Da war es: In der ZDF-Sendung aspekte am 17. Januar 2020 moderiert Jo Schück mit Gendersternchen – lässig, unaufgeregt und wie selbstverständlich. Und das bei einem außenpolitischen Thema, das vordergründig nichts mit Sprache zu tun hat. Bei Minute 12:40 spricht der Moderator den folgenden Satz: „Mitten im Iran haben wir uns umgeschaut, bei Iraner*innen und natürlich auch bei denjenigen, die im Exil wohnen – in Deutschland.“ An der Stelle des Sternchens im ausgeschriebenen Zitat macht der 39-Jährige eine Minipause: kurz und doch lang genug, um wahrgenommen zu werden. Dann geht es weiter mit einer neutralen Form: wo wir im Fernsehen für gewöhnlich das generische Maskulinum hören, verwendet er eine Formulierung, die alle Geschlechter meint und spricht von „denjenigen, die im Exil wohnen“.

ZDF-Moderator Jo Schück im Interview

Zum Auftakt der dreiteiligen Blogreihe „Gendern im Fernsehen“ erzählt Jo Schück, wie er dazu gekommen ist, in der Kultursendung aspekte gendersensibel zu moderieren und was ihm beim Gendern wichtig ist.

 

Wieso gendern Sie?

Ich habe gerade ein Buch geschrieben und da bin ich übers Schreiben zum Gendern gekommen. Als ich vor zwei Jahren damit angefangen habe, musste ich viel darüber nachdenken. Erst schrieb auch ich „Die weibliche Form wird mitgedacht“, aber das hab‘ ich sofort wieder durchgestrichen.

 

Mit welcher Methode gendern Sie?

Ich habe mir irgendwann klar gemacht: Nicht gendern ist die schlechteste Lösung. Bei der Methode selbst bin ich nicht festgelegt. Ich probiere noch ein bisschen aus und schaue was geht, gerade bei der Fernsehmoderation. Oftmals benutze ich die männliche und weibliche Form nebeneinander. Aber ich versuche auch zunehmend, das Gendersternchen mitzusprechen. Das ist am Anfang ungewohnt, aber in den allermeisten Fällen gut machbar.

 

Wie war das, als Sie das erste Mal mit Genderstern die Moderation gesprochen haben?

Das kam ganz natürlich. Bei einer Sendung im Januar habe ich wie immer standardmäßig meine Moderationskarten vorbereitet, in einem längeren Prozess. Am Ende stehen da meistens nur Stichworte drauf. Und eines dieser Stichworte war das Wort „Iraner*innen“. Das war das erste Mal, dass auf meiner Karte ein Gendersternchen draufstand. Und dann habe ich das, ohne groß darüber nachzudenken, einfach so gesprochen. Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass ich jetzt mit Genderstern moderiert habe.

 

Also gibt es da keine bestimmte Sprachempfehlung seitens der Redaktion?

In keiner Weise. Die Redaktion gibt keine Linie vor. Es gab vor dieser Moderation weder eine Absprache noch eine Vorgabe. Ich habe einfach nur selber für mich gemerkt, dass es notwendig ist.

 

Wie hat die Redaktion reagiert?

Meinem Chef ist es aufgefallen, und er hat mich darauf angesprochen. Aber ansonsten habe ich dazu überhaupt kein Feedback bekommen – weder positiv noch negativ.

 

Und was hat Ihr Redaktionsleiter zum gesprochenen Gendersternchen gesagt?

Es war keine große Sache. Er fragte mich nach der Sendung: „Genderst du jetzt so?“, und ich antwortete ihm „Ich glaube schon.“ Und dann war das so.

 

Inzwischen haben Sie nun öfter gegendert moderiert. Kamen Reaktionen vom Publikum?

Im März habe ich offensiv gegendert, ein Twitter-User hat daraufhin angekündigt nie wieder dieses aspekte schauen zu wollen mit dem „Jo SchückInnen“.

 

Gendern bedeutet ja nicht, aus Namen eine weibliche Form abzuleiten oder aus tatsächlich männlich gemeinten Formen eine weibliche zu machen. Es ist eine bewusste Entscheidung.
Fällt es Ihnen leicht so zu sprechen?

So genau habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht. Aber es stimmt schon: Es gibt Wörter, bei denen das Gendern natürlicher daherkommt als bei anderen. Bei „Iraner*innen“ funktioniert es gut, aber bei „Autor*innen“ zum Beispiel, ist es schon wieder nicht mehr so einfach, liegt wohl an der Phonetik.

 

Was tun Sie, wenn es sich mit Mini-Lücke mal nicht gut spricht – Augen zu und durch?

In solchen Fällen verwende ich dann eher die männliche und die weibliche Form oder versuche den Text umzuformulieren. Ich bin da kein Dogmatiker. Man muss immer gucken, wie der elegante Weg ist. Aber nicht gendern ist eben keine Lösung.

 

Gelingt es Ihnen immer zu gendern?

Nein. Manchmal merke ich, dass ich das gerade vergessen habe, das ist aber auch kein Beinbruch. Hauptsache man macht es sich bewusst und versucht, gegenzusteuern.

 

Wie handhaben Sie das in Interviews? Erwarten Sie von anderen, dass sie gendern?

Wir sind ja zurzeit in einer Transformationsphase. Da passiert gerade viel. Aber es ist eben noch nicht die totale Normalität, das Gendern in der Alltagssprache zu pflegen. Deswegen würde ich jedem zugestehen, dass nicht immer alles gegendert ist. Und Jeder. Und das würde ich auch gerne für mich in Anspruch nehmen. Ich glaube, gerade in dieser Transformationsphase dürfen wir alle noch ein bisschen experimentieren. Aber ich finde schon, dass wir alle aufgefordert sind, es auszuprobieren.

 

Aber nicht alle trauen sich das – vielleicht aus Angst, es falsch zu machen?

Es geht ja erstmal darum, sich den Vorgang bewusst zu machen. Ich persönlich würde deswegen niemanden verurteilen, wenn es mal irgendwo holperig wird. Im Gegenteil: Es ist ja gerade beim Gendern auch manchmal gar nicht schlimm, wenn man mal stolpert.

 

Dazu trägt natürlich eine Redaktion bei, die dieser Thematik offen gegenüber steht …

Das stimmt. Bei uns ist Gendern in keiner Weise ein kontroverses Thema. Das kann daran liegen, dass in der Redaktion die Gleichstellung von Mann und Frau eventuell eine größere Rolle spielt als in manchen anderen Redaktionen.

 

Woran machen Sie das fest?

Wir haben uns zum Beispiel freiwillig eine Frauenquote auferlegt: Mindestens die Hälfte unserer Gäste im Studio und in den Beiträgen soll weiblich sein.

 

Gendersprache steht also am Ende des Prozesses, die Auswahl der Gäste am Anfang?

Das Thema „weibliche Protagonistinnen“ spielt seit Beginn meiner journalistischen Karriere eine Rolle. Auch zu der Zeit, in der ich hauptsächlich Autor von Fernsehdokumentationen war. Es ist echt Wahnsinn, wie oft ich darüber schon gesprochen habe in verschiedenen Redaktionen. Ich erinnere mich noch an unsere Doku über Steuervermeidung. Die ist schon sechs, sieben Jahre her. Da haben wir krampfhaft versucht, Frauen für Interviews zu finden. Wir wollten eben nicht nur Männer vorkommen lassen, aber das war wirklich schwierig. Ich glaube, am Ende kam eine Interviewpartnerin vor, neben sehr vielen Männern. Das fanden wir unbefriedigend, mussten es aber dann so hinnehmen.

 

Immer wieder hören wir: Frauen sind bei Interviewanfragen zurückhaltender.

Ja ist was dran. In meiner persönlichen Statistik ist es etwa so, dass Frauen doppelt so oft abgesagt haben wie Männer, und das ist sehr bedauerlich. Männer sind viel leichter bereit, sich irgendwo hinzustellen, selbst wenn sie keine Ahnung haben. Frauen sind eher zögerlich. Da bekomme ich öfter mal die Rückmeldung, dass sie glauben, nicht genau zum Thema zu passen oder in diese bestimmte Runde. Da ist es für mich natürlich ein Stück Arbeit zu sagen: „Kommt, macht. Habt nicht so viele Bedenken, weil ihr es so perfekt machen wollt!“

 

Hat sich Ihrer Meinung nach schon was verändert in diesem Bereich?

Ja. Ich moderiere ja auch Veranstaltungen und es ist noch nicht lange her, dass man es bei einigen Panels nicht geschafft hat, genügend Frauen auf die Bühne zu bringen.  Zum einen, weil es zu wenige Frauen in bestimmten Positionen gab und zum anderen, weil man sie nicht gleich gefunden hat, nicht genau wusste, wo man nachfragen sollte. Aber da hat sich ganz offensichtlich was getan – durch die öffentliche Wahrnehmung und den öffentlichen Druck.

 

Haben Sie Tipps für Journalist*innen, die der Thematik noch skeptisch gegenüberstehen?

Ich glaube, dass das, was wir in der Redaktion gemacht haben, ein guter Anfang ist: eine freiwillige Quote. Gerade für Leute, die noch nicht so drin sind, ist das eine wirklich gute Maßnahme, weil man sich selber und auch die Protagonist*innen zwingt, sich damit auseinanderzusetzen. Denn nur wenn man sich so eine Quote auferlegt, wird man auch mehr Frauen anrufen. Und ja, man muss vielleicht drei bis fünf Leute mehr anrufen. Das macht erstmal Arbeit. Aber das Gute ist, dass dann auch drei bis fünf Frauen mehr angerufen werden. Und das Witzige daran: man findet auch mehr Männer dadurch.

 

Sie finden mehr Männer, wenn Sie nach Frauen suchen? Wieso das?

Über die Suche nach den Frauen finden wir manchmal Männer, die wir noch nicht auf dem Schirm hatten. Wir fragen uns ja ständig: Wie findet man neue Leute, damit nicht in jeder Talkshow die gleichen Leute sitzen. Es ist mir auch schon passiert, dass ich eine Frau angerufen habe, die zwar absagte, die mir aber einen super Gesprächspartner vermittelt hat.

 

Frauen im Fernsehjournalismus stärker in den Blick zu nehmen lohnt sich also immer?

Genau. Und wie gesagt: Nicht Gendern ist die schlechteste Lösung.

 

Jo Schück, ich danke für das Gespräch.

 

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Katalin Valeš
Katalin Valeš

Referentin Genderleicht.de

Kennt Print- und Hörfunkredaktionen von innen und stand anfangs dem Gendern skeptisch gegenüber. Doch die vielen Argumente dafür, haben die freie Journalistin überzeugt. Inzwischen formuliert sie selbst gendersensibel und hat festgestellt: es geht und macht sogar Spaß.

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