Journalistisches Gendern – gendersensibel texten

von | 20. Mai 2023 | Gendern im Journalismus, Praxistipps

Menschenmenge unscharf

Das generische Maskulinum verschleiert, wen wir meinen. Journalismus muss präzise sein.
© IR Stone, AdobeStock

Über die Sprache verständigen wir Menschen uns. Wir teilen damit Informationen, Meinungen und überhaupt alles, was wir so denken. Sie ist auch das primäre Werkzeug im Journalismus. Medien stehen daher bei der Genderfrage besonders im Fokus: Weil sie zu wenig gendern. Weil sie zuviel gendern. Oder weil sie immer wieder Pro und Contra diskutieren: „Gendern – nützlich oder nervig?“

Längst finden sich in Zeitungen und Zeitschriften geschmeidig geschriebene Texte, die mühelos Frauen und Männern und allen Geschlechtsidentitäten gerecht werden. Diese sind so gut gemacht, dass sich niemand darüber aufregt. Gut gegenderten Texten ist „das Gendern“ kaum anzumerken.

Mit den Mitteln der deutschen Sprache lässt sich geschickt geschlechtergerecht schreiben, oder besser noch: gendersensibel. Wir nennen auch dies „Gendern“, weil Gendern dem Wortsinn nach bedeutet, präzise mit der geschlechtlichen Markierung umzugehen. Im besten Fall entsteht ein eleganter Sprachfluss, dem eine „Verhunzung der Sprache“ nicht vorzuwerfen ist. Diese Anleitung mit vielen praktikablen Ideen hilft Ihnen, selbst zu solchen Texten zu kommen.

Gendern erhöht die Qualität im Journalismus

Journalistische Texte sollen gut lesbar, leicht verständlich und präzise sein. Das Gute an einem geschlechtergensiblen Spracheinsatz ist: Gendern führt zu mehr Qualität im Journalismus.

Es gilt, eine wichtige Frage zu beantworten: „Wer genau ist beteiligt?“ Das generische Maskulinum verschleiert diese Information. Auch Wörter mit einem Genderstern werden oft ungenau eingesetzt. Guter Journalismus dagegen arbeitet nach dem Prinzip: Sagen, was ist.

Oder besser noch: Sagen, wer es ist.

Ganz wesentlich ist der Eindruck, den der Text macht. Wirkt er so, als ob es nur um Männer ginge? Wie stereotyp ist die Darstellung der Beteiligten? Entsprechen die erzeugten Sprachbilder der Wirklichkeit?

Generisches Maskulinum: Allgemeingültig und zeitgemäß?

Die Genderdiskussion hängt sich am generischen Maskulinum auf. Dies sind maskuline Personenbeschreibungen, die allgemeingültig, also generisch wirken sollen.

In der Linguistik wird ein akademischer Streit um Genus und Sexus geführt: Diese Wörter im maskulinen Genus seien frei von jedem Sexus, sagt die konservative Seite. Sie ist der Ansicht, derartige Wörter hätten keine geschlechtliche Zuschreibung: Weder Mann noch Frau, sondern alle seien gemeint.

Die progressive Seite sagt: Das generische Maskulinum sei nur eine Sprachkonvention. Frauen und andere Geschlechtsidentitäten müssten in diese maskulinen Beschreibungen hineingedacht werden: Es sei nie klar, ob sie mitgemeint wären.

Zudem hat sich die Linguistik weiterentwickelt und bezieht Gender als wichtige soziale Kategorie mit ein, betont die Linguistin Prof. Dr. Damaris Nübling, Universität Mainz: „Sexus meint das natürliche Geschlecht und Gender soziale Rollen, Verhaltensweisen, Kleidungsgebote“.

Nübling berichtet, es gibt mittlerweile circa 40 psycholinguistische Studien, die unter Berücksichtigung der vielen Faktoren zeigen: Maskuline Personenbezeichnungen erzeugen eher männliche Vorstellungen. Sie haben einen „male bias“. Ein Wort wie Pfleger werde überwiegend männlich verstanden, obwohl in der Pflege mehrheitlich Frauen arbeiten.

Wörter mit Genderstern haben dagegen einen leichten „female bias“. In einer einzigen Studie dazu zeigte sich, dass die 600 Befragten bei dem Wort Autor*innen ein wenig mehr an Frauen dachten. Bei der Verwendung der Doppelnennung Autorinnen und Autoren war sofort allen klar: Es geht um Frauen und Männer. Die Studie fragte allerdings nur nach Männern und Frauen, nicht aber danach, wofür der Genderstern steht: Wenn er eingesetzt wird, sind damit Frauen, Männer, trans-, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen gemeint. In einem Wort.

Konsequent für Medien weitergedacht bedeuten die wissenschaftlichen Erkenntnisse: Aufgrund der anhaltenden Genderkritik entfalten Maskulina ihre angeblich generische Wirkung längst nicht mehr bei allen, die einen Text lesen oder hören. Immer steht die Frage im Raum: Wer ist wirklich gemeint?

Genderstern & Co.: Wann sie wirklich angebracht sind

Für die Verwendung von Genderzeichen im Journalismus ist die Zielgruppe maßgeblich: Ein queerfeministisches Magazin kann den Genderstern üppig einsetzen. Mainstreammedien dagegen, mit einem gemischten Publikum aus alt und jung, konservativ bis fortschrittlich denkend, lehnen Genderzeichen in der Regel komplett ab.

Mittlerweile gibt es in deutschen Medien ein interessantes Nebeneinander: Die wenigen Printmedien, die sich für Genderzeichen entschieden haben, nutzen sie selten. In Radio und Fernsehen ist die Minilücke, die beim Aussprechen eines Wortes mit Genderzeichen entsteht, nach der Versuchsphase während der Genderdebatte 2020/21 nur noch gelegentlich zu hören.

In Sendungen mit einen jungen Zielpublikum dagegen hat sich der Glottisschlag etabliert. Eine Zunahme von Doppelnennungen (Bürger und Bürgerinnen) ist in allen Medien zu beobachten. Geschicktes geschlechtsneutrales Texten kommt auch vor, fällt aber nicht weiter auf. Daneben ist nach wie vor das generische Maskulinum zu hören und zu lesen.

→ Lesen Sie auch: Wie Medien gendern

Es hat sich gezeigt: Schreiben mit Genderzeichen hat grammatikalische Tücken. Viele Genderzeichen in einem Text behindern den Lesefluß. Schon allein deshalb ist es empfehlenswert, mit Genderstern & Co. sparsam umzugehen.

Erst wenn in einer verkürzten Form zugleich Männer, Frauen, trans-, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen genannt werden sollen, sind Genderzeichen angebracht. Ist dies nicht erwünscht, müssen die Beteiligten explizit ins Spiel gebracht werden, mit beschreibenden Wörtern.

11 Tipps für gendersensiblen Journalismus in der Praxis

Wie also kann es gehen, journalistisch geschlechtergerecht und dabei elegant zu schreiben? Nun, es ist eine Schreibtechnik, die mit den üblichen Mitteln der deutschen Sprache arbeitet.

1. Bereiten Sie Ihren Beitrag gendersensibel vor

Gendern Sie vom ersten Wort an. Nachträglich an gendersensiblen Formulierungen zu arbeiten, ist viel zu aufwändig und fehleranfällig. Beginnen Sie mit der Frage, ob das Geschlecht von Personen für den Inhalt überhaupt eine Rolle spielt. Falls nicht, bemühen Sie sich konsequent um eine genderneutrale Darstellung.

Es kann allerdings ausgesprochen wichtig sein, Frauen und Männer ausdrücklich zu nennen. Zum Beispiel dann, wenn in einem Kontext üblicherweise nur Männer vermutet werden (Ermittler einer Straftat, Motorradfahrer, Soldaten) oder nur Frauen (Erzieher, Kosmetiker, Grundschullehrer). Wenn sowieso Frauen wie Männer beteiligt sind, dann finden Sie dafür die passenden Worte.

Wollen Sie trans-, intergeschlechtliche oder nichtbinäre Personen einbeziehen, machen Sie sich mit der richtigen Wortwahl vertraut, beim Bundesverband Trans* e.V. finden Sie wertvolle Hinweise. Die journalistische Sorgfaltspflicht erlegt uns auf, präzise in der Beschreibung der Beteiligten zu sein.

Um den sichtbaren Frauenanteil zu erhöhen, ist es ratsam, schon bei den Vorbereitungen zu einem journalistischen Beitrag gezielt nach Expertinnen zu suchen und bei der Recherche vor Ort immer auch Frauen zu befragen.

Achten Sie auf eine gleichwertige, wertschätzende Beschreibung, mit Vor- und Nachnamen und kompletten Berufsbezeichnungen und Titeln. Also nicht: „er ist Professor für … und sie die Expertin für …“. Besser: „er ist Professor für … und sie ist Oberärztin und Expertin für …“

2. Führen Sie die Beteiligten mit dem Klammertrick ein

Die Verwendung von generischen Maskulina setzt einen männlichen Frame im Subtext: „It’s a man’s world“. Für einen gegenteiligen, gendergerechten Effekt kann der Klammertrick genutzt werden:

Zu Anfang eines Themas werden die Beteiligten, mithin das Personal des Textes, eingeführt. Ist geklärt, dass sowohl Männer als auch Frauen am Thema beteiligt sind – oder auch ausdrücklich genderqueere Personen, die Sie explizit benennen – können zwischendurch generische Maskulina quasi als Fachbegriff benutzt werden. Am Ende sollte die Klammer durch neue Beidnennung oder durch ein Äquivalent wieder geschlossen werden.

Wenn es das Thema hergibt, kann die Einführung mittels Doppelnennung geschehen (Ärztinnen und Ärzte, Bauern und Bäuerinnen). Ein guter Effekt lässt sich ebenso mit einer kurzen Portraitierung einzelner Frauen und Männer erzielen. Dies kann genausogut eine nichtbinäre oder trans Person sein.

Diese Gendermethode sollte konsequent durchgeführt werden, also möglichst von Anfang an. Mitten in einem Text anlasslos eine Doppelnennung einzubauen, und sie später nicht mehr aufzunehmen, ist wenig überzeugend. Bei längeren Texten kann der Klammertrick passend zu inhaltlichen Abschnitten eingesetzt werden.

3. Gendern Sie mit Abwechslung

Nur nicht langweilen: Sorgen Sie für Abwechslung. Nutzen Sie sämtliche Formen des Genderns – neben der Doppelnennung vor allem die genderneutralen Methoden wie Abstraktionen, Umschreibungen, Relativsätze usw. oder auch geläufige Partizipien – um Wiederholungen bzw. Redundanzen zu vermeiden. Mehr dazu finden Sie in unseren Schreibtipps.

Sollten Sie Genderzeichen benutzen, dann bleiben Sie Ihrer Wahl treu und verwenden Sie nur eine Sorte. Lösen Sie sich von eingeschliffenen Phrasen, die Ihnen als erstes in den Sinn kommen. Versuchen Sie, das Gleiche mit anderen Worten zu sagen.

4. Schreiben Sie genderneutral

Streichen Sie überflüssige Personenbeschreibungen aus Ihrem Text. Je weniger Personen vorkommen, desto weniger müssen Sie gendern. Oft ist durch den vorhergehenden Text bereits klar, um wen es sich handelt. Sie können mit Pronomen (er/sie) oder mit Mengenangaben (einige, etliche, viele, manche) Rückbezüge bauen.

Hinweis: In Texten mit nichtbinären Menschen sollten Sie sich der gewünschten Pronomen vergewissern. Lautet der Wunsch: „kein Pronomen“, schreiben sie stattdessen den Namen. Das ist eine kleine Schwierigkeit beim Formulieren, aber soviel Respekt muss sein.

Manchmal steckt in einer Formulierung bereits eine geschlechtsneutrale Alternative: Das Adjektiv kann zum substantivierten Partizip werden.

Bsp.: … die beteiligten Kolleginnen → die Beteiligten

Eine journalistische Marotte ist es, Verben in Nomen zu verwandeln. Sie erkennen dies an der Kombination mit Hilfsverben. Lösen Sie die Pseudo-Personenbeschreibung auf. Nutzen Sie stattdessen das starke Verb, das darin steckt. Ihr Text wird besser verständlich.

Bsp.: In den Schulen gibt es immer mehr Klassenwiederholer
→ … müssen immer mehr die Klasse wiederholen.

Sätze, die Personen mit Formulierungen wie „… für“ oder „… als“ einbauen, lassen sich häufig durch Beschreibung von Tätigkeiten genderneutral fassen.

Bsp.: Das muss für Leser verständlich sein
→ Das muss beim Lesen verständlich sein.

5. Setzen Sie Partizipien klug ein

Substantivierte Partizipien und substantivierte Adjektive sind ein beliebtes Mittel zum Gendern. Sie wirken im Plural geschlechtsneutral. Vorsicht: Im Singular verdeutlicht der beigefügte Artikel das Geschlecht. Nutzen Sie nur geläufige Partizipien. Das Wort „Leser“ durch „Lesende“ zu ersetzen passt nur selten. Seien Sie kritisch und vertrauen Sie Ihrem Sprachgefühl.

Das substantivierte Adjektiv bezieht sich auf Eigenschaften (Kranke), das Partizip Präsens beschreibt Verhaltensweisen (Anwesende), die für den Moment stimmen.

Das Partizip kann auch die Rolle in einem Geschehen klarmachen, sozusagen als Status, der über den beschriebenen Zeitpunkt hinaus gilt: Vorstandsvorsitzende haben diese Position inne, solange sie gewählt sind, Auszubildende, solange ihr Ausbildungsvertrag gilt. Nach dem gleichen Prinzip ist das Wort Studierende ein geschlechtsneutraler Ersatz für das maskuline Wort Studenten, solange sie an einer Universität zum Studium eingeschrieben sind.

Neugeschöpfte Partizipien wie Mitarbeitende, Teilnehmende und Demonstrierende etablieren sich mehr und mehr. Achtung: Vermeiden Sie absurde Kombinationen wie zum Beispiel: verhaftete Demonstrierende oder verstorbene Drogengebrauchende.

6. Vermeiden Sie zu viele Doppelnennungen

Doppelnennungen plustern einen Text auf. Seien Sie deshalb kritisch bei einer Personenbeschreibung: Prüfen Sie zunächst den Inhalt. Unter Umständen muss recherchiert werden, waren wirklich Frauen und Männer dabei? Oder war die Gruppe so groß, dass ein Genderstern die Möglichkeit des Genderspektrums besser andeutet?

Ein Maskulinum ist gerechtfertigt, wenn wirklich nur Männer beteiligt waren. Aufgrund der viel geäußerten Kritik am generischen Maskulinum ist nun oft nicht klar, wer gemeint ist. Nur Männer, echt jetzt? Im Zweifel hilft es, Namen hinzu zu setzen oder ganz nebenbei das Geschlecht zu erklären.

Bsp.:  … zwei Vertreter, Peter Schulz und Max Hager …
oder: … zwei Vertreter. Die beiden Männer …

Um die Anzahl von Doppelnennungen zu reduzieren, können Sie den kleinen Klammertrick einsetzen: Definieren Sie mit einer Doppelnennung die Beteiligten. Setzen Sie in dessen textlicher Nähe ein generisches Maskulinum wie einen Ober- oder Fachbegriff ein. Dahinter oder auch davor.

Bsp.: „Bei Habeck waren die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen zu Gast. Die Kommunalpolitiker wollten …“

oder nachgesetzt: „Bei Habeck waren Kommunalpolitiker zu Gast. Die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister wollten …“

7. Mischen Sie bei Aufzählungen maskuline und feminine Beschreibungen für Personen

In Aufzählungen ist meistens kein Platz für viele Doppelnennungen. Sie können stattdessen maskuline und feminine Personenbeschreibungen mischen. Sind die Berufe sehr ähnlich, wird klar, dass das ein Schreibtrick ist:

Bsp.: Es gibt immer weniger Leser. Schriftsteller verzweifeln …
→ Das Interesse an Büchern lässt nach. Schriftsteller und Publizistinnen verzweifeln …

Vermeiden Sie Genderstereotype – wenn es inhaltlich stimmt:

Bsp.: Arzt und Krankenschwester → besser: Oberärztin und Pfleger

Bei einer Vielzahl von Personengruppen können Sie beliebig mischen und auch genderneutrale Begriffe dazusetzen:

Bsp.: Einen Bonus sollen Erwerbstätige erhalten, die in der Pandemie besonders belastet waren: Verkäufer, Ärztinnen, Pflegekräfte, LKW-Fahrer, Erzieherinnen.
oder: … Verkäuferinnen, Ärzte, Pflegekräfte, LKW-Fahrerinnen, Erzieher.

Wenn in allen Berufen Frauen und Männer arbeiten, funktioniert diese Methode sehr gut. Vorsicht bei stereotypen Beschreibungen: sogenannte Männerberufe werden nach wie vor männlich assoziert. Einfacher und geschlechtlich umfassender wäre der Einsatz von Genderzeichen.

Tipp: Wenn Sie einige geschlechtsneutrale Begriffe in die Aufzählung hinein mischen (Medienleute, Fachkräfte, journalistische Profis), so kannt dies schon als Andeutung von geschlechtlicher Vielfalt verstanden werden.

8. Lassen Sie bei Überschriften, Teasern und Kurztexten die Personen weg

Versuchen Sie, Überschriften ohne Personenbeschreibung zu formulieren. Ein generisches Maskulinum würde sehr ins Auge stechen, für eine Doppelnennung ist selten Platz.

Auch bei kurzen Texten, wie Einleitungen oder Teaser, ist der Platz oft knapp. Meistens hilft eine Abstraktion. Suchen Sie nach personenlosen Ausdrücken, die auf den nachfolgenden Inhalt neugierig machen.

Ist eine Überschrift ausnahmsweise nur mit generischem Maskulinum griffig, können Sie den kleinen Klammertrick einsetzten: Konkretisieren Sie textnah zur Überschrift die Beteiligung von Frauen und Männern, oder setzen Sie einen Genderstern. Beigefügte Fotos, die nicht nur ein Geschlecht präsentieren, unterstützen die Aussage. Je nach Thema ist bei der Bebilderung Vielfalt bei der Darstellung von Menschen gefragt.

9. Seien Sie vorsichtig bei Komposita

Im Deutschen können Wörter zusammengesetzt werden. Häufig enthalten diese Doppelwörter oder Komposita ein Maskulinum im ersten Wortteil. Sollten sie gegendert werden? Eigentlich nur, wenn sie einen starken Personenbezug haben, doch ob dies vorliegt, ist oft schwer zu entscheiden.

In immer mehr Texten tauchen Komposita mit Genderstern auf – weil auch hier die geschlechtliche Vielfalt verdeutlicht werden soll. Gut möglich, dass diese Wortneuschöpfungen eines Tages von der Sprachgemeinschaft akzeptiert werden.

Dringender Hinweis: Verändern Sie Amtsbegriffe oder Fachbegriffe (Ministerpräsidentenkonferenz, Ingenieurbranche) nicht eigenmächtig. Hier können Sie, ähnlich wie beim Klammertrick, durch textnahe Definition die Beteiligten erklären:

Bsp.: Bei der Ministerpräsidentenkonferenz berieten die Länderchefs und -chefinnen …

Wenn Sie Komposita mit Genderstern nicht schreiben wollen, suchen Sie nach Alternativen oder Synonymen. Geht es in Ihrem Text zum Beispiel um eine Grundschule, in der mehr Frauen als Männer arbeiten und vielleicht auch nichtbinäre Personen, und Sie empfinden folglich das Wort Lehrerzimmer als falsch, könnten Sie eine Umschreibung wählen.

Bsp.: In der großen Pause bespricht sich die Lehrerin bei einer Tasse Kaffee mit der Erzieherin. Im Rückzugsraum für das Kollegium …

Manchmal finden Sie im Genderwörterbuch von geschicktgendern.de brauchbare Synonyme. Vorsicht vor Experimenten. Vertrauen Sie Ihrem Sprachgefühl.

10. Zitieren Sie Interviewte mit Respekt

Wie wir sprechen, ist individuell sehr verschieden. Der Sprechweise einer interviewten Person ist jedenfalls mit Respekt zu begegnen. Wichtig: Eine nichtgegenderte Aussage wird nicht nachträglich gegendert. Ebenso unverändert bleiben gegenderte Formulierungen: Sie würden den Befragten das Wort im Mund umdrehen.

Dies gilt auch für die Verwendung des Gesagten in der indirekten Rede. Ein Beispiel aus dem SPIEGEL, Bericht über eine Rede von Olaf Scholz im Bundestag (Ausgabe 51/18.12.2021). Seine Methode der Beidnennung wird hier korrekt wiedergegeben:

Er beginnt mit der Adventszeit, erzählt von stimmungsvollen Weihnachtsmärkten und Feiern mit den Kolleginnen und Kollegen, von der Zeit vor der Pandemie. »Mir ist bewusst, in diesen Tagen fällt es manchmal schwer, den Mut nicht zu verlieren«, sagt Scholz. »Niemandem geht es richtig gut in diesen Zeiten, mir nicht, Ihnen nicht, den Bürgerinnen und Bürgern nicht.«

Wenn Sie ein Interview führen, können Sie das Thema Gendern vorsichtig ansprechen. Manchen Menschen ist es wichtig, sich geschlechtergerecht auszudrücken, vergessen dies aber in der Aufregung eines Interviews. Mit deren Zustimmung dürfen Sie beim Verschriftlichen des Gesagten die Wortwahl korrigieren. Andere würden die Nachfrage als bevormundend empfinden. Deren Wortwahl veröffentlichen Sie unverändert.

In einem geschickt gegenderten Text mag das plötzliche Aufkommen eines generischen Maskulinums im Zitat überraschen. Bleiben Sie dennoch beim Original. Es gehört zu dem Menschen, der so formuliert hat. Es ist seine Art des Sprechens.

Umgekehrt gibt es Personen, die mit Glottisschlag sprechen. Sie sind enttäuscht oder sogar verärgert, wenn sie im Printmedium mit generischem Maskulinum oder mit Doppelnennung wiedergegeben werden, obwohl sie das so nicht gesagt haben.

Es ist wichtig, vor dem Interview die Haltung Ihres Mediums zur Genderfrage mitzuteilen. Viele Printmedien haben anfangs den Genderstern kategorisch abgelehnt. Inzwischen sind Zeitungen oder Zeitschriften, die keine Genderzeichen benutzten, dazu übergegangen, bei einem solchen Interview ausnahmsweise den Genderstern zu setzen. Diese Vorgehensweise erklären sie in einem Nachsatz mit dem Respekt für die Sprechweise der interviewten Person.

11. Beachten Sie historische Bezüge

Auch schon zu früheren Zeiten haben einzelne Personen gespürt, dass sie sich weder als Mann noch als Frau fühlen, ihre Identität war eine andere als das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht. Geschlechtliche Vielfalt mit Genderzeichen zu markieren wird jedoch erst seit etwa 2015 praktiziert.

Texte, die Themen und Ereignisse des vorherigen Jahrhunderts oder weit davor beinhalten, sollten deshalb umsichtig mit dem Genderstern umgehen. Er passt weder zu den Goldenen Zwanzigern noch zum Nationalsozialismus, zum alten Ägypten oder zu den Wikingern. Auch Wörter wie nichtbinär oder queer gehören zum neueren Wortschatz und irritieren unter Umständen bei geschichtlichen Betrachtungen. Überlegen Sie und entscheiden: Schauen Sie aus der heutigen Sicht auf eine Begebenheit oder beschreiben Sie es im zeitlichen Kontext?

Der unbedachte Einsatz von Genderzeichen kann zu einer verfälschten Darstellung von Geschlechterrollen, gesellschaftlichen Einstellungen und einer Verzerrung der tatsächlichen Gegebenheiten zu früheren Zeiten führen. Bleiben Sie präzise. Auch bei der Verwendung von Doppelnennungen müssen Sie die inhaltliche Richtigkeit überprüfen.

Genderstern oder Gender-Doppelpunkt? Möglichst barrierearm!

Wenn sich Medienhäuser für Genderzeichen entscheiden, nutzen sie häufig den Gender-Doppelpunkt. Begründet wird dies damit, dass er das Schriftbild weniger zerreiße. Hartnäckig hält sich die Ansicht, er sei barrierearm.

Tatsächlich haben Menschen mit einer Sehbehinderung Schwierigkeiten, den Doppelpunkt mitten in einem Wort zu erkennen. Screenreader für Blinde machen zudem beim Vorlesen eines Wortes mit Gender-Doppelpunkt eine zu lange Pause.

In einer umfangreichen Studie hat im Jahr 2021 Dr. Stefanie Koehler von der Hochschule Koblenz im Auftrag der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik (BFIT-Bund) Screenreader überprüft. In Absprache mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband und dem Bundesverband Trans* kommt sie zu dem Ergebnis: Der Genderstern ist das bessere Genderzeichen. Er sollte allerdings sparsam eingesetzt werden.

Noch ein Grund, möglichst wenige Genderzeichen einzusetzen oder vielleicht ganz darauf zu verzichten: Rücksichtnahme auf Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche oder -Störung, Menschen im autistischen Spektrum oder mit kognitiven Einschränkungen. Auch allen, die gerade erste Deutsch lernen, können Sie das Lesen und Verstehen leichter machen. Mehr dazu bei unseren Tipps, wie Sie barrierefrei gendern können.

Spielen Sie mit der Sprache!

Fazit zum Gendern im Journalismus: Werfen Sie gewohnte Phrasen über Bord. Lassen Sie sich Neues einfallen. Machen Sie sprachlich deutlich, wer die Beteiligten sind. Ihre Texte werden besser. Versprochen.

Portrait Christine Olderdissen

© Katrin Dinkel

Christine Olderdissen

Genderleicht & Bildermächtig Projektleiterin

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin mit dem Glottisschlag sprach, war das für sie ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum, lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine einfache und elegante Lösung findet sich immer. Lange Zeit Fernsehjournalistin galt ihr Augenmerk schon immer der Berichterstattung ohne Stereotype und Klischees.

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