Gabriele Diewald ist eine Koryphäe in Sachen geschlechtergerechte Sprache. Im Oktober 2017 brachte der Dudenverlag ihren Leitfaden „Richtig gendern“ heraus. Er war sofort vergriffen und alle kannten nun auch den Namen jener Professorin für Germanistische Linguistik an der Leibniz Universität Hannover, die sich fachkundig für das Gendern einsetzt. Mit der sprachdefinitorischen Kompetenz der Dudenredaktion haben wir seither im deutschsprachigen Raum eine starke Leitlinie – auf dem schwankenden Grund des Sprachwandels.

Allein mit grammatischen Regeln gibt sich Gabriele Diewald allerdings nicht zufrieden. Vielmehr vertieft sie die Thematik mit dem interdisziplinären Studienprojekt „Geschlechtergerechte Sprache in Theorie und Praxis“. Seit 2016 werden unter ihrer Leitung die Möglichkeiten der sprachlichen Geschlechtergerechtigkeit aus linguistischer, phoniatrisch-psycholinguistischer und juristischer Perspektive untersucht – im Zusammenwirken der Germanistischen Linguistik mit der Juristischen Fakultät der Leibniz Universität wie auch mit der Medizinischen Fachhochschule Hannover.

Bei einer Tagung in Hannover im Oktober 2019 wurden Ergebnisse dieser Arbeiten vorgestellt. Am Rande der Veranstaltung gab es Gelegenheit zur Klärung wichtiger Fragen, die im Projekt Genderleicht aufgekommen sind.

 

Frau Diewald, die einen wollen ein Sternchen, die anderen ein Binnen-I. Wir haben mehr als 20 Varianten für Gender-Wortzusätze gefunden. Ein ziemlicher Wildwuchs! Wie schätzen Sie es als Linguistin ein: wann haben wir eine allgemeingültige Lösung gefunden?

Diese Vielfalt ist symptomatisch für Sprachwandelprozesse. Wenn erstmal eine Veränderung angestoßen ist, entfaltet sich zunächst Varianz. Und dann gibt es einen Prozess der Ausdifferenzierung, bei dem bestimmte Formen aussortiert werden, während andere Variationen für unterschiedliche Zwecke zum Zuge kommen. Wie schnell das geht, lässt sich kaum prognostizieren. Ich vermute, es wird in diesem Fall sehr schnell gehen, weil das Thema vielen sehr bewusst ist.

Die meisten Sprachwandelprozesse verlaufen dagegen unbewusst. Durch die Summe der unterschiedlichen Intentionen der Sprechgemeinschaft verschieben sich Sprachgewohnheiten einfach, ohne dass dies gesteuert wird. Bei der geschlechtergerechten Sprache gibt es dagegen deutliche Ziele und Absichten, auch wenn sie unterschiedlich sind. Das hat zur Folge, dass der Sprachwandel intensiver und schneller gehen wird. Vielleicht wissen wir schon in zwanzig oder dreißig Jahren, wie es sein wird.

 

So lange dauert das noch? Momentan beschäftigt das Gendern viele Leute. Auch in vielen Redaktionen sind Diskussionen im Gange.

Ich glaube nicht, dass dieser Sprachwandel schon quer durch alle Bevölkerungsschichten geht. Bis Gendern zur Alltagssprache gehört, dauert es lange. Das sehen Sie an den Prozessen, die in den 70ern, frühen 80ern angestoßen wurden: Viele haben diese Sprachkritik gar nicht gekannt. Die Doppelformen oder Klammerformen wurden einfach nicht zur Kenntnis genommen. Sie haben sich nicht großflächig durchgesetzt. Erst jetzt, durch die aktuellen Forderungen, gibt es neue und machtvolle Impulse. Das finde ich sehr positiv.

 

Als Linguistin sind Sie eher streng auf die Einhaltung von Regeln bedacht. Was halten Sie davon, dass viele Leute bei der Suche nach passenden Formulierungen mit Sprache herumspielen?

Spiel ist gut, das lässt sich auch nicht unterbinden, wozu auch? Die Frage ist, welche Empfehlungen man schreibt – in Ratgebertexten aller Art. Es ist gut, behutsam zu sein und sich nicht zu weit von dem zu entfernen, was im Sprachsystem möglich und üblich ist. Im Sprachwandelprozess verschiebt sich die Norm. Aber sie verschiebt sich nicht schnell. Bei zu großen Sprüngen in den Regeln führt das zu heftigen Abwehrreaktionen, weil sich die Leute belästigt und überfordert fühlen, vielleicht sogar bevormundet. Aber es muss ja niemand so sprechen und schreiben. Niemand kann den Menschen im Alltag empfehlen, ob sie gendern oder nicht. Interessant ist allerdings: die Leute richten sich danach. Viele wollen eine Normierung haben.

 

Ist es deshalb klug vom Rat für deutsche Rechtsschreibung, dass er die weitere Entwicklung des Gendersternchen abwarten will? 2018 hatte er immerhin die Sternchendiskussion auf der Tagesordnung.

Ich habe damals auch gedacht – Warum entscheiden die jetzt nicht? Aber die Zurückhaltung war wahrscheinlich die bessere Option. In ihren Dokumenten haben sie erklärt, dass natürlich die Prinzipien der Orthographie des Deutschen die Grundlage von Empfehlungen darstellen, dass man aber außerdem den Gebrauch beobachten und berücksichtigen will. Es ist klug, diese Faktoren miteinander zu verrechnen, um dann Empfehlungen darauf zu basieren. Diese haben schließlich weitreichende Folgen. Viele Institutionen und vor allem die Schulen müssen sich an die Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung anpassen. Das trifft dann sehr viele Menschen und muss schon allein deshalb gut überlegt sein.

Ich wage keine Prophezeiung, wie sich der Rechtschreibrat zu diesen Fragen des Sprachwandels verhalten wird. Es spielen da vielerlei Interessen eine Rolle, aber sie müssen einen Kompromiss finden, wie auch immer. Im Moment sieht es so aus, dass das Sternchen in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen sehr dominant ist. Das könnte auch wieder zu Gunsten anderer Formen kippen, zum Beispiel zurück zum Binnen-I. Dann nämlich, wenn allen klar wird, dass es mit dem Sternchen schwierig ist, zum Beispiel in Kombination mit Adjektiven.

 

Im Textlabor versuchen wir Lösungen für genau diese kniffeligen Fragen zu finden. Dabei haben wir gemerkt: Wer mit dem Gendersternchen grammatisch richtig schreiben will, gerät beim Singular ins Schleudern.

Ja so ist es. Wenn Sie eine Nominalphrase haben und Sie wollen nicht nur den Kopf, also das Nomen, mit dem Sternchen versehen, sondern auch alle Artikel und Attribute, dann wird es sperrig und Sie wissen nicht mehr, in welcher Reihenfolge sie das alles machen sollen. Und: Sie verletzen damit grundlegende Prinzipien, die sich im Lauf der deutschen Sprachgeschichte entwickelt haben. Zum Beispiel, dass bestimmte Dinge nur einmal in der Phrase ausgedrückt werden oder nur in der Kombination der Formen miteinander sichtbar werden, wie z.B. beim Plural von Feminina: die Tasche, die Taschen. Kasusmarkierungen wiederum erkennt man oft nicht am Substantiv, sondern an der Verbindung mit dem Artikel und dem Adjektiv, z.B. die schwarze Tasche, der schwarzen Tasche. Vielleicht leuchtet aus diesem Grund die Gendersternchen-Lösung den Sprechenden nicht ein. Wir sind es einfach anders gewöhnt.

 

Vehemente Kritik an geschlechtergerechter Sprache kommt häufig von emeritierten oder jedenfalls schon älteren Linguisten. Schauen die nur zurück, während jüngere nach vorne schauen?

Mir fällt auch auf, dass diese Kritik von Professoren kommt, die schon lange entpflichtet sind. Ihre Haltung zur Sprache und zu den Sprachnormen stammt aus einer anderen Zeit, vor allem ihre Ansichten zu den Geschlechterrollen. Heutzutage gibt es in der Germanistik wie auch in den anderen Philologien, sehr viel Forschung, auch empirische Forschung zu diesem Thema. Diese Menschen sind sehr produktiv, wie sie das bei unserer Tagung hier in Hannover sehen konnten. Als Thema wird es nicht in Frage gestellt. Wer sich dafür interessiert, arbeitet dazu. Die anderen eben nicht.

Allerdings, noch vor drei Jahren wurde mir gesagt, eine bestallte Professorin befasse sich nicht „mit sowas“. Das Thema wurde als „nicht wissenschaftlich“ abgewertet. Die Angriffe haben mich überrascht, auch, dass so persönliche Ansichten in die Wissenschaft hineinspielen. Heute hat sich die Haltung in der Linguistik komplett gewandelt.

 

In Ihrem Duden-Ratgeber „Richtig gendern“ ist vom Gendersternchen noch keine Rede. Doch inzwischen wird es von vielen, unter anderem auch der Stadt Hannover anerkannt. Planen Sie eine Neuauflage des Ratgebers?

Das ist ein ganz heikles Thema. Gendersternchen, Gender-Gap und Binnen-I sind nach wie vor nicht vom Rechtschreibrat als orthographische Formen des Deutschen legitimiert. Der Duden muss sich daran halten. Deshalb musste unser Ratgeber auf dessen Regeln aufgebaut sein. Anja Steinhauer und ich, wir wollten aber auch über sprachliche Alternativen schreiben, die zum Teil sehr nützlich sind und die viele gut finden. Wir haben uns im Ratgeber teilweise sehr gewunden. So sagen wir oft, das mit den Wortzusätzen kann man schon mal überlegen, aber zugleich mussten wir darauf hinweisen: bitte bedenkt, so etwas könnt Ihr nur bei Texten machen, die nicht der Norm folgen müssen. Schulbücher beispielsweise sind davon ausgeschlossen.

Bevor der Rechtschreibrat allerdings irgendetwas freigibt, bräuchten wir Stellungnahmen von relevanten Gruppen – wer auch immer das sein mag – zur Frage, was das Gendersternchen im Gegensatz zum Binnen-I nun tatsächlich bedeutet und was nicht. Und welche Ergebnisse die empirische Forschung dazu aufzeigt. Die Anerkennung von Gendersternchen und Co. wird so schnell nicht passieren. Wenn es aber mal soweit ist, können wir in einem Ratgeber des Duden die Frage diskutieren: Wird die Sprache in Sachen Geschlechtergerechtigkeit auf diese Weise klarer und deutlicher, oder ist es besser andere, weniger offensive Formen zu wählen, ohne die Eindeutigkeit zu verlieren?

 

Frau Diewald, ich danke für das Gespräch.

 

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Sprachleitfäden unter der Lupe – Christine Ivanov, Doktorandin bei Prof. Diewald, hat 80 Hochschul-Leitfäden zum Gendern eingehend untersucht.

 

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Im Textlabor diskutieren wir kniffelige Gender-Sprachprobleme.

Auf der Seite Wissen empfehlen wir Studien, Artikel, Bücher und viele weitere Quellen zur vertieften Beschäftigung mit dem Genderthema.

Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin ganz selbstverständlich mit dem Gender-Gap sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine gute und elegante Lösung findet sich immer.

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