Wer anfängt, sich mit Judith Butlers Theorien auseinanderzusetzen, kann leicht in Verzweiflung geraten. Zumindest ging es mir und vielen meiner Kommiliton*innen im Studium der Gender Studies so. Butlers Thesen – so fundamental, wie sie für das Fach sind –in ihrer Komplexität sind sie herausfordernd und setzen viele Fachkenntnisse voraus. Nicht nur für die Gender Studies, sondern auch für den Journalismus sind aber gerade ihre Gedanken zur Verbindung zwischen Sprache und Geschlecht spannend.

 

» We’re all born naked and the rest is Drag. « 

(RuPaul)

Geschlecht als Konstrukt

Eine bei Feminist*innen weit verbreitete Annahme ist, dass soziales Geschlecht konstruiert ist. „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“ hat schon 1949 Simone de Beauvoir geschrieben. Im Kern bedeutet es, dass die Menschen selbst bestimmen – und damit konstruieren – was es bedeutet, eine Frau zu sein. So lauten gängige Stereotype, die sich bei uns im Alltag wiederfinden: Männer sind stark und rational; Frauen sanft und emotional. Deshalb sind Spielzeug- und Kleidungsgeschäfte für Kinder eine in blau und rosa aufgeteilte Welt. Und im Supermarkt werden Chips, Grillsauce und Kleber für Frauen oder Männer separat vermarktet, in Dating-Shows suchen Frauen die starke Schulter, an die sie sich anlehnen können. So weit, so Klischee.

Butler geht mit ihrer Theorie aber weiter: Sie sagt, dass auch biologisches Geschlecht sozial konstruiert ist. Und hier beginnt es, wirklich spannend zu werden. Es muss nur der erste Impuls überwunden werden, zu denken: „Waaaas, aber ich hab doch ein Geschlecht an meinem Körper und das ist ziemlich real und beeinflusst mein Leben!“ Das stimmt – und das möchte Butler auch gar nicht verneinen. Auch im Journalismus beziehen wir uns oft auf Männer und Frauen – beispielsweise im Zusammenhang mit ungleicher Bezahlung oder Verteilung von Care-Arbeit. Diese Unterschiede werden auch mit Butler nicht ‚wegdiskutiert‘. Was meint sie also damit, dass auch biologisches Geschlecht „konstruiert“ ist?

 

Die Brille, die wir nicht absetzen können

Butler will keine Körper ignorieren. Die sind da und das ist auch gut so. Ihre Aussage ist vielmehr, dass wir Körper immer durch eine Art ‚kulturelle Brille‘ wahrnehmen. Diese Brille können wir nicht absetzen, wir tragen sie immer. Sie besteht aus Sprache und Begriffen. Entstanden ist diese Brille aus Diskursen. Ein Diskurs bestimmt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt denk- bzw. sagbar ist. Diese kulturelle Brille sortiert die Körper, die wir wahrnehmen, ein: Wir sehen oder besser meinen, ein Mädchen oder einen Jungen, Mann oder Frau zu erkennen. Binarität wird das in der Wissenschaft genannt. Etwas anderes kann es mit unserer momentanen kulturellen Brille nicht geben. Das Problem: Diese Sortierung bringt gleich mit sich, wie Frauen und Männer, Mädchen und Jungen zu sein haben. Unsere kulturelle Brille liefert also gleich Normen mit – wir nehmen diese Normen aber nicht wahr, denn wir reden ja über etwas (vermeintlich) Natürliches.

Zu abstrakt? Ein Beispiel: Journalist*innen der WDR-Sendung Quarks haben ein Experiment mit kleinen Kindern durchgeführt und das mit der Kamera dokumentiert. Sie haben Mädchen die Namen von Jungen gegeben, ihnen Hemd und Hose angezogen und Jungen umgekehrt Mädchennamen und Kleidchen gegeben. Erwachsene, die nichts von dem Tausch wussten, sollten dann mit den Kindern und bereitgestelltem Spielzeug spielen. Was passiert? Die Erwachsenen sortieren die Kinder, deren Geschlecht in diesem Alter eigentlich noch gar nicht anhand des Äußeren erkennbar ist, geschlechtlich ein und geben ihnen das zum Spielen, was für sie zum Geschlecht passend ist. Die Kleidung als geschlechtlicher Marker macht den Erwachsenen deutlich, wie sie die Kinder anzusprechen haben. Indem ‚klar‘ ist, ob die Kinder als Mädchen oder Jungen angesprochen werden, wird auch ins Bewusstsein gerufen, was für Mädchen oder Jungen vermeintlich angemessen ist: Puppen für die Mädchen, Bauklötze für die Jungs.

 

Der Körper wird überinterpretiert

Diese Einteilung geht das ganze Leben lang weiter. Jedes Mal, wenn wir als Mädchen oder Jungen, Männer oder Frauen angesprochen werden, wird das reproduziert, was in unserer Gesellschaft als männlich bzw. weiblich gilt. Mit jedem Ansprechen als Frau oder Mann schwingt mit, wie Männer und Frauen zu sein haben. Und macht aus dieser selbst geschaffenen Norm etwas vermeintlich Natürliches und damit Unveränderliches. Wir stellen unser Geschlecht also über sprachliche Aussagen her.

Butler möchte unsere Körper nicht negieren. Sie will lediglich beschreiben, wie unsere Körperlichkeit in der Gesellschaft permanent überinterpretiert wird. Oder warum ein bestimmtes Körperteil, das wir haben oder nicht haben, darüber bestimmen soll, welche Kleidung wir tragen dürfen. Welche Farben wir mögen. Oder darüber, welche gesellschaftlichen Positionen wir einnehmen dürfen. Oder im Extremfall sogar darüber, ob wir schlicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden – weil wir in ein zweigeschlechtliches System nicht reinpassen oder nicht reinpassen wollen.

 

Mehr Freiheiten

Was machen wir also damit gerade im Journalismus? Auf die Begriffe Mann/Frau bzw. Mädchen/Junge verzichten? Das ist eher unwahrscheinlich. Butler schlägt vor zu vergessen, was ‚eine Frau sein‘ bedeutet. Auch das stelle ich mir auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene, zumindest momentan, schwierig vor. Aber gerade im Journalismus ergibt sich daraus durchaus eine Verantwortung: Wir konstruieren jeden Tag über unsere Texte, mit unserer Sprache eine soziale Realität. Eine soziale Realität, die mich mit allerhand Ungleichbehandlung, Ausgrenzung und Diskriminierung, ehrlich gesagt, ziemlich stört.

Es ist nicht so, dass ich auf die Begriffe Mann oder Frau komplett verzichten würde. Das geht auch kaum, wenn gesellschaftliche Ungleichbehandlungen thematisiert werden sollen. Hier müssen wir deutlich von Frauen und Männern sprechen und uns dabei selbst kontrollieren, dass wir nicht Geschlechtsrollen-Stereotype reproduzieren.

An anderer Stelle, wo es eben nicht auf gesellschaftliche Vor- oder Nachteile ankommt, versuche sie zu umgehen. Wir können andere Bezeichnungen wählen, die weniger kulturell aufgeladen sind: Menschen oder Personen, die etwas tun. Das Gendersternchen hat dabei ein besondere Funktion: Es markiert, dass ein Konstruktionsprozess stattfindet und schließt Personen ein, die sich nicht in einem zweigeschlechtlichen System wiederfinden. Dadurch verlieren wir keine journalistische Präzision, bekommen aber Texte, die Menschen mehr Freiheiten geben. Weil sie nicht ständig die Normen reproduzieren, die uns vorgeben, wie wir zu sein haben. Und da könnte ich mir vorstellen, dass das etwas ist, was gute Akzeptanz findet.

 

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler hat vor 30 Jahren die feministische Theorie zur Rolle des Geschlechts neu definiert. Ihr Buch „Gender Trouble“ – als „Das Unbehagen der Geschlechter“ auf Deutsch erschienen – gilt als das Grundlagenwerk der Gender Studies. Die Genderforscherin hielt am 31.1.2020 einen Vortrag in Berlin, anlässlich der zehnjährigen Feier der Fachgesellschaft Geschlechterstudien an der TU Berlin.

Leseempfehlung

Sie wollen mehr von Judith Butlers Ideen erfahren, scheuen sich aber (noch), ihre Originaltexte zu lesen? Dann empfehle ich diese Bücher:
„Judith Butler zur Einführung“ von Hannelore Bublitz, Paula-Irene Villa mit ihrer „Butler-Einführung“ oder den Comic „Judith Butler“ aus der Reihe „Philosophie für Einsteiger“ von Ansgar Lorenz, Nektarios Ntemiris und René Lépine.

Katja Vossenberg
Katja Vossenberg

GASTAUTORIN

Sie hat in Dortmund den Bachelor in Journalistik und in Bochum und Graz den Master in Gender Studies gemacht. In ihrer Masterarbeit hat sie einen Leitfaden für geschlechtersensiblen Journalismus erarbeitet und gibt auch Seminare zu diesem Thema. Katja Vossenberg arbeitet als freie Journalistin u.a. für Deutschlandfunk Nova.

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