Die Stadt Hannover führte Anfang des Jahres gendergerechte Sprache ein, an der Universität Leipzig gilt seit 2013 das generische Femininum für Personenbezeichnungen und die ersten Kinderbücher erscheinen mittlerweile mit Gender-Gap. Die Zahl gegenderter Abschlussarbeiten an den Hochschulen im deutschsprachigen Raum steigt und die Frauenrechtlerin Marlies Krämer hat beim Bundesverfassungsgericht im Mai vergangenen Jahres Beschwerde eingereicht, nachdem der Bundesgerichtshof in letzter Instanz ihre Klage abgewiesen hatte, mit der sie ihre Sparkasse dazu bringen wollte, künftig auf Formularen auch oder ausschließlich die weibliche Form zu verwenden.

Inzwischen diskutieren immer mehr Medien weniger über das „Ob?“ als über das „Wie?“ von gendergerechter Sprache für die eigenen Beiträge. Doch immer, wenn bisher versucht wurde, am generischen Maskulinum als Verallgemeinerung für alle Geschlechter zu rütteln, ging es in den Zeitungen und ihren Kommentarspalten sowie in den sozialen Netzwerken hoch her. Während gendergerechte Sprache für die einen ein emotionsgeladenes Aufreger-Thema ist, halten sie andere für einen längst überfällig gewordenen Kulturwandel.

 

Das generische Maskulinums in Frage stellen

In der Linguistik führt die Frage nach Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache seit mehr als 30 Jahren zu heftigen Debatten. In einem Fachaufsatz für die „Frontiers in Psychology“ aus dem Jahr 2016 fasst die Berner Professorin Sabine Sczesny gemeinsam mit anderen Autorinnen den aktuellen Forschungsstand zusammen. Zentrales Ergebnis verschiedenster Studien: Geschlechtergerechte Sprache reduziert Stereotype und Diskriminierung. Auch die Befürchtung, Lesefluss und Verständlichkeit könnten leiden, lässt die Professorin für Sozialpsychologie nicht gelten: „Empirische Untersuchungen haben dieses Argument widerlegt und zeigen, dass Textqualität und kognitive Verarbeitung nicht beeinträchtigt werden.“ Doch woher kommen dann all die Widerstände?

Die Schweizer Professorin vermutet, dass geschlechtergerechte Sprache für Männer einen unwillkommenen Verlust ihrer privilegierten Position in der Sprache bedeutet: Das Wort „Studenten“ war auch deshalb normal für alle, die studieren, weil Frauen der Zugang zu Universitäten bis Anfang des 20. Jahrhunderts verwehrt wurde. Und wenn wir heute ganz selbstverständlich von „Bürger“ in der männlichen Form sprechen, dann auch deshalb, weil es tatsächlich lange keine „Bürgerinnen“ gab. Weder in den griechischen Demokratien der Antike, noch in der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ aus dem Anfangsjahr der französischen Revolution 1789, waren Frauen bei dem Begriff „Bürger“ auch „mitgemeint“. Die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges, die 1791 „die Rechte der Frau und Bürgerin“ forderte, starb nach langer Haft auf dem Schafott. Frauen galten weiterhin über Jahrhunderte als nicht mündig und wurden von politischer Teilhabe ausgeschlossen.

 

Als ob Frauen nicht existent wären

Und selbst als sich das änderte, Frauen in Deutschland schon längst wählen durften, blieb es beim generischen Maskulinum: Wähler, Bürger, Kunde. Als ob Frauen nicht existent wären. Marlies Krämer hat dagegen aufbegehrt. Vielleicht mit diesem besonderen Nachdruck, weil ihrer Generation von Frauen der Umgang mit Geld nicht zugetraut wurde: So erlebte Marlies Krämer selbst noch Zeiten, in denen es nur Kontoinhaber auf dem Gebiet der alten Bundesländer gab. Erst seit 1962 durften Frauen in der damaligen Bundesrepublik ein Konto ohne die Zustimmung ihres Ehemanns eröffnen. Es sind nur wenige Beispiele für Regelungen, die so lange Realität waren, dass sie sprachlich bis heute unhinterfragt verwendet werden – auch wenn sich die Realität verändert hat. Kein Grund, dass es immer so weiter geht.

 

Gendern – der Genauigkeit halber

Die Stimmen von Frauen, die sich nicht wohl fühlen mit der männlichen Ansprache werden lauter: „Ich fand es schon immer komisch, wenn ich mich auf einem Formular als ‚Schüler‘ eintragen sollte“, sagt die Leipziger Moderatorin und Slam Poetin Nhi Le. Vor einiger Zeit ging ihr Video für das Funkformat „Jäger & Sammler“ viral, in dem sie sich humorvoll, aber kritisch mit dem von Mädchenzeitschriften vermittelten Rollenbild auseinandersetzt. Ihrer Ansicht nach gehört geschlechtergerechte Sprache zur journalistischen Sorgfaltspflicht: „Da ist in den Medien noch viel Luft nach oben“, sagt sie und ergänzt: „Schon der Genauigkeit halber sollte gegendert werden, wenn nicht nur über Männer berichtet wird“. Auch sie selbst bemüht sich, in Texten, Videos und auch sonst im Alltag zu gendern, und das klappt erstaunlich gut, sagt die Mittzwanzigerin: „Ich habe es mir einfach angewöhnt“. Und dass auch andere das können und geschlechtergerechte Sprache auch im Journalismus funktionieren kann, zeigen bereits einige Medien – ganz einfach, indem sie angefangen haben, auf Ihre Art zu gendern.

 

Tipps für Medienschaffende

Neutral texten geht auch

Katalin Valeš
Katalin Valeš

Referentin Genderleicht.de

Kennt Print- und Hörfunkredaktionen von innen und stand anfangs dem Gendern skeptisch gegenüber. Doch die vielen Argumente dafür, haben die freie Journalistin überzeugt. Inzwischen formuliert sie selbst gendersensibel und hat festgestellt: es geht und macht sogar Spaß.

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Auf Genderleicht.de finden Sie nützliche Tipps & Tools, wie Sie diskriminierungsfrei schreiben und sprechen, sowie Argumente und Fakten für die gendersensible Medienarbeit.

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