Ist es in Zeiten von Corona und Ausgangsbeschränkungen, wirtschaftlicher Sorgen und Doppelbelastungen durch die Kombination von Home Office und Home Schooling angebracht, über gendersensiblen Journalismus zu schreiben? Aber ja doch!

Auch in der Krise situativ korrekt berichten

Katalin Valeš, Referentin

„Haben wir nichts Wichtigeres zu tun?“, könnten skeptische Stimmen fragen. Unsere Haltung: Das Eine schließt das Andere nicht aus. Gendersensibler Journalismus ist kein „Feel-Good“-Thema für sonnige Zeiten. Wir meinen es ernst damit. Gerade wenn die Krisenkommunikation alles dominiert, ist es wichtiger denn je, präzise zu sein, zu schreiben, über wen genau wir eine Geschichte erzählen.

Männer sind in der Gruppe der an COVID-19 erkrankten Menschen deutlich in der Überzahl. Und was Viele in Erstaunen versetzen mag ist die Erkenntnis, dass Frauen überdurchschnittlich oft in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten – als Ärztin, Mitarbeiterin an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts, als Busfahrerin, als Pädagogin, die sich um Kinder in der Notbetreuung kümmert oder in der Pflege. Zudem werden laut OECD Aufgaben wie Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen zu 80 Prozent von Frauen erledigt.

Doch spiegelt sich deren nun offensichtlich überraschend zu Tage getretenen Systemrelevanz auch in den Gehältern wider? Sehr oft nicht. Durch die Aufregung um Corona ist der Equal-Pay-Day in diesem Jahr in den Hintergrund getreten. Er war am 17. März 2020 und markiert den Tag, bis zu dem Frauen – statistisch gesehen im Vergleich zu Männern – umsonst arbeiten. 21 Prozent beträgt die Lohnlücke in Deutschland zwischen Frauen und Männern. Warum eigentlich? In Zeiten von Corona eine nicht unwichtige Frage.

 

Geschlechtsneutral und wertfrei texten

Anna E. Poth, Referentin

Und doch werden die Personen, die unsere systemrelevanten und oftmals lebenserhaltenden Maßnahmen gewährleisten, in der Berichterstattung selten präzise genannt. In überregionalen Zeitungen ist im Print- und Onlinebereich immer noch mehr von Ärzten und Krankenpflegern die Rede und ganz selten vom medizinischen Personal. Auch lässt sich mit einem strengeren Blick auf die Berichterstattung feststellen, welche Wertschätzung überwiegt. Warum stehen Ärzte an erster Stelle? Sind es nicht die Krankenschwestern und Krankenpfleger, die in der Corona-Krise rund um die Uhr für die Patient_innen da sind? Intensivmedizin ist gerade besonders wichtig. Nur sieht eine gleichwertige Berichterstattung anders aus. Die Formulierung „medizinisches Personal“ wäre hier genau die treffende, nämlich geschlechtsneutral und wertfrei, ohne Rangunterschiede.

Es wird auf Twitter viel diskutiert, wie Zeitungen aktuell berichten und was die Art und Weise mit den Leser_innen macht und wie sie verbessert werden kann. Teilweise werden wir als Genderleicht in die Diskussionen miteinbezogen oder per Direktnachricht angeschrieben. In den Zeiten der Krisenkommunikation lässt sich feststellen: Die Berichterstattung ist auch ein Abbild der Gesellschaft und unserer Motive. Doch darauf sollten wir uns niemals ausruhen.

In so einer unübersichtlichen Krise wie der Corona-Pandemie ist es wichtig, genau hinzuschauen und mit Ruhe zu berichten. Über 800 Tote am Tag in Italien zu schreiben, ohne zu differenzieren, wer ist da eigentlich gestorben, hilft niemandem weiter. Sind es, wie in China, vor allem die alten Männer, die die Krankheit so schwer trifft? Den Kontext und die Recherchetiefe sollten wir Journalist_innen nicht vergessen. Unsere Stärke in Krisenzeiten ist, die Informationen gut, situativ korrekt und bedacht einzuordnen und für Alle aufbereitet weiterzugeben. Den Sensationsjournalismus und die Sucht nach ständiger Aktualität sollten wir zurückfahren. Unsere Kompetenzen sind doch weit mehr, als nur die aktuellsten Zahlen weiterzugeben?!

Gerade jetzt sollten wir, die wir im Journalismus und in der Kommunikation tätig sind, nicht in alte Muster zurückfallen. Die Corona-Krise ist keine Entschuldigung dafür, nicht auf unsere Sprache zu achten oder bei der Art und Weise, wie wir berichten, nachlässig zu sein.

 

Gendercheck für die richtigen Fragen

Christine Olderdissen, Projektleiterin

Es war eine Reporterin der New York Times, die als erste nachfasste, warum in China die Todesrate bei Männern bei 2,8 % liegt, bei Frauen sind es 1,7 %. Roni Caryn Rabin fand die Virologin Sabra Klein, die zu Geschlechtsunterschieden bei Viruserkrankungen forscht. Ihre Erkenntnisse wurden auch in Deutschland in vielen Artikeln aufgegriffen.

Obwohl sich Frauen leichter infizieren, überstehen sie Virusinfektionen besser und leisten dann auch in der Krise die gesamte Carearbeit: „Es sind die Frauen, die das Land rocken“ wie der Tagesspiegel den Artikel von Fabian Löhe betitelt hat. Carolina Schwarz bringt es in der taz auf den Punkt: „Die Pandemie ist eine Krise der Frauen.“

Nur wenn wir sprachlich genau sind, entdecken wir – und das ist als Hinweis auf das journalistische Handwerkszeug gedacht – diese Zusammenhänge, die Tagesspiegel und taz haarklein in den Artikeln darlegen. Wenn wir recherchieren, was bedeutet ein Umstand für Frauen und was bedeutet er für Männer, machen wir unsere Arbeit gut. Der Gendercheck von Genderleicht kann helfen, genau solche Fragen zu stellen. Denn die von Fabian Löhe zusammengetragenen Fakten machen die Ungerechtigkeit unübersehbar, dass eben diese von Frauen ausgeübten Berufe zu den schlechtbezahlten gehören. Eigentlich ist es ein Unding, dass uns erst Corona für die ganze Tragweite die Augen öffnet.

 

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Team Genderleicht
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Das sind wir

Von links oben im Uhrzeigersinn: Referentin Anna E. Poth in Bonn, Assistentin Johanna Bamberger in Köln, Referentin Katalin Valeš in Dresden und Projektleiterin Christine Olderdissen in Berlin. Wir haben gute Erfahrungen mit der virtuellen Zusammenarbeit. Unsere Diskussion via Videoschalte münden gelegentlich in einen gemeinsamen Blogpost.

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