Suchen Sie einen Sprachleitfaden fürs Gendern? Im Internet finden Sie so einige, auch Genderleicht hat Schreibtipps zum Download. Auffallend ist: viele Leitfäden sind von Universitäten herausgegeben. Christine Ivanov, Doktorandin der Linguistik an der Leibniz Universität Hannover, hat für das Forschungsprojekt „Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis“ Sprachleitfäden von Hochschulen untersucht.

Alle Leitfäden erfüllen drei zentrale Funktionen, so ihr Ergebnis:
1. Information über vorhandene Möglichkeiten geschlechtergerechter Schreibung. Ältere, gut etablierte Vorschläge werden teilweise durch neuere, inklusivere Schreibweisen ergänzt.
2. Sensibilisierung für die individuelle Auseinandersetzung mit dem eigenen Sprachgebrauch.
3. Praktische Unterstützung beim Schreiben anhand konkreter Beispiele.

Viele geben sich Mühe, das alles anschaulich und interessant zu gestalten. Keine leichte Aufgabe. Daher sind die Leitfäden recht unterschiedlich gestaltet.

Am Rande der Tagung „Denken – Sprechen – Gendern“ am 10./11. Oktober 2019 der Leibniz Universität Hannover kam ich mit Christine Ivanov ins Gespräch.

 

80 Sprachleitfäden haben Sie für Ihre Untersuchung betrachtet. Wieso gibt es eigentlich so viele und sind die hilfreich?

Viele? Nein! Wir sind überrascht, dass wir nur so wenige finden konnten. Wir haben alle Webauftritte von Universitäten und Fachhochschulen nach Sprachleitfäden durchsucht. Nur 30 oder 40 Prozent haben einen Leitfaden. Wir haben uns die gedruckten angeschaut, also die, die öffentlich zugänglich sind. Interne Leitfäden und Dienstanweisungen haben wir nicht analysiert.

Die Untersuchung war 2017. Ich vermute, dass es inzwischen viele neue Leitfäden gibt. Die TU Berlin zum Beispiel hat erst 2018 ihren ersten herausgegeben. Es gibt heute mehr Bedarf. Und viele der älteren Leitfäden müssen wegen der Berücksichtigung der Dritten Option überarbeitet werden. Dass nun auch nicht-binäre Personen angesprochen sein sollen, stellt auch die Universitäten vor bisher unbekannte Herausforderungen.

 

Wie werden die Leitfäden angenommen?

Wir wissen nicht, ob die Leitfäden alle Beschäftigten erreichen. Ich frage mich, ob sie die nur erhalten, wenn sie neu eingestellt werden und dann in der Schublade verschwinden lassen. Sehr kreativ fand ich die Lösung der Uni Erlangen-Nürnberg. Sie hatte 2017 keinen Flyer oder Broschüre sondern einen Kalender. Der konnte auf dem Schreibtisch stehen, und auf der Rückseite waren Hintergrundinformationen und Formuliervorschläge.

 

Studierende müssen oft Hausarbeiten gendern und später ihre Masterarbeit. Helfen ihnen diese Sprachleitfäden?

Wir haben nur wenige Leitfäden speziell für Studierende gefunden. In manchen stand der Tipp, dass es gut sei, sich bei der Person, die die Aufgabe stellt, nach deren Erwartungen ans Gendern zu erkundigen – und dann abzugleichen, ob das zu den eigenen Maßstäben fürs Gendern passt.

 

Wir dachten, die Sprachleitfäden seien in erster Linie für Studierende da.

Das hat uns auch überrascht. Aber wir denken, das liegt am Grundrecht der Freiheit von Forschung und Lehre. Da will niemand Vorschriften machen. Andererseits erinnere ich mich an verschiedene Leitfäden für literaturwissenschaftliche oder germanistische Seminare zum Erstellen von wissenschaftlichen Arbeiten. Darin gab es dann einen kurzen Passus zum Gendern. Allerdings gingen die Tipps sehr weit auseinander, von „Lassen Sie die Finger davon, das ist alles Quatsch!“ bis zu eben diesem – „Sprechen Sie mit den Dozierenden“. Konkrete Anleitungen haben wir eigentlich nie gefunden.

 

Was ist der Nutzen von Sprachleitfäden in der Verwaltung? Geht es darum die Kommunikation nach innen und außen zu vereinheitlichen?

Ja, das sollte man annehmen. Aber die Leitfäden sind in der Regel nicht verbindlich. Es sind keine Dienstanordnungen, die festlegen, wie geschrieben werden soll. Die meisten Leitfäden stellen eine Palette von Möglichkeiten vor. Ganz selten wird eine konkrete Empfehlung ausgesprochen. Da kann ich verstehen, wenn Leute damit unzufrieden sind. Die hätten gern eine klare Vorgabe, wie sie es machen sollen, eine Regel: „So und so geht’s“.

 

80 verschiedene Leitfäden – heißt das auch Vielfalt bei den Sprachtipps?

Eine Einheitlichkeit der sprachlichen Praxis konnten wir in unserer Untersuchung nicht feststellen. Das hängt sicher auch damit zusammen, wer die Texte schreibt. Anfangs haben Fachleute aus der Linguistik die Leitfäden geschrieben, jetzt werden sie oft von der Gleichstellungsstelle herausgegeben und es ist nicht erkennbar, wer die Vorschläge erarbeitet hat.

Der Leitfaden der Leibniz Universität Hannover, wo ich arbeite, ist ziemlich verbindlich. Alle Schriftstücke, die wir untersucht haben, hatten sich daran gehalten. Der Leitfaden hat allerdings auch recht konservative Lösungen: mit Beidnennungen, für Formulare Schrägstriche bei der Sparschreibung, sowie Neutralisierung. Das geht mit den Rechtschreibregeln konform und lässt sich gut machen.

 

Wann bekommen wir eine Einheitlichkeit?

Ich glaube, die ist nicht erstrebenswert. Feministischer Sprachkritik geht es darum, auf Ungerechtigkeiten im Sprachgebrauch aufmerksam zu machen. Das ist natürlich anstrengend, immer wieder nachzudenken – wie erhalte ich eine Form, die verantwortungsbewusst und reflektiert ist und zu dem passt, was ich an welcher Stelle ausdrücken will? Ich will auch gar nicht, dass irgendeine Autorität von oben her entscheidet, wie das von jetzt an gemacht werden soll. Auf diese Weise bleibt die Sprachfrage immer in der Diskussion, und das ist im Minenfeld Feminismus an vielen Stellen der Fall.

 

Christine Ivanov, ich danke für das Gespräch.

Und noch dies: Zusammen mit Ihrer Kollegin Tabea Tiemeyer startet Christine Ivanov im Januar 2020 das Gender-Beratungsprojekt Sprachbewusst.Sprachgerecht

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Unsere Blogserie „Gespräche mit Studierenden übers Gendern“

Linktipps

Sprachleitfaden Leibniz-Universität Hannover

Sprachleitfaden Hochschule Hannover

Sprachleitfaden Technische Universität Berlin

Sprachtipps von Genderleicht finden sie bei Tipps & Tools

Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin ganz selbstverständlich mit dem Gender-Gap sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine gute und elegante Lösung findet sich immer.

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