Als vor 30 Jahren Westfrauen auf Ostfrauen trafen, kam es zu Irritationen: Die Frauen aus der DDR stellten sich vor: „Ich bin Lehrer.“ „Ich bin Ingenieur.“ „Ich bin Buchhalter.“ Die aus dem Westen dagegen nannten sich Lehrerin oder Buchhalterin. Ingenieurinnen waren die Ausnahme. Noch heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall,  erinnern sich die, die dabei waren, an das schwierige Zusammenwachsen der Frauenbewegten im wiedervereinten Deutschland. So wie Gislinde Schwarz, bis 1990 Redakteurin der DDR-Frauenzeitschrift „Für Dich“, und Ulrike Helwerth, die damals für die westdeutsche taz die Frauenseite mitverantwortete. Wir drei kennen uns aus dem Journalistinnenbund (jb) und sind im Interview natürlich per Du.

30 Jahre Wiedervereinigung

Männlich geprägte Sprache versus feministisches Sprachverständnis: Wie war das in der Wendezeit?

Ulrike Helwerth
Wir hatten jahrelang mit dem Binnen-I um Sichtbarkeit von Frauen gekämpft und darum, dass es in der taz-Schreibe verbindlich wird. Ihr könnt euch vorstellen, dass das mühsam war. Aus der Benennung der weiblichen Form haben wir sehr viel feministisches Selbstverständnis gezogen. Und dann sind wir auf unsere neuen Mitstreiterinnen in der DDR getroffen, und da war das überhaupt nicht so. Da gab es eine gewisse Hartleibigkeit.

Gislinde Schwarz
Berufe, die nahezu ausschließlich von Frauen ausgeübt wurden wie Kindergärtnerin, Lehrerin, Krankenschwester, die hatten auch in der DDR ihre weiblichen Bezeichnungen. In dem Moment, wo da Männer reinkamen, wenige Männer zwar, haben die sofort darauf geachtet, dass sie männliche Bezeichnungen bekamen. Da entstand plötzlich der Krankenpfleger.

Die anderen Berufe hießen Kranführer, Werkzeugmacher, Textilarbeiter. Das stand so auf dem Zertifikat. Die Sprache, mit der du aufwächst, die prägt sich ein. Zu sagen: „Ich möchte für meinen Beruf genauso bezeichnet werden wie ein Mann“, ist auch ein Stück Emanzipation, wenn auch aus meiner Sicht eine falsch verstandene. Es stand doch dahinter: „Ich leiste das Gleiche wie ein Mann.“

Ulrike Helwerth
Dahinter steckt die Annahme, dass das Männliche auch das Höherwertige ist. Für uns war die Sprache ein entscheidendes Kampfgebiet um die Definitionsmacht.

Gislinde Schwarz
Ich glaube nicht, dass die DDR-Frauen das so gesehen haben. Natürlich war eine Frau stolz, wenn sie sagen konnte: „Ich bin Kranführer.“ Aber eigentlich wäre die nicht weniger stolz gewesen, wenn sie Kranführerin gewesen wäre. Dieser Stolz muss aber auch in der öffentlichen Diskussion gelebt werden, aber so war es bei uns nicht. Und dann, in der Wende, entstand so ein Trotz: Also die Wessis wollen uns jetzt alles vorschreiben. Und dann auch noch, wie wir uns bezeichnen.

War das ein Machtkampf West-Ost?

Gislinde Schwarz
Also wer sind denn die wahren Emanzipierten, haben wir uns vor 30 Jahren gefragt. Im Westen war die Mehrheit noch Hausfrau und im Osten haben sich die Frauen zwar männlich bezeichnet, aber Vollzeit gearbeitet und daneben Kinder und Haushalt versorgt. Wir haben damals schon das Lebensmodell von heute gelebt. In der DDR war die Gleichberechtigung nicht theoretisch untermauert. Sie wurde uns gegeben und wir haben sie auch gelebt, zum guten Teil, und zum guten Teil eben nicht. Bei euch war es so, dass sie zum Teil nicht gelebt werden konnte, und dass die Sprache erkämpft wurde.

Ulrike Helwerth
Unser feministisches Selbstverständnis hat sich wesentlich in der weiblichen Benennung widergespiegelt. Für Frauen aus dem Osten, durchaus auch Feministinnen, war die weibliche Bezeichnung hingegeneine zusätzliche Entwertung ihrer Leistung, so begreife ich das zumindest heute. Das konnten wir damals aber nicht verstehen, weil wir vieles voneinander nicht verstanden haben, und das wurde dann zu einer Art Machtkampf: Wer definiert, welche Sprache die richtige ist?

Wie ist es heute mit den männlichen Berufsbezeichnungen und den Frauen im Osten?

Gislinde Schwarz
Nachdem die erste Trotzphase vorbei war, kam das dann so allmählich mit den weiblichen Berufsbezeichnungen. Aber in ländlichen Regionen und bei Älteren ist das noch immer üblich, so von sich zu sprechen, auch als Frau. Bei den Jüngeren ist es keine Frage.

Ulrike Helwerth
Das trifft nicht nur auf den Osten zu. Ich kenne und erlebe auch hartnäckige Nutzerinnen des generischen Maskulinums im Westen – und nicht nur auf dem Land oder bei älteren Frauen. Da steckt auch eine gewisse Verweigerung des politisch Korrekten dahinter. Ich verwende ebenso hartnäckig die weibliche Form oder die Beidnennung. Und seitdem z.B. der Deutschlandfunk in der Lage ist, den Genderstern akustisch umzusetzen, etwas, was vor Jahren noch im wahrsten Sinne unerhört war, bleibe ich da gelassen und denke: Wird schon noch.

Gislinde Schwarz
Ich habe mich immer als Journalistin bezeichnet, aber ich war zu DDR-Zeiten die Einzige, auch in meiner Frauenredaktion. Auf meiner Visitenkarte, die habe ich noch, da stand „Journalistin“. Mir war das nämlich damals schon sehr wichtig zu sagen „Ich bin Feministin“. Ulrike, du erinnerst dich an unsere Frage, als wir an unserem Buch gearbeitet haben: Nennst du dich Feministin? Nahezu alle Frauen aus der DDR haben gesagt: „Nee, bloß nicht.“ Und nahezu alle Westfrauen sagten: „Na klar!“

Euer Buch „Von Muttis und Emanzen: Feministinnen in Ost- und Westdeutschland“ – Wie kam es dazu?

Ulrike Helwerth
Wir haben uns bei zahlreichen Veranstaltungen in Ostberlin, wo wir als Journalistinnen unterwegs waren, kennengelernt. Etwa bei der Gründung des UFV, des Unabhängigen Frauenverbands, am 4. November ´89 in der Berliner Volksbühne.

Gislinde Schwarz
Ulrike war da als Berichterstatterin aus dem Westen, und ich war eine der Akteurinnen, ich habe den UFV mitgegründet. Danach sind wir uns immer wieder begegnet. Ich bin dann zum Journalistinnenbund gekommen und habe auch Ulrike dafür geworben. Später ist sie sogar jb-Vorsitzende geworden.

Ulrike Helwerth
Du und Rosi Mieder – und natürlich Doro Lieber – ihr wart im jb ganz lange die einzigen aus der DDR. Wir waren immer froh, dass ihr da wart und Euch sogar im Vorstand engagiert habt.

Wie lief die Arbeit am Buchprojekt in der Nachwendezeit?

Ulrike Helwerth
Unser Projekt hieß „Fremde Schwestern“, weil wir uns genau so gefühlt haben und mit großer Neugier auf die jeweils andere Geschichte da rangegangen sind. Unser Verlag hat sich später zu unserem Leidwesen für einen anderen Titel entschieden.

Gislinde Schwarz
Ich traf auf Frauen, von denen ich schon zu DDR-Zeiten viel gelesen oder gehört hatte. Ich habe mich richtig gefreut, sie nun selber kennenlernen zu können. Aber es war dann wahnsinnig anstrengend, weil Ulrike und ich so viel Wut und Ärger abgekriegt haben, als Fragestellerinnen. Da war eine Riesenenttäuschung da: Die Westfrauen fanden uns aus dem Osten viel zu angepasst. Wir konnten die westdeutsche Frauenbewegung nicht retten. Ich war damals auch viel verletzlicher, ich befand mich ja selber in einer Situation des Umbruchs und musste mich neu orientieren.

Ulrike Helwerth
Wir wurden immer mal wieder von Gesprächspartnerinnen als Stellvertreterinnen des jeweils anderen Systems betrachtet und dafür abgewatscht. Aber wir hatten hochinteressante Gespräche, die intellektuell und emotional bewegend und auch berührend waren. Im Grunde haben wir den oft mühsamen Verständigungsprozess in unserer Zusammenarbeit selbst durchlebt. Wir haben uns auch immer als Teil unseres „Forschungsfeldes“ verstanden.

Christine Olderdissen

30 Jahre Wiedervereinigung: Ich möchte sagen – wir sind in weiten Teilen zusammengewachsen, West und Ost. Ich danke Euch für das Gespräch.

 

So ging es für die Gesprächspartnerinnen weiter

Gislinde Schwarz hat 1991 mit Rosemarie Mieder das Journalistinnenbüro Berlin gegründet. Sie haben zahlreiche Sachbücher geschrieben und Hörfunkfeature produziert.

Ulrike Helwerth ist seit 2001 beim Deutschen Frauenrat Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und seit 2015 auch Referentin für internationale Gleichstellungspolitik.

Das Buch
Von Muttis und Emanzen – Feministinnen in Ost- und Westdeutschland
Fischer Taschenbuch-Verlag, 1995

 

Weiterlesen

Dossier: 30 Jahre geteilter Feminismus, Digitales Deutsches Frauenarchiv
„Es ist viel zusammengewachsen“, Gislinde Schwarz und Ulrike Helwerth im Dossier-Interview

Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin ganz selbstverständlich mit dem Gender-Gap sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine gute und elegante Lösung findet sich immer.

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