Eine Innenansicht

Als freie Lektorin, die sich vor allem mit Sachtexten auseinandersetzt, beschäftigt mich das Thema Gendern bei weitem nicht ständig, aber doch immer wieder.

 

Was macht eine Lektorin?

Meine Aufträge sind vielfältig, mal ist es eine Korrektur, da geht es dann um umgesetzte Layoutrichtlinien, Zeichensetzung, Trennungsfehler sowie die letzten Vertipper und Rechtschreibfehler. Mal ist es ein Lektorat, bei dem Stil und Ausdruck im Fokus stehen, Inhalte überprüft oder der gesamte Textaufbau infrage gestellt und ggfs. umgestellt werden muss.

Die Landschaft des freien Lektorats ist vielgestaltig. Es gibt eine nahezu unendliche Anzahl an Spezialisierungen, etwa auf ein bestimmtes Genre, Registererstellung, Übersetzungslektorat, Schreibcoaching, Schulbuch etc.pp. Mit all diesen Spezialgebieten geht auch jeweils die spezielle Perspektive auf das Thema einher.

 

Gendern oder nicht – eine Frage des Auftrags

Ob und wie Texte mit geschlechtergerechten Formulierungen bearbeitet werden, hängt zunächst einmal von der Textsorte und dann von der Art des Auftrags ab.

Korrigiere ich beispielsweise eine Studienarbeit zum Thema Stahlbeton, steht u. U. nichts Genderbares darin und gehörte auch nicht zum Auftragsumfang. Nichtsdestotrotz kommt es gerade bei Arbeiten aus dem universitären Bereich häufiger vor, dass ich nachhake, wie es das entsprechende Institut mit dem Gendern hält. Die Kolleginnen und Kollegen, die ich dazu befragt habe, behandeln das Thema ähnlich.

Britta Fietzke, Lektorat Sach|Verstand, Frankfurt, die ebenfalls vorrangig Sach- und Fachtexte bearbeitet, schrieb mir dazu:

„Ich weise meine AutorInnen darauf hin. Allerdings sehen das die meisten dann doch nicht ein.“

Eine Erfahrung, die wir beide gemeinsam haben. Ich erinnere mich nur an einen einzigen Fall, in dem ich direkt im Vorfeld darauf angesprochen wurde, wie gegendert werden könnte.

Der Fußnotenvermerk zum Mitgemeint-Sein wird noch immer gerne genutzt. Das zu kritisieren fruchtet selten. Meistens müssten dann die Texte komplett umformuliert werden, aber dafür fehlt dann die Zeit. Oder der Verlag mag es nicht anders haben.

Wenn aber ein Text vorliegt, der sich um geschlechtergerechte Formulierungen einer bestimmten Variante bemüht, gehört es im Normalfall zu den Lektoratsaufgaben, auf die einheitliche Umsetzung zu achten. Das kennt auch Kollege Stefan Taubner:

„Bei einer Publikation … habe ich einfach den Vorgaben entsprechend darauf geachtet, dass das Gendern einheitlich erfolgte. So auch in ein paar gegenderten Haus- und Abschlussarbeiten, … wenn nicht konsequent gegendert wurde, aber der Wille zu einer bestimmten Form des Genderns klar erkennbar war, und es trotzdem ein paar Stellen gab, an denen versehentlich das generische Maskulinum gebraucht wurde.“

Muss allerdings der komplette Text in eine gegenderte Version umgeschrieben werden, stellt das schon aufgrund des Arbeitsumfangs eine separate Leistung dar.

Außerhalb des universitären Bereichs, z.B. bei kommerziellen Werbetexten oder Informationsbroschüren, hatte ich bislang noch keine Aufträge oder Anfragen, die Gendern beinhalteten. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich mich einmal dezidiert gestritten hätte, welche Variante nun zu bevorzugen wäre. Bei direkter Nachfrage referiere ich einzelne Argumente und überlasse die Entscheidung dem, der oder den Auftraggeber:innen.

 

Die Verlage: Von „Gendern erwünscht“ bis „Gendern geht gar nicht“

Den Sach- und Fachbuchbereich erlebe ich bei diesem Thema sehr abwechslungsreich. Die Verlagsgruppe Beltz etwa gendert in Ihren Werbematerialien mit Sternchen, auf ihrer Website gibt es den Reiter „Autor_innen“ oder den Link zu „Tipps für PsychotherapeutInnen“, in ihren Büchern jedoch ist keine Form des typografischen Genderns zu finden.

In den Satz- und Formatierungsvorgaben des Unrast Verlags steht dagegen folgende Anweisung:

„Personengruppen inklusive weiblicher und anderer Geschlechtsidentitäten benennen und zwar durchgängig und mit Sternchen: Bürger*innen, Autor*innen, Verleger*innen usw.“

Die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig lehnt Gendern u. a. aus grammatischen und ästhetischen Gründen ab. Als Wissenschaftsverlag zähle hier zuerst die Präzision, entsprechend klingen die Publikationsrichtlinien:

„Unzulässig, da sinnentstellend, ist auch die Verwendung ausschließlich weiblicher Formen. Die ausgeschriebenen Formen sind zulässig, aber oft sehr ermüdend. … Eine Fußnote folgender Art kann bei Bedarf zu Beginn Ihres Buches den Sachverhalt ein für allemal klären: »Die sog. inklusive Schreibweise (z.B. Schüler und Schülerinnen) wird nur da verwendet, wo es wirklich um Individuen in ihrer Geschlechterdifferenz geht, nicht um den Typus, der im Deutschen zumeist durch die maskuline Form bezeichnet wird. Da »Christ« theologisch den Menschen des neuen Lebens bezeichnet und »Mensch« im Deutschen als Integralbezeichnung für Männer und Frauen verwendet wird, gibt es »Christinnen« so wenig, wie es »Menschinnen« gibt.“

Wie diese Beispiele zeigen, gibt es keinen Standard.

Ob im freien Lektorat gegendert wird, ist am Ende vor allem eine Frage des Auftrags und wird schlicht als mögliche Dienstleistung betrachtet. Ein pragmatischer Ansatz, der sich meines Wissens durchgesetzt hat.

 

„Türme im Wortinneren“ und andere  Gegenargumente

In Gesprächen in kollegialer Runde wälzen wir diverse Einwände: dass beständige Beidnennungen den Textfluss zerstören, den Leserhythmus behindern und die Verständlichkeit einschränken. Und erst die verschiedenen typografischen Varianten des Genderns! Von Unter- und Schrägstrichen in auseinandergerissenen Wörtern, Asterisken, die das Flektieren stören, wie Türme im Wortinneren aufragende Binnen-I.

Nicht nur sprachwissenschaftlich sind gerade diese Formen des Genderns auch höchst fehleranfällig. Im Plural „Sagten die Expert*innen“ erscheint ein Sternchen harmlos, aber wie funktioniert der Unterstrich in Sätzen wie „Dieser Raumanzug ist für den_die Xenoanthropologen_in vorgesehen“?

Und dann gibt es auch noch die ‚welthaltigen‘ Argumente: Was nützt ein gegenderter Text, wenn die Lektorin daran immer noch ca. 20 Prozent weniger verdient als der Lektor? Wieso müssen wir überhaupt ständig und überall alle sexualisieren und jeder Person ein Geschlecht verpassen? Oder umgekehrt: Wenn wir genderneutral formulieren: „So lautete der Auftrag“ anstatt „Das will der Auftraggeber“, eliminieren wir dann nicht die handelnde Person?

Nicht zuletzt brauche ich Informationen über das Geschlecht der Personen und den Textkontext, um korrekt gendern zu können. Das bedeutet Recherche = Zeit = Kosten.

Was nicht, bzw. nicht mehr in meinem Umfeld diskutiert wird, ist die Berechtigung von geschlechtergerechter Sprache. Führt sie doch auch zu präziseren Formulierungen und einem bewussteren Schreiben. Statt sich bei Verallgemeinerungen mit den verschiedenen Gerndervarianten beschäftigen zu müssen, hilft vielfach schon konkret zu werden. Dazu muss ich mir vor Augen führen, wovon genau ich schreibe. Geht es wirklich um Personengruppen? Erliege ich der Versuchung durch die Hintertür einer allgemeinen Einschätzung meine Privatmeinung einzuschleusen? Diese erhöhte Aufmerksamkeit und Präzision ist gerade im Sachbuchbereich ein Zugewinn.

 

Gendern als zeitgemäßer Umgang mit der Sprache

Innerhalb des Verbandes der freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) wurden und werden diese und noch viele, viele weitere Argumente jahrelang und teils sehr emotional diskutiert. Wir wollen bewusst an einer fairen Sprachregelung mitwirken, am liebsten innerhalb der bestehenden Matrix unserer Sprache. Daraus ergeben sich ganz unterschiedliche Handlungsoptionen. Die Stellungnahme des Verbandsvorstandes reflektiert das so:

„Ein souveräner, zeitgemäßer Umgang mit sprachsensiblen Fragen ist dem VFLL ein Anliegen. In der Innen- wie in der Außendarstellung legt der Verband deshalb Wert auf eine wertschätzende und geschlechtergerechte Sprache. Unseren Mitgliedern bieten wir Handreichungen und Fortbildungen, um ihnen aktuelle Entwicklungen näherzubringen. Dabei gehen wir auf alle Varianten des Genderns ein, als Verband favorisieren wir keine bestimmte Schreibweise. Unsere Mitglieder erbringen eine Dienstleistung; die Verwirklichung einer geschlechtergerechten Sprache ist demzufolge immer mit den Wünschen der Kundschaft und der Zielgruppe abzustimmen. Wir beraten im Hinblick auf die Effekte unterschiedlicher, selbst kleiner sprachlicher und typografischer Mittel. Anschließend soll jede Lektorin und jeder Lektor individuell entscheiden, welche Varianten des Genderns passen.“

Die große Gemeinsamkeit all der unterschiedlichen Lektoratsdienstleistungen ist der Text als Material und Werkstoff. Mit ihm geht ein Hang zur Pedanterie einher. Denn wir betrachten jedes Zeichen einzeln. Was sagt die Orthografie? Passt es zum Genre, zum Zielpublikum, zur Textlogik, zum Stil? Um überhaupt einschätzen zu können, ob das die richtigen Fragen sind, bedarf es Kenntnis von Sprache, Erfahrung im Lesen und – Vorsicht, das klingt jetzt kitschig – Liebe zur Sprache.

Liebe birgt auch den Willen, das Geliebte zu bewahren. Das passt manchmal nicht so sehr zu dem experimentellen Charakter, der dem Gendern innewohnt.

 

 

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Neue Schreibroutinen helfen: Gendergerecht schreiben in sieben Schritten

Zum Download: Genderleicht-Schreibtipps

Marianne Eppelt
Marianne Eppelt

GASTAUTORIN

Unter dem Label Worte & Strategie lektoriert, korrigiert, textet und organisiert Marianne Eppelt. Studiert hat sie Philosophie und Osteuropastudien, volontiert im Sachbuchlektorat und kümmert sich nun um Texte aus den Geisteswissenschaften. Zudem ist sie Städtesprecherin der Leipziger BücherFrauen e. V. und Mitglied beim Verband der freien Lektorinnen & Lektoren und bei den Jungen Verlagsmenschen.

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