Aktualisiert im Juni 2021

Das Thema „geschlechtergerechte Sprache“ hat den akademischen Elfenbeinturm verlassen und ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Radio und Fernsehen berichten über das Für und Wider, in Printmedien gibt es flammende Diskussionen und in den sozialen Netzwerken sowieso. Was Gendern bedeutet, dürften inzwischen die meisten wissen. Die Stadt Hannover führte Anfang des Jahres 2019 gendergerechte Sprache ein – viele Städte folgten.

An der Universität Leipzig gilt seit 2013 das generische Femininum für Personenbezeichnungen. Die Zahl gegenderter Abschlussarbeiten an den Hochschulen im deutschsprachigen Raum steigt. Öffentlichkeitswirksam wurde die gescheiterte BGH-Klage der Frauenrechtlerin Marlies Krämer diskutiert, die 2017 ihre Sparkasse dazu bringen wollte, auf Formularen auch oder ausschließlich die weibliche Form zu verwenden. Mittlerweile finden Genderstern, -Doppelpunkt oder -Gap sowohl bei Kinderbüchern als auch bei Büchern für Erwachsene durchaus mal Anwendung.

 

Jetzt geht’s ums Wie

Während in zahlreichen Medienberichten immer noch Debatten geführt werden, ob „Gendern – Nützlich oder nervig?“ ist, haben hinter den Kulissen viele Redaktionen längst eigene Lösungen für sich gefunden und orientieren sich an Sprachleitfäden, die sie selbst erarbeitet haben, oder an den Schreibtipps von Genderleicht.

 

Das generische Maskulinum in Frage stellen

Die Diskussion um eine Sprache, die Frauen sichtbar macht, läuft schon seit Jahrzehnten: In der Linguistik führt das Thema seit mehr als 30 Jahren zu heftigen Debatten. Doch nie war es in der Mitte der Gesellschaft so präsent wie jetzt. Denn die Argumente dafür scheinen immer mehr Menschen zu einem Umdenken zu bewegen. In einem Fachaufsatz für die „Frontiers in Psychology“ aus dem Jahr 2016 fasst die Berner Professorin Sabine Sczesny gemeinsam mit anderen Autorinnen den aktuellen Forschungsstand zusammen.

Zentrales Ergebnis verschiedenster Studien: Geschlechtergerechte Sprache reduziert Stereotype und Diskriminierung. Auch die Befürchtung, Lesefluss und Verständlichkeit könnten leiden, lässt die Professorin für Sozialpsychologie nicht gelten: „Empirische Untersuchungen haben dieses Argument widerlegt und zeigen, dass Textqualität und kognitive Verarbeitung nicht beeinträchtigt werden.“ Doch woher kommen dann all die Widerstände?

Die Schweizer Professorin vermutet, dass geschlechtergerechte Sprache für Männer einen unwillkommenen Verlust ihrer privilegierten Position in der Sprache bedeutet: Das Wort „Studenten“ war auch deshalb lange Zeit normal für alle, die studieren, weil Frauen der Zugang zu Universitäten bis Anfang des 20. Jahrhunderts verwehrt wurde. Und wenn wir heute ganz selbstverständlich von „Bürger“ in der männlichen Form sprechen, dann auch deshalb, weil es lange keine „Bürgerinnen“ gab. Weder in den griechischen Demokratien der Antike, noch in der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ aus dem Anfangsjahr der französischen Revolution 1789, waren Frauen bei dem Begriff „Bürger“ „mitgemeint“. Die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges, die 1791 „die Rechte der Frau und Bürgerin“ forderte, starb nach langer Haft auf dem Schafott. Frauen galten weiterhin über Jahrhunderte als nicht mündig und wurden von politischer Teilhabe ausgeschlossen.

 

Als ob Frauen nicht existent wären

Und selbst als sich das änderte, Frauen in Deutschland längst wählen durften, blieb es beim generischen Maskulinum: Wähler, Bürger, Kunde. Als ob Frauen nicht existent wären. Marlies Krämer hat dagegen aufbegehrt. Vielleicht mit diesem besonderen Nachdruck, weil ihrer Generation von Frauen der Umgang mit Geld nicht zugetraut wurde: So erlebte Marlies Krämer selbst noch Zeiten, in denen es tatsächlich nur Kontoinhaber auf dem Gebiet der alten Bundesländer gab und keine Kontoinhaberinnen. Erst seit 1962 durften Frauen in der damaligen Bundesrepublik ein Bankkonto ohne die Zustimmung ihres Ehemanns eröffnen. Es sind nur wenige Beispiele für Regelungen, die so lange Realität waren, dass sie sprachlich bis heute unhinterfragt verwendet werden – auch wenn sich die Realität verändert hat. Inzwischen haben immer mehr Menschen ein ernsthaftes Bedürfnis, die Sprache der Wirklichkeit anzupassen.

 

Gendern – der Genauigkeit halber

Die Stimmen von Frauen, die sich mit der männlichen Ansprache nicht wohl fühlen, werden lauter: „Ich fand es schon immer komisch, wenn ich mich auf einem Formular als ‚Schüler‘ eintragen sollte“, sagt die Leipziger Moderatorin und Slam Poetin Nhi Le. Vor einiger Zeit ging ihr Video für das Funkformat „Jäger & Sammler“ viral, in dem sie sich humorvoll, aber kritisch mit dem von Mädchenzeitschriften vermittelten Rollenbild auseinandersetzt. Ihrer Ansicht nach gehört geschlechtergerechte Sprache zur journalistischen Sorgfaltspflicht: „Da ist in den Medien noch viel Luft nach oben“, sagt sie und ergänzt: „Schon der Genauigkeit halber sollte gegendert werden, wenn nicht nur über Männer berichtet wird“. Auch sie selbst bemüht sich, in Texten, Videos und auch sonst im Alltag zu gendern, und das klappt erstaunlich gut, sagt die Mittzwanzigerin: „Ich habe es mir einfach angewöhnt“. Und dass auch andere das können und geschlechtergerechte Sprache auch im Journalismus funktionieren kann, zeigen bereits einige Medien – ganz einfach, indem sie angefangen haben, auf ihre Art zu gendern.

Weiterlesen

Sabine Sczeszny: Vom Nutzen geschlechtergerechter Sprache

Tipps für Medienschaffende

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Gendern im Radio: Zehn Praxis-Tipps
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Katalin Vales
Katalin Vales

Referentin Genderleicht.de

Sie kennt Print- und Hörfunkredaktionen von innen und stand dem Gendern anfangs skeptisch gegenüber. Doch die vielen Argumente dafür haben die freie Journalistin überzeugt. Inzwischen formuliert Katalin Valeŝ gendersensibel und hat festgestellt: es geht sehr gut und macht Spaß.

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