Gendersensibler Journalismus gewinnt zunehmend an Bedeutung – sogar in Kindermedien. Dazu beigetragen haben wissenschaftliche Erkenntnisse und die anhaltende gesellschaftliche Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit. So stellt sich KiKA, der öffentlich-rechtliche Kinderkanal von ARD und ZDF, nach Erscheinen einer bemerkenswerten Studie vor zwei Jahren inzwischen seiner Verantwortung – wir haben nachgefragt. Und auch die ZDF-Kindernachrichtensendung „logo!“ zeigt, dass gendersensibler Journalismus für Kinder sehr gut funktionieren kann.

 

Wir wollten es genau wissen

 

In einem Beitrag über australische Waldbrände in der „logo!“-Sendung vom 12.11.2019 heißt es: „Mehr als 3000 Feuerwehrmänner und -frauen sind Tag und Nacht im Einsatz“. In derselben Sendung erklärt Linda Joe Fuhrich in ihrer Moderation für einen anderen Beitrag: „An so vielen Schulen fehlen Lehrerinnen und Lehrer. Es gibt sogar echt viele Schulen, da fehlt sogar die Schulleitung – also eine Direktorin oder ein Direktor. In Nordrheinwestfalen ist sogar jede neunte Schule ohne einen Chef oder eine Chefin.“ Mit großer Natürlichkeit und Souveränität vorgetragen, lenkt die Doppelnennung der Personenbezeichnungen kein bisschen vom Inhalt ab. „logo!“-Moderatorin Linda Joe Fuhrich verrät uns, warum sie so moderiert:

Als Nachrichtensendung für Kinder ist es uns sehr wichtig, ganz bewusst mit Sprache umzugehen. Dazu zählt auch, gendersensibel zu texten. Wir versuchen, dies in unseren Beiträgen und Moderationen stets zu beachten. Natürlich gibt es Fälle, in denen wir das nicht umsetzen können: Bei besonders komplizierten Nachrichten verzichten wir manchmal bewusst auf mögliche Doppelnennungen, weil Nachrichtentexte für Kinder dadurch länger und unverständlicher werden können. Man muss in jedem einzelnen Fall sorgfältig abwägen und bewusst mit den Möglichkeiten der Sprache umgehen. Und die Erfahrung zeigt: Je öfter man bewusst gendergerecht textet und schließlich auch bewusst spricht, desto automatischer und natürlicher wird es. Ich kann alle Kolleginnen und Kollegen nur ermutigen, es so oft wie möglich zu versuchen.“

Gendergerechte Texte für Kinder zu verfassen ist also vor allem eines: Übungssache.

 

Kinder hören sehr genau hin

Ob ein Text gendersensibel formuliert ist oder im generischen Maskulinum, macht für Kinder sehr wohl einen Unterschied. Kinder nehmen beispielsweise Berufe anders wahr, wenn eine geschlechtergerechte Sprache verwendet wird – das haben Dries Verdecken und Bettina Hannover in einer Studie mit 591 Grundschulkindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren nachgewiesen. Die Kinder sollten schätzen, wie bestimmte Berufe bezahlt werden und bewerten, wie wichtig der jeweilige Beruf ist, wie schwer er zu erlernen und auszuführen ist, und sie sollten einschätzen, ob sie sich den Beruf selbst zutrauen würden. Von insgesamt 16 Berufsbezeichnungen waren acht Berufe männlich geprägt (mehr als 70 % Männer), fünf waren typisch weiblich (mehr als 70 % Frauen) und drei waren neutral. Das Ergebnis:

Kinder, denen die geschlechtergerechten Berufsbezeichnungen präsentiert worden waren,
trauten sich viel eher zu, einen ‚typisch männlichen‘ Beruf zu ergreifen als Kinder, denen
nur die männliche Pluralform genannt worden war.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Psychologie

Die Studie zeigt: Formulierungen haben einen nachweislichen Effekt. Aber die Untersuchung deckt noch etwas auf: wie tief verwurzelt gesellschaftliche Rollenvorstellungen und Grundannahmen über Geschlechter sind. Denn die Kinder schätzten Berufe, die von Frauen ausgeübt werden (können), als weniger wichtig und schlechter bezahlt ein. Wenn „typisch“ männliche Berufe geschlechtergerecht bezeichnet wurden – wenn also etwa die Beidnennung verwendet wurde – schätzten die befragten Kinder sie als leichter erlernbar und weniger schwierig ein, als das der Fall war, wenn ihnen lediglich die rein männliche Berufsbezeichnung vorlag.

 

Was ist „typisch“ Junge oder „typisch“ Mädchen?

Schon die Kleinsten werten Weibliches tendenziell ab, während sie Männliches als höherwertig einstufen. Kein Wunder: Von Geburt an wachsen Kinder mit stereotypen Geschlechterbildern auf. Neben rosa und hellblauen Spielzeugen leisten Werbung und Medienangebote, die Klischees von Geschlechterrollen vermitteln, ihren Beitrag dazu. Damit sich die negative Konnotation des Weiblichen ändert, kommt es neben der gendersensiblen Sprache daher auch darauf an, wie Charaktere in Kindermedien dargestellt werden. Initiativen wie Pinkstinks, der gemeinnützige Verein zur Förderung von Wahlfreiheit jenseits limitierender Rollenklischees klische*esc e.V. oder das Blog Die Rosa-Hellblau-Falle, sensibilisieren seit einiger Zeit für dieses Themenfeld mit Kampagnen, Büchern, Theaterprojekten und Vorträgen. Für Medienschaffende, die für Kindermedien arbeiten, empfiehlt sich zudem ein Blick in die 2017 erschienene monothematische Fachzeitschrift TELEVIZION zum Thema „Geschlechtergerechtigkeit im (Kinder-) Fernsehen“, die vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen herausgegeben wurde.

Neben gendersensibler Sprache und dem bewussten Umgang mit Rollenbildern von Jungen und Mädchen bzw. Männern und Frauen, bedeutet gendersensibler Journalismus auch, auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in Kindermedien zu achten – denn davon sind wir leider noch meilenweit entfernt.

 

Mädchen in der Unterzahl

Ende 2018 lebten laut statistischem Bundesamt in Deutschland rund 10,5 Millionen Kinder unter 14 Jahren – 5,4 Millionen Jungen und 5,1 Millionen Mädchen. Doch im Fernsehprogramm für diese Zielgruppe spiegelt sich dieses Geschlechterverhältnis nicht mal annährend wider: Jungen und Männerfiguren flimmern 3-mal so häufig über die Bildschirme wie Mädchen -bzw. Frauenfiguren. Bei Fantasiewesen wie z.B. Tierfiguren sind sogar 87 Prozent männlich und gerade mal 13 Prozent weiblich – so die Erkenntnisse aus der Studie „Audiovisuelle Diversität“ von Elisabeth Prommer und Christine Linke vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock. Vereinfacht gesagt: Auf neun männliche Charaktere kommt hier gerade mal eine weibliche Figur. Die Untersuchung aus dem Jahr 2017 wurde initiiert von der MaLisa-Stiftung und in Auftrag gegeben von ARD, ZDF, ProSiebenSat1 und RTL sowie der Filmförderungsanstalt, der Film- und Medienstiftung NRW und den FilmFernsehFonds Bayern. Die Ergebnisse bewirkten bei den Sendeverantwortlichen und in einigen Redaktionen bereits ein Umdenken. Denn gerade für Kinder spielen Vorbilder und Identifikationsfiguren eine große Rolle.

 

KiKA stellt sich seiner Verantwortung

Doch was passierte genau? Gegenüber Genderleicht.de erklärte der Kinderkanal von ARD und ZDF (KiKA), dass nach Erscheinen der Studie zur „Audiovisuellen Diversität“ die wissenschaftliche Leiterin der Untersuchung, Prof. Dr. Elizabeth Prommer, und Dr. Maria Furtwängler, Initiatorin der Studie und Gründerin der MaLisa-Stiftung, mit den damaligen Programm- und Formatverantwortlichen des KiKA zu einem Austausch zusammen kamen. Das Ziel aller Beteiligten: mögliche und sinnvolle Handlungsbedarfe abzuleiten und Kern-Erkenntnisse in zukünftige Programmentwicklungen einfließen zu lassen. Auf die Frage, ob sich durch die Studienergebnisse etwas verändert hat, antwortete der öffentlich-rechtliche Kinderkanal:

Wir nehmen seit der Veröffentlichung der Studie das Thema stärker in den Blick und sensibilisieren unsere Mitarbeitenden und Formatentwickelnden für Vielfalt von Identitäten und Rollen in unseren Angeboten und Programminhalten. Gleichstellung und Diversität sind aber auch Teil der Unternehmenskultur bei KiKA – dafür macht sich Programmgeschäftsführerin Dr. Astrid Plenk stark. Mittels Vorträgen und Seminaren zu verschiedenen Aspekten der Diversität schaffen wir bei den KiKA-Redakteur*innen das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit und Diversität.

Außerdem hat der KiKA eine Diversity-Checkliste erarbeitet, mit deren Hilfe die Redaktionen stets hinterfragen können, ob vielfältige Charaktere gezeigt werden und ob bei Auswahl und Entwicklung auf Geschlecht, kulturelle oder ethnische Herkunft sowie auf Religion, realistische Körperproportionen, Behinderung, sexuelle Orientierung und Lebensform geachtet wurde. „Auf Basis dieser Checkliste steht für uns als Nächstes die Frage an, wie wir geschlechtergerechter auf allen Plattformen kommunizieren können“, heißt es aus dem KiKA.

 

Geschlechtergerechtigkeit bei der Programmgestaltung

Wie ernst der Kinderkanal das Thema Geschlechtergerechtigkeit und Diversität nimmt, zeigt auch dessen Unterstützung der Nachfolgestudie zur audiovisuellen Diversität, deren Erhebung 2020 stattfinden wird. Außerdem werden nicht nur die eigenen Beschäftigten beim KiKA für das Thema sensibilisiert. Auch all jene, die im Auftrag für den Kinderkanal Sendungen und Beiträge produzieren, sind angehalten, mit diverseren Blickwinkeln und Rollengestaltungen zu arbeiten:

In der Neuproduktion der ‚Schlümpfe‘ zum Beispiel, die wir ab 2021 in neuer 3D-Optik zeigen, erhält Schlumpfine weibliche Verstärkung.

 

Seit Jahresbeginn begleiten wir mit dem Format ‚KiKA LIVE‘ (KiKA) die Trainees Dr. Insa Thiele-Eich und Dr. Suzanna Randall der Initiative ‚Die Astronautin‘. Eine der beiden soll 2021 als erste deutsche Frau ins Weltall fliegen. Wir wollen damit die Zuschauer*innen – vor allem Mädchen – für Naturwissenschaften, Mathematik, Technik und Raumfahrt begeistern.

 

Bei der Suche nach neuen Moderator*innen achten wir bewusst auf ein ausgewogenes Verhältnis der Geschlechter.

 

In unserem 2019 gestarteten Geschichtsformat ‚Triff…‘ (KiKA) haben wir bewusst auf eine Moderatorin gesetzt: Clarissa Corrêa da Silva, die 2019 als ‚Wissensmacherin‘ mit dem Kinder-Medien-Preis ‚Der weiße Elefant‘ ausgezeichnet wurde.

 

Ansätze wie diese können dazu beitragen, dass Kinder beim Fernsehen und im wirklichen Leben Jungen und Mädchen sowie Männer und Frauen als gleichberechtigte Teile der Gesellschaft wahrnehmen.

 

Klischees und Gute-Nacht-Kuss

Neuere Medienangebote sind also zunehmend gendersensibel. Trotzdem werden Kinder noch immer mit überkommenen Rollenbildern überschwemmt, denn diese werden in vielen Familien wohlmeinend von Generation zu Generation weitergegeben – in Gute-Nachtgeschichten, in denen der starke Prinz mal wieder die hilflose Prinzessin rettet oder in Kinderliedern und -reimen, in denen Mädchen und Frauen so gut wie nie vorkommen. Da tanzt ein Bi-Ba-Butzemann im Haus herum, dort geht ein Mann die Treppe rauf, um „Herrn Nasemann“ fröhlich „Guten Tag“ zu zurufen und seit Generationen lieben Jungen wie Mädchen den Knie-Reit-Vers „Hoppe-Hoppe-Reiter, wenn er fällt, dann schreit er!“ – Reiter wohlgemerkt, keine Reiterin; er schreit, nicht sie.

Kaum jemand hinterfragt, warum Kinder von so vielen starken Männern umgeben sind und von so wenigen starken Frauen oder warum die wenigen starken Frauen und Mädchen ausnahmslos schön und sehr oft sexualisiert dargestellt werden. Erschreckend oft sind weibliche Figuren in Kindermedien passiv, während männliche Figuren überwiegend lösungsorientiert sind und aktiv handeln. Mädchen arrangieren sich, Jungen gestalten ihre Welt; Mädchen interessieren sich für ihr Aussehen, Jungen für das, was sie tun – so häufig medial verbreitete Grundannahmen.

 

Gut gemacht!
Gendersensibler Journalismus im Kindermedienbereich

Gendersensibler Journalismus kann dazu beitragen, diese veralteten Geschlechterbilder aufzubrechen, indem kindgerecht erklärt wird, warum festgefahrene Rollenvorstellungen ein Problem sein können. Journalistische Beiträge können Themen wie „gendergerechte Sprache“ oder „Gendermarketing“ für Kinder aufbereiten. Beispiele, wie das gelingen kann, gibt es bereits:

 Wie beeinflusst uns Sprache – logo! erklärt – ZDFtivi (2018)

Geschlechtergerechte Sprache. Neun ½ – Deine Reporter. ZDF-Online (nicht mehr online)

„Was bedeutet Gendern?“ Artikel auf www. Kindersache.de“ vom 24. Oktober 2018

Typisch Junge, typisch Mädchen?! Eine Kiraka-Radiogeschichte über Klischees und Gendermarketing

 

Fazit: Gendersensibler Journalismus für Kinder ist möglich

Wer für Kindermedien arbeitet – egal ob im Radio-, Fernseh- oder Printbereich – trägt eine große Verantwortung: Sprache, aber vor allem auch die Auswahl von handelnden Personen und die Art und Weise in der sie dargestellt werden, haben einen Einfluss darauf, wie Kinder ihre Welt wahrnehmen und auch darauf, welche Möglichkeitsräume sie für sich selbst sehen.

Je selbstverständlicher gendersensible Sprache in Kindermedien wird, desto besser stehen die Chancen, dass sich das auf den Bereich der fiktiven Angebote, auf die Werbung und vor allem auf den familiären Alltag auswirkt; desto besser stehen die Chancen, dass Erwachsene im Umfeld der Kinder Verantwortung übernehmen – etwa in dem sie darauf achten, was Kinder lesen und im Fernsehen schauen oder indem sie mit Kindern über die Rollen von Jungen und Mädchen diskutieren. Einseitige Texte können beim Vorlesen umgedichtet oder ergänzt werden, und kleinen Mädchen könnte dann das hier vorgesungen werden: „Hoppe, hoppe Reiterin, wenn sie fällt, dann fällt sie hin.“ – Das ginge auch und zerstört weder Rhythmus noch Melodie, trägt aber ein kleines bisschen dazu bei, dass Jungen und Mädchen sich als gleichberechtigt und ebenbürtig begreifen.

 

Katalin Valeš ist für den Juliane-Barthel-Preis 2019 mit ihrer Kiraka-Radio-Geschichte“Typisch Junge, typisch Mädchen?!“ nominiert. Die Preisverleihung ist am 26. November in Hannover.

Katalin Valeš
Katalin Valeš

Referentin Genderleicht.de

Kennt Print- und Hörfunkredaktionen von innen und stand anfangs dem Gendern skeptisch gegenüber. Doch die vielen Argumente dafür, haben die freie Journalistin überzeugt. Inzwischen formuliert sie selbst gendersensibel und hat festgestellt: es geht und macht sogar Spaß.

Genderleicht.de

Auf Genderleicht.de finden Sie nützliche Tipps & Tools, wie Sie diskriminierungsfrei schreiben und sprechen, sowie Argumente und Fakten für die gendersensible Medienarbeit.

Genderleicht.de