Textlabor

Geschlechtergerecht und gendersensibel schreiben kann schwierig sein. Im Textlabor suchen wir Lösungen für Sie. Haben Sie auch Fragen?

#1
Doppelwort gendern

#2
Keine Lust auf Sternchen

#3
m/w/d bei Jobangeboten

#4
Artikel und Genderstern

#5
Symmetrie beim Gendern

#6
Knackige Überschriften

#7
Genderstern im Singular

#8
Anrede im GeschäftBrief

#9
Divers als Hauptwort

#10
Betriebsleiter*innensitzung

#11
Anrede an Unbekannte

#12
Viele Männer,
eine Frau

#13
Cybercrime gegendert

#14
Rathaus wird Bürgerhaus

#1

Doppelwort
gendern

Sophie W., Stipendiatin, kam beim Abfassen eines Studienberichts für das Magazin ihrer Stiftung nicht weiter. Sie schreibt:

„Wie kann ich zusammengesetzte Wörter wie „Expertenwissen“ und „Kultusministerkonferenz“ gendern?“

Es ging um den Satz: “Als zukünftige Lehrer*innen sollten wir über das nötige Expertenwissen verfügen.” Ich habe es dann einfach zu Expert*innenwissen gemacht. Auch kritisch: Wenn ich in einem Satz über Kultusminister*innen und kurz darauf über die Kultusministerkonferenz schreibe. Ist hier ja aber eher ein Problem in der Bezeichnung der Institution. Doof aussehen tut es natürlich trotzdem.

Das ist in der Tat kniffelig. Im Ratgeberbuch „Gendern ganz einfach“ aus dem Dudenverlag gibt es dazu eine kluge Erklärung, die wir hier nur zusammenfasst wiedergeben können: Bei festen Wortformen, deren Stamm formgleich mit dem generischen Maskulinum ist, muss unterschieden werden: Geht es um einen konkreten Sachbezug, wird meist nicht durch Anhängen einer weiblichen Form gegendert. Der Bürgersteig und das Expertenwissen bleiben so wie sie sind. Oft finden sich aber Synonyme:  Der Gehsteig ersetzt den Bürgersteig, Fachwissen oder Expertise das Expertenwissen.

Bei Wörtern mit indirektem Personenbezug kann es sinnvoll sein, einen femininen Stamm zu bilden, insbesondere wenn sich das Wort konkret auf weibliche Personen bezieht: Königinnentum, Journalistinnenbund. Das „Kanzleramt“ dagegen ist ein feststehender Begriff aus der Amtssprache, obwohl dort seit anderthalb Jahrzehnten eine Kanzlerin regiert. Dasselbe gilt für Kultusministerkonferenz.

Wir würden in Ihrem Textbeispiel die Kultusminister*innen auflösen: Ministerinnen und Minister, die in ihren Bundesländern für Kultur und Bildung zuständig sind … und regelmäßig zur Kultusministerkonferenz zusammenkommen.

Wir hoffen, das hilft Ihnen weiter.
Gruß vom Team Genderleicht.

#2

Keine Lust auf
Sternchen

Uli P. fiel beim Schreiben eines Blogposts auf, dass sie beim Schreiben über Stress im Straßenverkehr plötzlich ein Genderproblem hatte. Es ging um den Satz:

“An der Kreuzung staut sich der Autoverkehr, Radfahrer fädeln sich durch die Lücken. Alle paar Minuten schiebt sich ein BVG-Doppeldecker durch die enge Straße.”

Wie kann ich ein Wort wie Radfahrer gendern? Ich bin keine große Freundin des Gendersternchens und an das Wort Radfahrende müsste ich mich erst gewöhnen. Radfahrerinnen und Radfahrer finde ich zu behäbig. Gibt es eine bessere Idee?

In Ihrem Blog können Sie schreiben wie Sie wollen. Sie müssen keinerlei Regeln einhalten, wie sie vielleicht eine Redaktion für den geschlechtergerechten Sprachgebrauch beschlossen hat. Und Sie suchen, wie es scheint, eine möglichst elegante Lösung. Wie wäre diese:

Sie könnten beschreiben, was Sie gesehen haben, im Blog ist dafür Platz. Vielleicht gab es einen Vater, der sich mit seinen Kindern im Lastenfahrrad durch den dichten Verkehr gekämpft hat, oder eine Fahrradkurierin, die es eilig hatte, oder eine trödelige Touri-Gruppe auf Fahrrädern. All das trägt dazu bei, die Verkehrssituation greifbarer zu machen und die Hektik spürbar werden zu lassen. Und Sie zeichnen sprachlich ein Bild, das Geschlechtsrollenstereotype widerlegt.

Hat Ihnen das geholfen?
Gruß vom Team Genderleicht.

#3

m/w/d bei Jobangeboten

Wir erhielten die Zuschrift von Nadja K. zum Gendern bei kurzen Texten:

Ich habe häufig Probleme beim Verfassen von Texten, die stichpunktartig oder besonders kurzgehalten werden müssen – z.B. Stellenbeschreibungen. Will ich in einem Aufgabenprofil etwa sagen „Zusammenarbeit mit Steuerfachanwälten und externen Beratern“, könnte ich für eine geschlechtergerechte Sprache natürlich mit Binnen-I, Sternchen, o.ä. arbeiten. Lieber sind mir aber oft die nicht-personenbezogenen Versionen, z.B. Partizipien o.ä. Würde Ihnen in diesem Beispiel eine solche Lösung einfallen?

Insbesondere Stellenanzeigen, die kurz und verständlich Anforderungen beschreiben müssen, stellen uns bei gendergerechten Formulierungen vor neue Herausforderungen. Wo noch bis vor Kurzem eine Stellenausschreibung als geschlechtsneutral galt, wenn die männliche und die weibliche Tätigkeitsbezeichnung verwendet wurde, ist dies mittlerweile mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz nicht mehr vereinbar. Das Bundesverfassungsgericht hat im Oktober 2017 der Bundesregierung aufgegeben das Personenstandgesetz zu ändern, um Personen, die sich weder dem weiblichen, noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen, eine passende Eintragungsmöglichkeit im Geburtenregister zu ermöglichen. Dies hat auch Konsequenzen für bestimmte Bereiche des Arbeitsrechts – zum Beispiel bei Stellenausschreibungen. Hier sollte eine neutrale Schreibweise gewählt werden oder eine Form, die neben „männlich“ und „weiblich“ auch „divers“ nennt.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat Empfehlungen für diskriminierungssensible Stellenausschreibungen herausgegeben, die wir für eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema empfehlen.

Partizipien sind eine gute Wahl genderneutral zu formulieren. Bei Stellenbeschreibungen haben Sie alternativ die Möglichkeit, den Fokus auf die eigentliche Tätigkeit und die Anforderungen zu legen. Aus Ihrem Beispiel wird dadurch:

„Zusammenarbeit mit Rechtsbeistand aus dem Steuerrecht und externer Beratung“

oder etwas aktiver:

… arbeiten Sie im Fachbereich Steuern mit Rechtsbeiständen aus unserem Hause zusammen sowie mit externen beratenden Personen.

Wenn der Text länger wird, können Sie an anderen Stellen kürzen – anstatt Zusammenarbeit zum Beispiel „Arbeit“ oder „Mitarbeit“.

Sie können Gendersternchen oder Gendergap auch mit einer neutralen Schreibweise kombinieren:

Zusammenarbeit mit Steuerfachanwält_innen und extern beratend tätigen Personen“

Was wir bei Jobangeboten immer öfter sehen:
Die ausgeschriebene Stelle ergänzt mit (m/w/d), also mit den Kürzeln für männlich, weiblich und divers. Wem nicht gefällt, hier wieder auf das generische Maskulinum zurückzufallen, nimmt besser eine der oben beschriebenen Möglichkeiten.

Unser Tipp: Besonders freundlich und einfach ist der Zusatz „Alle Geschlechter willkommen“.

Wir hoffen, wir konnten weiterhelfen.
Gruß vom Team Genderleicht

 

Link-Tipps:
Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Empfehlungen für diskriminierungssensible Stellenausschreibungen

Proutatwork: Die Dritte Option und ihre Umsetzung in Unternehmen

#4

Artikel und Genderstern

Eine Genderleicht.de-Leserin hat sich mit einem Text aus dem Transportwesen an uns gewandt:

,,Als Beispiel nehmen wir ein*e Lokführer*in, die…“

Korrekterweise hat sie das Gendersternchen in den unbestimmten Artikel gesetzt, aber das hat sie irritiert. Im weiteren Text hat sie stattdessen geschrieben: ,,eine Lokführerin, die“ und später ,,einen Lokführer, der“. Vom Genderleicht-Textlabor erhofft Sie sich einen Tipp, wie sie in so einer Schreibsituation reagieren soll.

Was bei diesem Textbeispiel sehr schön deutlich wird: Wie eine Veränderung in der Sprache sofort andere Bilder hervorruft. Den Beruf des Lokführers halten viele für einen typisch männlichen Beruf und liegen damit nicht mal falsch: nur ungefähr vier Prozent der Personen, die in Deutschland Schienenfahrzeuge führen, sind Frauen – sowohl in der Ausbildung, als auch später im Job. Wer die weibliche Bezeichnung bei solchen Berufen nennt, zeigt aber: es ist möglich, als Frau in diesem Bereich zu arbeiten und macht zugleich diejenigen sichtbar, die bereits diesen Weg eingeschlagen haben.

Bei Ihrem Beispielsatz sind die bestimmten und unbestimmten Artikel wie auch die Pronomen eine Herausforderung. Korrekterweise müssen diese auf den Einsatz des Gendersternchens bzw. des Gender-Gaps „reagieren“, Sätze können so kompliziert werden. Die anerkannte Lösung ist: Weichen Sie auf den Plural aus. Dann muss kein weiteres Sternchen gesetzt werden.

Als Beispiel nehmen wir Lokführer*innen, die …“

Für den Lesefluss angenehmer ist allerdings meist die Beidnennung – wenn sie sparsam eingesetzt wird:

„Als Beispiel nehmen wir Lokführerinnen und Lokführer, die …“

Alternativ können sie den Satz neutral formulieren und sich mehr auf die eigentliche Tätigkeit beziehen:

„Als Beispiel nehmen wir eine Person, die die Lok bedient …“

Und ein letzter Vorschlag: Wenn es passt, können Sie ganz konkret werden:

„Die Lokführerin Marianne B., die … wie Ihre Kollegen …“

Wir hoffen, wir konnten weiterhelfen.
Lieben Gruß vom Team Genderleicht

#5

Symmetrie beim Gendern

Uns erreichte die Bitte nach einer Einschätzung bei dem folgenden Anliegen:

„Wir fragen uns gerade, ob es „Schirmfrau“ oder „Schirmherrin“ heißen sollte.“

Was wir hieran sehr schön sehen: Die deutsche Sprache spiegelt bis heute Gesellschaftsordnungen längst vergangener Zeiten wider – Zeiten, in denen Männer das Sagen hatten und Frauen in der Hierarchie den Männern nachgeordnet waren. Das könnte ein Grund dafür sein, dass sehr oft die grammatikalisch weibliche Form von der männlichen abgeleitet wird, maskuline Basislexeme also feminisiert werden wie bei „Herrin“. Andersherum scheint das nicht möglich: Wenn Männer rein weibliche Berufe ergreifen, werden neue Worte für sie geschaffen. So wird der männliche Kollege der Krankenschwester nicht etwa „Krankenbruder“ genannt, sondern Krankenpfleger, eine männliche Hebamme ist kein „Hebammer“, sondern „Geburtshelfer“.

Aber was bedeutet das nun für Ihr konkretes Beispiel? Rumjammern hilft uns ja nicht weiter. Eines vorweg: Beide Wörter – sowohl „Schirmherrin“ als auch „Schirmfrau“ stehen im Duden. Allerdings scheint die „Schirmherrin“ häufiger verwendet zu werden. Das geht zumindest aus der Betrachtung der Kategorie „Häufigkeit“ der Onlineausgabe des Dudens hervor. Diese Häufigkeitsangaben sind computergeneriert und basieren auf einer digitalen Volltextsammlung mit mehr als drei Milliarden Wortformen aus Texten der letzten fünfzehn Jahre, die unterschiedliche Textsorten (Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge, Romane und Sachbücher etc.) zu Grunde legen. Laut dieser Erhebung wird „Schirmherrin“ interessanterweise in derselben Häufigkeitskategorie geführt, wie „Schirmherr“.

Das Problem, das dieser Frage zugrunde liegt, hat etwas mit der Symmetrie der Bedeutung zwischen den Geschlechtern zu tun: Das Wort „Frau“ ist zwar bei Eigennamen die weibliche Entsprechung zum männlichen „Herr“ – z.B. Frau Meier und Herr Meier – aber liegt hier tatsächlich eine Symmetrie vor? Das „Gegenstück“ zu „Frau“ ist „Mann“ und das höfliche Gegenstück zum „Herr“ ist die „Dame“. Deutlich wird das bei der Anrede: „Sehr geehrte Damen und Herren“. In der direkten Anrede – „Das ist Dame Meier“ klingt „Dame“ jedoch irgendwie fehl am Platze. Und „Herrin“? Das klingt eher nach einer weiblichen Person, die über etwas „herrscht“. Eine Frau mit „Herrin“ anzusprechen, klingt devot und definiert eine Hierarchie.

Und noch ein Blick in die Etymologie! Zwar scheint „Frau“ auf den ersten Blick der „Herrin“ und der „Dame“ nicht gleichwertig zu sein, doch keineswegs ist die Anrede „Frau“ eine Diskriminierung. Im Mittelalter galt die Anrede „Frau“ als Ausdruck gesellschaftlicher Höherstellung gegenüber dem gewöhnlichen „Weib“. Während dem „Weib“ heute etwas Negatives anhaftet, war das einmal eine gebräuchliche Bezeichnung für „gewöhnliche“ Frauen. Doch Sprache verändert sich, aus Weibern wurden Frauen und ab 1600 gab es in Deutschland auch „Damen“. Das französische Wort „Dame“ leitete sich vom lateinischen „domina“ ab – was wiederum mit „Herrin“ übersetzt werden kann.

Also „Schirmdame“ als Pendant zum Schirmherrn? Es klingt vornehm und wäre machtsymmetrisch. Es steht aber nicht im Duden und außerdem haftet „Damen“ ein bestimmtes Image an, das nichts mit „Herrschaft“ gemein hat – oder haben Sie schon mal was von der Damenschaft von Katharina der Großen gehört?  Nein? Das könnte daran liegen, dass „Herrschaft“ nicht von „Herr“, sondern von „herrschen“ abgeleitet wird. Eine Herrschaft kann demnach sowohl von Männern und Frauen ausgeübt werden, dasselbe müsste auch für die „Schirmherrschaft“ gelten. Im Gegensatz dazu definiert der Duden „Frauschaft“ als ein aus weiblichen Mitgliedern bestehendes Team. Verwendet wird das Wort bislang noch selten als Pendant zur „Mannschaft“. Das Wort „Damenschaft“ oder „Damschaft“ kennt der Duden nicht.

Ganz pragmatisch empfehlen wir daher die Formulierung „Schirmherrin“. Für den Fall, dass Sie sich damit nicht wohl fühlen, haben wir weitere Ideen: Eine gänzlich neutrale Möglichkeit wäre das Synonym „Protektorat“ bzw. davon abgeleitet „Protektorin“ – allerdings ist dies in unserem Sprachraum zurzeit nicht sehr verbreitet. Die deutsche Entsprechung dazu lautet: „Patronat“.

Möglich sind aber auch die Varianten: „unter der Obhut von …“ oder „mit freundlicher Unterstützung von …“ – letzteres ist unser persönlicher Favorit. Wir haben es schon oft gesehen und es lenkt nicht von der eigentlichen Sache ab. Außerdem umgehen Sie damit ganz elegant die Diskussionen um „Herrin“, „Dame“ oder „Frau“.

Hilft Ihnen das weiter? Wir hoffen es!
Lieben Gruß vom Team Genderleicht

#6

Knackige Überschriften

Bei der folgenden Anfrage an das Textlabor geht es um Marketing. Aber auch für knackige Überschriften im Journalismus ist die Frage relevant:

Ich habe die Herausforderung insbesondere in Marketingsätzen/Claims eine inklusive Sprache einzuführen. Zum Beispiel: „Markenname – Verbindet Theater und Besucher“. Momentan wollen wir das als Ausnahme so stehen lassen, es soll eingängig und kurz sein. Ansonsten nutzen wir das *. Habt Ihr einen alternativen Vorschlag?

Insbesondere Marketingsätze, „Claims“ genannt, wie auch kurze Überschriften sind knifflig im Umgang mit geschlechtergerechter Sprache. Doch auch hierfür gibt es Lösungsansätze.

Was halten Sie davon,  Personenbezeichnungen neutral zu formulieren und Synonyme zu verwenden? Aus „Besucher“ wird dann beispielweise „Publikum“ oder „Gäste“. Auf www.geschicktgendern.de finden Sie ein Wörterbuch mit einer Ansammlung von alternativen gendergerechten Begriffen.

Was sich für Claims auch eignet: aktive Verben. „Markenname – verbindet Theater, mit denen, die es besuchen“ / „verbindet Theater, mit allen, die hinwollen“. Kürzer wäre es so: „Markenname – Theater für Alle“ oder „Markenname – Theater zum Mitmachen“ Beschreiben Sie, was Ihr Publikum da erlebt, und nicht das Publikum.

Wir kennen jetzt natürlich nicht die Marke und was Sie genau sagen wollen. Vielleicht ergibt sich aus dem Zusammenhang, wofür die Marke steht und dem, was genau angeboten wird auch eine gute Formulierung? Manchmal lohnt es sich, nochmal von einer ganz anderen Richtung her zu denken. Frauen und überhaupt alle Geschlechter im Blick zu haben, kann dabei helfen, auf neue Ideen zu kommen.

Auch die Beidnennung kann sich für Claims in bestimmten Zusammenhängen eignen – das kommt auf den Inhalt an und auf den Platz, den Sie zur Verfügung haben.

Auch wenn es Herausforderungen beim Texten von gendersensiblen Claims (und Überschriften) gibt, lassen Sie sich nicht entmutigen: Das oft vorgebrachte Argument, gendergerechte Sprache störe den Lesefluss und mache Texte schwer verständlich, gilt als widerlegt: Bereits in einem 2007 erschienenen Aufsatz stellen die Autorinnen Friederike Braun, Susanne Oelkers, Karin Rogalski, Janine Bosak und Sabine Sczesny fest: Geschlechtersensible Texte werden sowohl von Männern als auch von Frauen gut erinnert und verstanden.  Männer fanden die Textfassungen im generischen Maskulinum zwar besser, haben aber die anderen Textfassungen genauso gut erinnert und begriffen. Außerdem: In Ihrer Zielgruppe sind ja sicher auch Frauen, oder?

In jedem Fall freuen wir uns zu hören, dass Sie sich um eine inklusive Sprache bemühen!

Wir hoffen, wir konnten weiterhelfen.
Gruß vom Team Genderleicht

 

Link-Tipp: Braun, F. et al.: „Aus Gründen der Verständlichkeit“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten, in: Psychologische Rundschau, 58 (3), Seiten 183 – 189, 2007. 

#7

Genderstern im Singular

Im Textlabor erreichen uns auch Anfragen von außerhalb des Medienbereichs. Sportvereine zum Beispiel erstellen Schriftstücke aller Art, mit denen Sie viele Menschen in ihrem Umfeld erreichen wollen. Dies ist die Frage:

Ich arbeite in einem Sportverein, in dem es aktuell eine Sportwartin gibt. Es kann später aber auch wieder ein Sportwart den Posten übernehmen. Wir schreiben an einem Handbuch, das zeitlos beide Möglichkeiten beinhalten soll. Nun stoßen wir auf Sätze wie: „Nach Absprache mit der Sportwartin/dem Sportwart…“

Wir nutzen das Gendersternchen, haben aber Probleme den Artikel in der Form zu schreiben: „der*die Sportwart*in“.

Wie würde das Gendersternchen in diesem Falle korrekt verwendet?

 

Zunächst einmal möchten wir Sie auf unsere Genderleicht-Schreibtipps  hinweisen. Die können Sie downloaden und beim Texten Ihres Handbuchs immer wieder zu Rate ziehen. Hier finden Sie viele hilfreiche Anregungen.

In ihrem speziellen Fall ist es der Singular des Wortes Sportwart, der beim Gendern von  „Sportwart*in“ Probleme macht. Der bestimmte Artikel muss korrekterweise ebenfalls  gegendert werden: „der* Sportwart*in“. Das klingt komisch und lässt sich nicht sprechen. Besser, aber immer noch holprig ist: „der/die Sportwart*in“. Kommt diese Formulierung im Text häufiger vor, leidet der Lesefluss. Im Plural gibt es diese Probleme mit dem Artikel nicht: „die Sportwart*innen, die …“. Bei Ihrem Sportverein ist jedoch nur eine Person mit der Aufgabe betraut.

Unser Tipp: Versuchen Sie sich beim Schreiben des Handbuchs sprachlich von der Person zu lösen und beschreiben Sie stattdessen die Tätigkeit. Arbeiten Sie mit geschlechtsneutralen Oberbegriffen. Wie wäre es mit: Spielorganisation, Platzverwaltung, Terminvergabe, Geräteausgabe etc.

Zum Beispiel so:

„Trainingszeiten sind mit der Platzverwaltung abzusprechen.“
„Bälle und Netze können Sie in der Geräteausgabe ausleihen.“

Ansonsten arbeiten Sie mit der Beidnennung :

„Der Sportwart oder die Sportwartin hat folgende Aufgaben:
Terminvergabe, Platzverwaltung, Geräteausgabe …“

Achtung: Die Beidnennung bezieht sich nur aufs männliche und weibliche Geschlecht, nicht auf geschlechtliche Variationen im Sinne von divers. Wie wäre deshalb folgende Lösung:

„Der Sportwart oder die Sportwartin (m/w/d) hat folgende Aufgaben …“

In der Aussage deutlicher und außerdem freundlicher wäre dies:

„Der Sportwart oder die Sportwartin (alle Geschlechter sind bei uns willkommen) hat folgende Aufgaben …“

Wenn Sie nun noch an den Singular sowohl bei der männlichen als auch bei der weiblichen Form ein Gendersternchen anhängen, machen Sie deutlich, dass das Geschlecht der Person, die mit der Sportwartung beauftragt ist, nicht festgelegt sein muss.

„Der Sportwart* oder die Sportwartin* (alle Geschlechter sind bei uns willkommen) hat folgende Aufgaben …“

Puh, kompliziert? Überlegen Sie, was zu Ihrem Verein passt. Die Entscheidung, das Handbuch geschlechtsneutral zu texten, ist schon mal sehr zeitgemäß.

Uns sind übrigens für den Vereinsbereich noch die Wörter „Kassenwart“ und „Pressewart“ eingefallen. Auch dafür gibt es Lösungen: „XY ist für die Kassenprüfung zuständig …“, „XY organisiert die Pressekontakte“ … und so weiter.

Viel Erfolg beim Texten Ihres Handbuchs!
Ihr Team Genderleicht

 

Linktipp: Genderleicht-Schreibtipps zum Download

#8

Anrede im Geschäftsbrief

Ein Leser von Genderleicht.de weist auf die Norm DIN5008 zur formgerechten Gestaltung von Geschäftsbriefen hin. So etwas gibt es also, wieder etwas gelernt. Wie geht das formgerechte Schreiben mit einer geschlechtsneutralen Anrede, fragt er das Textlabor:

Was ersetzt das übliche „Sehr geehrte Damen und Herren“?
Im Geschäftsbetrieb kann ich ja nicht, wie hier in dieser Zuschrift, neutral „Hallo“ schreiben.

In der Regel kann ich die adressierte Person nicht vorher befragen, als welches Geschlecht diese gerne im Briefverkehr angesprochen werden möchte.

 


Guten Tag, Kim Müller!

So würden wir Sie im Anschreiben begrüßen. Wenn Sie Kim Müller wären. Der Name Kim verrät uns nichts über das Geschlecht. Auch Robin oder Toni können männlich oder weiblich oder divers sein.

Es kann vorkommen, dass Sie am Namen nicht erkennen können, ob eine weibliche oder eine männliche Anrede passend wäre. Wie bei Kim, Robin und Toni gibt es in vielen Sprachen Vornamen, bei denen nach dem deutschen Sprachverständnis das Geschlecht nicht erkennbar ist.

*Trans, genderqueere und intersexuelle Menschen wollen manchmal keine geschlechtliche Festlegung über den Namen. Oder die Eltern eines Neugeborenen wünschen Neutralität. Einige lieben auch das Spiel mit besonderen Namen – denken Sie an Kim Kardeshian, deren Kinder North, Saint und Psalm heißen, oder an Gwyneth Paltrow, die den Namen Apple vergab. Die deutschen Standesämter bestehen in der Regel auf eine Erkennbarkeit des Geschlechts beim Vornamen. Wir erinnern uns an ein verzweifeltes Elternpaar, das vor Gericht den Namen Luca für seinen Sohn erstreiten musste. Heute empfehlen Standesämter meistens, zum Wunschnamen einen zweiten, geschlechtlich eindeutigen Namen hinzu zu setzen. Dann hat das Kind später die Wahl.

Menschen zu fragen, wie sie angesprochen werden wollen, ist im direkten Kontakt gelegentlich richtig. Im geschäftlichen Briefverkehr ist solch eine höchst private Frage unpassend, wie Sie selber schreiben. Kommen wir also zur Lösung Ihres Problems:

Nennen Sie den kompletten Namen: Kim Müller statt Herr oder Frau Müller. Das klingt auch für die angeschriebene Person gut – Sie kennen ihren Vor- und Nachnamen. Die Frage des Geschlechts bleibt damit ungeklärt, aber sie ist im geschäftlichen Briefverkehr sowieso nicht von Belang.

Und die Anrede, Ihre eigentliche Frage? Sie eröffnet die schriftliche Kommunikation, hier geht es darum höflich und respektvoll zu sein. Machen Sie es sich einfach und nehmen Sie das freundliche „Guten Tag“. Das sagen wir zur Begrüßung, also können wir es auch schreiben. Und sie müssen diese Worte nicht an das Geschlecht anpassen.

Auf die von DIN5008 vorgesehene Anrede „Sehr geehrte …“ können Sie unserer Meinung nach getrost verzichten. Dieses „geehrte“ klingt doch eh wie aus dem vorigen Jahrhundert. Sie wollen sich davon (noch) nicht verabschieden? Na, dann haben wir Ihnen wenigstens für Zweifelsfälle eine Alternative aufgezeigt.

In diesem Sinn wünschen wir Ihnen einen Guten Tag!
Ihr Team Genderleicht

Linktipps:

Schwäbisches Tagblatt: „Chris und Toni für alle Geschlechter“

Gesellschaft für deutsche Sprache erstellt Namensgutachten fürs Standesamt

PrOUDatwork: Die Dritte Option im Unternehmen (Mit Tipps zur Anrede u.v.m.)

Sekretaria: Zur Anrede im Geschäftsbrief

#9

Divers als Hauptwort

Manche Anfragen sind kurz und knapp:

Heißt es „die Diverse“, „der Diverse“ oder „das Diverse“?

 


Der Duden überrascht uns. Er sagt: „die Diverse“ ist richtig. Es sei ein Pluralwort und inhaltlich sei damit gemeint: Vermischtes und Allerlei. An anderer Stelle zitiert der Duden den Satz „Er hatte Diverses zu beanstanden“. Im Singular ist also „das Diverse“ richtig.

Wollen Sie das Substantiv bzw. Hauptwort „Diverse“ auf eine Person anwenden, für die das Adjektiv divers zutrifft, und sie wollen deshalb „die Diverse“ oder „der Diverse“ sagen, so ist das inhaltlich eine Verdrehung und vor allem sachlich falsch. Das Adjektiv divers bezeichnet Menschen, die aufgrund ihrer Intergeschlechtlichkeit weder männlich noch weiblich sind. Und es gibt Leute, die sich aus persönlichen oder politischen Gründen nicht als weiblich oder männlich bezeichnen wollen. Neben vielen anderen Selbstbezeichnungen wie zum Beispiel „genderqueer“ ist für sie divers passend. Logisch zu Ende gedacht lässt sich das Substantiv Divers also nicht mit einem männlichen oder weiblichen Artikel kombinieren.

Schreiben Sie in diesem Zusammenhang besser mit dem Adjektiv: diverse Menschen, diverse Personen, oder im Relativsatz: Menschen, die divers sind, Personen, die sich als divers verstehen. 

Literarisch gesehen wäre das Spiel mit weiblich oder männlich allerdings möglich, z.B. in dem poetisch gemeinten Satz: „Sie war immer die Diverse, die, die alles so anders sah.“ 

Vielen Dank für diese interessante Frage.
Ihr Team Genderleicht

#10

Betriebsleitersitzung gegendert

Richtig gutes Gendern funktioniert manchmal erst durch die Suche nach einer sprachlichen Alternative. So wie bei dieser Anfrage: 

Ich lade regelmäßig all meine Betriebsleiterinnen und -Leiter (sie haben die betriebliche Führung in den einzelnen Filialen) zu einer Sitzung ein. Diese heißt traditionell Betriebsleitersitzung.

Wie kann ich das besser ausdrücken, ohne ein „-innen“ ins Wort einzubauen?

Betriebsleiter*innensitzung wäre nach den Maßstäben der Gender-Sprachregeln richtig, aber es hört sich nicht gut an. Vielleicht gewöhnen wir uns eines Tages an solche Wortneuschöpfungen.

Wir von Genderleicht.de empfehlen in einem solchen Fall die Suche nach einem Synonym. Im Internet gibt es verschiedene Verzeichnisse, von Open Thesaurus bis Woxicon. Auch ein Blick in das Genderwörterbuch www.geschicktgendern.de hilft oft weiter. Wenn wir in diesen Nachschlagewerken nicht fündig werden, schauen wir ein bisschen kreuz und quer nach Online-Texten, bei denen es um vergleichbare Inhalte geht. Manchmal findet sich auf diese Weise ein Wort, das dasselbe sagt, aber besser zu benutzen ist, also ein Synonym.

Was halten Sie von „Führungskräftesitzung“ oder „Führungskräfteversammlung“? Was auch geht: „Treffen der Betriebsleitungen“. Angliziert wäre „Management-Meeting“ denkbar.

Wenn Sie in Ihrer Einladung beispielsweise schreiben: „Wir laden alle Betriebsleiterinnen und -leiter zur Führungskräftesitzung ein“, haben Sie elegant sowohl die Frauen als auch die Männer ihrer Managementebene angesprochen. Wenn Sie sich komplett geschlechtsneutral ausdrücken wollen, nutzen Sie die direkte Ansprache: „Wir laden Sie zum Treffen der Führungskräfte ein.“ Wollen Sie deutlich machen, dass Sie auch Personen ansprechen wollen, die divers sind, sollten Sie das Gendersternchen einbauen. Am besten Sie hängen es wie folgt an das Wort an: Führungskräfte*. So wären Sie superkorrekt.

Viel Erfolg beim nächsten Treffen!
Ihr Team Genderleicht

Linktipp: Genderwörterbuch

#11

Anrede an Unbekannte

Immer wieder erreichen uns Zuschriften, die nach einer angemessenen Anrede fragen. Für den geschäftlichen Brief haben wir die Frage in #8 mit der Formulierung „Guten Tag, Kim Müller“ beantwortet. Was aber schreiben,

… wenn die Anrede alle Geschlechter ansprechen soll, dabei weder formell noch flapsig, in jedem Fall aber kurz und knapp sein soll?

Bei der Frage ans Textlabor ging es um eine als Brief verschickte Einladung, wobei der Name eher nicht bekannt war. Gefragt wurde zusätzlich nach einer Idee für eine allgemeine Anrede bei Veranstaltungshinweisen in Zeitschriften, Anzeigen und dergleichen.

Puh, so viele Anforderungen auf einmal. Wir schlagen vor: Verzichten Sie auf die Anrede. „Hoppla“, denken Sie vielleicht. Aber in Ihrer Anfrage geht es um die Einladung zu einer Veranstaltung. Da können Sie auch mitten ins Thema hineinspringen, vergleichbar einem Werbetext, bei dem Sie schon mit den ersten Worten das Wichtigste sagen.

Ein Beispiel, den wir für den von Ihnen angedeuteten Zusammenhang zusammenfantasieren:

„Der große Technik-Tag steht an. Ein Symposium für Studium und Lehre, mit Vorträgen und Workshops für alle, die sich im Ingenieurwesen weiterbilden wollen. Seien Sie dabei! Alle Geschlechter willkommen. Auch wer schon im Beruf ist, kann Anregungen und Ideen für den weiteren Karriereweg erhalten. Der Technik-Tag ist ideal zum Netzwerken für Studierende und Profis.“

Sie merken, das ist komplett geschlechtsneutral getextet, indem es beschreibt, was es zu erleben gibt. Auf die Nennung von Personen verzichtet der Text weitgehend bzw. nutzt geschlechtsneutrale Wörter wie „Studierende und Profis“. Außerdem enthält er eine direkte Aufforderung: „Seien Sie dabei“. Damit erzeugen Sie den Effekt – ja, dich meine ich! Das würden Sie mit der Anrede … „Sehr geehrte“ oder „Liebe …“ auch erreichen. Aber genau diese Worte wollen Sie nicht benutzen, wie Sie dem Textlabor schreiben.

Kurzer Hinweis zu „Profis“: Der Duden sagt, das Wort sei maskulin, nun ja, warum eigentlich? „Profi“ ist die umgangssprachliche Abkürzung für Professionelle. Upps, das wiederum ist umgangssprachlich ein Synonym für Prostituierte, weiblich wie männlich. Wir empfehlen hier trotzdem Profi als geschlechtsneutrales Wort für Menschen, die ihren gewählten Beruf ausüben. Und zwar im Plural, denn dann verspielt sich die geschlechtliche Zuschreibung: „Profis, die …“ Sie finden „Profis“ zu informell? Nehmen Sie: „Leute, die bereits im Beruf stehen“.

Nun ist es aber auch wichtig, dass insbesondere bei Veranstaltungen zu technischen Berufen Frauen angesprochen werden. Im MINT-Bereich sind sie häufig in der Minderzahl. Weil der Textvorschlag komplett geschlechtsneutral ist, erwähnt er Frauen nicht. Sorgen Sie deshalb dafür, dass an den Podien Fachfrauen teilnehmen oder Workshops leiten. Jede einzelne ist ein Vorbild für Jüngere, die sich dadurch ermutigt fühlen, ebenfalls ihrer Neigung zu Naturwissenschaft und Technik zu folgen. Wenn ihre Namen schon im Programmüberblick ihrer Einladung stehen, ist deutlich, dass Sie diesen Gleichstellungsaspekt beachtet haben.

Dann haben wir noch „Alle Geschlechter willkommen“ in den Beispieltext eingebaut. Das bereits vielfach übliche (m/w/d) wäre für eine charmante Einladung zu nüchtern, „divers“ oder „nicht-binär“ ist vielen Leuten bisher nicht vertraut. Wir empfehlen deshalb den eleganten und höflichen Hinweis mit seiner unmissverständlichen Botschaft.

Einen Tipp für die persönliche Anrede hätten wir noch für Sie. Probieren Sie doch mal, ein bisschen augenzwinkernd, folgende Formulierung:
„Liebe Mitmenschen, mit und ohne Sternchen!“

In diesem Sinne, viel Erfolg mit derartigen Rundschreiben.
Es grüßt Sie das Team Genderleicht!

#12

Viele Männer, eine Frau

Wie ist das, wenn es in einer Gruppe nur eine weibliche Person gibt? Ein typisches Textproblem in Berichten über Preisverleihungen, im Bereich der Wissenschaft und dann, wenn es um „Männerberufe“ geht. Aus dem schulischen Bereich erhielten wir diese Frage:

Wenn in einer Unterrichtsstunde oder bei externen Veranstaltungen nur eine Schülerin anwesend ist und alles andere Schüler sind – wie soll ich es mit der mündlichen Begrüßung halten oder bei anschließenden Berichten über das Ereignis?

Schön, dass Sie fragen. Wenn Sie einfachheitshalber nur von Schülern schreiben würden, würden wir gar nicht erfahren, dass zu dieser Klasse auch eine Schülerin gehört. Das typische Problem des generischen Maskulinums: es gibt uns falsche Informationen.

Kommen wir zur ersten Frage – die Begrüßung. Sprechen Sie alle direkt an, das ist doch einfach:
„Guten Morgen, wie geht es Euch?“
„Schön dass Ihr alle da seid, oder fehlt jemand?“
„Seid Ihr alle fit, dann können wir ja loslegen.“
Dass da auch eine Schülerin sitzt, müssen Sie so nicht extra erwähnen. Warum auch?

Anders ist es in Berichten, Ihrer zweiten Frage. Wenn Sie also Fakten über ein Ereignis schriftlich festhalten. Wie wäre folgende Lösung, die wir uns beispielhaft überlegt haben:

„Am Unterricht nahmen neun Schüler und eine Schülerin teil, drei Schüler fehlten entschuldigt wegen Krankheit. Die Anwesenden arbeiteten konzentriert an den gestellten Aufgaben. Manche stellten Nachfragen. Als die Bearbeitungszeit um war, hatten drei die Arbeit noch nicht beendet. Dagegen waren Maren Peters und Ali Hussein besonders schnell und gaben den Test drei Minuten vor Zeitablauf ab.“

Sie merken folgende Technik: Am Anfang wird geklärt, wer die Anwesenden sind, auch mit der geschlechtlichen Zuschreibung. Danach geht die Beschreibung geschlechtsneutral weiter. Sobald es erforderlich ist, wird im weiteren Textverlauf konkret über die Schülerin geschrieben, hier mal mit Namen, das wirkt dann weniger betonend als „die Schülerin“.

Auf diese Weise geben Sie die erforderlichen Informationen. Sie nutzen die Möglichkeiten der deutschen Sprache, ohne diese zu verbiegen.

Wenn aber der Sachverhalt bedeutsam ist, sollten Sie das auch zum Thema machen: „Als einziges Mädchen bzw. als einzige Frau in der Klasse …“ (wie fühlt sich das an für sie? Findet sie, dieser Kurs ist auch etwas für andere Mädchen oder Frauen? Wie ist das Verhältnis zu ihren Mitschülern etc.)

Bei Studentinnen und Studenten hat sich inzwischen als geschlechtsneutrale Alternative das Wort „Studierende“ etabliert. Für Schüler und Schülerinnen gibt es keinen vergleichbaren Oberbegriff. Bei Jüngeren würde das neutrale Wort „Schulkinder“ passen, außerhalb des schulischen Kontextes bietet sich bei Älteren das Wort „Jugendliche“ oder „Teenager“ an – je nachdem, was Sie sagen wollen. In unserem Beispieltext weichen wir auf „die Anwesenden“ aus.

Alternativ könnten Sie das Gendersternchen benutzen: „die anwesenden Schüler*innen“. Es wird immer mehr anerkannt. In Ihrem Fall mit einer einzigen Schülerin wäre es aber wieder ungenau, der gleiche Effekt wie beim generischen Maskulinum. Es ist nicht zu erkennen, dass nur eine weibliche Person am Unterricht teilnimmt. Da Sie in Ihrem Bericht vermutlich keine Platzbegrenzung haben, nutzen Sie stattdessen die Möglichkeit der Doppelnennung. Es gibt keine Pflicht, das Gendersternchen zu benutzen.

Wenn in Ihrer Klasse Personen sind, die divers sind, kann es allerdings angebracht sein, das Sternchen zu verwenden. Am besten Sie fragen sie im vertraulichen Gespräch, wie Sie es halten sollen. Als Pädagogin oder Pädagoge wissen Sie, wann die Person alt genug ist, selbst darüber zu entscheiden und wann es besser ist, das mit den Eltern zu klären. Manche, die sich als divers begreifen, möchten, dass das ausdrücklich berücksichtigt wird, andere sind damit zurückhaltend.

Hat Ihnen das geholfen?
Ihr Team Genderleicht

#13

Cybercrime gegendert

Wir erhielten eine Anfrage von jemandem, der über IT-Sicherheit in Blogs und Newslettern schreibt. Dabei geht es oft auch um Hacker oder Onlinebetrüger, die falsche Waren anbieten und dann nicht zahlen oder liefern. Doch sind das tatsächlich immer Männer? Weil R. seine Artikel künftig gendern möchte, kommt er ins Grübeln und wendet sich ans Textlabor:

Ich finde keine „netten“ Überbegriffe für Betrüger, Ganoven oder Schurken. In meinen Texten geht es oft um „Hacker“ und „(Online-)Verbrecher“. Bleibt mir nur der Gap oder das Sternchen? Wie baue ich das bei den genannten Begriffen ein?

„Nett“ ist im Zusammenhang mit Kriminalität wohl nicht die passende Kategorie. Wer sich in fremde Computer einloggt, ist nicht „nett“, auch dann nicht, wenn es Frauen wären. Und dabei sind wir beim nächsten Punkt: Ja, es gibt auch Täterinnen im Bereich der Cyberkriminalität. Laut eines Berichts des Bundeskriminalamts (BKA) von 2015 wächst der Anteil von Frauen in der Szene sogar (vgl. S. 10). Zwar sind Männer weiter in der Überzahl, doch das ist kein Grund, nicht zu gendern, oder?

Was hält Sie davon ab, bei Schurke, Betrüger und Ganove die weibliche Form zu verwenden? Schurkin, Betrügerin, Ganovin – die weibliche Form geht doch und richtet den Blick auf eine Gruppe möglicher Tatverdächtiger, die vorher kaum gesehen wurden: Frauen. Zwar haben auch wir zunächst beim Wort „Schurkin“ gestutzt, doch der Duden kennt es und gibt dazu ein Angebot weiterer Synonyme:

z.B.: Banditin, Ganovin, Gaunerin, Halunkin, Räuberin, Verbrecherin, Übeltäterin

Bei all diesen Wörtern ließe sich sogar ein Sternchen einbauen, z.B. bei Betrüger*in oder auch bei der Hacker*in. Ein geschlechtsneutraler Überbegriff, bei dem Sie ohne Sonderzeichen auskommen, lautet der bzw. die „Cyberkriminelle“ – unser Favorit. Ansonsten können wir nur immer wieder dazu raten: beschreiben Sie die Tätigkeit, verwenden Sie Verben und versuchen sie nicht, daraus eine Art Berufsbezeichnung zu machen.

Beim sprachlichen Gendern sollten wir uns immer fragen: Wie ist die Rolle von Frauen und Männern denn tatsächlich? In Ihrem Fall: Gibt es im Bereich der IT-Sicherheit ausschließlich Männer, die anderen auf kriminelle Art schaden?

Interessanterweise spielen uns im Gedächtnis eingebrannte Bilder einen Streich. Wenn das Fernsehen über Hacker berichtet, dann sitzt im blauen Licht ein junger Mann im Hoodie, über die Tastatur gleiten Männerhände. So entstehen Vorurteile, auch Geschlechtsrollenstereotype genannt. Andererseits kennen wir aus Filmen wie „Verblendung“ die Hackerin Lisbeth Salander oder aus dem Borowski-Tatort die Kommissarin Sarah Brandt, gespielt von Sibel Kekilli, die zur Falllösung mit ihren IT-Fertigkeiten auftrumpft. Filmdramaturgie schreibt nerdigen Frauen eine exotische Rolle zu. Und das, obwohl bei den Digital Media Women e.V. über 24.000 Frauen organisiert sind. Anders als Männer sind sie nur nicht so sichtbar.

Passend dazu haben wir die Website „10 notorious female hackers“ entdeckt. Hier sind zehn Frauen genannt. Wieviel mehr gibt es tatsächlich? Wer immer nur von Hackern spricht, wird gar nicht erst versuchen, es heraus zu finden. Denn Gendern ist nicht nur eine Sache von Begrifflichkeiten. Gendersensible Texte verändern den Blickwinkel und zeichnen sich durch eine erweiterte Recherche aus.

Wir setzen sehr auf Sie, dass Sie sich als jemand, der Texte zu diesem Thema verfasst, in die Spur begeben und über neuere Erkenntnisse zum Thema weibliche Cyberkriminalität berichten. Ansonsten, vielen Dank, dass Sie über Differenzierungen zu männlichen und weiblichen Anteilen in ihren Texten nachdenken.

Beste Grüße vom IT-affinen Team Genderleicht

Weiterlesen:

BKA-Studie: Täter im Bereich Cybercrime

Netzpolitik.org: Hacktivismus und Cyberstraftäter

 

#14

Rathaus wird Bürgerhaus

Eine Stadt hat vor, das Rathaus in „Bürgerhaus“ umzubenennen, weil es zukünftig neben der Verwaltung auch Räume für kulturelle Veranstaltungen, Vereinsaktivitäten etc. beheimaten soll. Doch nicht alle finden die Namensgebung gut und fragen sich – was ist denn mit den Bürgerinnen? An das Genderleicht-Textlabor kommt folgende Anfrage:

„Ich habe beanstandet, das Rathaus in Bürgerhaus umzubenennen, allerdings habe ich keine Alternative anbieten können, außer beim Begriff Rathaus zu bleiben. Doch das trifft es auch nicht ganz. Haben Sie eine Idee?“

Wir setzen an den Anfang unserer Antwort mal ein Zitat aus einem Zeitungsbericht (mit Bezahlschranke):

„Bürgerhäuser haben wir viele in unserer Stadt. Nach dem Lexikon ist ein Bürgerhaus, jedes Wohnhaus einer Stadt, welches mit der Fassade an den Straßenrand meist lückenlos aneinander oder mit schmalen Abständen gebaut ist’“.

Also – das Bürgerhaus hat eigentlich eine ganz andere Bedeutung! Es ist eher eine architektonische Bezeichnung. Aber nun ja, Begrifflichkeiten ändern sich und wir kennen in der Tat viele Bürgerhäuser, in dem von Ihnen beschriebenen Sinn. Die Diskussion, ein Rathaus in ein Bürgerhaus umzubenennen, haben schon mehrere Städte hinter sich. Nicht immer wurde dabei die Frage bedacht: Wie nennen wir ein Bürgerhaus, damit sich alle angesprochen fühlen und gern dahin kommen?

Wir nähern uns der Antwort auf Ihre Frage durch einen Blick auf die geplante Funktion des Hauses:
Anders als beim Rathaus, in dem lediglich die Stadtverwaltung ihren Sitz hat, soll das Gebäude nun auch zur Nutzung für Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt da sein. Familienzentren und Vereine können dort unterkommen, und evtl. gibt es einen größeren Raum oder Saal für kulturelle Veranstaltungen. Vielleicht gibt es auch eine Bibliothek oder Einrichtungen wie eine Kita unter dieser Adresse. Das Rathaus also als ein Ort der Begegnung.

Passt der Begriff „Bürgerhaus“? Nein!
Frauen sind es zwar in jahrzehntelanger Übung gewöhnt, sich auch mit männlichen Bezeichnungen angesprochen zu fühlen, insbesondere, wenn es nicht um sie ganz persönlich geht. Kinder dagegen sind in ihrem frisch erworbenen Sprachvermögen wesentlich genauer und fragen schon mal – was ist mit den Bürgerinnen? Dürfen die da auch hinkommen? Und wir Kinder auch?

Zu bedenken ist ebenfalls, dass „Bürger“ ein sehr konservativer, um nicht zu sagen altbackener Begriff ist, der im Verwaltungsdeutsch beheimatet ist. Was ist mit den Menschen Ihrer Stadt, die keine Deutschen sind oder die als Geflüchtete recht wenig Rechte haben? Die aber dort auch Feste feiern sollen. Klar, wir denken, das sind Bürger. Aber ein offener Begriff, der alle willkommen heißt, wäre nicht nur schöner, er würde den Geist eines solchen Hauses besser wiedergeben.

Unser Favorit wäre „Haus der Begegnung“.

Weitere genderneutrale Varianten zur Auswahl:
• Stadthaus
• Gemeindehaus
• Gemeinschaftshaus
• Gemeinschaftshaus Stadt xy
• Haus der Stadt xy
• Dorfgemeinschaftshaus
• Gemeindezentrum
• Familienzentrum
• Kulturzentrum
• Kulturhaus
• Haus der Begegnung mit Stadtverwaltung
• Rathaus der Begegnung

Eine weitere Möglichkeit wäre es, das Haus nach einem berühmten „Kind“ ihrer Stadt zu benennen: „xy-Haus“ …Aber hier ist die Gefahr groß, dass sich ein Männername durchsetzt, da – bis heute – die Leistungen von Frauen oft zu wenig Anerkennung finden. Vielleicht gibt es aber auch eine berühmte Familie, mit tatkräftigen Frauen und Männern, die sich um Ihre Stadt verdient haben. Diese Nennung könnte Signalwirkung haben.

Last but not least:
Haus der Bürger*innen
Sehr modern! Wenn sie die Schrift für das Logo unter Einbeziehung der Stadtfarben geschickt gestalten, könnte das klappen.

Vielleicht schaffen Sie es, einen Kreativwettbewerb auszurufen. Und es kommt ein noch viel schönerer, individuellerer Name zustande!

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Namenssuche und Durchsetzung Ihrer Ideen!
Herzlich, Ihr Team Genderleicht

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