In den Medien

Schon mal bemerkt: In Radio- und Fernsehnachrichten ist jetzt viel öfter von „Menschen“ die Rede, gemeint als geschlechtsneutraler Oberbegriff. Es gibt mehr Doppelnennungen und gelegentlich ist sogar der gesprochene Gender-Gap zu hören.

Das Gendern kommt

Die Nachrichtenredaktion von Deutschlandfunk Nova hat sich jedenfalls vorgenommen, öfter die kleine Lücke zu sprechen. Beim Deutschlandradio hat eine eigens einberufene Arbeitsgruppe an der gendergerechten Kommunikation gefeilt und einen hausinternen Leitfaden erarbeitet. Fürs gesprochene Wort im Radio wird weiter nach kreativen Lösungen gesucht.

Viele Redaktionen diskutieren über geschlechtergerechte Sprache. Das ist nicht einfach, zugegeben: Überschriften werden länger, Texte klingen ungewohnt und dazu kommt der eine oder andere Protest aus dem Umfeld. Wie gelingt Ihnen trotz alledem ein eleganter und angenehmer Lesefluss? Alles was Sie brauchen, ist ein kreativer Umgang mit der Sprache – und ein bisschen Mut und Nachdenken, um in Sachen Geschlechtergerechtigkeit neue Wege zu gehen.

Mehr Infos

Wissenschaftliche Studien belegen Sinn und Nutzen des Genderns. Sprachleitfäden geben praktische Hilfestellungen, und in Artikeln, Büchern und Blogposts finden Sie kluge Gedanken zum Thema. Wir haben einiges für Sie zusammengestellt.

Der Journalismus hat das große Problem der Zielgruppenansprache: Die meisten Medien sind für ein breites Publikum gemacht – und es ist heute schon schwer genug, eine Sprache für die gesamte Leserschaft zu finden und Informationen so aufzubereiten, dass jeder und jede sie versteht. Das wird durch das Gendern nicht gerade leichter. Die „taz“ hat lange das Binnen-I verwendet, aber natürlich auch ein Publikum, das damit kein Problem hat, sondern das sogar erwartet.

Anatol Stefanowitsch

Professor für Literaturwissenschaften, Freie Universität Berlin

Gendersensible Medienarbeit

Ob Radio oder Podcast, Print oder Online, TV oder sonstige Videoformate, von der Nachricht über den Beitrag bis hin zu Feature und Glosse – Alles was Sie für Geschlechtergerechtigkeit in Wort und Bild benötigen, ist eine Auffrischung Ihres journalistischen Werkzeugs.

 

… beginnt mit der Recherche

Schon bei den ersten Überlegungen, mit wem will ich sprechen, wer hat Expertise, wie mache ich mein Konzept, können Sie gendersensibel arbeiten.

So geht’s:

  1. Arbeiten Sie kreativ und situativ genau mit Sprache.
  2. Achten sie auf geschlechtergerechte Bildgestaltung.
  3. Wagen Sie den Wechsel in die Perspektive eines anderen Geschlechts.
  4. Prüfen Sie den gleichwertigen Anteil der Beteiligten.
  5. Hinterfragen Sie Rollenklischees.

 

Was Sie davon haben?

Bessere Geschichten durch neue und vor allem vielfältige Perspektiven und eine Qualitätssteigerung durch einen bewussteren Umgang mit Sprache. Sie gehen als Medienschaffende mit gutem Vorbild voran.

Zu den journalistischen Grundregeln zählt die Verpflichtung zu Sorgfalt, Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, wie auch der Grundsatz, Diskriminierungen zu vermeiden. 

Pressekodex Ziffer 1 + 12

Von diesem professionellen Anspruch im Pressekodex leitet sich die Pflicht ab, die gesamte Gesellschaft und deren vielfältige Belange im gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Geschehen angemessen und geschlechtergerecht abzubilden.

So gendern diese Medien

Sprachliche Kreativität, geschlechtsneutrale Bezeichnungen und das Spiel mit Doppelformen ist für die meisten die Lösung.

Die Redaktion von Bento, das junge Angebot von Spiegel Online, macht es so: „… indem wir zu Beginn eines Beitrags zunächst beide Formen verwenden, die männliche und die weibliche. Im Laufe des Beitrages wechseln wir, so dass Politikerinnen und Politiker, Erzieherinnen und Erzieher nebeneinander in unseren Texten vorkommen – genau, wie in der Realität.“

ZEIT ONLINE schreibt ähnlich kreativ und ohne Gendersternchen, während ze.tt, das junge Onlineangebot aus dem ZEITverlag, das Gendersternchen nimmt. Teile der Community begrüßen dies, andere äußern sich empört. Und die taz? Experimentierfreudig wie immer.

In den feministischen Medien wird so gegendert:  Missy-Magazine und EDITION F nutzen das Gendersternchen, Emma das Binnen-I, das österreichische Magazin an.schläge gendert mal mit Gap, mal mit Sternchen.

Auch im öffentlichen-rechtlichen Rundfunk ist Bewegung. Der NDR gendert seit zwei Jahren, der Hessische Rundfunk seit Anfang Juni. Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist, so liegt das an der Methode „geschlechtsneutral“, wie uns die Gleichstellungsbeauftragte des NDR, Nicole Schmutte, im Interview berichtet hat.

Natürlich wollen wir über Menschen jeden Geschlechts berichten und sie gleichermaßen ansprechen. Wir sind uns bewusst, dass Sprache nicht nur abbildet, sondern Wirklichkeit formt. Zu unserem Beruf gehört es, bewusst und sensibel mit Sprache umzugehen.

Meike Dülffer

Textchefin, ZEIT ONLINE

Wir wollen jenen Spielraum für Gendergerechtigkeit nutzen, den uns die Sprache auch ohne solche besonderen Schreibweisen schon jetzt lässt.

Froben Homburger

Nachrichtenchef, Deutsche Presseagentur dpa

Sprache ist ein Experimentierfeld und entwickelt sich beständig weiter. Neulich verwendete eine Autorin den Doppelpunkt. Man würde also schreiben: Journalist:innen. Das ist eine neue interessante Form, mit der man herumprobieren kann.

Katrin Gottschalk

Stellvertretende Chefredakteurin, taz

Jede Redaktion hat die Wahl.

Ob Print, Radio, Fernsehen, oder eine der anderen Medienformen – es gibt verschiedene Möglichkeiten, gendersensiblen Journalismus umzusetzen, offensiv oder dezent, mit Gendersternchen oder geschlechtsneutral. Wir sind gespannt, wie Sie es machen. Schreiben Sie uns.

Wollen Sie es genauer wissen?

Sehen Sie das auch so? 

Droht uns die Sprachzensur?

Im Gegenteil. Die Diskussion ums Gendern ist in vollem Gange. Nie war die Sprache vielfältiger als heute. Wer mit Binnen-I oder Gendersternchen schreibt oder den Gender-Gap spricht, macht es aus gutem Grund. Alle anderen sollte es nicht stören.