Das generische Maskulinum hat sie die Karriere gekostet. Luise F. Pusch war bereits habilitiert und als Sprachforscherin hoch anerkannt, als sie öffentlich die allzu männliche Ausrichtung des deutschen Sprachgebrauchs kritisierte. Den Herren Professoren war das zu viel, erzählt sie selbst, damals Ende der siebziger Jahre an der ehrwürdigen Universität Konstanz. Der Ruf auf einen Lehrstuhl kam nie. Stattdessen war sie frei, die feministische Sprachlinguistik zu entwickeln und außeruniversitär dafür zu wirbeln und zu wirken. Die heute 75-Jährige sagt: und es war gut so.

Mitbegründerin der feministischen Linguistik

Was Luise F. Pusch damals zusammen mit Senta Trömel-Plötz aufgedeckt hat, haben wir inzwischen alle verstanden. Mitgemeint reicht eben nicht. Frauen wollen in Texten angesprochen sein, ja, sie müssen es sogar, sonst vermittelt uns das Schriftstück oder die Rede eine falsche Information. Das ist das Drama des generischen Maskulinums. Es hat ausgedient.

Mehr als 40 Jahre später könnte sich Luise F. Pusch in Ihrem Erfolg sonnen. Ihr Standardwerk „Das Deutsche als Männersprache“ wurde 140 000 Mal verkauft und ist bis heute erhältlich. Ausgerechnet an Universitäten wurden zuerst Sprachregeln für geschlechtergerechte Sprache entwickelt und in Sprachleitfäden veröffentlicht. Abschlussarbeiten werden heute in der Regel gegendert, nicht nur in den Genderstudies sondern auch in naturwissenschaftlichen Fächern wie Physik.

Ab den 90iger Jahren hat uns die taz mit dem Binnen-I vertraut gemacht. Es erschien praktikabel und wurde vielfach übernommen. Vom Binnen-I aber war Luise F. Pusch nie sonderlich überzeugt. Sie favorisiert das generische Femininum, sollen sich doch die Männer die nächsten 50 Jahre mitgemeint fühlen. Bei aller Liebe zu den schönen Sprachkünsten, bleibt die Linguistin ein kreativer Querkopf. Immer mit eigenen Ideen dabei. Und mit starken Argumenten, die provozieren und mit denen die Feministin aneckt.

Kritik am Gendersternchen

So kritisiert die Sprachrebellin das Gendersternchen, es zerreiße die Wörter auf unschöne Weise. Die Stadt Hannover hat offensichtlich auf die zu Rate gezogene Genderexpertin nicht vollends gehört, sondern gendert nun mit Sternchen, der NDR in seiner internen und externen Kommunikation auch. Der Deutsche Frauenrat empfiehlt es allen unter seinem Dach vereinten Organisationen mit über 500 000 Frauen. Und der Journalistinnenbund? Wir entscheiden bei der Jahrestagung Ende Juni, ob wir künftig das Sternchen im Titel tragen: Journalist*innenbund.

Luise F. Pusch, aber, die mit einer glasklaren feministischen Haltung zuvorderst Frauen in der Sprache sichtbar machen will, kommt schon wieder mit neuen Alternativen um die Ecke. Ein Ausrufezeichen wäre schön, sagt sie, so wie die Sängerin P!nk ihren Namen dekoriert. Oder das Trema – zwei Pünktchen überm i. Himmel, wo liegt das denn auf der Schreibtastatur?

In Grußwort zum Launch von Genderleicht.de und der anschließenden Fachtagung hat sie uns mit diesen Ideen aufs Neue überrascht. Liebe Luise F. Pusch, wir danken für Ihre lebenslange Sturheit. Es hat uns alle weitgebracht.

 
Mehr:

Luise F. Pusch und die Rapperin Sookee im generationenübergreifenden Gespräch über Feminismus und Sprache. Videoaufzeichnung von der Feministischen Sommeruni 2018. Länge: rund anderthalb Stunden.
Hörempfehlung: ab Minute 34’00 – Geschichte der feministischen Linguistik, ab Minute 40’54 – Wie gegendert werden soll, ab Minute 59’00 – Feminismus existenziell.

„Das Deutsche als Männersprache“: Friederike Sittler im Gespräch mit Luise F. Pusch im Kulturradio des rbb, 7.4.2019, 49 Minuten in der ARD Audiothek

„Unsere Grammatik bevorzugt Männer“ – Luise F. Pusch im Interview mit Leonie Kapfer und Lea Susemichel, 22.11.2017, in anschläge.at

Christine Olderdissen
Christine Olderdissen

Projektleiterin Genderleicht.de

Als das erste Mal eine Interviewpartnerin ganz selbstverständlich mit dem Gender-Gap sprach, war das für sie als Fernsehjournalistin ein Signal: Schluss mit dem generischen Maskulinum. Lieber nach einer sprachlichen Alternative suchen. Eine gute und elegante Lösung findet sich immer.

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