19 Jahre nach seiner Gründung ist nicht zu übersehen: Wikipedia hat aus feministischer Perspektive Leerstellen. In der Artikel-Welt sind Frauen-Biografien und Frauenthemen unterrepräsentiert. Und dann noch das Problem mit der Sprache. Die Wikipedia-Community will sich nicht vom generischen Maskulinum trennen. Ein veraltetes Sprach- und Geschlechtermodell treibt hartnäckig seine Blüten.

Im Juni 2019 war der Ruf nach einer geschlechtergerechten Sprache in der Wikipedia mal wieder durchgefallen. Eine Mehrheit in der aktiven Wikipedia-Community hatte in einem Online-Abstimmungsverfahren entschieden: Das generische Maskulinum bleibt. Artikel sprachlich diverser und somit geschlechtergerechter zu schreiben, fand keine Mehrheit unter denen, die mitdiskutiert hatten. Es war nur ein weiterer Mosaikstein in einer Diskussion, die die Autorin Theresa Hannig und andere zwei Monate zuvor bereits durch die Petition #wikifueralle auf change.org angezettelt hatten. Ausgrenzung von Menschen durch Sprache müsse passé sein, so das Ziel. Gerade für eine Wissensdatenbank wie Wikipedia sollte das gelten.

 

Ein emanzipatorisches Versprechen

Als die Online-Enzyklopädie im Februar 2001 online ging, hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, das gesamte Wissen der Welt abzubilden. Wikipedia ist ein emanzipatorisches Versprechen: Für jede und jeden kostenfrei, weltweit verfügbar. Ein partizipatives Projekt, demokratisch verfasst, das durch die vielen Freiwilligen getragen und weiterentwickelt wird. Doch am Anspruch muss es sich messen lassen. Inzwischen hat sich Wikipedia zu einem der wichtigsten Online-Nachschlagewerke entwickelt.

 

Feministische Leerstellen in Wikipedia

Mit dem wachsam-feministischen Blick gibt es keinen Grund zu Euphorie, denn in der Artikel-Welt sind Frauen-Biografien und Frauenthemen unterrepräsentiert. Ursache dafür sind die Relevanzkriterien, die für Biografien und Einträge gelten: Danach muss eine Person bekannt sein und über ihr Wirken müssen Referenzen, also Veröffentlichungen wie Zeitungsartikel, Beiträge und Bücher existieren. Denn Wikipedia greift auf Quellen zurück. „Die Kriterien, um in Wikipedia einen Artikel zu bekommen, sind für Frauen und Männer gleich“, sagt Sandra Becker, erfahrene und langjährige Wikipedia-Autorin. „Aber Frauen haben natürlich nicht die gleiche Geschichte. Frauen haben lange Zeit weniger Öffentlichkeit für ihre Projekte und ihr Wirken bekommen.“ Nicht nur historische Frauen haben es da erwiesenermaßen schwerer, als relevant zu gelten. Und hier sind noch viele Lücken zu schließen.

 

Wer oder was ist relevant?

Dass es Artikel über Greta Thunberg und Christine Lagarde, Angela Merkel und Megan Rapinoe gibt, ist in der heutigen Medienwelt erwartbar. Auch Stars und Sternchen, die mitunter schnell wieder verblassen, sind reichlich beschrieben. Doch es existieren unzählige Verweise und Listen mit Rotlinks, sogenannte Frauen in Rot, von Frauen aus der Historie, Feministinnen aller Couleur, Frauen aus Wissenschaft, Kunst und Sport. Und Rotlinks in Wikipedia signalisieren unübersehbar, dass hier noch kein Artikel existiert. Neben den Frauenbiografien fehlen aber auch zahlreiche Themen aus dem feministischen Diskurs, der feministischen Ökonomie oder der Diversitätsforschung.

 

Männerüberschuss mit Wirkung

Die Frage ist, wer sollte die Leerstellen schließen? Dies den Frauen zuzuschieben oder zu überlassen, ist wohl etwas billig. Jedoch ist es kein Geheimnis: Weibliche Wikipedia-Editoren sind in der Minderheit. Schätzungsweise 80 Prozent derjenigen, die regelmäßig in Wikipedia schreiben, sind männlich. Dass die Zahlen nicht exakter zu ermitteln sind, ist damit begründet, dass die schreibende Community größten Wert auf Anonymität legt und die Wikipedia-Benutzernamen nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können.

Dass es einen „Männerüberschuss mit Wirkung“ gibt, räumt auch die Wikimedia-Foundation ein. Und der Soziologe Andreas Kemper, selbst ein aktiver Wikipedianer, sagt: „Wenn hauptsächlich Männer die Wikipedia schreiben, dann wird die Welt vorrangig aus einer Männersicht dargestellt. Und Männer bekräftigen sich auch gegenseitig darin, dass ihre Sicht relevant und wichtig ist.“

 

Spiegelbild der realen Welt

Angesichts der Sichtweise und Überzahl von Männern bleiben Konflikte in der Community nicht aus. Gerade, wenn es um sprachliche Regeln geht, werden die Frauen regelmäßig überstimmt.

Neben dem generischen Maskulinum sind auch die Kategorien ein Zankapfel. Kategorien sind jene Schlagworte, die ganz am Ende eines jeden Wikipedia-Artikels zu finden sind und über die Biografien oder thematische Artikel durch Schlagwortsuche gefunden werden können. „Selbst wenn ich über eine Architektin schreibe und sie Architektin in dem Artikel nenne, wird sie in der Kategorie Architekt geführt“, beklagt sich Sandra Becker. „Geschlechtergerecht ist das nicht.“ Und mitunter auch absurd. Dann wird eben aus einer jordanischen Prinzessin, die sich in ihrem Land für Bildungs- und Wissenschaftsthemen stark engagiert, in den Kategorien ein Prinz und Manager. Oder aus einer Feministin wird ein Frauenrechtler.

 

Potenzial Schwarmintelligenz

„Ich nehme wahr, dass es für Frauen auf jeden Fall schwerer ist, ihre Themen und Ansprüche in der Community durchzusetzen“, sagt Sandra Becker. „Mobbing ist vielleicht zu weit gegriffen, aber die Kommunikation ist in Teilen schon sehr rauh.“ Respektlos, nicht wertschätzend, angreifend, obwohl die Regeln das Gegenteil festlegen.
Und dennoch ist sie überzeugt, dass Wikipedia einen wichtigen emanzipatorischen Beitrag leistet, mithilfe der Schwarmintelligenz das Wissen der Welt für alle zugänglich zu machen. „Es ist wirklich ein großes Potenzial, was in diesem Projekt steckt, vorausgesetzt, dass wir alle unsere Stereotype hinter uns lassen und mehr Vielfalt ermöglichen.“

Und dieses Feld dürfen Frauen nicht den Männern allein überlassen.

 

Mehr Frauen in die Wikipedia

WomenEdit: Monatliche Treffen für Frauen, die sich für eine Mitarbeit an Wikipedia interessen:
„Erfahre bei unserer Veranstaltung, wie die Wikipedia funktioniert, lerne wie du selbst mitschreiben kannst und finde heraus, welche Artikel zu deiner Stadt oder deinen Lieblingsthemen noch fehlen.“
Mehr Infos dazu bei: IvaBerlin@wikipedia.de

Ina Krauß
Ina Krauß

GASTAUTORIN

Nach einem Designstudium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und Jobs als Industriedesignerin wechselte sie 1991 zur Zeitung, um über Kunst, Mode und Gesellschaft zu schreiben. Später kamen noch Hörfunk und Fernsehen dazu. Im Abspann steht sie unter Recherchen. Manchmal findet sie die Stecknadel im Heuhaufen. Ina Krauß arbeitet als freie Journalistin.

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