Genderleicht beobachtet die Entwicklung von gendersensibler Sprache in den Medien. Längst zählen zum professionellen Informationsangebot etablierter Medienunternehmen neben Zeitung, Fernsehen und Radio die sozialen Netzwerke dazu. In den vergangenen Wochen haben wir ausgewählte Redaktionsaccounts auf Instagram verfolgt.

 

Gendersensible Ansprache für die junge Zielgruppe

Auf Instagram tummeln sich vor allem junge Leute: 71 Prozent sind unter 35 Jahren. Diese junge Zielgruppe wird interessanterweise häufig anders angesprochen als die ältere: gendersensibel.

 

Der Gender-Doppelpunkt wird immer beliebter

Momentan scheint sich eine Vorliebe für den Gender-Doppelpunkt heraus zu kristallisieren – ein Underdog unter den Genderzeichen. Zu den Medienaccounts, die den Gender-Doppelpunkt bei Instagram einsetzen, gehört beispielsweise Funk – das Content-Netzwerk von ARD und ZDF, bei dem über 70 Formate zusammen kommen.

Diese Bekanntmachung zum Gendern von Funk am 21. 3.2021 hat fast 40.000 „Gefällt mir“-Reaktionen erhalten:

Screenshot Instagram

Funk verwendet den Gender-Doppelpunkt, weil die Texte als barrierefreier gelten. Manche Sprachausgabe-Software für Menschen mit Sehbehinderung liest den Doppelpunkt als Pause und nicht als Sonderzeichen vor. Ein Kompromiss und ein Versuch, Lösungswege zu finden, einer Gruppe von Menschen besser gerecht zu werden, ohne eine andere Gruppe zu benachteiligen.

Auch die Tagesschau fährt diese Strategie. Ja, richtig gelesen! Die altehrwürdige Tagesschau präsentiert sich auf Instagram gendersensibel: Obwohl die Version fürs lineare Fernsehen auf sogenannte Genderzeichen und häufig auch auf die Beidnennung verzichtet, wird im Tagesschau-Kanal von Instagram der Gender-Doppelpunkt genutzt. Regelmäßig.

 

Der Instagram-Kanal der Tagesschau

Begüm Düzgün vom Social Media Team ARD Aktuell betreut den Instagram-Kanal. Kürzlich sagte sie der NDR-Zapp-Redaktion : „Wir sehen das Ganze als evolutionären Prozess, so wie Sprache sich entwickelt, als lebendige Instanz sozusagen, und da ist es uns wichtig, dass wir zumindest in den schriftlichen Textelementen eine einheitliche Regel durchsetzen. Das war einmal das Gendersternchen, und inzwischen haben wir uns auf den Gender-Doppelpunkt geeinigt, weil wir nicht nur genderneutral, sondern auch barrierefrei sein wollen.“

Ein Beispiel vom 4. März 2021:

Warum es bei Instagram möglich ist, so zu gendern und bei der Fernsehtagesschau nicht, erklärt die Journalistin so: „Wir haben es einfach mit einer komplett anderen Zielgruppe zu tun. Wir arbeiten viel und unmittelbar mit jungen Menschen zusammen. Wir sind in einem regen Austausch mit unserer Community, und da bekommen wir immer wieder Feedback – auch negatives Feedback – wenn wir beispielsweise mal vergessen zu gendern. Wir müssen eben auch beachten und uns vor Augen führen, dass jede Zielgruppe unterschiedlich ist und dass ältere Generationen natürlich auch Sprache unterschiedlich sprechen. Man weiß ja auch: im Alter steigt die Schwierigkeit, mit Gewohnheiten zu brechen, junge Generationen stehen eher für Umwälzungen und ‚Revolutionen‘ und da stehen wir vorne mit dabei.“

 

… und die anderen?

Die Sportschau der ARD, die älteste Sportsendung im deutschen Fernsehen, hat eine Durchschnittsreichweite von 4,8 Mio. Zuschauer*innen und ist damit das reichweitenstärkste Bundesligaformat. Der offizielle Instagram-Account der Sportschau wurde bisher fast 300.000 Mal abonniert. Hier findet sich am 12.3.2021 der Gender-Doppelpunkt:

Genauso beim Hörfunksender Fritz, das ist das junge Angebot des Rundfunks Berlin Brandenburg (rbb), gefunden am 4. März 2021:

Anders als der Gender-Doppelpunkt ist das Gendersternchen schon länger in Gebrauch. Laut Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum ist es das Genderzeichen, das sich aktuell am häufigsten in den von Duden beobachteten Textsammlungen, den Korpora, findet.

 

Gendersternchen wie selbstverständlich

Auch in den Instagram-Accounts etablierter Medien findet sich das Gendersternchen – so zum Beispiel am 11. März 2021 bei dem der ZDF Mediathek:

Instagrampost der ZDF-Mediathek mit Genderstern

Das Team des Instagram Accounts von Das Ding, das junge Angebot des Südwestrundfunks (SWR), nutzt am 4. März 2021 das Gendersternchen. Wir haben außerdem auch ein Partizip als Ersatz für das Wort “Forscher” entdeckt:

Das Sternchen tut gute Dienste auch im instagram-Kanal von „dein_Puls“, das junge Angebot des Bayrischen Rundfunks (BR) am 4. März 2021:

Auf Instagram wird allerdings auch mal Kritik am Sternchen laut. Selbstbewusst antwortet die Redaktion der Pulsreportage, das junge Angebot vom Bayrischen Rundfunk, wie dieser Fund vom 4. März 2021 zeigt – und präsentiert dort zugleich eine interessante Umfrage:

Aufs generische Maskulinum verzichten:
Gendern ohne Genderzeichen

Social Media Teams machen sich offensichtlich Gedanken um gendersensible Formulierungen. Neben neutralen Formulierungen verwenden sie Partizipialkonstruktionen.

In einem Tagesschau-Demobericht vom 15.3.2021 ist dort, wo üblicherweise beim vermeintlich generischen Maskulinum von „Teilnehmern“ und „Demonstranten“ die Rede gewesen wäre, nun von „Teilnehmenden“ und „Menschen“ zu lesen:

Gendern bei privatfinanzierten Medienunternehmen

Die Redaktion von RTL aktuell kennt am 11.März 2021 auch keine Scheu vorm Gendersternchen:

Selbst auf dem Instagram-Kanal vom Magazin Der Spiegel finden sich hier und da Genderzeichen – wenn auch eher selten, so wie hier am 15. März 21:

Auf dem Instagram-Account der Süddeutschen Zeitung finden sich am 15. März 21 Beidnennungen:

Gendersensible Sprache ist kein Selbstzweck

Gendern hört weder beim Einsatz der verschiedenen Genderzeichen auf, noch fängt es dort erst an. Das Problem sitzt tiefer.

Der Spiegel – bekannt für den Slogan „Sagen was ist“, hat kürzlich selbstkritisch auf die eigene Berichterstattung geschaut und das Ergebnis am 15. März 21 auf Instagram geteilt: In den hauseigenen Texten werden Männer und Frauen nicht mal annährend gleichberechtigt erwähnt. Es besteht ein krasses Ungleichgewicht.

Aus diesem Missverhältnis wurde ein Handlungsbedarf abgeleitet. Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann schreibt in seinem Editorial zum Weltfrauentag: „Es gibt ja längst genügend Politikerinnen, Unternehmenschefinnen, Wissenschaftlerinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen, Historikerinnen – also Expertinnen in den jeweiligen Gebieten. Sie sind nur nicht immer so prominent, drängen sich nicht sofort auf, stehen nicht immer in der ersten Reihe. Zu unserem Job gehört es, sie zu entdecken.“

Die Selbstkritik des Spiegels bestätigt, was wir mit unserem Genderleicht-Motto sagen: „Gendern beginnt bei der Recherche“ Das stimmt so auch bei Instagram-Medien- und Redaktionsaccounts – und den eigentlichen Medienprodukten.

 

Gendersensibler Journalismus ist machbar

Die genannten Beispiele sind nur eine Stichprobe. Wir haben keine umfassende Untersuchung angestellt, die einer wissenschaftlichen Analyse standhalten würde. Neben unseren Entdeckungen von vorbildlichem Gendern haben wir beobachtet, dass viele Medien und Redaktionen auf Instagram nach wie vor das vermeintlich generische Maskulinum benutzen.

Doch einen Trend zeigen die ausgewählten Beispiele bereits: Gendersensible Sprache nutzen etablierte Medien, wenn es Ihnen um die junge Zielgruppe geht. Und es beweist: Gendersensibler Journalismus ist machbar – wir müssen es nur machen.

Mitarbeit bei Recherche und Umsetzung:
Johanna Bamberger, Anna Poth, Christine Olderdissen

… und auf Twitter?

Das Social Media Team der Hessenschau, das Regionale Abendmagazin des Hessischen Rundfunk, hat im HR-Podcast “Im Haifischbecken” erklärt, warum es auf Twitter gendert. Gut anzuhören!

 

Katalin Vales
Katalin Vales

Referentin Genderleicht.de

Sie kennt Print- und Hörfunkredaktionen von innen und stand dem Gendern anfangs skeptisch gegenüber. Doch die vielen Argumente dafür haben die freie Journalistin überzeugt. Inzwischen formuliert Katalin Valeŝ gendersensibel und hat festgestellt: es geht sehr gut und macht Spaß.

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