Wie geht das denn nun mit dem Gendern? Schauen wir es uns von der praktischen Seite an. Im Radio gibt es ganz verschiedene journalistische Tätigkeitsbereiche, entsprechend vielfältig sind die Formate. Mit gutem Willen und ein wenig Übung ist Gendern überall möglich.

 

Zehn Praxis-Tipps

 

1. Frauen eine Stimme geben

Tipp: Von der ersten Idee bis zur Sendung, die Frage im Blick haben: Was hat das Thema mit Frauen zu tun? Haben diese einen anderen Blick darauf, sind sie anders betroffen als Männer?

Wer diese Frage an den Anfang einer journalistischen Produktion stellt, erhält bereits wertvolle Impulse. Wer Frauen dazu befragt, bekommt andere Antworten, weil sich ihre Lebenswelt oft von der der Männer unterscheidet.

„Ich habe bei meiner Arbeit schon immer einen Schwerpunkt auf dem Themenbereich Frauen und Benachteiligung gelegt“, erzählt Susanne Babila, die beim Südwestfunk (SWR) als Redakteurin arbeitet. Und auch wenn es im Beitrag nicht primär um ein Thema geht, das ausschließlich Frauen betrifft, ist die weibliche Perspektive wertvoll. Die Wissenschaftsjournalistin Eva Schindele, die für verschiedene Wissensprogramme der ARD Features umsetzt – z.B. für WDR, DLF, SWR und BR – lässt immer höchst unterschiedliche Frauen zu Wort kommen. Sie hat eine besondere Taktik: Über die Jahre hat sie sich ein gutes Netzwerk aufgebaut und dadurch einen guten Überblick, wer wo welche Expertise hat. „Seitdem ich als Journalistin arbeite, habe ich immer versucht, Frauen zu interviewen. Manchmal muss man gezielt suchen, aber es gibt für viele Fragen auch kompetente Expertinnen und Wissenschaftlerinnen.“

Rebekka Endler, die als freie Journalistin beim Westdeutschen Rundfunk und für Deutschlandfunk Nova arbeitet, hat sich sogar für ihre journalistische Arbeit eine Frauenquote verordnet – als Qualitätsstandard: „Ich führe eine Statistik über die Expert*innen, die in meinen Stücken vorkommen. Mein Ziel ist 50 : 50. Mir ist sehr wichtig, dass das Verhältnis von Frauen und Männern ausgeglichen ist.“ Das gilt nicht nur quantitativ, sondern auch inhaltlich: „Die O-Töne, bei denen es um Emotionen geht und solche, wo es um die Expertise geht, müssen unter Männern und Frauen gleichwertig verteilt sein“, sagt sie. Angefangen hat Rebekka Endler damit vor gut vier Jahren. Mit dem Resultat ist sie zufrieden.

 

2. Nachrichten: Hart an der Wahrheit bleiben

Tipp: Kurz und knapp und vor allem richtig muss eine Meldung sein. Routinefrage: Stimmt der Inhalt? Dazu gehört auch: Welches Geschlecht haben die Beteiligten einer Meldung? Manchmal muss nachrecherchiert werden.

Es macht einen inhaltlichen Unterschied, ob in den Nachrichten über einen EU-Gipfel von Außenministern die Rede ist, oder ob Außenministerinnen und Außenminister genannt werden, findet Francisca Zecher: „Uns ist es ein Anliegen zu gendern, weil wir die Realität abbilden und sichtbar machen wollen.“ Für die Nachrichtenchefin von Deutschlandfunk (DLF) Nova, muss die Meldung in jedem Punkt den Tatsachen entsprechen. Seit knapp zwei Jahren wird in ihrer Redaktion auf freiwilliger Basis gegendert. Das stellte anfangs alle vor neue Herausforderungen: Es muss viel mehr recherchiert werden und das in kürzester Zeit. „Ich kann nicht von Frauen sprechen, wenn es nur um Männer geht und umgekehrt gilt dasselbe.“ Ihre Devise lautet: „Es muss richtig sein.“

Das generische Maskulinum kommt in den Nachrichten von DLF Nova immer seltener vor, hat die Nachrichtenchefin beobachtet, verboten ist es nicht. Selbst unter Zeitdruck gelinge das Formulieren in geschlechtergerechter Sprache inzwischen gut, berichtet Francisca Zecher: „Es ist bei den Allermeisten von uns mittlerweile ein ganz normaler Bestandteil unserer Arbeit, genauso wie Kommasetzung oder eine Meldung auf Richtigkeit zu überprüfen. Wir sind darin geübt, alternative Formulierungen zu finden.“ So wird statt von Forschern über die Erkenntnisse von ‚Forschenden‘ und von ‚Wissenschaftsteams‘ berichtet oder von ‚Ärzten und Ärztinnen‘.

 

3. Gendersternchen sprechen – wo es passt

Tipp: Wenn eine Redaktion grünes Licht fürs Sprechen mit Lücke gibt, weil es zur jungen Zielgruppe passt, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Trotzdem: Bitte nicht zu viel davon! Sprachliche Varianz ist auch hier geboten.

Bei Radio Fritz, der jungen Welle des rbb, ist das Gendersternchen in den Nachrichten seit dem ersten September als Standardform eingeführt. „Unser Leitfaden ist kürzer als man denkt“, überrascht Programm-Chefin Karen Schmied. „Die Regeln sagen im Grunde: Gendersternchen, aber nicht zu oft im Satz, also ein bis zwei Mal, sonst klingt es wirklich hakelig. Wenn in der Meldung unklar ist, ob mehrere Geschlechter beteiligt waren, kommt im Zweifel die ‚sächliche‘ Form.“

Das Sprechen mit Lücke, sei es Gendersternchen oder Gender-Gap, ist in den DLF-Nova-Nachrichten nach ersten Versuchen zur Zeit keine Option: „Einige fühlen sich beim Sprechen damit nicht wohl“, sagt Francisca Zecher, die Nachrichtenchefin. „Dennoch behalten wir den Gender-Gap im Blick. Es ist kann durchaus sein, dass wir unsere Haltung zu einem späteren Zeitpunkt verändern werden.“ Um geschlechtergerecht in den Nachrichten zu formulieren, haben sich Umschreibungen, Synonyme sowie Passiv- und Partizipialkonstruktionen als sehr hilfreich erwiesen.

 

4. Weg von der Person: Abstrakt bleiben

Tipp: Journalistische Texte handeln von Menschen, die etwas tun, etwas erleben, etwas entscheiden. Das gilt auch für Nachrichten. Personen machen Sätze anschaulich und lebensnah. Aber Sie brauchen sie nicht immer!

Nachrichtenredakteur Linus Busch konnte während einer längeren Testphase bei Radio Fritz Erfahrungen mit gendersensibler Sprache On-Air sammeln. Noch vor der offiziellen Entscheidung hat er den Arbeitgeber gewechselt. Aber auch hier kann er so manches weiter anwenden. Sein Tipp für journalistische Texte, die ohne Gap und aus Gründen der Kürze ohne Beidnennung auskommen müssen: „Abstrakt bleiben. Also beispielsweise statt ‚Kritiker sagen, …‘ lieber ‚Die Kritik daran: …‘. Oder ‚die Politik‘, ‚die Wissenschaft‘, ‚die Regierung‘ etc.“ Weil sich bei dieser Methode jedoch viele Passiv-Konstruktionen oder Substantivierungen einschleichen können, sei sie allerdings nur eine Ergänzung zu anderen Möglichkeiten.

 

5. Gebauter Beitrag mit O-Tönen: Gendern vom Feinsten

Tipp: Geschlechtergerechte Texte nehmen sprachlich mehr Raum ein, so eine landläufige Vermutung. In sorgsam orchestrierten Stücken mit Sprechertext und Interviewpassagen ist viel Platz für elegantes Formulieren auf den Punkt.

Bei klassisch gebauten Radiobeiträgen gibt es mehrere Ebenen, bei denen gendersensibel gearbeitet werden kann: angefangen bei der Themensetzung und Perspektive auf eine Geschichte über ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis bei den Menschen, die zu Wort kommen, bis hin zum Sprechtext. Für Journalistinnen und Journalisten, die sich gerade erst an Geschlechtergerechtigkeit in ihren Stücken wagen, sind gebaute Beiträge vom Drei-Minüter bis zum Feature ein gutes Übungsfeld: Hier kann in der Vorbereitung ausgiebig an Formulierungen gefeilt werden. Und: Wer gendersensibles Sprechen erstmal ausprobieren will, kann die Texte beim Einsprechen so oft wiederholen, bis sie „rund“ klingen.

 

6. Experimentieren erlaubt – das Genderspektrum zeigen

Tipp: Wenn es zur Sendestrecke passt und die Redaktion offen für Neues ist, dann gibt sie jungen Kolleg*innen Gelegenheit mit Genderfragen zu spielen. Der Sprachwandel lebt von neuen Impulsen, frische Ideen dürfen ausprobiert werden.

„Ich habe festgestellt, dass es durchaus möglich ist, ‚Teilnehmer*innen‘ zu sagen, ohne dass mir die Zunge abfällt“, sagt Benedict Weskott. Für Deutschlandfunk Kultur produziert Weskott Beiträge im Bereich Musik, Kultur und Gesellschaftspolitik – mit gesprochenem Genderstern. Nebenbei läuft die Arbeit an der Promotion an der Ruhr-Universität Bochum zu queer-feministischem Hip-Hop. „Ich finde es schwierig, dass es im Deutschen oft keine geschlechtsneutralen Berufsbezeichnungen gibt – zum Beispiel im Journalismus. Ich selbst fühle mich bei meiner eigenen Berufsbezeichnung weder mit der männlichen Form richtig wohl, noch mit der weiblichen. Daher verwende ich für mich selbst das Sternchen und nenne mich: Freie*r Journalist*in“.

In den Sprechtexten für die gebauten 5-Minüter kommen daher das Gendersternchen und auch mal Umschreibungen wie „Menschen, die menstruieren“ zum Einsatz. Inklusive Sprache ist Benedict Weskott wichtig: „Die Möglichkeit mit dem Gender-Gap zeigen zu können, dass Geschlecht ein Spektrum ist, finde ich recht charmant. Mittlerweile wurde ja mit dem Urteil des Bundesverfassungsgericht zur Dritten Option im Personenstand bestätigt, dass es mehr als Mann und Frau gibt.“

 

7. Reden lassen – Authentizität geht vor Genderkorrektheit

Tipp: Lassen Sie Ihre Interviewpartner*innen reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Sie wollen es doch authentisch haben. Machen Sie keine Sprechvorschriften. Das irritiert.

Wenn Menschen interviewt werden, die nicht gendern, dann müssen genderwillige Medienschaffende das so akzeptieren. Absolutes Tabu: zu versuchen, das Gegenüber zu drängen, eine andere Sprache zu verwenden. Was hingegen sehr gut möglich ist: selbst inklusiv und gendersensibel zu kommunizieren – manchmal „steckt es an“, wenn schon die Frage eine Beidnennung enthält. Oder Sie fragen direkt: Was sagen eigentlich Frauen zu dieser Sache?

Benedict Weskott sieht es auch so. „Wenn eine Person gendert, ist das schön und gut und wenn nicht, dann auch. Es ist kein Ausschlusskriterium für einen O-Ton, wenn nicht gegendert wird“. Vor einem Gespräch inklusive Formulierungen einzufordern, käme nicht infrage: „Es bringt ja nichts, wenn mein Gegenüber im Gespräch die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sich selbst zu korrigieren. Außerdem ist vollkommen aushaltbar, wenn ein Teil des Beitrages ungegendert ist.“

 

8. Autsch: Gendern verboten

Tipp: Was passiert eigentlich, wenn die eigene Redaktion Gendern nicht gerade begrüßt, aber im O-Ton die Beidnennung oder ein deutlicher Gender-Gap zu hören sind? Rausschneiden? Niemals! Verteidigen Sie Ihre O-Töne!

Im Grunde ist die Sprache der interviewten Person immer zu akzeptieren. Zitate sollten ohne ‚Korrekturschnitte‘ wiedergegeben werden. Um Irritationen im Radiopublikum zu entgegnen, kann aber ein kleiner Hinweis auf die Sprechweise einer Person helfen.

Eine kleine Argumentationshilfe, die bei der Abnahme helfen kann, kommt von Susanne Babila: „Ich appelliere an die Offenheit. So wie sich die Gesellschaft verändert, verändert sich auch Sprache. Die Auseinandersetzung darüber ist sinnvoll.“ Sie sagt aber auch: „Die Verständlichkeit darf nicht leiden. Im Radio hat man nur einmal die Chance zu hören und dann ist es versendet.“ Das bedeutet: Bei den Aufnahmen der O-Töne aufmerksam zu sein und wenn sich Genderstern an Genderstern reihen sollte, so kann ein höflicher Hinweis auf die Besonderheit des Hörfunks an die Person eventuell doch angebracht sein.

 

9. Sprechen üben – für mehr Geschlechtergerechtigkeit

Tipp: Jahrelange Sprecherfahrung prägt den spontanen Ausdruck. Alltagssprache ist: Personen im generischen Maskulinum zu nennen und oft das Wörtchen „man“ zu benutzen. Geschlechtergerecht Sprechen bedeutet, sich davon zu verabschieden.

Wer sich mit geschlechtergerechter Sprache unsicher fühlt, sollte sie nicht ausgerechnet in einer Live-Situation das erste Mal testen. Moderationen, Studiogespräche, Live-Schalten und Vor-Ort-Reportagen erfordern hohe Konzentration. Doch gerade beim spontanen Sprechen ist eine alltagsnahe Ausdrucksweise wichtig. Wer will als Radioprofi schon ins Stottern geraten?

Gendersensibel sprechen kann gelernt werden. Dafür hilft es, zunächst in der alltäglichen Kommunikation mit Familie und Freund*innen viel zu gendern. Radiojournalistin Rebekka Endler empfiehlt Kinderbücher gendersensibel vorzulesen. Auch gut: Zeitungsartikel beim Vorlesen mal spontan umzutexten. Sogar Redaktionskonferenzen sind ein gutes Übungsfeld: „Für mich ist das wie Gehirnjogging“, sagt Rebekka Endler. Wenn nach einiger Zeit die Worte mühelos fließen, sollte es auch On-Air mit der gendersensiblen Sprache klappen. Genderleicht-Spezialtipp: Für Sprechblockaden in einer Livesituation kann ein Spickzettel hilfreich sein – mit thematisch passenden Beidnennungen und alternativen Formulierungen.

 

10. Grammatikmonster zähmen

Tipp: Wer Gendersternchen im Singular verwendet, verliert sich schnell in grammatikalischen Abgründen. Gendern sollte die Regeln der Rechtschreibung nur wenig ausdehnen. Im Grunde ist schon mit korrektem Deutsch vieles möglich.

Während manche noch knobeln, ob bei „Arzt“ und „Ärztin“ oder „Franzose“ und „Französin“ aufgrund der Umlaute bei der weiblichen Form das Gendersternchen eingesetzt werden kann, überwiegen für Rebekka Endler andere Überlegungen: „Wer sich stur am Duden orientiert, tut der gendergerechten Sprache keinen Gefallen. Wir müssen neue Regeln finden. Wichtig ist mir, dass sich keine Person ausgeschlossen fühlt, denn ich mache Radio für alle.“ Dass beim Gendern hin und wieder übers Ziel hinausgeschossen wird, ist Teil des Prozesses: „Auf einem Schild habe ich neulich gelesen: ‘Aushelfer/-in gesucht‘ – das fand ich irgendwie lustig. ‚Aushilfe‘ hätte es genauso getan.“ Aber versuchen und scheitern zähle mehr, als es gar nicht erst auszuprobieren, denn immerhin schließt auch die Formulierung ‚Aushelfer/in‘ niemanden aus.

 

Fazit:

Gendern ist eine ernsthafte Angelegenheit mit Hintersinn

Gendersensibler Journalismus im Radio soll dazu beitragen, vielfältigere Perspektiven aufzuzeigen. Sorgsam zu texten und zu recherchieren ist journalistisches Handwerk. In unseren drei Blogteilen haben wir mit Redaktionen und Radioprofis gesprochen. Sie alle haben uns viele gute Gedanken mit auf den Weg gegeben: Gendern und gendersensibler Journalismus sind kein Selbstzweck. Moderationen, Reportagen, Livegespräche und gebaute Beiträge sollen auch mit geschlechtergerechter Sprache schön, unterhaltsam und informativ anzuhören sein. Letztendlich geht es beim Gendern im Hörfunk nur um eines: Sprechen über das, was ist.

 

Teil 1: Vielfalt On Air
Teil 2: Motive und Möglichkeiten

Katalin Valeš
Katalin Valeš

Referentin Genderleicht.de

Kennt Print- und Hörfunkredaktionen von innen und stand anfangs dem Gendern skeptisch gegenüber. Doch die vielen Argumente dafür, haben die freie Journalistin überzeugt. Inzwischen formuliert sie selbst gendersensibel und hat festgestellt: es geht und macht sogar Spaß.

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