und damit im Grunde stets eine Gendersprache.

Nun könnte dies alles als Haarspalterei abgetan werden, bei Umfragen jedoch ist die konkrete Fragestellung und somit die Klarheit über den debattierten Gegenstand äußerst wichtig. Wenn also das Meinungsforschungs-Start-up Civey fragt: „Sollte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (z.B. ARD) Ihrer Meinung nach ‚geschlechtergerechte Sprache‘ verwendet werden?“, ist womöglich eher gemeint: „Sollten im ÖRR der Genderstern und der glottale Plosiv verwendet werden?“ Eigentlich müsste die Frage, wie die Diversity-Beraterin Sigi Lieb es in einem Linkedin-Post formulierte, sogar lauten: „Soll der ÖRR seinen Journalist*innen verbieten, den Genderstern zu verwenden?“ Denn an das umstrittene Zeichen werden wohl die meisten denken, wenn sie gendergerechte Sprache in der Umfrage ablehnen oder eben das Wort „Gendersprache“ hören.

Die Reaktion des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache

In einer Pressemitteilung Anfang August rief das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) dann zu mehr Toleranz: „Die sprachliche Freiheit sollte uns ein hohes Gut sein“, heißt es dort unter anderem. „Die Forderung beispielsweise, der ÖRR müsse das Gendern unterlassen, läuft diesem Freiheitsgedanken gerade zuwider.“ Professorin Carolin Müller-Spitzer vom IDS hat in einem MDR-Interview eine produktivere Debatte gefordert. Einige wollen ihren Sprachgebrauch ändern, andere nicht. Beides sei okay. Sigi Lieb ergänzt auf Nachfrage: „Neben gesprochenem Genderstern leben im ÖRR auch das generische Maskulinum, die Beidnennung sowie zahlreiche neutrale Formen. Der ÖRR kommt damit also seinem demokratischen Auftrag nach.“

Es geht nun also darum, Kompromisse zu finden und Vorschläge auszuprobieren. Und nichts anderes ist der Genderstern: ein Vorschlag, um der Vielfalt in unserer Sprache Ausdruck zu verleihen.

Diese Kolumne erschien zuerst im Magazin KOM 4/2022.

Portrait Jeanne Wellnitz

© Mirella Frangella

Jeanne Wellnitz

Gastautorin

Die Journalistin und Literaturkritikerin bleibt beim Gendern immer am Ball: Jeanne Wellnitz hat beim Berufsverband der Kommunikatoren e.V. die Kolumne „Fair formuliert“. Und sie ist Autorin des Kompendium Gendersensible Sprache sowie der Journalistenwerkstatt Gendersensible Sprache.

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