Wenn es ums Gendern geht, scheinen sich die Jüngeren damit leicht zu tun, insbesondere an den Universitäten. Das Partizip „Studierende“ hat bereits das Wort “Studenten” abgelöst. Viele junge Leute sprechen auch den Gender-Gap ohne ins Stocken zu geraten.

Aber ist das mit der geschlechtergerechten Sprache wirklich so easy? Und welche Rolle spielen dabei Medienberichte zum Gendern? Wir haben Studierende gefragt – Sieben Interviews in sechs Tagen.

Genderleicht.de im Gespräch mit Studierenden

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#6 Lea, ist mit ihrem Psychologie-Studium fertig

Lea hat die geschlechtergerechte Sprache erst vor kurzem für sich entdeckt. Damit steht sie in ihrem Umfeld noch relativ alleine da. Doch die Psychologiestudentin sucht die Diskussion. In Gesprächen mit anderen merkt sie, wie effektiv kleine Gedankenspiele sein können, um eigene Denkmuster aufzubrechen. Die 25-Jährige hat gerade ihr Bachelor-Studium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg abgeschlossen. Lea heißt eigentlich anders.

 

Wie stehst du zu geschlechtergerechter Sprache?

An der Fernuniversität Hagen, wo ich zuerst studiert habe, hatte ich das Modul „Psychologie und kulturelle Vielfalt“. Es hat sich unter anderem mit geschlechtergerechter Sprache aus psychologischer Sicht befasst. Da wurden einige Hintergrundinformationen vermittelt, die mich in meinem Umgang mit Sprache nachhaltig beeinflusst haben.

 

Wie handhabt die Universität in Nürnberg die Gender-Thematik?

Die Studierenden aus meinem Fachbereich müssen ihre schriftlichen Arbeiten immer nach denselben Richtlinien von der deutschen Gesellschaft für Psychologie abfassen. Gewünscht ist da geschlechtergerechte Sprache, vorgeschlagen wird das Gendersternchen. Einige meiner Kommilitonen und Kommilitoninnen halten sich sehr konsequent daran. Ein Großteil hingegen setzt sich darüber hinweg, und die Dozierenden fordern dies in der Regel auch nicht ein.

Beim Verfassen meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit den verschiedenen Genderschreibweisen auseinandergesetzt. Dabei habe ich die Doppelpunktschreibweise für mich entdeckt:
Sie fügt sich schön ins Schriftbild ein.

 

Sprichst und schreibst du immer und überall gendersensibel?

Es fällt mir noch schwer, geschlechtergerechte Sprache in meinem Alltag einzubinden. Ich versuche zwar darauf zu achten, aber insbesondere im Gespräch mit Freund:innen vergesse ich oft meine Vorsätze. Mein Bekanntenkreis ist noch nicht sehr sensibel, was das Thema angeht. Da falle ich schnell in alte Gewohnheiten. Würde ich mich in anderen Kreisen bewegen, wäre es vermutlich anders. In der gesprochenen Sprache erfordert es sehr viel Sensibilität und Konsequenz. Im Uni-Kontext achte ich insbesondere in wissenschaftlichen Arbeiten darauf, mich bewusster auszudrücken.

 

Hast du Änderungen bei dir selbst bemerkt, wie fühlst du dich angesprochen?

Nach dem Vielfalt-Seminar habe ich auf jeden Fall Änderungen bei mir wahrgenommen. Mir ist bewusst geworden, wie sich Sprache im Denken und Handeln manifestieren kann. Im Seminar wurden eine Vielzahl von Beispielen und Studien vorgestellt. Die kann ich nun in Gesprächen mitanbringen. Mir ist geschlechtergerechte Sprache wichtig, allerdings nicht meine erste Priorität. Deshalb bereitet mir die Anwendung im Alltag noch etwas Schwierigkeiten. Ich finde es sinnvoll, mehr in den Dialog zu gehen, um das Bewusstsein zu stärken. Weil viele in meinem Umfeld gegen das Gendern sind, hab‘ ich das Thema schon einige Male diskutiert.

 

Kannst du ein Beispiel aus den Diskussionen mit uns teilen?

Ich beginne die Diskussion meist mit einem kleinen Rätsel: Ein Vater und sein Sohn haben einen Autounfall. Der Vater stirbt und der Sohn wird mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus geliefert. Der diensthabende Chirurg kommt in den Operationssaal und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“

Die meisten kommen nicht auf die Lösung. Ich hätte nie gedacht, welche Wirkung ein solches Rätsel entfalten kann. Viele verstehen dadurch, dass Frauen zwar mitgemeint, aber nicht mitgedacht sind.

 

Gibt es auch etwas, dass dich bei der Diskussion um die Genderdebatte nervt?

Viele Menschen ärgern sich übers Gendern. Sie sagen, dass ihnen diktiert wird, wie sie zu sprechen haben. Mir persönlich ist das noch nicht aufgefallen. Ich finde, dass die Menschen, die dagegen argumentieren, um einiges penetranter sind. Auf ein Gespräch lassen sie sich in der Regel nicht ein und beharren auf ihren immer gleichen Standpunkten. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass viele Menschen, denen geschlechtergerechte Sprache ein Anliegen ist, sie für sich umsetzen und auf Nachfragen offen reagieren.

Jeden Tag ein Gespräch mehr

#1 Jana, Studentin der Sozialen Arbeit (7.10.19): “Ich freue mich sehr, wenn Leute gendern.”

#2 Arne, Masterstudent der Physik (8.10.19): „Gendergerechte Wortwahl sollte geschickt und flüssig sein.“

#3 Carlotta und Linus, Studierende der Medizin (9.10.19): „Gendern ist ein wichtiger Schritt zur Geschlechtergerechtigkeit.“

#4 Tobias, Student der Elektrotechnik (10.9.19): “Ich gendere nie.”

#5 Linda, studiert Anglistik (11.10.19): „Gendersensibles Sprechen ist bei uns selbstverständlich.“

 

 

 

Tipps fürs Gendern beim Schreiben und Sprechen

… finden Sie bei Tipps & Tools

Studierenden empfehlen wir Sprachleitfäden der TU Berlin, TU Dresden und der Uni Köln auf unserer Seite Wissen.

Sprachleitfaden der Uni Erlangen-Nürnberg: Empfehlungen für einen gendersensiblen Sprachgebrauch

Johanna Bamberger
Johanna Bamberger

Assistentin Genderleicht.de

 

Reist gerne und viel durch Ost- und Westeuropa. Ihre Neugierde bringt sie nicht nur an spannende Orte, sondern führte sie auch zur gendergerechten Sprache.

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