„Das Gendersternchen spaltet Kiel“, so stand es am 1. Juli 2020 in der Zeitung. Die Kieler Nachrichten berichteten über einen „Riesenstreit durch Gendersternchen“ und belegten dies mit einer Zufallsumfrage. Innerhalb weniger Tage war die Empörung hochgeschossen, angefeuert durch die Sozialen Medien, denn die Landeshauptstadt Kiel wollte von diesem Stichtag an gendern. Nach Hannover und Lübeck ist Kiel die dritte deutsche Stadtverwaltung, die mit ihrer Entscheidung für geschlechtergerechten Sprachgebrauch Schlagzeilen gemacht hat. Tatsächlich gendern bereits viele Städte, wie das Zeitmagazin Anfang 2021 auf einer Deutschlandkarte dargestellt hat.

 

Liebe Kieler*innen, liebe Lesende

In der Pressemitteilung der Stadtverwaltung hieß es dazu: Falls das Neutralisieren wie bei Teilnehmende oder Leitung nicht ausreiche, werde bei Worten, die Personen beschreiben, das Gendersternchen genutzt. Dies gelte für den gesamten Schriftverkehr, von E-Mails über den Internetauftritt und Broschüren bis hin zu Drucksachen, Hausmitteilungen, Formularen und Briefen.

Acht Monate später hat sich der Aufruhr gelegt, in der Stadtverwaltung ist Gender-Routine eingekehrt. Weitere Städte und Kommunen werden nachziehen, an Kiel können sie sich ein Beispiel nehmen, wie die Umstellung möglichst konfliktfrei mit allen Beteiligten zu bewerkstelligen ist.

Wir fragen die Verantwortlichen: Christian Zierau, Stadtrat für Finanzen, Personal, Ordnung und Feuerwehr, und Christiane Buhl, Projektleitung für die Umsetzung der gendergerechten Kommunikation. Sie hatten als Berater Michael Martens von der Agentur Fairlanguage engagiert.

 

Hat Sie der mediale Protest überrascht?

Christiane Buhl
Wir haben vorher schon mit Sternchen gegendert, zum Beispiel auf der Homepage der Stadt Kiel. Zwei Jahre lang hat das niemanden gestört: Die Online-Redaktion hat es für Meldungen genutzt, auch der Soziale oder Kulturbereich, ebenso wie die Gleichstellungsbeauftragte. Da gab es keine Proteste oder Beschwerden. Das begann erst mit der Berichterstattung.

Christian Zierau
Als es die ersten Medienberichte gab, mussten wir erleben, wie das Thema in sozialen Netzwerken und Zeitungsartikeln hochkochte. Dabei wurde die Umstellung ganz in Ruhe vorbereitet. Ein Jahr lang gab es Konzeptions- und Workshop-Phasen, mit Fachdiskussionen zu Gleichstellungsfragen, mit Einbindung der Verwaltung und begleitet von politischen Beratungen. Sowohl in den Fachausschüssen wie auch in der Ratsversammlung hatten wir zielführende Debatten und auf diese Weise großes Einvernehmen erzielt.

Michael Martens
Es wird von außen oft so dargestellt, als wäre das Gendern einer Stadtverwaltung ein Befehl von Oben. Die Realität ist eine ganz andere: In Kiel war das ein gemeinschaftlicher Prozess, wo sich alle Ämter und deren Mitarbeitende ein halbes Jahr lang eingebracht haben, um das Ganze mitzuprägen.

 

Die behutsame Einführung des Genderns hat die Lokalredaktion sicher mitbekommen. Trotzdem diese scharfen Töne?

Christian Zierau
Die scharfen Töne kamen nicht von der Lokalredaktion, sondern als Reaktion auf die Berichterstattung. In der öffentlichen Kritik wurde uns der Vorwurf gemacht, wir hätten unnötigerweise Geld für die Konzeption ausgegeben, es gäbe doch schon genügend Sprachleitfäden. Wir konnten das damit entkräften, dass es wichtig ist, die Menschen in der Stadtverwaltung schon in der Konzeptionsphase einzubinden, alle Bedenken miteinander zu besprechen, aufzuklären und für Geschlechtergerechtigkeit zu sensibilisieren. Das erreichen wir nicht, wenn wir Ihnen etwas Fertiges vorsetzen, zehn Seiten zum Durchlesen. Der Vorwurf der Steuergeldverschwendung war so schnell vom Tisch.

Michael Martens
Die Presse stellt die Einführung des Genderns in einer Stadtverwaltung immer sehr verkürzt dar, ich möchte schon sagen: zugespitzt, populistisch und reißerisch. Wir beobachten, wie Artikel um gendergerechte Sprache am meisten geklickt werden und auf Twitter am besten gehen. Je provozierender und je negativer, umso besser, das bringt Reichweite, sonst nichts. Ich würde mich freuen, wenn stattdessen ernsthaft nachgefragt werden würde, eine richtige Berichterstattung statt Provokation.

 

Dann wollen wir uns näher anschauen, wie Kiel das Gendern eingeführt hat.

Michael Martens
Es gab eine sehr schöne Ausgangslage, das war ein Beschluss, also der politische Wille des Ratsversammlung: Die Landeshauptstadt Kiel solle sich bemühen, gendergerechter zu kommunizieren und die Stadt gendergerechter zu gestalten. Wir wurden dafür engagiert, unsere Fachkompetenz einzubringen und den Prozess zu moderieren, indem wir von außen draufschauen, Impulse setzen und Mitarbeitende mitnehmen.

In einer ersten Beratung haben wir die Grundsteine für den Prozess gelegt. In Kiel gab es, wie so oft, eine eigens dafür gebildete Arbeitsgruppe. Allen wird dann schnell klar, bei dem Thema gibt es Vieles zu bedenken, wir müssen tiefer einsteigen. Das Personalamt oder das Presseamt haben ganz eigene Anforderungen. Klar wird aber auch: Wenn wir das gezielt und bewusst angehen, ist das Ganze gut zu bewältigen.

Bei einem Einführungsworkshop mit etwa 40 oder 50 Leuten aus allen Abteilungen haben wir erstmal Bedenken, aber auch Chancen gesammelt und dann in der Arbeitsgruppe einen Plan entwickelt: Wie können wir die Beschäftigten, die das nachher umsetzen sollen, mitnehmen. Sie müssen verstehen: Warum soll ich meine Sprache ändern? Für wen mache ich das? Und was ist überhaupt Geschlechtervielfalt? Denn eigentlich denken doch Alle: Warum soll ich etwas ändern, es klappt doch alles super?!

Also erklären wir: Es gibt eine rechtliche Veränderung, dies ist eine wichtige Grundlage. Es gibt Menschen, die sind weder männlich noch weiblich, und die wollen auch in der Sprache vorkommen. Und dafür gibt es Lösungswege.

Dann passiert das Wunderbare: alle verstehen, wir müssen Geschlechtervielfalt berücksichtigen. Danach geht es nur noch um die Frage „Wie machen wir es?“ Hier in Kiel sind wir sehr schnell zu diesem Modus gekommen, mit dem es sich mit allen Beteiligten super gut arbeiten lässt.

Christiane Buhl
Wir als Kommune müssen und wollen gesellschaftliche Realität erkennen und auch abbilden. Wenn wir nur von Männern und Frauen sprechen, erfüllen wir den Auftrag nicht. Wir müssen alle Menschen ansprechen und Barrieren abbauen. Wir als Verwaltung sind nicht „die da oben“, die sich nach Regeln richten, die mit Gesellschaft nichts zu tun haben und die nicht sehen, was in unserer Stadt oder was in der Welt los ist. Wir wollen nah dran sein, an den Menschen.

 

Machen wirklich alle mit?

Christiane Buhl
Ich bin ja viel in der Verwaltung unterwegs, ich bin die Ansprechperson fürs Gendern. Ich mache viele Infoveranstaltungen und Fortbildungen, ich besuche die Abteilungen, um mit den dort Mitarbeitenden zu besprechen, was Gendern für sie bedeutet. Für Viele war das zuerst sehr aufregend. Sie hatten einfach Sorgen, was passiert da jetzt, was muss ich tun? Wenn ich das erstmal erklärt habe, sagen sie oft: „Ah, jetzt habe ich es verstanden, jetzt ist es in Ordnung.“ Dann ist die Woge, die am Anfang so hoch scheint, plötzlich ganz flach und die Aufregung löst sich auf.

Christian Zierau
In Kiel, wie auch beispielsweise in Hamburg, ist Gleichstellung von Mann und Frau gesetzt und wird gelebt, das steht für mich außer Frage. Da wir für das Verwaltungshandeln immer eine rechtliche Grundlage brauchen, ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Dritten Option für uns bindend. Wenn wir die Leute draußen fragen: Sollen wir gendern, dann sagen die „Nein“. Fragen wir sie: Soll Verwaltung verständlicher werden, sagen sie „Ja“. Wir haben deshalb politisch das eine wie das andere miteinander verknüpft. Also verständliche Formulare und Schreiben, die alle ansprechen. Es ist nicht so schwer.

 

Sie haben Formulare umgestaltet?

Info:
Das generische Maskulinum in einem Formular hatte 2018 zu einer Klage vorm BGH geführt.

Christiane Buhl
Formulare sind in der Verwaltung das ganz große Thema. Unsere eigenen haben schon lange nach männlich und weiblich unterschieden. Andere mussten wir erweitern. Wenn das nicht wichtig ist, haben wir die Frage rausgenommen, Aber wir arbeiten auch mit Formularen von Bundesbehörden oder von der Landesebene. Und die sind meistens im generischen Maskulinum gehalten, da gibt es keine geschlechtliche Vielfalt. Unsere eigenen Leute fragen dann, was machen wir mit den Formularen? Als Stadt können wir die nicht ändern, aber wir versuchen über Gremien auf Landesebene oder beim Städtetag auf eine Änderung hinzuwirken.

Michael Martens
Wenn erstmal alle verstanden haben, wie geschlechtergerechte Kommunikation funktioniert, dann finden sie für Formulare und alle Schreiben, die so rausgehen, selbst kreative und passende Lösungen. Das ist zuerst ein Stück extra Arbeit: „ich muss mir Gedanken machen“, aber erfahrungsgemäß wird es danach auch ganz einfach.

 

Gendersternchen oder Gender-Doppelpunkt? Wie halten Sie es mit der Barrierefreiheit?

Christiane Buhl
Das ist ein Thema, das wir richtig ernstnehmen. Verständlichkeit für alle ist uns wichtig, es soll niemand auf der Strecke bleiben. Wir verwenden das Sternchen, wo wir Vielfalt sichtbar machen wollen. Und wir verwenden Neutralisierung wie beim Wort „Mitarbeitende“. Als ich in einem Beirat für Menschen mit Behinderung zu Gast war, haben die mir Screenreader vorgeführt, die das nervige Sternchen vorgelesen haben. Aber die Sehbehinderten haben mir auch versichert, das ist kein inhaltliches Problem, sondern ein technisches. Das lässt sich über Programmierung lösen. Der Screenreader der Stadt Kiel liest in den allermeisten Fällen das Sternchen nicht mit, sondern macht, wie beim natürlichen Sprechen, eine kleine Pause.

Wir ziehen das Gendersternchen vor, wir sind da im Gespräch mit der Queer-Community. Der Gender-Doppelpunkt gilt zwar als Vielfaltslösung der Verwaltung, weil er so eine praktische Lösung ist. Aber er ist auch nur ein typographisches Zeichen, das sagt: „Stopp! Hier fängt etwas Neues an“. Er beinhaltet keine Vielfalt, er hat keine symbolische Bedeutung. Vielleicht kommt die noch, dann könnten wir uns darauf umstellen.

Michael Martens
Wir wollen mit dem Gendersternchen doch erreichen, dass die Leute sprachlich merken: „Ah, da gibt es noch mehr als Frauen und Männer.“ Dieser Effekt ist beim Doppelpunkt geringer da, er fällt weniger auf, stört weniger und hat auch weniger Bedeutung. Ich finde es gut, dass die Stadt Kiel auf dem Standpunkt steht: Uns ist die Symbolhaftigkeit des Gendersternchens wichtig.

 

Pressemitteilungen: mit oder ohne Sternchen?

Christian Zierau
Wir schreiben unsere Pressemitteilungen mit Sternchen. Aber die örtliche Presse schreibt das dann um. Die Kieler Nachrichten haben die Maßgabe, alles in der männlichen Form zu schreiben. Hier werden oft dann auch wörtliche Zitate geändert. Das ist so ein Nebeneinander, was wir einfach akzeptieren.

Michael Martens
Es wird gern übersehen, dass es keinerlei Pflicht gibt, das Maskulinum generisch zu verwenden. Nicht mal der Rat für deutsche Rechtschreibung gibt das vor. Es ist eine Sprachgewohnheit, die die Verwaltung übernommen hat. Sie kann es genauso gut sein lassen. Die Presse ist daran genauso wenig gebunden.

 

Stichwort: Sprachpolizei. Gibt es Anweisungen, wie Beamt*innen und Angestellte zu sprechen haben?

Christian Zierau
Wir haben 25 Abteilungen, 5000 Menschen, die hier arbeiten. Jede*r spricht, wie ihm*ihr der Schnabel gewachsen ist. Hier wären Vorschriften kontraproduktiv. Aber wir können ihnen etwas an die Hand geben, wie sie besser kommunizieren können. Sprachpolizei? Da muss ich lächeln, dann müsste ja alles überwacht werden, das geht doch gar nicht. Der einzige Bereich, der normiert ist, ist das Recht. Da dauert es noch etwas, bis das eingängiger, lesbarer wird. Ich habe aber auch schon in Satzungen das Gendersternchen gesehen.

Christiane Buhl
Vorschriften im Sinne einer Überwachung sind gar nicht nötig. Ich erlebe es eher so, dass sich Viele positiv herausgefordert fühlen. Da gibt es die, die schon mit Gendern in Berührung gekommen sind, im Freundes- und Bekanntenkreis, beruflich oder übers Studium. Dann gibt es die, die total gerne mit Sprache arbeiten, die kreativ sind, die sind nicht nur in der Presse- oder Kommunikationsabteilung zu finden. Und die dritten sind die, die auf Problemelösen stehen. Alle drei Gruppen beeinflussen die Leute in ihrem Umfeld. Ich bekomme sehr viele Rückmeldungen: „Wir haben uns diese Lösung überlegt, geht das?“ oder „Das ist eine besonders harte Nuss, können wir da noch mal ran?“ Sprachpolizei brauchen wir nicht. Die meisten gendern selber, mit viel Überzeugung und Spaß an Sprache.

 

Ich danke für das Gespräch!

Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin mit dem Glottisschlag sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine gute und elegante Lösung findet sich immer.

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