Bilder über Prostitution: Wo sind die Freier?

von | 2. April 2024 | Bildermächtig

Blick durch ein Fenster auf ein leeres Bett in einem Bordell, rot angestrahlt.

Sex gegen Geld: Hier passiert es. Tag der Offenen Tür 2023 im Rotlichtviertel von Amsterdam.
Foto © Robin Utrecht, picture alliance

Geht es um Prostitution, wählen Redaktionen im Stressmodus meistens Bilder von Frauen in knappen Dessous und mit schwindelerregend hohen Plateau-Schuhen aus. Stets griffbereit ist auch das Bild der sexy Frau, die sich auf einer dunklen Straße zum offenen Autofenster hinunter beugt. Noch eine schnelle Lösung kurz vor Redaktionsschluss: Bordellstraßen mit roten Lichtern und blinkenden Schriften. Schön bunt – passt doch.

Die Bilder suggerieren, das Thema habe mit Lust und Vergnügen zu tun. Der Sexindustrie und ihren Kunden – zu 99 Prozent Männer – kommt es gelegen. PR-Fotos von Bordellbetreiberinnen und Zuhältern sehen ähnlich aus, nur einen Tick pornographischer. Der journalistische Erkenntniswert der sexy Frauen ist Null. Aber sex sells – auch der Presse.

Wer den Sex kauft, bleibt unsichtbar

Zeigen, was ist. Im Fall Prostitution sollte es für guten Journalismus heißen: kühlen Kopf bewahren, Hormone runterdrehen und zeigen, was sich hinter der sexy Fassade verbirgt. Dahinter oder eigentlich direkt daneben. Ein 90-Grad-Schwenk reicht aus – weg von den betörenden Frauenbildern hin zu den Zuschauern: die Männer, die Sex kaufen.

Seltene Fundstücke

Wir haben in Bilddatenbanken intensiv nach Fotos von Freiern gesucht, inbesondere solche, bei denen sie im Mittelpunkt stehen und nicht die Frauen. Wir haben nur wenige solcher Fotos gefunden. Sie sind schon ziemlich alt. Die Männer sind stets unscharf fotografiert, schemenhaft, abgewandt, ihre Gesichter sind nicht zu erkennen.

Straßenszene mit Bordell: Ein Mann schaut in ein hellerleuchtetes Fenster, ein zweiter läuft vorbei, ein dritter geht um die nächste Ecke

Bordell in Oberhausen (2008)
Foto © scully, Image Broker, Picture Alliance

Ein Mann steigt eine Treppe zu einem Bordell hoch. Der Hausflur ist rotbeleuchtet.

Aufgang zu einem „Eros Center“ in Frankfurt am Main (2011)
Foto © Salome Roessler, Picture Alliance, dpa

Warum es keine Fotos von Freiern gibt

Zwar wollen die meisten von ihnen inkognito bleiben. Die Angst ist groß, ihre Frauen oder Freundinnen könnten davon erfahren. Laut einer Studie von Melissa Farley aus dem Jahr 2022 würde es 89 Prozent der Freier vom Sexkauf abhalten, wenn sie wüssten, sie riskieren einen „Eintrag in einem Verzeichnis von Sexualstraftätern zusammen mit Vergewaltigern und Pädophilen“. Die zweitwirksamste Abschreckung (83-85 Prozent) wäre die Veröffentlichung ihres Namens. Gleich dahinter (82 Prozent) kommt das Risiko einer Haftstrafe.

Tabus aufdecken, Unerhörtes sichtbar machen – ist das nicht genau das, was journalistischen Ehrgeiz herausfordern sollte? Diesem Impuls folgte die Fotografin Bettina Flitner für ihr Fotoprojekt Freier Johns 2013 im Stuttgarter Großbordell „Paradise“; es ist inzwischen wegen Menschenhandels geschlossen. Erstaunlicherweise ließen sich mehrere Freier, Christian, Igor und andere, nackt fotografieren und interviewen. Die Bilder zeigen eine weniger attraktive, aber realistischere Facette der Sexbranche.

Da Prostitution seit gut zwei Jahrzehnten in Deutschland legal ist, finden manche Freier ihr Verhalten ganz normal. Nicht alle haben das Bedürfnis, sich zu verstecken. In Fernsehreportagen kommen sie immer häufiger zu Wort, mitunter mit offenem Gesicht. Es lohnt sich auf jeden Fall, als Perspektivwechsel die Freier ins Blickfeld zu holen.

In einer rotbeleuchteten Gasse laufen mehrere Männer, die sich neugierig umschauen

Bordellstraße in Amsterdam, Foto © Ilvy Njiokiktjien VII_Redux, LAIF

Wer die Freier sind

Der Fokus auf die Freier ist repräsentativer als der Blick auf prostituierte Frauen. Zahlenmäßig zumindest. Das Statistische Bundesamt zählt nur die angemeldeten Prostituierten (= 28872 im Jahr 2022). Das Dunkelfeld ist wesentlich höher: Im Durchschnitt bedienen in Deutschland geschätzt 250.000 bis 400 000 Prostituierte jeweils mindestens fünf bis zehn Freier täglich. Natürlich nicht jeden Tag denselben.

Das bedeutet, es gibt mehrere Millionen Freier hierzulande. Bilder von ihnen würden das spiegeln, was die Sexbranche zum Brummen bringt. Laut einer vergleichenden Studie zwischen Schweden und Deutschland aus dem Jahr 2023, waren 26 Prozent der deutschen Männer einmal Freier und 16 Prozent mehrmals. In Schweden waren es jeweils 7 und 5 Prozent. Der Unterschied zwischen beiden Ländern liegt daran, dass in Schweden seit 1999 ein Sexkaufverbot gilt.

Die Körper von prostituierten Frauen stehen lange genug im grellen Licht. Freier zu zeigen, würde dem journalistischem Ethos entsprechen, Informationen aufzudecken. Informationen über die Welt der Freier könnte für Millionen von Leserinnen und Zuschauerinnen relevant sein, die vielleicht dabei Parallelen zu ihrem Partner ziehen könnten – oder auch für die Freier selber, die über ihr eigenes Verhalten besser reflektieren könnten. Manche, die noch keinen Sex gekauft haben, könnte es vielleicht für die Zukunft abschrecken.

Wem das Foto-Shooting im Bordell zu eklig ist, gelangt ziemlich einfach in die Welt der Freier durch deren Foren im Internet. Unter Decknamen schreiben sie dort frei von der Leber weg und sicher zwangloser als in jedem face-to-face-Interview. Zwar sind keine Bilder und Namen von ihnen erkennbar, aber Screenshots ihrer Aussagen sprechen Bände über die Gewalt, die sie den Prostituierten zufügen. Die Screenshot-Lösung wählte der Tagesspiegel-Reporter Sebastian Leber im Dezember 2023, um seine Recherche zu bebildern.

Grafik: aus einem Smartphone-Display springt die Leuchtschrift „Open“

Screenshot Tagesspiegel, 10.12.2023
Foto © Gestaltung Tagespiegel mit getty images, freepik

Auswege aus dem Voyeurismus dank kritischer Bilder

Die Freier als Straftäter

Bilder von Freiern hat der französische Fotograph Olivier Desaleux 2022 gemacht. Er begleitete mich bei einer Reportage über einen Pflichtworkshop für bestrafte Freier in Frankreich. Jenseits vom Rhein ist der Sexkauf seit 2016 strafbar – wie auch seit 1999 in Schweden, 2009 in Norwegen und Island, 2015 in Nordirland, 2017 in Irland und 2018 in Israel. Der gesetzliche Ansatz heißt „Nordisches Modell“, manchmal auch als „Gleichstellungsmodell“ bezeichnet. Prostituierte werden entkriminalisiert und bekommen Hilfen, wenn sie aussteigen wollen.

Meine Reportage erschien in unterschiedlichen Fassungen – in der taz , in Chrismon und Alter Échos (Belgien). Die kraftvollste Auswahl an Bildern traf die Redakteurin Bettina Weber bei der Sonntagszeitung vom Tagesanzeiger (Schweiz).

Mann im schwarzen Hemd zeigt bei einem Workshop auf Personen außerhalb des Bildes.

Screenshot Tagesanzeiger, 29.10.2022
Foto © Olivier Desaleux

Zwei Männer sitzen mit übergeschlagenen Beinen in einer Stuhlrunde. Ihre Köpfe sind nicht zu sehen.

Reportage über das Antiprostitutionsgesetz in Frankreich, Screenshot taz, 5.7.2022
Foto © Olivier Desaleux

Der Aufmacher war ein Foto vom Workshopleiter François Roques, der auf die versammelten Männer zeigen: „Ihr seid gemeint!“ Dann die Rücken der fünf bestraften Freier, sitzend im Halbkreis, gefolgt vom Porträt der strahlenden Politikerin Maud Olivier, Co-Autorin des französischen Gesetzes, die Hand zur Faust geballt – sie war beim Workshop anwesend. Drei weitere Fotos fokussierten den Körper der Freier, ihre angespannten Muskeln, ihre nervösen Hände, ihre ängstliche Körperhaltung. Zum Schluss ein Foto der gleichzeitig verletzt und weise aussehenden Aussteigerin Rozen Hicher. Sie referiert gelegentlich bei Freier-Workshops.

Die Aussteigerinnen als „Überlebende“

Es müssen keine Bilder von halbnackten Prostituierten her, wenn der Artikel das Thema Prostitution kritisch beleuchtet. Informativer sind Bilder der Aussteigerinnen, mit ihren sichtbaren Verletzungen und ihrer Entschlossenheit. Sie müssen sich nicht mehr zum Lächeln zwingen. Der äußere und innere Druck durch die Zuhälter ist passé. Sie selber, ihre Kinder oder ihre Verwandten sind nicht mehr in Lebensgefahr. Insofern liefern Aussteigerinnen vertrauenswürdigere Informationen als Frauen, die noch in der Prostitution tätig sind. Jahre nach Überwindung ihrer Traumata können sie frei reden. Häufig bezeichnen sie sich als „Überlebende“. In vielen Ländern haben sie bei der Gestaltung neuer Prostitutionsgesetze mitgewirkt.

Demonstration: Viele Frauen in orangefarbigen Sweatshirts und mit Atemmasken halten Schilder hoch, z.B.: 89 Prozent der Frauen in der Prostitution wollen aussteigen.

Demonstration vor dem Moulin Rouge in Paris, Screenshot Chrismon, 2.11.2022
Foto © Alain Jocard, AFP, getty images

Die Redaktion von Chrismon nutzt als Aufmacherbild für mein Interview mit François Roques Aussteigerinnen und Aktivistinnen bei einer Demonstration in Paris, vor dem Moulin Rouge im ehemaligen Rotlichtviertel Pigalle, im April 2021. Die Sprüche auf ihren Plakaten vermitteln weibliche Selbstermächtigung und Hoffnung auf eine Welt ohne – oder zumindest mit weniger Prostitution – als bisher.

Frauen als Sexobjekt zeigen: Geht auch gendersensibel

Für kritische Berichte über Prostitution könnten Bildredaktionen nach aktuellen Fotos von entsprechenden Demonstrationen oder Protestaktionen suchen. Doch die Berichterstattung greift oft auch hier zu den üblichen Bildern von halbnackten Frauenkörpern.  Tagesschau.de beispielsweise bebildert am 1.1.2024 den kritischen Bericht über „Deutschland ist das Bordell Europas“ mit rotgefärbten sexy Fotos. Kein einziger Sexkäufer, kein Mann ist zu sehen.

Indem sich die Aussteigerinnen zeigen – mit ihrer manchmal wackeligen Psyche, ihren durch Jahre der Gewalt markierten Gesichtern und ihrer enormen Kraft – sind sie die mutigen Zeuginnen der Realität hinter der sexy Fassade der Prostitution. Bilder von ihnen sind aussagekräftiger als bunte Plateau-Schuhe. In Deutschland sind Huschke Mau, Sandra Norak, Marie Merklinger und die Aussteigerinnen vom Netzwerk Ella gut informierte Interviewpartnerinnen.

Was ist mit Bildern von glücklichen „Sexarbeiterinnen“, die darum kämpfen, „Sexarbeit“ als eine Arbeit wie jede andere anerkennen zu lassen? Ihr Motto lautet „Sexwork is work“. Reportagen zeigen sie manchmal in schick ausgestatteten Domina-Studios, mit einer Armada an Peitschen und bunten Dildos aller Formate im Hintergrund. Ihr politischer Einfluss hat 2001 zum Prostitutionsgesetz geführt, das Prostitution hierzulande vollständig legalisiert hat. Bittere Wahrheit: Das hat den Menschenhandel explodieren lassen. 80 Prozent der Frauen in der Prostitution stammen aus ökonomisch verarmten Ländern des Ostens und des Südens. Sie sprechen kaum Deutsch. Deutschland gilt heute, wie es auch Tagesschau.de meldet, als das „Bordell Europas“.

Sicher gibt es sie – die glücklichen Prostituierten. Eine sexfreudige Interviewpartnerin verführt eher zum Klicken eines Artikels als der Bericht über eine Aussteigerin. Journalistisch ist es jedoch nicht sauber, den Blick nur auf diese selbstbestimmten Frauen zu lenken, denn sie bilden maximal ein Zehntel der Prostituierten. Alle anderen Frauen – und die wenigen prostituierten Männer – sind nicht freiwillig in der Prostitution. Sie müssen aus Angst schweigen oder auswendig gelernte Sätze wiederholen – und gute Miene zum bösen Spiel der Gewalt machen.

Passt es nicht besser zu unserem beruflichen Ethos, die überwältigende Mehrheit von Prostituierten, die keine Stimme haben, in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken? Es gibt in Deutschland mehrere Vereine, die berichten können, was Prostituierte tatsächlich brauchen. Sie möchten fast alle so schnell wie möglich aussteigen.

Als Medienschaffende sollten wir also gut überlegen, inwieweit wir die leicht zugänglichen Bilder der scheinbar glücklichen Prostituierten verwenden, selbst bei kritischen Berichten über die massenhafte, sexuelle Ausbeutung in der Prostitution. Oder die sexy Fotos aus dem Rotlicht-Milieu. Und ob wir weiterhin ohne Bilder von Freiern berichten wollen.

Alternative Bebilderung

Orte der Prostitution, ohne sexy Frauen und fotoscheue Freier

Häuserzeile am Abend. rot beleuchtet ist der Eingang zu einem Eros Center.

Screenshot Tagesspiegel, 23.2.2024
Foto © Axel Helmken, picture alliance, dpa

Zwei leere Barhocker in einem Schaufenster in Amsterdam, Screenshot Deutschlandfunk, </br>Foto © <em>Robin Utrecht, picture alliance, dpa</em>

Screenshot Deutschlandfunk, 31.12.2023
Foto ©Robin Utrecht, picture alliance, dpa

Anregungen zur Bebilderung des Themas Prostitution

Kampagnen aus Ländern, die sich für das Nordische Modell entschieden haben, vermitteln meist einen Blick auf die Machtverhältnisse zwischen Zuhälterstrukturen, Freiern und Frauen in der Prostitution.

The Swedisch Institute zeigt in seiner Broschüre hübsche Häuser und Inneneinrichtungen im Schweden-Stil als Symbol dafür, dass der „Sex Buyer“ ein ganz gewöhnlicher Mann ist. Allerdings nutzt es auch Bilder halbnackter Frauen.

Le Mouvement du nid unterstützt Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution. Der Verein hat beim neuen Gesetz in Frankreich stark mitgewirkt und macht Prävention in der Öffentlichkeit und in Schulen. Er bezieht sich auf eine Kampagne der Regierung anlässlich der Fußball-EM der Männer 2016. Diese nutzte Portraitfotos von Frauen, die selbstbewusst in die Kamera schauen.

Filme

Kinofilme wie „Lilja for ever“ (Schweden 2002) oder „Noémie dit Oui“ (von Geneviève Albert, Kanada 2022) schaffen es, die Gewalt in der Prostitution zu zeigen, ohne voyeuristisch zu werden. Sie wirken dadurch umso erschütternder.

Kampagnen-Trailer

„Je gère“ („Ich komme klar“),  Videoclip der französischen Regierung für die minderjährigen Opfer in der Prostitution

„La Prostitution, changeons de point de vue“ („Prostitution – ein Perspektivenwechsel“), Videoclip der Europäischen Frauenlobby

Portrait Geneviève Hesse

© Ivana Kersting

Geneviève Hesse

Gastautorin

„Prostitution? Was geht mich das an “, dachte sie, als eine französische Freundin ihr sagte, die Ächtung von Sexkauf sei ein großes, feministisches Anliegen. Nun schreibt die Wahlberlinerin und freie Journalistin für Printmedien seit zehn Jahren darüber, u.a. für Spiegel Online, taz und Chrismon. Als Frankreich 2016 sein Prostitutionsgesetz radikal änderte, jubelte Geneviève Hesse mit.

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