Ob ich Mutter werden will, weiß ich noch nicht. Was ich aber weiß: Ich habe so eine große Angst vor der Geburt selbst, dass das meine Entscheidung beeinflusst.
Die Szenerie, die ich von Geburten im Kopf habe, ist schrecklich. Und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Das Bild, das in den Medien immer wieder gezeichnet wird: kaltes, grelles Licht, Schweiß, Blut, Tränen, Schreie. Alle zerren an der Gebärenden herum, bis das Baby zur Welt kommt. Es wirkt, als wäre die Frau selbst nicht aktiv am Prozess der Geburt beteiligt, als wäre sie der Situation hilflos ausgeliefert. Nein, das ist keine Vorstellung, mit der ich mich anfreunden kann. Aber ist die Realität wirklich so grausam?
Leitfaden zur Visualisierung von Geburt publiziert
„Medien und Journalismus funktionieren über Sensation und Drama“, erklärt Martina Bürger. Gemeinsam mit Elisa Maria Elß hat sie die Bildungsinitiative „The Image of Birth“ gegründet. Die beiden Illustratorinnen wollen zu positiveren Geburtsbildern motivieren und über einen sensibleren Umgang mit Geburtsdarstellungen aufklären – mit einem Leitfaden: Im Oktober 2026 haben sie „Dreht die Frauen um! Zeitgemäße Geburtsvisualisierung für Medienschaffende“ als Buch herausgebracht. Darin wird diese typische Szenerie deutlich kritisiert: „Viel Blut, viel Drama […], viel Medizin und vor allem viel Rückenlage.“
Der Kaiserschnitt dominiert
… auch dann, wenn es im Bericht nicht mal um Kaiserschnitt geht.
Die echte Geburt ist unsichtbar
Wenn es in Tageszeitungen um das Thema der Geburt geht, werden häufig nichtssagende Motive gezeigt: leere Krankenhausräume, verschlossene Türen mit der Aufschrift „Kreißsaal“ oder medizinisches Personal neben einer sauberen Geburtswanne. Alternativ dazu: glückliche Familienbilder, auf denen Mutter und Baby vereint sind, oder auch mal zu dritt, mit dem strahlenden Vater. Die Geburt selbst bleibt bildlich verborgen. Es wirkt, als trauten sich Redaktionen nicht, echte Geburten zu zeigen. Lediglich bei Infoseiten von Geburtskliniken wurde ich fündig.
Bilderkritik
Die Geburt steht für Martina Bürger exemplarisch für die Frage nach der Macht der Bilder. Was machen Bilder mit uns? Wie beeinflussen sie unser Denken, Handeln und Fühlen – und das von klein auf? „Wir Medienschaffende haben eine große Verantwortung mit den Bildern, die wir in die Welt schicken. Mit den Worten, die wir sagen. Mit den Geschichten, die wir erzählen.“
Martina Bürger, die sich schon länger mit dem Thema befasst, hat einen geübten Blick für die Darstellung von Geburten. Anhand einiger Beispiele erklärt sie ihre Kritik an der Bildberichterstattung in den Medien.
Die klinische Geburt
Martina Bürger beschreibt dieses Foto als „Schreckensbild“. Es ist eines der Klassiker, die sofort in den Kopf kommen, wenn man an Geburt denkt. Die Atmosphäre kalt und steril, das Licht grell. Handschuhe, Krankenhausbett und -kleidung prägen die Szene.
Im Fokus ist der angestrengte Gesichtsausdruck der Frau, der gestellt und wenig authentisch wirkt. Die Rückenlage und die Person zwischen den Beinen der Gebärenden vermitteln den Eindruck einer medizinischen Notfallsituation, erkennt Martina Bürger. Doch im Titel des Artikels gibt es darauf keine Hinweise. Im Gegenteil: Dieser spricht von einer Geburt im Vierfüßlerstand. Die ist auf dem Beitragsbild nicht zu sehen.
Dabei erfolgen Geburten mitunter im Vierfüßlerstand. Es ist ein aktiver Prozess, bei dem sich Gebärende bewegen, stehen oder verschiedene Positionen einnehmen. Hebammen begleiten und unterstützen, ohne zwangsläufig zwischen ihren Beinen zu sitzen. Auch kalt und steril muss es nicht sein. Selbst im Krankenhaus wird inzwischen auf eine angenehme Geburtsatmosphäre geachtet.
Die kopflose Geburt
Bilder von der Betreuung von Hochschwangeren zeigen oft nur deren Bauch. Auf den Fotos fehlt ihr Kopf. Auch das Gesicht der Hebamme ist nur selten zu sehen. Viele Geburtsbilder sind ebenfalls kopflos. So abgebildet wirken Schwangere wie Container, ohne Persönlichkeit und Individualität, kritisiert Martina Bürger. Es sei unverzichtbar, das Gesicht zu zeigen: „Jede Gebärende ist eine Person mit individuellen Bedürfnissen, die individuell behandelt werden muss.“ Solange der Fokus so stark auf dem Bauch liege, konzentriere sich die Darstellung nur auf das „was drin ist und raus muss.“
Die kontextlose Geburt
Auf diesem Bild stützt eine Hebamme die Gebärende. Martina Bürger empfindet das Bild als grundsätzlich gut geeignet für den Artikel im Sonntagsblatts über den Hebammenhilfevertrag. Er verdeutlicht den anstrengenden Joballtag der Geburtshelfer*innen.
Ein Problem bleibt trotzdem: Der Hintergrund des Bildes weist auf die Vorbereitung einer örtlichen Betäubung mittels PDA oder eines Kaiserschnitts hin: „Es ist eine besondere Situation, die Interventionen und Komplikationen bedeutet“, erklärt Martina Bürger. Die Bildunterschrift liefert dazu keine Einordnung. Es bleibt unklar, welche Situation tatsächlich dargestellt ist: „Gerade der Kontext ist wichtig, damit medizinische Ausnahmesituationen nicht unkommentiert als normale Geburten erscheinen.“
Empowerment statt Angstmache
Sicherlich gibt es Geburten, die genauso dramatisch stattfinden wie in den Medien dargestellt – wenn sie überhaupt mal gezeigt werden. Die Realität sieht für die meisten Gebärenden allerdings oft unspektakulär aus. Diese Erfahrung durfte Martina Bürger bei der Geburt ihres ersten Kindes machen. Den Leitfaden wollte sie erstellen, weil sie gesehen hat, „was es ausmacht, eine empowernde Geburt zu haben.”
Martina Bürger wollte weg vom Klischee der schrecklichen Geburt, bei der die Gebärende nur darauf warten kann, von anderen „erlöst“ zu werden. Stattdessen zeichnet sie mit dem Leitfaden „Dreht die Frauen um!“ Bilder von Vielfalt, Selbstwirksamkeit und mit einem Funken Humor. Im Buch sind tatsächlich viele Geburtsdarstellungen gezeichnet: Neben Fotografinnen haben die beiden Herausgeberinnen auch Illustratorinnen um Beiträge gebeten.
Seit Oktober 2026 im Buchhandel erhältlich
Der Leitfaden soll Medienschaffende ermutigen, ihren Blickwinkel zu erweitern und eine vielfältige Realität abzubilden. Er lädt zum Reflektieren ein, liefert Inspiration und konkrete Tipps, wie es besser geht. Er zeigt die Geburt in all ihren Facetten und klärt darüber auf, wie wichtig der Perspektivwechsel ist. Sogar ganz konkret, wie der Titel des Leitfadens auffordert: „Dreht die Frauen um!“
Schon die einfache Drehung aus der Rückenlage in den Vierfüßlerstand oder in eine stehende Position macht aus der passiven Szene einen Akt der Selbstermächtigung. Die Geburt ist dann nicht mehr diese gruselige Sache, die über die Gebärende hereinbricht, sondern ein aktives Zusammenspiel zwischen der werdenden Mutter und ihrem Kind, das sich den Weg in die Welt bahnt.
„Wer Bilder erzeugt, prägt Realitäten“
Katharina Desery ist das Bild der passiven Frau leid. Sie ist Vorstand von Mother Hood e. V., einem Verein, der sich für sicheres und selbstbestimmtes Gebären sowie für eine bessere Geburtshilfe einsetzt. Sie ist sich der Wirkung von Bildern bewusst: „Wer nur Dramen kennt, erwartet keine Selbstbestimmung und keine Selbstwirksamkeit“, stellt sie im Geleitwort des Leitfadens klar: „Wer Bilder erzeugt, prägt Realitäten.“
Was in den Medien gezeigt wird, hat einen enormen Einfluss darauf, wie Menschen die Welt wahrnehmen und ihr Handeln darauf abstimmen. So können vielfältige Darstellungen von Geburten darauf einwirken, dass die Situation im Kreißsaal entspannter abläuft, die Schwangere positiv auf die Geburt eingestellt ist und die Kommunikation mit Hebamme und medizinischem Personal partnerschaftlich ablaufen kann.
Chancen für die Geburtshilfe
„Medien haben einen Bildungsauftrag und den erfüllen sie beim Thema Geburt überhaupt nicht”, kritisiert auch die Hebamme, Geburtsaktivistin und Gesundheitswissenschaftlerin Anja Lehnertz-Hemberger. Durch die eigene Forschungsarbeit für ihren Bachelor erkannte sie, dass das negative und dramatische Bild der Geburt bereits bei Kindern im Kopf verankert ist. In einer Grundschule befragte sie Mädchen zwischen neun und elf Jahren zu ihrem Wissen über die Geburt und ließ sie Bilder malen. Das Ergebnis war genauso erschreckend wie bekannt: Ein steriler Raum, die Gebärende in Rückenlage, Blut, medizinische Instrumente.
Anja Lehnertz-Hemberger beschreibt diese Vorstellung als „Klebstoff im Kopf“, der sich früh verfestigt und durch Bücher, Filme und andere Medien immer weiter manifestiert. Sogar bei ihren Vorträgen für Medizinstudierende oder Rettungssanitäter*innen macht sie die Erfahrung: „Ich bekomme dieselben Bilder gemalt wie in der Grundschule. Das zeigt, wie fest die Sozialisierung zum Thema Geburt in unseren Köpfen ist.“
Problematisch werde dieses vorgeprägte Bild im Kreißsaal. Wenn Wissen und Erwartungen zwischen Gebärender und Hebamme auseinanderdriften, könne es zu grenzüberschreitenden Handlungen während der Geburt führen, berichtet die erfahrene Hebamme. So kann es passieren, dass die Gebärende nur die klassische Rückenlage kennt und sich beim Vorschlag, in den Vierfüßlerstand zu gehen oder sich gar hinzustellen, überrumpelt fühlt. Umgekehrt kann es zu Grenzüberschreitungen kommen, wenn die Geburtshelfer*innen nach konservativen Lehrbüchern vorgehen, die Schwangere dagegen nicht in Rückenlage gebären möchte.
Der Vierfüßlerstand
… ist offenbar in Zeitungen nur als Gymnastikübung vorzeigbar.
Inzwischen sieht Anja Lehnertz-Hemberger einen positiven Wandel in den Vorstellungen und Erwartungen seitens der Gebärenden. Diesen führt sie auf Social Media zurück und auf Influencerinnen, die ihre Erfahrungen teilen. Schwangere lernen die vielfältigsten Bilder direkt in ihrem Feed kennen und sind inzwischen oftmals offener eingestellt. Eine Entwicklung, die Hoffnung macht und der Geburtshilfe in Zukunft guttun könnte. Die traditionellen Medien sollten hier nachziehen: Der Leitfaden könnte für Medienschaffende interessant sein.
Mein Perspektivwechsel
Die Geburt besteht nicht nur aus medizinischen Eingriffen, Schmerzen und Komplikationen. Sie ist eine aufregende Reise und ein Wechselbad der Gefühle. Genauso wie Erschöpfung und Anstrengung können Gebärende Nähe, Freude, Stolz und Euphorie erfahren. Diese emotionale Vielfalt bleibt in der medialen Bilderwelt häufig unsichtbar. Statt klassischer Stockbilder mit aufgesetztem Lächeln und gespielter Anstrengung sollten authentische Emotionen zu sehen sein. Das ist mir nun klar geworden.
Ob ich Mutter werden will, weiß ich nach dem Lesen des Leitfadens zwar immer noch nicht. Aber er hat das große Grauen in meinem Kopf gemindert. Er hat mir als potenziell gebärfähiger Person eine neue Perspektive mitgegeben und mich als Medienschaffende zum Nachdenken angeregt.
Wo bleiben die großen Gefühle?
Exkurs: Geburtsfotografie
Glücklicherweise gibt es Geburtsfotograf*innen, die echte Momente und Gefühle dokumentieren. Bildredaktionen müssen sie nur finden. Einige der Bilder im Buch wurden von der Geburtsfotografin Marcia Friese beigesteuert. Sie sagt, bei einer Fotoreportage sei es wichtig, sich selbst mit Geburtsvorgängen gut auszukennen. Im Vorgespräch klärt sie mit der Schwangeren, welche Erwartungen und Wünsche sie an die Fotos hat und wo die persönlichen Grenzen der Gebärenden liegen. Welche Momente dürfen festgehalten werden? Welche Körperbereiche sollen nicht zu sehen sein? Und wann soll die Kamera lieber ausgeschaltet bleiben?
Wenn die Geburt beginnt, geht es für die Fotografin nur noch um die Gebärende und ihre Familie. Die eigenen Wünsche und Vorstellungen für ihre Bilder stellt sie hinten an. Auch die Erwartungen an Motive, Setting oder Licht sollten komplett beiseitegelegt werden, ist ihr Tipp. Unter der Geburt sei alles möglich, berichtet sie.
Der wichtigste Skill ist Empathie. Geburtsfotograf*innen sollten in der Lage sein, auf Situationen zu reagieren. Für manche werdende Eltern sei das Klicken der Kamera unerträglich, andere störe es nicht. „Ich hatte auch schon Gebärende, die alleinerziehend waren, dann war ich Geburtsbegleiterin“, erinnert sich Marcia Friese. „Ich habe ihr den Rücken massiert, ihre Hand gedrückt und sie im Arm gehalten.”
Sechs Tipps für die Bebilderung beim Thema Geburt
- Dreht die Frauen um!
Weg von der Rückenlage: Suchen Sie bei der Bildrecherche bewusst nach Geburten in aufrechten Positionen, im Vierfüßlerstand oder in Bewegung. - Das 3forB-Konzept beachten
Stellen Sie die Gebärende mit dem Baby in den aktiven Mittelpunkt, an ihrer Seite eine begleitende Person und ihr gegenüber die Hebamme bzw. Geburtshilfe. Diese Bildkomposition nennt sich zu deutsch: „3 fürs Baby bzw. die Geburt“ (3forB – Three for baby or birth). - Die ganze Person abbilden
Die Gebärende ist kein „kopfloser Container“, und es geht auch nicht allein um den Babybauch. Zeigen Sie die werdende Mutter komplett mit Gesicht. - Vielfalt zeigen
Achten Sie auf die Vielfalt von Geburten, fernab von klinischen Settings, westlichen Schönheitsidealen, starren Rollenbildern, konservativen Familienmodellen, und präsentieren Sie nicht nur „saubere Neugeborene“. - Weg vom Drama
„Eine normale, unspektakuläre Geburt mag langweilig erscheinen. Aber es ist die beste Art von Geburt, die es gibt“, beschreibt Martina Bürger den Vorgang und rät dazu, echte Realitäten zu zeigen, ganz ohne Drama. - Kontext beachten
Nutzen Sie die Bildunterschrift, um medizinische Situationen und Interventionen einzuordnen. Achten Sie darauf, dass die Fotografie tatsächlich zum beschriebenen Geburtsverlauf passt.
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© Warja Jones
Sophia Schmoldt
Gastautorin
















