Kürzlich haben wir darüber berichtet, dass etablierte Medien auf jungen Social-Media-Kanälen wie Instagram und Co. gendersensible Schreibweisen und Sprache benutzen und beispielsweise mit einer kleinen Pause sprechen. Jetzt wollten wir wissen, wie spricht die junge Zielgruppe eigentlich im Alltag? Wie wird an den Schulen in unserem Land geschrieben und gesprochen?

 

Wird das Gefühl für eine gendergerechte Sprache von morgen an Schulen vermittelt?

Hier lernen die Kinder und Jugendlichen, also die Erwachsenen von morgen, den Umgang mit Sprache. Eine Stippvisite in den deutschen Schulalltag führte uns vom Landkreis Ravensburg über Köln bis nach Greifswald. Wir haben mit Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen von verschiedensten Schulformen sowie mit Autor*innen für Schulbuchverlage gesprochen.

Wie sieht der sprachliche Alltag an Schulen aus? Wie werden die Schüler*innen angesprochen?

Aus den urbanen Gebieten und Großstädten haben uns die Berichte überrascht. Gendersensible Sprache ist dort an der Tagesordnung. „Wir haben Transmenschen in den Klassen, also sprechen wir auch selbstverständlich mit einer kleinen Pause. Wir wollen ja alle Kinder ansprechen.“, erzählt uns Fabian Steck¹, 32, Lehrer an einer Gesamtschule im Rheinland.

Schauen wir ins südliche Baden-Württemberg, genau genommen in den Landkreis Ravensburg, da sieht die Realität anders aus.

„Ich versuche immer wieder in der Beidnennung zu sprechen“, berichtet uns Thomas Meier¹, 29, Lehrer an einer Hauptschule im Kreis. Eine Sozialarbeiterin an einer anderen Schule erklärt uns, dass die Schulleitung nur die Beidnennung erlaubt. „Alles andere wird gestrichen. Der Schulleiter begründet es damit, dass er Germanist sei.“

Natürlich sind Lehrer*innen angehalten, sich an das amtliche Regelwerk für die deutsche Rechtschreibung zu halten und die allgemeingültige Rechtschreibung zu lehren. Das amtliche Regelwerk wird vom Rat für deutsche Rechtschreibung gehütet. In der Pressemitteilung vom 26.3.2021 heißt es zur Nutzung alternativer Schreibformen:

„Der Rat hat vor diesem Hintergrund die Aufnahme von Asterisk („Gender-Stern“), Unterstrich („Gender-Gap“), Doppelpunkt oder anderen verkürzten Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinnern in das Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung zu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen.“

Gendersensibilität in unserer Gesellschaft hat viele Facetten. So setzt sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Landesverband Baden-Württemberg (GEW-BW) aktuell für mehr Diversität in Unterrichtsinhalten ein. Untersuchungen des Landes Baden-Württemberg und des Ministerium für Integration und Soziales haben ergeben, dass im Land weniger Familien nach einem traditionellen Familienmodell leben.

Die GEW-BW hat eine Handreichung für den Unterricht veröffentlicht: „Lesbisch, schwul, trans, hetero … Lebensweisen als Thema für die Schule“ bietet Lehrer*innen Inhalte und Ideen, wie sie Kinder über alternative Familienformen und eine diversere Gesellschaft informieren können, sodass beispielweise Lesben und Schwule gedanklich nicht mehr ausgegrenzt werden.

In Greifswald gibt es dagegen keine klare Haltung zur gendersensiblen Sprache an der Schule: „Wir haben andere Probleme“, entgegnet uns Hannah Schreiber¹, 30-jährige Sozialarbeiterin an einer Gesamtschule.

Doch wo Genderzeichen gesprochen und geschrieben werden, haben wir uns gefragt – wer bestimmt darüber? Ist es pädagogische Freiheit oder sind Sternchen in der Klausur dann doch ein Rechtschreibfehler?

In der Allgemeinen Dienstverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen heißt es in Paragraf 4:

„Es gehört zum Beruf der Lehrer und Lehrerinnen, in eigener Verantwortung und pädagogischer Freiheit die Schüler und Schülerinnen zu erziehen, zu unterrichten, zu beraten und zu beurteilen.“

Also kann die lehrende Person selbst entscheiden, wie sie mit Genderzeichen umgeht?

„Ich akzeptiere alle Schreibweisen vom generischen Maskulinum bis zum Schreiben mit Sternchen oder Doppelpunkt. In der Regel weiß die Person, die zum Beispiel Gründer*innen schreibt, wie beide Formen, also das generische Maskulinum und das generische Femininum geschrieben werden. Also ist das für mich kein Rechtschreibfehler“, erläutert uns Sebastian Müller¹, Lehrer an einem Gymnasium im Ruhrgebiet.

Schauen wir genauer in das Kerncurriculum, das vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen herausgegeben wurde. Hier heißt es zur Unterrichtsgestaltung:

Durchgeführt werden soll

    • Migrationssensibler Unterricht
    • Sprachsensibler Unterricht
    • Gendersensibler Unterricht.

Des Weiteren finden Lehrer*innen und Mitarbeitende Online-Angebote zum Thema „Geschlechtersensible Bildung in der Schule“. Diese Angebote bieten Vorschläge und Ideen, wie Themenbereiche umgesetzt werden können. An manchen Schulen in NRW werden schuleigene Leitfäden zur gendersensiblen Sprechweise herausgegeben. In diesen wird direkt aus dem Landesgleichstellungsgesetz (LGG) von 1999 zitiert:

„Gesetze und andere Rechtsvorschriften sollen sprachlich der Gleichstellung von Frauen und Männern Rechnung tragen. Im dienstlichen Schriftverkehr ist auf die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern zu achten. In Vordrucken sind geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen zu verwenden. Sofern diese nicht gefunden werden können, sind die weibliche und die männliche Sprachform zu verwenden.“

Jetzt drängt sich die Frage auf – wie sieht es bei den Schulbuchverlagen aus? Dominieren dort immer noch das generische Maskulinum und die stereotype Darstellung von Geschlechterrollen, wie vor zehn Jahren?

Schnell kamen wir zur Erkenntnis: Die Schulbücher von heute sind besser. Sie werden diverser und oftmals wird in der Beidnennung geschrieben. Auch die Bildsprache spiegelt unsere Gesellschaft deutlich wirklichkeitsnäher wider. „In der Bildgestaltung werden die Rollen diverser besetzt, auch Mädchen mit Kopftuch sind ganz normal oder es werden eben nicht nur weiße Kinder dargestellt. Die Schulbücher müssen für Kinder die gesellschaftliche Realität abbilden, sonst sind sie nicht authentisch“, unterstreicht Fabian Steck, nicht nur Lehrer sondern auch Schulbuchautor.

Einige Schulbuchverlage wie zum Beispiel der Auer Verlag nutzen neben der Beidnennung den Genderstern, wie hier auf seiner Website:

 

Neben der sprachlichen Vielfalt in Bild und Text sind die Inhalte des Schulbuchs auschlaggebend für mehr Gendersensibilität in der Schule. Eine weitere Form des gendersensiblen Unterrichtens bezieht sich somit auf die zu vermittelnden Inhalte. So werde laut Sebastian Müller beispielsweise im Schulbuch für das Fach Geschichte versucht, diverser und ausführlicher auf Aspekte wie Frauengeschichte und Gleichberechtigung einzugehen und ein erweitertes Bewusstsein zu schaffen.

 

Fazit:

Im deutschen Schulalltag wird die Entwicklung der gendersensiblen Sprech- und Schreibweisen unterschiedlich angenommen und integriert. Fest steht, dass die Beidnennung fast überall genutzt wird. Die Sichtbarkeit von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft wird gefördert, sodass beispielsweise Berufsgruppen nicht mehr nur Männern oder Frauen zugeordnet werden können.

Es bleibt spannend, wie sich die deutsche Sprache und die Diskussion dazu weiter entwickeln. Ob die Schüler*innen die gendergerechte Schreib- und Sprechweise in ihre Ausbildungen und Studiengänge weitertragen, wissen wir nicht. Da können wir nur mutmaßen. Doch vielleicht bringen sie aus ihrer Schulzeit mehr Sensibilität für die Wirkung und die Macht von Sprache mit und schaffen so eine gendergerechtere Sprache, parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung und Gleichstellung aller Geschlechter.

 

¹ Die zitierten Personen wurden für diesen Artikel anonymisiert.

 

Mehr dazu

“Gendern in der Schule – Brauchen Schulen mehr Sprachsensibilität?”
Ein Blick nach Baden-Würtemberg von RND/dpa

“Wir beobachten einen Sprachwandel im Zeitraffer” – Das deutsche Schulportal

“Gendern an Schulen – Fortschritt oder Blödsinn?” – Video vom Logo! News:date-Team

Tipp: Mehr interessante Videos zum Gendern in unserer YouTube-Playliste

 

Anna E. Poth
Anna E. Poth

Referentin Genderleicht.de

Anna E. Poth diskutiert viel und gerne, um andere Leute zum Umdenken und Hinterfragen anzustoßen. Das gendergerechte Sprechen lässt sie auch als Theaterregisseurin noch sensibler auf ihr Gegenüber eingehen. Ihre journalistischen Projekte können zudem auf der Bühne wiedergefunden werden.

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