Im Jahr 2020 wählte die Deutsche Forschungsgemeinschaft erstmals eine Präsidentin an ihre Spitze. Eine Präsidentin hat zum Beispiel auch die Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Und wer stört sich im Medizinbetrieb noch daran, dass das MRT von einer Radiologin gemacht wird oder eine Dermatologin die Haut-OP durchführt?

Die Realität hat sich längst gewandelt. Die Sprache, mit der wir sie abbilden, nicht wirklich. Denn das Deutsche tut sich damit in der Tat schwer. Die Unterscheidung in Nomen und Pronomen mit einem männlichem (der, sein …) oder weiblichen Genus (die, ihr …), und der grammatikalische Vorrang des männlichem Genus – bekannt als „generisches Maskulinum“ –, machen es eben nicht leicht, Mädchen und Frauen als Akteurinnen sprachlich sichtbar und gedanklich greifbar zu machen.

Zeitschriftentitel von vorgestern

Damit haben auch die medizinische Fachwelt und ihre Publikationsorgane Probleme, zum Beispiel dieses: Es ist noch nicht lange her, da empfing üblicherweise ein „Herr Doktor“ im Sprechzimmer. Und wenn er sich über neue Therapien informieren wollte, griff er zu einem Journal, das vielleicht Der Hautarzt (seit 1950) hieß oder Der Gynäkologe (seit 1968) oder Der Nervenarzt (seit 1930) oder Der Orthopäde (seit 1973) oder … Das passte, denn noch vor rund 50 Jahren waren die Ärztinnen rar gesät.

Die Zeiten ändern sich

Heute allerdings sind etwa in der Gynäkologie zwei Drittel der Ärzteschaft weiblich, in der Dermatologie sind über die Hälfte Frauen und in der Radiologie auch bereits mehr als ein Drittel. In anderen medizinischen Fachgebieten übernehmen ebenfalls immer mehr Frauen das Ruder. Doch eine Vielzahl von fachspezifischen Journalen führen wie Der Kardiologe, Der Internist usw. im Titel das generische Maskulinum und sind entsprechend männlich konnotiert.

Historisch betrachtet, ist das verständlich. Aber muss es so bleiben? Passt es in unsere Zeit, wenn Gynäkologinnen in ihrer Verbandszeitschrift Der Frauenarzt (seit 1960) so begrüßt werden:

„Der FRAUENARZT wendet sich monatlich an alle beruflich aktiven Gynäkologen Deutschlands und informiert Niedergelassene wie Kliniker zu sämtlichen praxisrelevanten Themen der Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Er ist das offizielle Organ des Berufsverbands der Frauenärzte e.V. (BVF) sowie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG).“

Da also herrscht das generische Maskulinum. Erstaunlicherweise tauchen die Ärztinnen bei den Autorenhinweisen dann plötzlich auf: „Der FRAUENARZT informiert die in Klinik und Praxis gynäkologisch tätigen Ärztinnen und Ärzte über…“

Geht doch!

Nur, warum erscheinen in der Anleitung für jene, die der Zeitschrift Der Frauenarzt einen Artikel anbieten wollen, wieder nur die Herren: „Wie reibungslos die Zusammenarbeit zwischen Autor und Zeitschrift funktioniert, ob und wie gut ein gelieferter Beitrag in den FRAUENARZT passt, ist auch eine Frage des Briefings. Die folgenden Informationen sollen unsere Autoren über wesentliche Punkte der Zusammenarbeit informieren…“

Fraglos ist es mit Aufwand und einem gewissen Traditionsbruch verbunden, den Titel einer Zeitschrift zu ändern, wenn diese bereits Jahrzehnte, teilweise über ein Jahrhundert auf dem Buckel hat. Umso erfreulicher, wenn Phantasie ins Spiel kommt – wie bei dem Magazin journalist. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat es 1951 gegründet. Aber Journalistinnen können schon seit Jahrzehnten mehr Themen anmoderieren als Mode und Familie hergeben. Sie kommentieren den „Männer“fußball, berichten regelmäßig aus Krisen- und Kriegsgebieten, sind als Intendantin oder Chefredakteurin in Führungsposition.

Mit Phantasie

Nach dem letzten Relaunch des djv-Magazins stand bei der Hälfte der 32.000 gedruckten Exemplare auf dem Cover journalistin statt journalist. Dem Zufall blieb dabei überlassen, wem jeweils welche Version einer Ausgabe ins Haus flatterte. Matthias Daniel, Chefredakteur und Verleger des Magazins, erklärte dazu:

„… der journalist heißt deshalb immer noch journalist. Das ist und bleibt unsere Marke. Aber wir haben zur Kenntnis genommen, dass sich manche von diesem Titel nicht angesprochen fühlen. Genau hier wollen wir unsere Leser*innen umarmen.“ (journalist, 2020, 1-2, S. 3)

Nicht verwunderlich ist, dass Daniel bald Leserpost – speziell von Männern – bekam, die nicht schlecht gestaunt hatten, als auf ihrem Heftcover journalistin stand und das Titelbild noch dazu einen verkniffenen Kai Diekmann präsentierte. Diesen Aufgeregten antwortete Matthias Daniel im Editorial der Märzausgabe (journalist, 2020, 3, S. 3):

„Für uns zählt hier in erster Linie das Signal. Das Signal, dass unsere Branche sich des Themas ‚gendergerechte Sprache‘ annehmen muss.“

Und dann gab es Ärger.

Signal mit juristischem Nachspiel

Das Signal aus dem Hause Deutscher Journalisten-Verband hat einem anderen Verlag nicht gefallen, der neben dem medium magazin und PR-Report auch Wirtschaftsjournalist, Schweizer Journalist und Der Österreichische Journalist herausgibt. Matthias Daniel schreibt dazu (journalist, 6, S. 3):

„Der Verlag Oberauer … hat ein Gericht bemüht. Denn das Wort ‚journalistin‘ steht einmal im Jahr auch als Zusatz auf einem Rückencover seines medium magazins. Juristen sprechen dann von Titelschutz und Verwechselungsgefahren.“

Die Folge: Das „in“ von journalistin wurde überpinselt.

 

 

Um seine juristischen Ansprüche durchzusetzen, hat der Oberauer-Verlag jüngst nachjustiert. Denn nun lassen sich drei Hefte – je eins von 2017, 2018 und 2019 – in einer Version im Shop bestellen, bei der „journalistin“ auf dem Titel prangt. Da wurde offenbar schnell arrangiert. Stünde sonst ein fehlerhaftes „für für“ in der Unterüberschrift des aktuellen Shopangebots von Oberauer für „journalistin“? Und wird da nicht vom Verlag ein wenig geflunkert? Denn wer journalistin als Printausgabe bestellt, erhält das medium magazin von Oberauer, und nur wer dann das Heft richtig dreht, hat die journalistin vor Augen.

Ein Kölner Gericht muss demnächst über die einstweilige Verfügung entscheiden, die derzeit Matthias Daniel verbietet, die halbe Auflage der djv-Zeitschrift journalist mit dem Titel journalistin zu versenden.

Wie das Verfahren ausgeht, das interessiert sicher auch Alexandra Maritza Wachter. Die österreichische Journalistin und stellvertretende Vorsitzende des Frauennetzwerk Medien hatte im Juni auf Twitter angeregt, dass der Oberauer-Verlag Der Österreichische Journalist umtauft, damit Frauen nicht nur mitgemeint sind. Und die brüskierende Antwort von Verleger Johann Oberauer: „Bestellt ein Abo! 100 bis Ende Juli und ich ändere den Titel.“

Besser so

Von solcherlei Querelen zurück zu den medizinischen Zeitschriften, bei denen übrigens manche Titel keine überholten und fehlleitenden Assoziationen wecken. Da gibt es zum Beispiel das Allergo Journal, das arznei-telegramm, Der Arzneimittelbrief, Die Gynäkologische Praxis oder die Zeitschrift für Allgemeinmedizin.

Was den Titel angeht, sind diese und manch andere auf der „sicheren Seite“. Was das Innenleben betrifft, könnte ein Blick auf www.genderleicht.de für sie mal mehr und mal minder lohnend sein. 

 

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Mitte der 1970er Jahre, als Fragen der Gleichberechtigung aus den USA nach Deutschland importiert wurden, poppte bereits die Frage der Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache auf. Ein Fund aus dem Bücherregal von Elke Brüser: Linguistische Berichte, 1978, S. 49-68, Senta Trömel-Plötz, Linguistik und Frauensprache.

Elke Brüser
Elke Brüser

GASTAUTORIN

Die Medizin- und Wissenschaftsjournalistin betreibt einen Blog über das Vogelleben in Berlin und drumherum: www.fluegelschlag-birding.de. Zu den geflügelten Lebewesen ist die promovierte Biologin über Umwege gekommen: Linguistik, Verhaltensforschung und Biokommunikation. Großgeworden in der Frauenbewegung, flankiert vom Journalistinnenbund, weiß sie, dass mitgemeint nicht mitgedacht heißt.

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