Journalismus bewegt sich in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite bilden Journalist_innen jeden Tag mit Sprache Wirklichkeit ab. Damit einher geht die Verantwortung, sich der Wirklichkeit möglichst anzunähern – auch in Bezug auf Geschlecht. Schreiben Journalist_innen ausschließlich von „Ärzten“, „Rechtsanwälten“ oder „Ingenieuren“, hat das einen Einfluss auf die Vorstellung von der Welt. Das haben verschiedenste Studien nachgewiesen. Diese Welt ist dann voller Männer – mindestens die Hälfte der Bevölkerung findet gedanklich keinen Platz.

Auf der anderen Seite soll Journalismus verständlich und für ein breites Publikum zugänglich sein. Je kürzer und knackiger, desto besser. Gendersternchen oder -Gaps sind da schwer unterzubringen. Wie also gelingt der Umgang mit geschlechtergerechter Sprache? Gefragt habe ich das vier Journalist_innen für meine Masterarbeit, in der ich einen Leitfaden für geschlechtersensiblen Journalismus entwickelt habe. Ihre Antworten:

 
Tarik Tesfu

„Eine Welt, die auf sprachlicher Ebene ganz, ganz viele Gruppen ausschließt, die ist für mich einfach nicht gerecht.“

Tarik Tesfu ist freier Journalist, bekannt geworden mit „Tariks Genderkrise“. Er hat einen eigenen YouTube-Kanal und ist in verschiedenen funk-Formaten zu sehen, wie bei Jäger & Sammler.

Facebook – ein Clip übers Radfahren wird in die Timeline gespült. Der Host: Tarik Tesfu. Der von Radfahrer_innen spricht, ganz selbstverständlich, mit kurzer Pause im Wort. Zu dieser Sprechweise zu kommen, war für Tarik Tesfu ein Prozess, der vor allem durch Wissen und Begegnungen mit Menschen vorangetrieben wurde. Für ihn ist das generische Maskulinum, also immer die männliche Form zu nutzen, „ein Zeichen von Sexismus, aber auch von Trans- und Interfeindlichkeit“. Dadurch würden viele Menschen schlicht nicht repräsentiert.

„Sag mal zu einem Journalisten, der männlich ist, Journalistin. Der wird sagen, hä, ich bin doch männlich, warum nennst du mich so? Aber bei Frauen ist das in Ordnung. Das ist so ein krasser Widerspruch in sich. Und zeigt auch wieder, wie Sexismus funktioniert.“ Deshalb nutzt er mittlerweile den Gap – um auch die Menschen ansprechen zu können, die sich nicht als männlich oder weiblich identifizieren. „Eine Welt, die auf sprachlicher Ebene ganz, ganz viele Gruppen ausschließt, die ist für mich einfach nicht gerecht.“

Das Publikum reagiert bei ihm gelassen darauf. „Und voll viele Leute sprechen mich darauf an und sagen, ey, so komisch klingt das ja gar nicht, bei dir klingt das ganz natürlich.“ Für Tarik Tesfu ist klar, dass sich Sprache immer entwickelt. Und: „Sprache ist einfach auch immer ein Spiegel von gesellschaftlichen Entwicklungen.“ Journalismus kann für ihn hier Veränderungen anstoßen – schlicht, weil viel Text produziert wird. Dabei muss es nicht gleich der Gender-Gap sein. „Es gibt ja auch Möglichkeiten, dem komplett aus dem Weg zu gehen.“ Zum Beispiel über geschlechtslose Formulierungen. Kreativität ist gefragt. Das Ergebnis ist für Tesfu: Qualitätsjournalismus.

 

Mithu Sanyal

„Es ist ok, Fehler zu machen.“

Mithu Sanyal ist freie Kulturjournalistin, Autorin und Kulturwissenschaftlerin. Sie produziert Hörspiele, Features, Kommentare und Buchrezensionen für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk, schreibt regelmäßig eine Kolumne in der taz und hat mehrere Bücher  veröffentlicht, u.a. „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ ; „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens.

Gerade im Radio ist das mit der geschlechtergerechten Sprache nicht immer leicht. Mithu Sanyal nutzt hier oft die Paarform, manchmal auch das Gendersternchen, indem sie eine kleine Pause macht. „Das fällt aber immer noch total auf.“ Anders ist das in Texten. In ihren taz-Kolumnen nutzt sie ganz selbstverständlich das Gendersternchen. Ihr fällt aber auf, dass manche Menschen dadurch ihre Kolumne ablehnen. „Weil das Gendersternchen für sie heißt: Ideologie und verbohrt, und dann ist der Inhalt total egal.“ Am Anfang ihrer beruflichen Karriere (mit Abschluss in feministischer Linguistik) konnte sie keine geschlechtergerechte Sprache nutzen. Viel geändert hat sich seitdem nicht für sie – das Thema sei in vielen Redaktionen noch nicht wirklich präsent.

Eines ist Mithu Sanyal wichtig: „Auf der einen Seite ist Sprache unser Werkzeug, deshalb sollten wir uns klar machen, was wir machen. Auf der anderen Seite merke ich immer wieder, Journalismus ist ein ganz, ganz schnelles Geschäft. Und ich finde es auch ok, Fehler machen zu dürfen.“ Wer Fehler einräumt und dann für eine Verbesserung offen ist, handelt kompetent – auch im Zusammenhang mit geschlechtergerechter Sprache.

 

Lea Susemichel

„Ich glaube halt wirklich, dass Sprache die Wirklichkeit konstituiert und dass Sprache entscheidend dafür ist, wie wir Welt wahrnehmen.“

Lea Susemichel ist leitende Redakteurin von an.schläge, feministisches Magazin in Wien, sie publiziert aber auch in anderen Medien.

Na klar, in einem feministischen Magazin ist es ganz einfach. Da erwartet das Publikum ja auch, dass geschlechtergerechte Sprache genutzt wird. Deshalb ist es bei an.schläge so: Texte müssen geschlechtergerecht formuliert werden, dabei ist es den Autor_innen überlassen, wie sie das machen wollen. Sogar Diskussionen über das Thema Sprache finden ihren Weg in das Heft. Lea Susemichel nutzt in ihren Texten unterschiedliche Formen – Hauptsache, innerhalb eines Textes ist es einheitlich. Dahinter steht aber auch eine Überzeugung. „Ich glaube halt wirklich, dass Sprache die Wirklichkeit konstituiert und dass Sprache entscheidend dafür ist, wie wir Welt wahrnehmen.“

Aus dieser Überzeugung leitet Lea Susemichel auch eine Verantwortung für den Journalismus ab. Journalist_innen sind verpflichtet, „sich Gedanken darüber zu machen, wie Sprache wirkt und was Sprache anrichten kann.“ Das betrifft dann nicht nur, aber auch die geschlechtergerechte Sprache. Was Lea Susemichel in mehreren Jahren bei an.schläge schon festgestellt hat: Diskussionen aus der feministischen Community dringen in den medialen Mainstream rein. Vielleicht ist es also genauso bei der geschlechtergerechten Sprache.

 

Antje Schrupp

„Guter Journalismus ist, die originelle Sprache und die unverbrauchten Worte wichtiger nehmen.“

Antje Schrupp ist freie Journalistin und Kolumnistin sowie in halber Stelle Chefredakteurin des Magazins Evangelisches Frankfurt. Sie hat ein Volontariat beim Evangelischen Pressedienst (epd) absolviert, war lange Hörfunkjournalistin, schreibt jetzt neben ihrer halben Stelle hauptsächlich Kolumnen und betreibt den Blog „Aus Liebe zur Freiheit“.

Am Anfang, beim Evangelischen Pressedienst, hat Antje Schrupp mal eben die inklusive Sprache bei ihrer Arbeit eingeführt. Und als ‚Dank‘ dafür von einem Kollegen ein Päckchen „Streichhölzerinnen“ geschenkt bekommen. Damals war die Idee mit der geschlechtergerechten Sprache noch ziemlich neu. Heute ist das anders. „Der Streit ums Gendern ist eher ein ideologischer geworden. Ich finde, so richtig inhaltlich wird heute ja gar nicht mehr gestritten.“ Dazu komme, dass das Argument, das generische Maskulinum meine die Frauen ja mit, heute nicht mehr so zugkräftig sei. Es gebe eben deutlich weniger exklusiv männliche Räume.

Für Antje Schrupp ist das mit der geschlechtergerechten Sprache überhaupt keine Frage. Als Chefredakteurin des Magazins Evangelisches Frankfurt legt sie fest, dass es in den Texten einfach kein generisches Maskulinum gibt. Stören tut das niemanden. Und in ihren Meinungsstücken und Essays redigiere auch niemand ein generisches Maskulinum rein. Grundsätzlich könnte für sie der Journalismus aber schon weiter sein.

Wichtig ist für Antje Schrupp: Eine geschlechtergerechte Sprache kann nicht stur oder formal umgesetzt werden, sonst werde sie zur Floskel. „Keine Regeln, denen man folgt, sondern eine aufmerksame Sprache, eine Sprache, die auch beim Beschreiben dessen, was man beschreiben will, aufmerksam ist für die Geschlechterdifferenz.“ Dabei sollte mit Sprache kreativ, offen und neugierig umgegangen werden. Neue Begriffe statt Floskeln. Sie empfiehlt, sich ein Repertoire an geschlechtersensibler Sprache zusammenzustellen und das dann angemessen in den jeweiligen Situationen anzuwenden. Immer wieder können Journalist_innen überlegen: Wie kann ich mich mit der Sprache der Realität annähern? Welchen Aspekt möchte ich betonen, welchen nicht? „Guter Journalismus ist, die originelle Sprache und die unverbrauchten Worte wichtiger nehmen.“

Katja Vossenberg
Katja Vossenberg

GASTAUTORIN

Sie hat in Dortmund den Bachelor in Journalistik und in Bochum und Graz den Master in Gender Studies gemacht. In ihrer Masterarbeit hat sie einen Leitfaden für geschlechtersensiblen Journalismus erarbeitet und gibt auch Seminare zu diesem Thema. Katja Vossenberg arbeitet als freie Journalistin u.a. für Deutschlandfunk Nova.

Genderleicht.de

Auf Genderleicht.de finden Sie nützliche Tipps & Tools, wie Sie diskriminierungsfrei schreiben und sprechen, sowie Argumente und Fakten für die gendersensible Medienarbeit.

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