In den Medien

Schon mal bemerkt: In Radio- und Fernsehnachrichten ist viel öfter von „Menschen“ die Rede, gemeint als geschlechtsneutraler Oberbegriff. In den Mainstream-Medien gibt es mehr Beidnennungen zu hören und zu lesen. Auch Partizipkonstruktionen wie „Studierende“ und „Demonstrierende“ kommen vor. Gelegentlich taucht ein Gendersternchen auf.

Das Gendern kommt?
Das Gendern ist schon da!

Die Nachrichten von Deutschlandfunk Nova werden oft mit Gender-Gap gesprochen. Am 1. September zieht Radio Fritz von rbb nach und macht das Sprechen des Gendersternchens zum Standard. Diesen Ministop vor der weiblichen Endung hören Sie gelegentlich in anderen Hörfunksendungen, meist die mit einem jüngeren Publikum. In dem einen oder anderen Radiosender wird spielerisch gegendert, mit Varianten von Beidnennungen, die aufhorchen lassen. Moderatorinnen und Moderatoren nutzen ihre sprachliche Fantasie, um ihr Zielpublikum passend anzusprechen.

Viele Redaktionen haben über geschlechtergerechte Sprache diskutiert und ob und wie das generische Maskulinum vermieden werden kann. Der Spiegel empfiehlt seit Anfang 2020 in seinen Richtlinen für redaktionelles Arbeiten darauf zu verzichten. Die Frankfurter Rundschau hat sich im September 2020 für den Gender-Doppelpunkt entschieden. Das Deutschlandradio hat Empfehlungen für Geschlechtergerechte Sprache veröffentlicht. SWR2 Wissen weist Autorinnen und Autoren in einem Leitfaden auf die Methode Genderleicht hin.

In ARD und ZDF ist Bewegung. Anne Will nutzt den Gender-Gap genauso überzeugt wie ZDF-aspekte-Moderator Jo Schück, Claus Kleber setzt ihn ab und an im heute-journal ein, genauso wie Ingo Zamperoni in den Tagesthemen. Auch in Tagesschau-Berichten ist das „Sprechen mit Lücke“ gelegentlich zu hören. Der NDR gendert seit drei Jahren, der Hessische Rundfunk seit Anfang Juni 2019. Falls Ihnen Gendern nicht weiter auffällt, so liegt das an der Methode „geschlechtsneutral“, wie uns die Gleichstellungsbeauftragte des NDR, Nicole Schmutte, im Interview berichtet.

Der Journalismus hat das große Problem der Zielgruppenansprache: Die meisten Medien sind für ein breites Publikum gemacht – und es ist heute schon schwer genug, eine Sprache für die gesamte Leserschaft zu finden und Informationen so aufzubereiten, dass jeder und jede sie versteht. Das wird durch das Gendern nicht gerade leichter. Die „taz“ hat lange das Binnen-I verwendet, aber natürlich auch ein Publikum, das damit kein Problem hat, sondern das sogar erwartet.

Anatol Stefanowitsch

Professor für Literaturwissenschaften, Freie Universität Berlin

Wollen Sie sehen, wie gegendert wird? Bitte schön, wir haben für Sie ein Video mit TV-Ausschnitten und ein pdf zum Download:

Gendersensible Medienarbeit

Ob Radio oder Podcast, Print oder Online, TV oder sonstige Videoformate, von der Nachricht über den Beitrag bis hin zu Feature und Glosse – Alles was Sie für Geschlechtergerechtigkeit in Wort und Bild benötigen, ist eine Auffrischung Ihres journalistischen Werkzeugs.

 

… beginnt mit der Recherche

Schon bei den ersten Überlegungen, mit wem will ich sprechen, wer hat Expertise, wie mache ich mein Konzept, können Sie gendersensibel arbeiten: mit dem Gendercheck – in jeder Phase Ihrer Medienproduktion.

So geht’s:

  1. Arbeiten Sie kreativ und situativ genau mit Sprache.
  2. Achten sie auf geschlechtergerechte Bildgestaltung.
  3. Wagen Sie den Wechsel in die Perspektive eines anderen Geschlechts.
  4. Prüfen Sie den gleichwertigen Anteil der Beteiligten.
  5. Hinterfragen Sie Rollenklischees.
  6. Probieren Sie neue Schreibroutinen.
  7. Machen Sie den Gendercheck.

 

Was Sie davon haben?

Bessere Geschichten durch neue und vor allem vielfältige Perspektiven und eine Qualitätssteigerung durch einen bewussteren Umgang mit Sprache. Sie gehen als Medienschaffende mit gutem Vorbild voran.

Zu den journalistischen Grundregeln zählt die Verpflichtung zu Sorgfalt, Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, wie auch der Grundsatz, Diskriminierungen zu vermeiden. 

Pressekodex Ziffer 1 + 12

Von diesem professionellen Anspruch im Pressekodex leitet sich die Pflicht ab, die gesamte Gesellschaft und deren vielfältige Belange im gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Geschehen angemessen und geschlechtergerecht abzubilden.

So gendern diese Medien

Sprachliche Kreativität, geschlechtsneutrale Bezeichnungen und das Spiel mit Doppelformen ist für die meisten die Lösung.

Die Redaktion von Bento, das junge Angebot von Spiegel Online, das gerade eingestellt wird, bevorzugt diese Gendertechnik: „… indem wir zu Beginn eines Beitrags zunächst beide Formen verwenden, die männliche und die weibliche. Im Laufe des Beitrages wechseln wir, so dass Politikerinnen und Politiker, Erzieherinnen und Erzieher nebeneinander in unseren Texten vorkommen – genau, wie in der Realität.“

ZEIT ONLINE schreibt ähnlich kreativ und ohne Gendersternchen, während ze.tt, das junge Onlineangebot aus dem ZEITverlag, das Gendersternchen nimmt. Und die taz? Experimentierfreudig wie immer. Dazu Der Tagesspiegel, in dem sich ab und zu geschickte Genderbeispiele finden, und viele andere Zeitungen und Zeitschriften, wie die Brigitte, die nahezu unauffällig für mehr Geschlechtergerechtigkeit in ihrer Berichterstattung in Wort und Bild sorgen. Über diese Art des Genderns regt sich niemand mehr auf.

Die Lösungen werden immer geschickter, denn eines ist klar: Überschriften müssen gar nicht länger werden, ein eleganter und angenehmer Lesefluss ist auch mit Gendersensibiliät möglich. Alles was Sie brauchen, ist ein kreativer Umgang mit der Sprache – und ein bisschen Mut und Nachdenken, um in Sachen Geschlechtergerechtigkeit neue Wege zu gehen.

Natürlich wollen wir über Menschen jeden Geschlechts berichten und sie gleichermaßen ansprechen. Wir sind uns bewusst, dass Sprache nicht nur abbildet, sondern Wirklichkeit formt. Zu unserem Beruf gehört es, bewusst und sensibel mit Sprache umzugehen.

Meike Dülffer

Textchefin, ZEIT ONLINE

Wir wollen jenen Spielraum für Gendergerechtigkeit nutzen, den uns die Sprache auch ohne solche besonderen Schreibweisen schon jetzt lässt.

Froben Homburger

Nachrichtenchef, Deutsche Presseagentur dpa

Sprache ist ein Experimentierfeld und entwickelt sich beständig weiter. Neulich verwendete eine Autorin den Doppelpunkt. Man würde also schreiben: Journalist:innen. Das ist eine neue interessante Form, mit der man herumprobieren kann.

Katrin Gottschalk

Stellvertretende Chefredakteurin, taz

Jede Redaktion hat die Wahl.

Ob Print, Radio, Fernsehen, oder eine der anderen Medienformen – es gibt verschiedene Möglichkeiten, gendersensiblen Journalismus umzusetzen, offensiv oder dezent, mit Gendersternchen oder geschlechtsneutral. Wir sind gespannt, wie Sie es machen. Schreiben Sie uns.

Mehr Infos

Wissenschaftliche Studien belegen Sinn und Nutzen des Genderns. Sprachleitfäden geben praktische Hilfestellungen, und in Artikeln, Büchern und Blogposts finden Sie kluge Gedanken zum Thema. Wir haben einiges für Sie zusammengestellt.

Wollen Sie es genauer wissen?

Sehen Sie das auch so? 

Droht uns die Sprachzensur?

Im Gegenteil. Die Diskussion ums Gendern ist in vollem Gange. Nie war die Sprache vielfältiger als heute. Wer mit Binnen-I oder Gendersternchen schreibt oder den Gender-Gap spricht, macht es aus gutem Grund. Alle anderen sollte es nicht stören.