Nur Kopftuch und Gebete? Wie Medien Glauben ins Bild setzen

von | 13. Mai 2026 | Bildimpulse

Junge Frau mit Hoody sitzt im hohen Gras

Hijab unterm Hoody: Djoumana Hussein fühlt sich ihrem Glauben auch in der Natur verbunden.
Foto ©Loredana Zafisambondaoky, Beyond the Frame

Moscheen, Frauen im Hijab, Gebetsszenen in Mekka – wer einen Blick auf die Google-Bildersuche, Online-Datenbanken oder Presseartikel wirft, könnte den Eindruck gewinnen, der Islam hätte nicht mehr zu bieten. Denn diese Bilder zeigen selten die Vielfalt gläubiger Menschen. Medien wiederholen stereotype Motive immer und immer wieder.
Drei Frauen im Hijab und langen Mänteln laufen in einem Park mit Kindern, alle von hinten fotografiert
Betende Männer in einer Moschee

Screenshot Welt, 6.11.2024,
© Paul Zinken, dpa, Pictire Alliance

Das Islambild deutscher Medien

Verschleierte Frauen in Begleitung ihrer Kinder und stets von hinten fotografiert, Männer beim Freitagsgebet in der Moschee, das sind klassische visuelle Codes für den Islam. Was bei der Betrachtung auffällt: Einzelne Gesichter, persönliche Geschichten oder Lebensrealitäten bleiben unsichtbar. Das Problem dahinter heißt „Othering“: Menschen werden nicht als Individuen gezeigt, sondern als homogene Gruppe. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) trägt diese Form der Darstellung zu einer öffentlichen Entfremdung von muslimischen Lebensweisen bei.

Neben dieser Entindividualisierung gibt es einen genauso prägenden Kontext: Der Islam wird überproportional häufig im Zusammenhang mit Terrorismus, familiärer Gewalt oder politischen Konflikten genannt. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg, so die Analyse der bpb, wird die Glaubensrichtung des Islam weniger als Religion dargestellt, sondern vielmehr als „eine Form der Politik oder politischen Ideologie der Gewalt“.

Der Islam wird klischeehaft dargestellt. Andere Glaubensrichtungen, etwa Judentum oder Christentum, aber auch. Dies stärkt vorhandene stereotype Vorstellungen. Was in den Medien oft fehlt, ist der Alltag von gläubigen Menschen. Glaube als Teil eines ganz normalen Lebens – jenseits von Ritualen, Symbolen oder Politik – bleibt in der medialen Bildsprache unsichtbar.

Blick auf eine Kippa

Screenshot Stern, 18.7.2025, ©AFP

Drei Messdienerinnen und ein Messdiener in roten und weißen Gewändern bei einem Gottesdienst zu Himmelfahrt im Freien

Screenshot Spiegel, 19.4.2019
©Guido Kirchner, dpa

„Beyond the Frame“: Religion in ein anderes Licht rücken

Mit dem Fotoprojekt „Beyond the Frame: Junge Perspektiven auf Vielfalt im Glauben“ zeigen die Neuen Deutschen Medienmacher*innen, wie vielfältig Religionen und gelebter Glaube im Alltag aussehen können. In einer dreiteiligen Social-Media-Kampagne präsentiert das Netzwerk Bilderserien, die Glauben als Teil urbaner Identität sichtbar machen – vielfältig, realitätsnah und jenseits gängiger Symbollogiken. Entstanden sind visuelle Reportagen zu jüdischen, muslimischen und christlichen Perspektiven, genauso wie zu Sikhismus und Buddhismus.

Instagram-Kampagne bei @neuemedienmachx

Junge Frau mit langen Haaren betrachtet sich im Spiegel
Junge Frau mit Kopftuch schminkt sich
Frau mit Regenbogenfahne um die Schultern

Die Ergebnisse sind inzwischen Teil der Datenbank Gesellschaftsbilder vom Verein SOZIALHELDEN e. V., der sich für Inklusion und eine stärkere Sichtbarkeit vielfältiger Perspektiven einsetzt. Redaktionen und Medienschaffende finden hier gute Alternativen zu den klassischen, oft stereotypen Bildangeboten in herkömmlichen Bildagenturen. Das Projekt will damit neue, differenzierte Bildperspektiven auf Religion sichtbar machen und junge Fotojournalist*innen darin stärken, diese umzusetzen. Die entstandenen Arbeiten sollen langfristig zu einer vielfältigeren Bildauswahl in den Medien beitragen.

Begleitung im Workshop

Bevor fotografiert wurde, nahmen die Berliner Fotograf*innen an Workshops zu diskriminierungssensibler Bildsprache und -gestaltung teil, die eine zentrale Grundlage des Projekts bildeten. Geleitet wurden sie von den Neuen deutschen Medienmacher*innen und Expert*innen aus Fotografie und Journalismus. Die Teilnehmenden setzten sich kritisch mit visuellen Stereotypen und Storytelling im Fotojournalismus auseinander und erhielten Einblicke in verschiedene Glaubensgemeinschaften. Ergänzt wurde das Programm durch Austauschformate sowie kontinuierliches Feedback zu den eigenen Projekten.

In den Workshops wurde deutlich, wie stark stereotype visuelle Codes in der medialen Praxis gefestigt sind. L. A. Evans, nicht-binär und beim Projekt hinter der Kamera, erinnert sich an einen Artikel über einen islamistischen Terroranschlag. Er war bebildert mit Muslimen, die in einer Moschee beten. „Das ist nicht nur inhaltlich falsch, sondern hat auch fatale gesellschaftliche Folgen“, sagt Evans. „Viele Menschen können dadurch nicht mehr unterscheiden zwischen extremistischem Islamismus und dem ganz normalen Ausleben des muslimischen Glaubens.“

Queer, nicht-binär, jüdisch

Für „Beyond the frame“ porträtierte L. A. Evans eine ebenfalls nicht-binäre Person: Riv Ellinson beschreibt sich als queer und kulturell jüdisch.

Vor und während des Foto-Shootings unterhielten sich die beiden im wahrsten Sinne des Wortes „über Gott und die Welt“. Sie spazierten durch die Stadt, kauften sich an einem Kiosk etwas zu trinken und fotografierten an ganz unterschiedlichen Orten – von ruhigen, grünen Ecken mit Blumen bis hin zu den belebten Straßen rund um das Kottbusser Tor, einer der bekanntesten und vielfältigsten Plätze im Berliner Stadtteil Kreuzberg.

Junge Person mit roten Haaren sitzt auf einer Treppe

Riv Ellinson
©L. A. Evans, Beyond the Frame

Fotografie versteht Evans als gemeinsamen Prozess, der auf Kommunikation, Vertrauen und Offenheit gegenüber der Person vor der Kamera basiert. Eigene Bildideen von Fotograf*innen dienen dabei eher als Leitfaden und nicht als Checkliste. So entstehen Motive, die keine Klischees reproduzieren, sondern Menschen in ihrer Individualität zeigen – und ihnen Raum geben, sich so zu darzustellen, wie sie sich fühlen.

Jung, modern, muslimisch

Auch Djoumana Hussein nutzte die Möglichkeit, ihren Glauben in den Bildern so zu zeigen, wie sie ihn selbst versteht. Sie wollte ein anderes Bild vom Islam sichtbar machen, fernab von festgefahrenen Erwartungen.

Gemeinsam mit Fotografin Loredana Zafisambondaoky entschied sie sich für unterschiedliche Locations in der Stadt, in der Natur und im Alltag: Mal am Wasserfall im Viktoriapark, mal auf dem Tempelhofer Feld mit einem Fußball, mal zuhause in ihrem eigenen Zimmer. Für die junge Muslimin ist ihr Glaube vor allem etwas Spirituelles. Sie sieht darin nicht nur eine Religion, sondern eine Lebensweise, die ihr Orientierung gibt.

Die Fotografin fing in den Bildern diese Stimmung ein. Djoumana Hussein war ein bewusster Gegenentwurf zu gängigen Darstellungen wichtig.

Junge Frau im grauen Trainingsanzug balanciert einen Fußball

Djoumana Hussein
©Loredana Zafisambondaoky, Beyond the Frame

„Ich wollte vor allem friedlich und freundlich rüberkommen.“ Statt Bilder zu reproduzieren, die muslimische Menschen als radikal oder streng zeigen, entschied sie sich für eine andere Richtung – ruhig, träumerisch, mit einer spürbaren inneren Gelassenheit. Besonders die täglichen Gebete spielen für sie eine wichtige Rolle: Sie sind Momente der Ruhe, die ihr helfen, sich zu fokussieren und ihre Sorgen loszulassen.

Ein roter Faden zog sich dabei durch die Bilderserie: Der individuelle Stil der jungen Muslimin. Sie trägt ihren Hijab am liebsten mit Mustern und kombiniert ihn mit goldenen, oft auffälligen Ohrringen. Djoumana Hussein zeigt damit ihre Individualität – und macht gleichzeitig sichtbar, wie vielfältig Lebensrealitäten und Styles sind: Viele muslimische Frauen tragen ein Kopftuch, viele andere nicht. Manche schminken sich und tragen Schmuck, andere verzichten darauf. Was in den Medien oft einseitig erscheint, ist in der Realität voller Facetten.

Gegen diese Vereinfachungen richtet sich ihre Kritik. Klischees von Unterdrückung, Armut oder fehlender Bildung prägen noch immer viele Darstellungen muslimischer Frauen. „Wenn ich auf großen Nachrichtenseiten bin, sehe ich sofort Bilder aus Afghanistan“, sagt die 19-Jährige. „Dabei kann man das überhaupt nicht mit der Religion gleichsetzen.“ Häufig würden politische Systeme oder gesellschaftliche Zustände mit dem Islam vermischt – und so ein verzerrtes Bild erzeugt.

Das macht „Beyond the Frame“ besser

Was die Bilderserien aus dem Fotoprojekt von klassischen Medienbildern unterscheidet, zeigt sich nicht nur in der Auswahl der Motive, sondern vor allem in ihrer Wirkung.

Für Djoumana Hussein liegt der Unterschied in der Ästhetik: Während Nachrichtenbilder oft dunkel, distanziert oder wie zufällige Momentaufnahmen wirken, setzen die Arbeiten aus „Beyond the Frame“ auf eine bewusste Gestaltung. „Wenn man diese Bilder sieht, denkt man: Das ist schön. Und das verändert auch, wie man über Religion denkt.“ Auch L. A. Evans beschreibt einen zentralen Unterschied: die Nähe zu den porträtierten Menschen. Die Bilder wirken nicht wie austauschbare Symbolfotos, sondern zeigen konkrete Lebensrealitäten. Genau darin liegt ihr Potenzial für journalistische Kontexte. Szenen aus dem Alltag, Momente von Gemeinschaft oder Ruhe vermitteln Eindrücke von Zusammenhalt und Frieden – und damit ein völlig anderes Gefühl als die oft problemzentrierte Berichterstattung.

Die Fotos funktionieren, ohne Menschen auf Stereotype zu reduzieren. Es sind nicht nur andere Bilder, sondern andere Erzählweisen. Motive, die nicht distanzieren, sondern verbinden. Diese Bilder vereinfachen nicht, sondern machen Vielfalt sichtbar.

Tipps für Bildsprache rund um Glauben und Religion

  1. Alltag zeigen statt Ausnahmezustand
    Ob zuhause, bei der Arbeit oder beim Sport – Religion ist nicht nur Ritual, sondern gelebter Alltag.
  2. Neue Perspektiven suchen
    Es gibt nicht „das eine Bild“ von Glauben – sondern viele. Erzählen Sie Geschichten, die über das scheinbar Offensichtliche hinausgehen. Schauen Sie dort hin, was bisher wenig gezeigt wird. Machen Sie  Vielfalt im Glauben sichtbar.
  3. Nähe statt Symbolbilder
    Verzichten Sie auf austauschbare Motive zugunsten echter Lebensrealitäten. Menschen sollten selbst zeigen können, wie sie ihren Glauben leben.
  4. Bildauswahl hinterfragen
    Passt das Bild wirklich zum Inhalt – oder reproduziert es nur Erwartungen? Religion ist nicht gleich Kultur oder Nationalität.
  5. Ästhetik bewusst einsetzen
    Bilder transportieren Stimmungen. Dunkle, monotone Darstellungen verstärken negative Assoziationen – eine bewusste Gestaltung kann das ändern.

Es geht um mehr als um gute Bilder. Es geht um den Respekt für die Vielfalt im Glauben.

Glaube in Deutschland
Zahlen & Entwicklung

In Deutschland sind rund 47 Prozent der Menschen konfessionslos. Etwa 43 bis 44 Prozent gehören den beiden großen Kirchen an, katholisch und evangelisch. Der Islam ist mit rund 5,5 Millionen Menschen (ca. 6 bis 7 Prozent) die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Zum Judentum bekennen sich etwa 95.000 Menschen (ca. 0,1 Prozent). Weitere Religionen wie Buddhismus, Hinduismus oder kleinere Glaubensgemeinschaften machen zusammen rund 3 bis 4 Prozent der Bevölkerung aus.

Deutschland ist religiös vielfältig, gleichzeitig nimmt die Bedeutung der Kirchen seit Jahren ab. Während 1990 noch rund 70 Prozent der Bevölkerung einer Kirche angehörten, ist es heute weniger als die Hälfte. Besonders in Großstädten wird Vielfalt sichtbar: Beispielsweise in Berlin gibt es über 250 Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.

Quellen: Bundesministerium des Innern (BMI), Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid), Statistisches Bundesamt

Stereotype vermeiden

Muslimin auf dem Fahrrad

Kreative Bildersuche

Tipps für die Praxis

Portrait Sophia Schmoldt

© Warja Jones

Sophia Schmoldt

Gastautorin

Als Kind wollte sie Autorin werden, heute schreibt Sophia Schmoldt als Journalistin und Copywriterin für Magazine, Blogs und Social Media. Ihre Lieblingsthemen sind die Medienwelt, Nachhaltigkeit und Feminismus. Mit ihren Texten möchte sie anderen eine Stimme geben, über Ungerechtigkeit aufklären und inspirierende Geschichten erzählen.

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