Es gibt Leute, die wollen immer alles ganz genau wissen: Fachleute, die sich mit wissenschaftlichen Methoden einer Fragestellung nähern. Sie stellen eine Hypothese auf, entwerfen eine Versuchsanordnung und schauen, welches Ergebnis dabei herauskommt. Zum Gendern, oder besser gesagt, zur Wirkungsweise geschlechtergerechten Sprachgebrauchs wurden bereits etliche Studien in der Psycholinguistik durchgeführt.

 

Geschlechtergerechte Sprache wirkt, und wie!

Prof. Harald Lesch, seines Zeichens ein großartiger Erklärer hochkomplexer Forschungsergebnisse im ZDF, widmete sich in seiner Sendung „Leschs Kosmos“ am 5. Oktober der Frage: „Denken wir anders, wenn wir anders sprechen?“ Lesch präsentierte zur Antwort die drei bekanntesten Studien zum Gendern. Sie betreffen die Grundfragen, die stets aufgeworfen werden.
 

1. Studie: Ist mitgemeint auch mitgedacht?

Eine der grundlegen Untersuchungen hatten Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny von der Universität Mannheim zusammen mit Friederike Braun von der Universität Kiel bereits 2001 durchgeführt: Knapp 100 Frauen und Männer sollten ihre Idole aus Sport und Musik nennen. Die eine Gruppe erhielt die Fragestellung mit männlichen Wörtern: „Wer sind deine Lieblingssportler, wer sind deine Lieblingsmusiker?“ In der zweiten Gruppe wurde geschlechtergerecht mit Beidnennung nach Sportlerinnen und Sportlern, nach Musikerinnen und Musikern gefragt. Der ersten Gruppe fielen vor allem männliche Stars ein, die zweite nannte auch Frauen, und zwar deutlich häufiger. Das Ergebnis: Es macht einen Unterschied, ob weibliche Personen nur mitgemeint sind oder ausdrücklich angesprochen werden.

Dagmar Stahlberg, Sabine Sczesny, Friederike Braun, (2001):
Name Your Favorite Musician: Effects of Masculine Generics and of their Alternatives in German.
In: Journal of Language and Social Psychology. Band 20, Nr. 4, S. 464–469

 

2. Studie: Wirkt sich Sprache auf das Verhalten aus?

Prof. Bettina Hannover und Dr. Dries Vervecken von der Freien Universität Berlin machten 2015 eine Untersuchung mit etwa 600 Kindern an Schulen in Deutschland und Belgien. Den Kindern wurden sechzehn Berufe in der Pluralform vorgestellt, acht waren typisch männliche Berufe, fünf typisch weiblich und drei geschlechtsneutral, also Berufe, die bekanntermaßen Frauen und Männer ausüben. Bei der Präsentation in der ersten Gruppe wurden ausschließlich männliche Bezeichnungen verwendet. In der zweiten Gruppe nannten die Forschenden die männlichen und die weiblichen Berufsbezeichnungen: Automechaniker und Automechanikerinnen, Kosmetiker und Kosmetikerinnen und so weiter. Das Ergebnis: Die Mädchen wie Jungen, die die geschlechtergerechten Formulierungen gehört hatten, trauten sich viel eher zu, später einen typisch männlichen Männerberuf zu ergreifen als die anderen.

Vervecken, D. & Hannover, B., (2015):
Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy.
in: Social Psychology, 46, 76-92

 

3. Studie: Macht Gendern die Sprache schwerer verständlich?

2019 legten Prof. Elke Heise und Dr. Marcus C. G. Friedrich von der TU Braunschweig 355 Studierenden den Originalvertrag eines Stromversorgers vor. Die eine Gruppe erhielt die herkömmlich geschriebenen Unterlagen, in denen von Kunde und Kontoinhaber die Rede war, also die üblichen maskulinen Begriffe. Die zweite Gruppe erhielt eine Version, in der Kunde und Kundin genannt waren. Danach sollten beide Gruppen die Verständlichkeit des Textes beurteilen. Das Ergebnis: Beide Verträge waren gut zu verstehen, trotz oder wegen der Beidnennungen. Fun Fact am Rande: Zwei weitere Gruppen erhielten Vertragsentwürfe, die in Punkto Verständlichkeit noch besser umgearbeitet waren. Wenig überraschend: Die optimierten Versionen wurden als deutlich verständlicher bewertet. Dies sollte alle motivieren, beim geschlechtergerechten Umformulieren auch gleich den ganzen Text zu verbessern.

Friedrich, M. C. G. & Heise, E., (2019):
Does the use of gender-fair language influence the comprehensibility of texts? An experiment using an authentic contract manipulating single role nouns and pronouns.
in: Swiss Journal of Psychology, 78, 51-60

 

Das Fazit des Professors

Eine männlich geprägte Sprache trägt nachweislich zu einem männlich geprägten Blick auf die Gesellschaft bei, so Harald Leschs Erkenntnis:

„Der veränderte Sprachgebrauch führt zu einer erweiterten Gedankenlandschaft. Das ist eigentlich keine Überraschung, denn Sprache und Gedanken entstehen im Kopf. Unbewusst ändert sich unsere innere Perspektive gegenüber Fragen und Antworten. Wer nur das generische Maskulinum benutzt, schränkt diesen inneren Blickwinkel ein.“

Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin mit dem Glottisschlag sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine einfache und elegante Lösung findet sich immer.

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