Über die Sprache verständigen wir Menschen uns. Wir teilen damit Informationen, Meinungen und Ansagen. Sie ist auch das primäre Werkzeug im Journalismus. Medien stehen daher bei der Genderfrage besonders im Fokus: Weil sie zu wenig gendern. Weil sie zuviel gendern. Oder weil sie immer wieder fragen: Gendern – nützlich oder ärgerlich?

Was ist denn „dieses Gendern“?

Unter Gendern oder auch Gendersprache wird von vielen Leuten die Verwendung von Genderzeichen verstanden, also das Einfügen von Genderstern, Gender-Doppelpunkt, Gender-Unterstrich oder gelegentlich sogar vom Binnen-I. In einem Wort: mit Genderzeichen werden zugleich Männer, Frauen, trans-, intergeschlechtliche und nichtbinäre Personen benannt. Während manche diese Methode gutheißen, empfinden andere die Genderzeichen als Fremdkörper und lehnen sie vehement ab.

Gendern zielt zudem auf eine möglichst geschlechtsneutrale Ausdrucksweise, oft mittels substantivierter Partizipien (Mitarbeitende). Bedauerlicherweise fallen ungeschickte Genderversuche mit Partizipien mehr auf. Sie werden zudem zur Verunglimpfung des Genderns vorgeführt, manche sind extra zu diesem Zweck ausgedacht. Prompt zeigen Umfragen ein Stimmungsbild, demzufolge eine Mehrzahl der Befragten „dieses Gendern“ ablehnt.

Längst finden sich jedoch auch geschmeidig geschriebene Texte, die mühelos Frauen und Männern und allen Geschlechtsidentitäten gerecht werden. Diese sind so gut gemacht, dass sich niemand darüber aufregt. Gut gegenderten Texten ist „das Gendern“ kaum anzumerken. Auffällig ist lediglich eine Zunahme von Doppel- oder Beidnennungen (Bürger und Bürgerinnen).

Mit den Mitteln der deutschen Sprache lässt sich geschickt geschlechtergerecht schreiben, oder besser noch: gendersensibel. Wir nennen auch dies „Gendern“, weil Gendern dem Wortsinn nach bedeutet, präzise mit der geschlechtlichen Markierung umzugehen. Im besten Fall entsteht ein eleganter Sprachfluss, dem eine „Verhunzung der Sprache“ nicht vorzuwerfen ist. Diese Anleitung mit vielen praktikablen Ideen hilft Ihnen, auch zu solchen Texten zu kommen.

Elegant gendern – Es ist so einfach

Journalistische Texte sollen gut lesbar, leicht verständlich und präzise sein. Das Gute an einem geschlechtergensiblen Spracheinsatz ist: Gendern führt es zu mehr Qualität im Journalismus. Denn es gilt, eine wichtige Frage zu beantworten: „Wer genau ist beteiligt?“ Das generische Maskulinum verschleiert diese Information. Auch Wörter mit einem Genderstern werden oft ungenau eingesetzt. Guter Journalismus dagegen arbeitet nach dem Prinzip: Sagen was ist.

Oder besser noch: Sagen, wer es ist.

Ganz wesentlich ist der Eindruck, den der Text macht. Wirkt er so, als ob es nur um Männer ginge? Wie stereotyp ist die Darstellung der Beteiligten? Entsprechen die erzeugten Sprachbilder der Wirklichkeit?

Generisches Maskulinum

Die Genderdiskussion hängt sich am generischen Maskulinum auf. Dies sind maskuline Personenbeschreibungen, die allgemeingültig, also generisch wirken sollen. In der Linguistik wird ein akademischer Streit um Genus und Sexus geführt: Diese Wörter im maskulinen Genus seien frei von jedem Sexus, sagt die eher konservative Seite. Sie sind der Ansicht, derartige Wörter hätten keine geschlechtliche Zuschreibung: Weder Mann noch Frau, sondern alle seien gemeint. Die progressive Seite sagt: Das generische Maskulinum sei nur eine Sprachkonvention. Frauen und andere Geschlechtsidentitäten müssten sich in diese maskulinen Beschreibungen hineindenken: Es sei nie klar, ob sie mitgemeint wären.

Zudem hat sich die Linguistik weiterentwickelt und beziehe Gender als wichtige soziale Kategorie mit ein, betont die Linguistin Prof. Dr. Damaris Nübling, Universität Mainz: „Sexus meint das natürliche Geschlecht und Gender soziale Rollen, Verhaltensweisen, Kleidungsgebote“. Nübling berichtet, es gibt mittlerweile circa 40 psycholinguistische Studien, die die unter Berücksichtung der vielen Faktoren zeigen: Maskuline Personenbezeichnungen erzeugen eher männliche Vorstellungen. Sie haben einen „male bias“. Ein Wort wie „Pfleger“ werde überwiegend männlich verstanden, obwohl in der Pflege mehrheitlich Frauen arbeiten.

Konsequent für Medien weitergedacht bedeuten die wissenschaftlichen Erkenntnisse: Aufgrund der anhaltenden Genderkritik entfalten Maskulina ihre angeblich generische Wirkung längst nicht mehr bei allen, die einen Text lesen oder hören. Immer steht die Frage im Raum: Wer ist wirklich gemeint?

Genderstern & Co. in den Medien

Für die Verwendung von Genderzeichen im Journalismus ist die Zielgruppe maßgeblich: Ein queerfeministisches Magazin kann den Genderstern üppig einsetzen. Mainstreammedien dagegen, mit einem gemischten Publikum aus alt und jung, konservativ bis fortschrittlich denkend, lehnen Genderzeichen in der Regel komplett ab. Die wenigen Printmedien, die sich für Genderzeichen entschieden haben, nutzen sie allerdings auch nur sparsam.

In Radio und Fernsehen ist der Glottisschlag, also die Minilücke, die beim Aussprechen eines Wortes mit Genderzeichen entsteht, nach ersten Versuchen nur noch gelegentlich zu hören. Zu beobachten ist vielmehr eine Zunahme von Beidnennungen. Die meisten Sender haben für ihre interne und externe Kommunikation Schreibanleitungen verfasst: Deren Briefe, E-Mails oder Webseiten verwenden häufig Genderzeichen. Dem journalistischen Personal ist es eher freigestellt, ob und wie sie gendern.

Journalistisch geschlechtergerecht und elegant schreiben, wie es nachfolgend erklärt wird, verzichtet in weiten Teilen auf Genderzeichen. Erst wenn in einer verkürzten Form zugleich Männer, Frauen, trans-, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen genannt werden sollen, sind Genderzeichen schon mal angebracht. Ist dies nicht erwünscht, müssen die Beteiligten explizit ins Spiel gebracht werden, mit beschreibenden Wörtern.

Ab hier wird es praktisch: Geschlechtergerecht schreiben

Gendern Sie vom ersten Wort an. Nachträglich an gendersensiblen Formulierungen zu arbeiten, ist viel zu aufwändig und fehleranfällig. Beginnen Sie mit der Frage, ob das Geschlecht von Personen für den Inhalt überhaupt eine Rolle spielt. Falls nicht, bemühen Sie sich konsequent um eine genderneutrale Darstellung. Es kann allerdings ausgesprochen wichtig sein, Frauen und Männer ausdrücklich zu nennen. Zum Beispiel dann, wenn in einem Kontext üblicherweise nur Männer vermutet werden (Ermittler einer Straftat, Motorradfahrer, Soldaten) oder nur Frauen (Erzieher, Grundschullehrer). Wenn sowieso Frauen wie Männer beteiligt sind, dann finden Sie dafür die passenden Worte. Wollen Sie trans-, intergeschlechtliche oder nichtbinäre Personen einbeziehen, machen Sie sich mit der richtigen Wortwahl vertraut, beim Bundesverband Trans* e.V. finden Sie wertvolle Hinweise. Die journalistische Sorgfaltspflicht erlegt uns auf, präzise in der Beschreibung der Beteiligten zu sein.

Um den sichtbaren Frauenanteil zu erhöhen, ist es ratsam, schon bei den Vorbereitungen zu einem journalistischen Beitrag gezielt nach Expertinnen zu suchen und bei der Recherche vor Ort immer auch Frauen zu befragen.

Achten Sie auf eine gleichwertige, wertschätzende Beschreibung, mit Vor- und Nachnamen und kompletten Berufsbezeichnungen und Titeln. Also nicht: „er ist Professor für … und sie die Expertin für …“.

Der Klammertrick

Die Verwendung von generischen Maskulina setzt einen männlichen Frame im Subtext: „It’s a man’s world“. Für einen gegenteiligen, gendergerechten Effekt kann der Klammertrick genutzt werden: Zu Anfang eines Themas werden die Beteiligten, mithin das Personal des Textes, eingeführt. Ist geklärt, dass sowohl Männer als auch Frauen am Thema beteiligt sind – oder auch ausdrücklich genderqueere Personen – können zwischendurch generische Maskulina quasi als Fachbegriff benutzt werden. Am Ende sollte die Klammer durch neue Beidnennung oder durch ein Äquivalent wieder geschlossen werden.

Wenn es das Thema hergibt, kann die Einführung mittels Beidnennung geschehen (Ärztinnen und Ärzte, Bauern und Bäuerinnen). Ein guter Effekt lässt sich ebenso mit einer kurzen Portraitierung einzelner Frauen und Männer erzielen. Dies kann genausogut eine nichtbinäre oder trans Person sein.

Diese Gendermethode sollte konsequent durchgeführt werden, also so ziemlich von Anfang an. Mitten in einem Text anlasslos eine Beidnennung einzubauen, und sie später nicht mehr aufzunehmen, ist wenig überzeugend. Bei längeren Texten kann der Klammertrick passend zu inhaltlichen Abschnitten eingesetzt werden.

Nur nicht langweilen

Sorgen Sie für Abwechslung. Nutzen Sie sämtliche Formen des Genderns – neben der Beidnennung vor allem die genderneutralen Methoden wie Abstraktionen, Umschreibungen, Relativsätze usw. oder auch geläufige Partizipien – um Redundanzen zu vermeiden. Mehr dazu finden Sie in unseren Schreibtipps. Sollten Sie Genderzeichen benutzen, dann bleiben Sie Ihrer Wahl treu und verwenden Sie nur eine Sorte. Lösen Sie sich von eingeschliffenen Phrasen, die Ihnen als erstes in den Sinn kommen. Versuchen Sie, das Gleiche mit anderen Worten zu sagen.

Genderneutral schreiben

Streichen Sie überflüssige Personenbeschreibungen aus Ihrem Text. Je weniger Personen vorkommen, desto weniger müssen Sie gendern. Oft ist durch den vorhergehenden Text bereits klar, um wen es sich handelt. Sie können mit Pronomen (er/sie) oder mit Mengenangaben (einige, etliche, viele, manche) Rückbezüge bauen. Hinweis: In Texten mit nichtbinären Menschen sollten Sie sich der gewünschten Pronomen vergewissern.

Manchmal ist das Adjektiv ein guter Ersatz: Es kann zum substantivierten Partizip werden.

Bsp.: … die beteiligten Kolleginnen → die Beteiligten

Eine journalistische Marotte ist es, Verben in Nomen zu verwandeln. Sie erkennen dies an der Kombination mit Hilfsverben. Lösen Sie diese Pseudo-Personenbeschreibungen auf. Nutzen Sie das starke Verb, das darin steckt. Ihr Text wird besser verständlich.

Bsp.: In den Schulen gibt es immer mehr Klassenwiederholer
→ … müssen immer mehr die Klasse wiederholen.

Sätze, die Personen durch „… für“ oder „… als“ einbauen, lassen sich meist durch Beschreibung von Tätigkeiten genderneutral fassen.

Bsp.: Das muss für Leser verständlich sein
→ Das muss beim Lesen verständlich sein.

Der Einsatz von Partizipien

Substantivierte Partizipien sind ein beliebtes Mittel zum Gendern. Sie wirken im Plural geschlechtsneutral. Im Singular verdeutlicht jedoch der beigefügte Artikel das Geschlecht. Nutzen Sie nur geläufige Partizipien. Das Wort „Leser“ durch „Lesende“ zu ersetzen passt nur selten. Seien Sie kritisch und vertrauen Sie Ihrem Sprachgefühl.

Das Partizip Präsens beschreibt Eigenschaften oder Verhaltensweisen (Kranke, Anwesende) oder die Rolle in einem Geschehen. Dies lässt sich auch als Status beschreiben, wie beim Wort Studierende und vergleichbar mit Vorstandsvorsitzende oder Auszubildende. „Die Studierenden“ ist seit rund 20 Jahren in Gebrauch. Neugeschöpfte Partizipien wie Mitarbeitende, Teilnehmende und Demonstrierende etablieren sich mehr und mehr. Aber Vorsicht: Vermeiden Sie absurde Kombinationen wie zum Beispiel „verhaftete Demonstrierende“.

Die Vielzahl von Beidnennungen in Griff kriegen

Beidnennungen plustern einen Text auf. Seien Sie deshalb kritisch bei einer Personenbeschreibung: Prüfen Sie zunächst, ob eine Beidnennung inhaltlich stimmen würde. Unter Umständen muss recherchiert werden, waren wirklich Frauen und Männer dabei? Oder war die Gruppe so groß, dass ein Genderstern die Möglichkeit des Genderspektrums besser andeutet?

Ein Maskulinum ist gerechtfertigt, wenn wirklich nur Männer beteiligt waren. Vertrauen in diesen Informationsgehalt muss erst wieder aufgebaut werden. Im Zweifel hilft es, Namen hinzu zu setzen oder das Geschlecht zu erklären.

Bsp.:  … zwei Vertreter, Peter Schulz und Max Hager …
oder: … zwei Vertreter. Die beiden Männer …

Um die Anzahl von Beidnennungen zu reduzieren, können Sie den kleinen Klammertrick einsetzen: Definieren Sie mithilfe einer Beidnennung zunächst die Beteiligten, und setzen Sie danach textnah ein generisches Maskulinum wie einen Ober- oder Fachbegriff ein.

Bsp.: „Bei Habeck waren die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen zu Gast. Die Kommunalpolitiker wollten …“
oder nachgesetzt:
„Bei Habeck waren Kommunalpolitiker zu Gast. Die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister wollten …“

Aufzählungen

In Aufzählungen ist meistens kein Platz für Beidnennungen. Sie können stattdessen maskuline und feminine Personenbeschreibungen mischen. Sind die Berufe sehr ähnlich, wird klar, dass das ein Schreibtrick ist:

Bsp.: Es gibt immer weniger Leser. Schriftsteller verzweifeln …
→ Das Interesse an Büchern lässt nach. Schriftsteller und Publizistinnen verzweifeln …

Vermeiden Sie Genderstereotype, wenn es inhaltlich stimmt:

Bsp.: Arzt und Krankenschwester → besser: Oberärztin und Pfleger

Bei einer Vielzahl von Personengruppen können Sie beliebig mischen und auch genderneutrale Begriffe dazusetzen:

Bsp.: Einen Bonus sollen Erwerbstätige erhalten, die in der Pandemie besonders belastet waren: Verkäufer, Ärztinnen, Pflegekräfte, LKW-Fahrer, Erzieherinnen.
oder: … Verkäuferinnen, Ärzte, Pflegekräfte, LKW-Fahrerinnen, Erzieher.

Wenn in allen Berufen Frauen und Männer arbeiten, funktioniert diese Methode sehr gut. Vorsicht bei Genderstereotypen: sogenannte Männerberufe werden nachwievor männlich assoziert. Einfacher und geschlechtlich umfassender wäre der Einsatz von Genderzeichen. Tipp: Mixen Sie einige geschlechsneutrale Begriffe in die Aufzählung hinein (Medienleute, Fachkräfte, journalistische Profis), so ist dies schon eine Andeutung von geschlechtlicher Vielfalt.

Überschriften, Teaser, Kurztexte

Versuchen Sie, Überschriften ohne Personenbeschreibung zu formulieren. Ein generisches Maskulinum würde sehr ins Auge stechen, für eine Beidnennung ist selten Platz. Auch bei kurzen Texten, wie Einleitungen oder Teaser, ist der Platz oft knapp. Meistens hilft eine Abstraktion. Suchen Sie nach personenlosen Ausdrücken, die auf den nachfolgenden Inhalt neugierig machen.

Ist eine Überschrift ausnahmsweise nur mit generischem Maskulinum griffig, können Sie den kleinen Klammertrick einsetzten: Konkretisieren Sie textnah zur Überschrift die Beteiligung von Frauen und Männern, oder setzen Sie einen Genderstern. Beigefügte Fotos, die nicht nur ein Geschlecht präsentieren, unterstützen die Aussage. Je nach Thema ist bei der Fotogestaltung auch mehr Vielfalt bei der Darstellung von Menschen gefragt.

Komposita

Im Deutschen können Wörter zusammengesetzt werden. Häufig enthalten diese Doppelwörter oder Komposita im ersten Wortteil ein generisches Maskulinum. Sollten sie gegendert werden? Eigentlich nur, wenn sie einen starken Personenbezug haben, doch ob dies vorliegt, ist oft schwer zu entscheiden. Verändern Sie Amtsbegriffe oder Fachbegriffe (Ministerpräsidentenkonferenz, Ingenieurbranche) nicht eigenmächtig. Hier können Sie, ähnlich wie beim Klammertrick, durch textnahe Definition die Beteiligten erklären:

Bsp.: Bei der Ministerpräsidentenkonferenz berieten die Länderchefs und -chefinnen …

Immer öfter tauchen Komposita mit Genderstern auf. Wenn Sie diese Versuche einer geschlechtergerechten Sprache nicht mitmachen wollen, suchen Sie nach Alternativen. Geht es in Ihrem Text zum Beispiel um eine Grundschule, in der mehr Frauen als Männer arbeiten, und Sie empfinden das Wort Lehrerzimmer als zu maskulin, dann wählen Sie eine Umschreibung.

Bsp.: In der großen Pause bespricht sich die Lehrerin bei einer Tasse Kaffee mit der Erzieherin. Im Rückzugsraum für das Kollegium …

Manchmal finden Sie im Genderwörterbuch von geschicktgendern.de brauchbare Synonyme. Vorsicht vor Experimenten. Vertrauen Sie Ihrem Sprachgefühl.

Interviews gendern?

Der Sprechweise einer interviewten Person ist mit Respekt zu begegnen. Eine nichtgegenderte Aussage wird nicht nachträglich gegendert. Ebenso unverändert bleiben gegenderte Formulierungen: Sie würden den Befragten das Wort im Mund umdrehen.

Dies gilt auch für die Verwendung des Gesagten in der indirekten Rede. Ein Beispiel aus dem SPIEGEL, Bericht über eine Rede von Olaf Scholz im Bundestag (Ausgabe 51/18.12.2021):

Er beginnt mit der Adventszeit, erzählt von stimmungsvollen Weihnachtsmärkten und Feiern mit den Kolleginnen und Kollegen, von der Zeit vor der Pandemie. »Mir ist bewusst, in diesen Tagen fällt es manchmal schwer, den Mut nicht zu verlieren«, sagt Scholz. »Niemandem geht es richtig gut in diesen Zeiten, mir nicht, Ihnen nicht, den Bürgerinnen und Bürgern nicht.«

Wenn Sie ein Interview führen, können Sie das Thema Gendern vorsichtig ansprechen. Manchen Menschen ist es wichtig, sich geschlechtergerecht auszudrücken, vergessen dies aber in der Aufregung eines Interviews. Mit deren Zustimmung dürfen Sie beim Verschriftlichen des Gesagten die Wortwahl korrigieren. Andere würden die Nachfrage als bevormundend empfinden. Deren Wortwahl veröffentlichen Sie unverändert.

In einem geschickt gegenderten Text mag das plötzliche Aufkommen eines generischen Maskulinums überraschen. Aber es gehört zu dem Menschen, der es genutzt hat. Es ist seine Art des Sprechens.

Umgekehrt gibt es Personen, die mit Glottisschlag sprechen und enttäuscht oder sogar verärgert sind, wenn sie im Printmedium mit generischem Maskulinum oder mit Beidnennung wiedergegeben werden, obwohl sie das so nicht gesagt haben. Es ist wichtig, vor dem Interview die Haltung Ihres Mediums zur Genderfrage zu kommunizieren. Viele Printmedien haben anfangs den Genderstern kategorisch abgelehnt. Viele sind nun dazu übergegangen, bei einem solchen Interview ausnahmsweise den Genderstern zu setzen und diese Vorgehensweise in einem Nachsatz zu erklären.

Texte mit historischem Bezug

Auch schon zu früheren Zeiten haben einzelne Personen gespürt, dass sie sich weder als Mann noch als Frau fühlen, oder sie wünschten sich eine andere Identität als das Ihnen bei der Geburt zugewiesene Geschlecht. Die sprachliche Markierung der geschlechtlichen Vielfalt mit Genderzeichen wird jedoch erst seit wenigen Jahren praktiziert.

Texte, die Themen und Ereignisse des vorherigen Jahrhunderts oder weit davor beinhalten, sollten deshalb umsichtig mit dem Genderstern umgehen. Er passt weder zu den Goldenen Zwanzigern noch zum Nationalsozialismus, zum alten Ägypten oder zu den Wikingern. Auch Wörter wie nichtbinär oder queer gehören zum neueren Wortschatz und irritieren unter Umständen bei geschichtlichen Betrachtungen.

Der unbedachte Einsatz von Genderzeichen im historischen Kontext kann zu einer verfälschten Darstellung von Geschlechterrollen, gesellschaftlichen Einstellungen und einer Verzerrung der tatsächlichen Gegebenheiten führen. Bleiben Sie präzise. Auch die Verwendung von Beidnennungen muss auf inhaltliche Richtigkeit geprüft werden.

Genderstern oder Gender-Doppelpunkt?

Wenn sich Medienhäuser für Genderzeichen entscheiden, nutzen sie häufig den Gender-Doppelpunkt. Begründet wird dies damit, dass er das Schriftbild weniger zerreiße. Hartnäckig hält sich auch die Ansicht, er sei barrierearm. Tatsächlich haben Menschen mit einer Sehbehinderung Schwierigkeiten, den Doppelpunkt mitten in einem Wort zu erkennen. Screenreader für Blinde machen zudem beim Vorlesen eines Wortes mit Gender-Doppelpunkt eine zu lange Pause.

In einer umfangreichen Studie hat die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik Screenreader überprüft und kommt in Absprache mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und dem Bundesverband Trans* zu dem Ergebnis: Der Genderstern ist das bessere Genderzeichen. Er sollte allerdings sparsam eingesetzt werden.

Spielen Sie mit der Sprache!

Fazit zum Gendern im Journalismus: Werfen Sie gewohnte Phrasen über Bord. Lassen Sie sich Neues einfallen. Machen Sie sprachlich deutlich, wer die Beteiligten sind. Ihre Texte werden besser. Versprochen.

Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin mit dem Glottisschlag sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine einfache und elegante Lösung findet sich immer.

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